Windungen ohne Ende

Betrachtungen zu "Der Wachtturm" vom 15. Januar 2008
Mit dem Artikel „Für würdig erachtet, das Königreich zu empfangen“ hat die Wachtturm-Gesellschaft wieder einmal das Thema der 144.000 mit Gottes Geist gesalbten, zu himmlischer Hoffnung berufenen Christen thematisiert. Es hieße Eulen nach Athen tragen oder Wasser in den Rhein gießen, würde ich hier beabsichtigen, die Zwei-Klassen-Lehre dieser Organisation erneut zu erläutern. Sie ist genügend bekannt. Doch da der Inhalt des Wachtturms von Jehovas Zeugen als „Speise zur rechten Zeit“ (Matthäus 24:45) angesehen wird, darf man die Frage stellen, warum dieses zur Genüge besprochene und „studierte“ Thema erneut hervorgehoben wird.

Es konnte schon in der Vergangenheit beobachtet werden, daß die „Leitende Körperschaft“ der Zeugen Jehovas Lehren, die ihr wichtig sind oder waren, nur änderte und ändert, wenn die Umstände sie dazu zwingen. Dieses Prinzip wurde besonders deutlich im Falle der „Generation von 1914“, die man ja ausgereizt hatte bis zum Gehtnichtmehr. Dann wurde die Lehre geändert. Eine ähnliche Änderung gab es mit dem Wachtturm vom 1. Mai 2007 bezüglich der Berufung von Gläubigen zu himmlischer Hoffnung.

Schon früh in ihrer Geschichte hatte die Leitung der Organisation festgelegt, daß die in Offenbarung 7 und 14 erwähnte Zahl von 144.000 Gläubigen buchstäblich aufzufassen sei. Zwar nahm man die zu Grunde liegenden Angaben über je 12.000 aus den 12 Stämmen Israels symbolisch - wie auch die Stämme selbst -, aber die Gesamtzahl wurde buchstäblich genommen, und das als verbindliche Lehre. Da man aber der Ansicht war, daß von Pfingsten 33 n.Chr. Menschen, die Christen wurden, nur zur himmlischen Berufung eingeladen wurden, ergab sich die bis heute bestehende Schwierigkeit, zu erklären, daß in 1.900 Jahren weniger als 144.000 echte Christen gelebt hätten. Daher zog der damalige Präsident der Organisation, Rutherford, im Jahre 1935 die Notbremse und brachte als neues Licht, daß die himmlische Berufung zu Ende, die Tür dazu geschlossen sei - abgesehen von wenigen als Ersatz für untreue Personen nachträglich zu Berufenen. Nachdem man diese Lehre in der Zeugenschaft durchgesetzt hatte - wie mir selbst Zeitgenossen vor vielen Jahren berichteten, mit Hilfe von mehr oder weniger sanftem Druck durch reisende Aufseher, denn nicht alle Zeugen waren freiwillig bereit, nicht mehr von den Symbolen des Abendmahls zu nehmen, was sie als ein Gebot Christi ansahen -, verlief zuerst alles nach Plan: die Zahl der „Gesalbten“, die ja vorwiegend aus älteren Menschen bestand, ging von Jahr zu Jahr zurück. Doch seit den achtziger Jahren hielt sie sich bei etwa 8.500. Da aber alte Menschen nicht aufhören zu sterben, war leicht abzuleiten, daß Neuzugänge am Abendmahl teilnahmen. Hin und wieder gab es dürftige Erklärungen, doch im allgemeinen zog man es vor, die Tatsache zu ignorieren oder auf Irrtum zu schieben. Doch beim Gedächtnismahl oder Abendmahl 2007 stieg die Zahl derer, welche vom Brot und Wein nahmen, plötzlich auf über 9.100. Nachdem die Berichte darüber vorlagen, mußte die Leitung etwas tun. Das Resultat war wohl die Stellungnahme im Wachtturm vom 1. Mai 2007. Wenn man Wortlaut und Ton jener Stellungnahme auf sich wirken läßt, hat man das Gefühl, den Unwillen zu verspüren, den die Leitung empfunden haben muß, diese Stellungnahme abzugeben.

