Sind Evolution und Bibel miteinander vereinbar?

In der Zeitschrift „Der Wachtturm“ vom 1. Januar 2008 unternimmt die WTG den eigenartigen Versuch, mit der Bibel die Evolutionstheorie für ihre Anhänger und Interessierten zu widerlegen. Dabei richtet sich die WTG insbesondere auch gegen eine theistische Evolution, d.h. für Zeugen Jehovas hat Gott die Evolution nicht gelenkt und geplant, wie es sich viele Gläubige vorstellen, die in der Evolutionstheorie „mehr als nur eine Hypothese" (Johannes Paul II) sehen und für welche die biblischen Quellentexte mit der Evolutionsvorstellung vereinbar sind.

Es ist schon eine seltsame Argumentation der WTG, die man da auf 4 Seiten präsentiert bekommt. Womöglich fallen den meisten Zeugen Jehovas und wissenschaftlich ungebildeten Personen die Fehlschlüsse und unbegründeten Behauptungen in dem Artikel noch nicht einmal auf.

Die erste These, die von der WTG aufgestellt wird (Seite 14) lautet, dass die gesamte Menschheit von einer historischen Person namens Adam abstammen soll (These 1). Da das nicht mit der Evolutionstheorie vereinbar ist, müssen entweder a) die Evolutionstheorie falsch sein b) die Bibeltexte unrecht haben oder c) das Textverständnis der Zeugen Jehovas falsch sein.

Dass (a) die Evolutionstheorie falsch ist, folgt natürlich nicht aus These 1! Das wäre genauso, wenn man behauptet, dass die Bibel aussagt, dass die Welt rund und flach ist und von Säulen gestützt wird (Hiob 9:6; 1.Sam 2:8; Ps 104:5) und man daraus schlussfolgert, dass diese Bibeltexte die heutigen wissenschaftlichen Vorstellungen über die Erde und das Universum widerlegen würden. Die Bibel kann niemals ein zuverlässiges Instrument sein, um die Welt zu beschreiben und zu modellieren. Dass wir nicht von Adam und Eva abstammen ist heute etwa so sicher, wie, dass die Erde keine Scheibe ist. Befunde aus der Paläontologie, Anatomie, Morphologie Verhaltensbiologie und Molekularbiologie sprechen da eine eindeutige Sprache.

Die Geschichte von „Adam und Eva“ sind auch wie die Geschichten über „Ask und Embla“ Mythen. Es sind mythologische Vorstellungen, die man nur in dem Kontext der damaligen Zeit verstehen kann. Sie stellen keine ernsthafte Konkurrenz zu unseren modernen naturwissenschaftlichen Theoriegebäuden da. Es ist die Aufgabe der Theologie und der Religionswissenschaft, die Texte im historischen Kontext zu deuten und zu interpretieren. Die in schriftlicher Form fixierten Weltbildvorstellungen der zur damaligen Zeit lebenden Menschen und Völker des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes jedoch als historische Tatsachenberichte aufzufassen, wie es die WTG tut, ist im höchsten Maße ungenügend, da Grundlagen der biblischen Auslegungsmethodik (u.a. Auslegungsgeschichte; Historischer Hintergrund; Quellenscheidung; Ideologiekritik usw.) nicht berücksichtigt werden. Zur näheren Betrachtung der Entstehung und theologischen Bedeutung der Urgeschichte sei auf den wissenschaftlichen Kommentar von Claus Westermann (1999) und dessen Literaturzusammenstellung verwiesen.

Auch die zweite These der WTG ist kritisch zu beleuchten. Im WT kann man lesen:

Somit ist die Evolution mit der Bibel unvereinbar. Nach evolutionistischer Ansicht ist der heutige Mensch ein höher entwickeltes Tier. Die Bibel beschreibt ihn als degenerierenden Nachkommen eines vollkommenen Menschen.

Ich will mich hier nicht auf die Exegese von Bibeltexten versteifen, sondern klarstellen, dass hier ein falsches Bild von Evolution und der Evolutionstheorie gezeichnet wird. Kaum ein Evolutionstheoretiker spricht von „höher entwickelten“ oder „primitiveren“ Tieren. Wie sollte man auch aus evolutionsbiologischer Sichtweise heraus entscheiden, welches Lebewesen „höher entwickelt“ ist? Welche Kriterien sollte man anlegen und mit welcher stichhaltigen Begründung? Man könnte auch geneigt sein, manchen Bakterien die Krone der „Schöpfung“ aufzusetzen, da sie ja bereits seit Jahrmilliarden überleben. Ob das der Mensch ebenso hinbekommt ist sehr fraglich, obwohl er auf den Mond fliegen kann. Innerhalb der biologischen Evolution gibt es streng genommen keinen Fortschritt. Natürlich wird nicht bestritten, dass es heute komplexere Lebewesen gibt als vor Millionen von Jahren, aber das hat nichts mit einer „Evolutionsmetaphysik” und Teleologie zu tun.

Nachdem die WT-Schreiber versucht haben mit der Bibel klarzustellen (Seite 14-16), dass die Evolutionstheorie mit der Bibel unvereinbar ist, möchten sie die Frage klären, warum die Evolutionslehre Anklang findet. Nachdem 2. Timotheus 4:3,4 zitiert wurde, wird eine Behauptung aufgestellt, die jeden einigermaßen wissenschaftlich interessierten Menschen die Nackenhaare hochstellen lässt:

Obwohl die Evolutionslehre normalerweise in wissenschaftlicher Sprache präsentiert wird, handelt es sich in Wirklichkeit um eine religionsartige Weltanschauung.

Dass man bewusst Evolutionslehre (und nicht Evolutionstheorie) schreibt ist schon irreführend. Die Evolutionstheorie ist keine Lehre wie die Schöpfungslehre. Eine Theorie muss wissenschaftliche Kriterien erfüllen, die die Schöpfungslehre nicht erfüllen kann. Die Evolutionstheorie erfüllt alle Kriterien einer wissenschaftlichen Theorie. Sie ist somit keine „religionsartige Weltanschauung“ genauso wenig wie die Gravitationstheorie eine „religionsartige Weltanschauung“ ist. Bis heute konnte man die Evolution nicht widerlegen und seit über 140 Jahren werden immer weitere umfangreiche Belege für ihr Vorhandensein entdeckt.

Ebenso haarsträubend ist die nächste Aussage im WT:

Evolutionäre Ansichten appellieren auf subtile Weise an die menschliche Neigung zum Egoismus und zur Unabhängigkeit.

Selbstverständlich wird diese kühne Behauptung weder begründet noch bewiesen. Es schimmert auch hier wieder eine völlig falsche Vorstellung der WT-Schreiber von der modernen Evolutionstheorie durch. Dass die Koevolution und Symbiose bedeutende Felder innerhalb der modernen Evolutionsbiologie sind, dürfte die WTG noch nicht mitbekommen haben. Und dass Altruismus eine große entwicklungsgeschichtliche und evolutionsbiologische Bedeutung hat, dürfte ihnen wohl vollständig entgangen sein.

Die nächste Passage aus dem WT übertrifft noch alle bis jetzt zitierten Aussagen.

Häufig sind Evolutionsbefürworter nicht von Fakten motiviert, sondern von ihren eigenen Begierden.

Außerdem wird die Evolutionstheorie als „orthodoxe Doktrin“ bezeichnet. Diese lächerlich anmutenden Aussagen werden, so muss man befürchten, wirklich von Zeugen Jehovas geglaubt. Sehr bedauerlich, da doch die moderne Evolutionstheorie durch ganze Berge von Fakten immer wieder gestützt wird (man denke z.B. nur an die fossile Überlieferung und molekularbiologische Untersuchungen), während die Schöpfung durch einen Gott, wie es die Zeugen Jehovas sehen, nicht durch einen einzigen wissenschaftlichen Fakt belegt wird und u.a. einer wissenschaftstheoretisch Überprüfung nicht standhalten kann, so dass man hier schon eher von einer „orthodoxen Doktrin“ sprechen darf.

Als Höhepunkt der Argumentation benutzen die WT-Schreiber den bekannten Vertreter der ID-Bewegung, Michael J. Behe. Hier zeigt sich die selektive Recherche und Manipulation der WTG. Alles, was die eigene Glaubensvorstellung stützt, wird herangezogen, während alle anderen Meinungen und Untersuchungen weggelassen werden. Der Forschungsstand wird nicht richtig präsentiert. So bekommen zwar die Zeugen ein homogenes Bild gezeigt, das wieder einmal den eigenen Glauben als absolute „Wahrheit“ dastehen lässt, aber es ist eben ein sehr einseitiges und schließlich falsches Bild. Zu Michael J. Behe muss man sagen, dass die Thesen von ihm (u.a. irreduzible Komplexität) von sämtlichen Wissenschaftler auf der ganzen Welt förmlich in Stücke zerrissen wurden.

[siehe auch hier: http://www.pbs.org/wgbh/nova/id/program.html]

Der Artikel vom 1. Januar 2008 endet mit einigen biblischen Texten. Die Bibel kann ja wohl nicht als Beweis dafür dienen, dass die Bibel recht hat. Da ist ein typischer Zirkelschluss. Auf die seltsame Argumentation die Bibel beweist die Schöpfung bzw. den Schöpfer (Seite 17), soll hier nicht weiter eingegangen werden, da die Untauglichkeit dieser Argumentation für jeden ersichtlich sein dürfte.

Fazit:

Die WTG hat eine fehlerhafte Vorstellung von Evolution und es sieht so aus, dass die WT-Schreiber wahrscheinlich nicht einmal ein einziges evolutionsbiologisches Buch in den Händen gehalten haben, sondern vermutlich lediglich von der Literatur anderer Kreationisten altbekannte und schon längst vom Biologen widerlegte Gedankengänge und Argumentationen übernehmen.

Das man einen Kreationisten von seinen Glaubensvorstellungen der Schöpfung durch naturwissenschaftlich begründete Argumentationen abbringen kann, ist eigentlich hoffnungslos. Die Nichtbeachtung naturwissenschaftlich fundierter Argumentation ist seinem Glauben inhärent. Dass sich ein Kreationist dennoch, wie es Granz & Gordon (2006) schreiben, „teilweise naturwissenschaftlicher Erkenntnisse bedient, wenn sie seine eigene Überzeugung stützt, zeugt von Beliebigkeit und damit von der Unwissenschaftlichkeit seines Ansatzes“.

Wer eine Einführung zum Thema Evolution sucht, sei auf das Buch von Ernst Mayr „Das ist Evolution“ hingewiesen.

Zum Autor: „Sein wissenschaftliches Werk ist nach heutigen Maßstäben überragend: Er veröffentlichte über 700 wissenschaftliche Arbeiten, verfasste rund 20 Bücher und erwarb zahlreiche Auszeichnungen an renommierten Universitäten. Mayr war Inhaber von rund 20 Doktortiteln, wie der Ehrendoktorwürde der Universität Konstanz (Philosophie). Ferner war er Träger der so genannten dreizackigen Krone der Biologie: des Balzan-Preises, des International Prize of Biology und des Crafoord-Preises. 1986 wurde Mayr mit der George-Sarton-Medaille ausgezeichnet, dem höchst renommierten Preis für Wissenschaftsgeschichte der von George Sarton und Lawrence Joseph Henderson gegründeten History of Science Society (HSS). Er starb 2005 im Alter von 100 Jahren.“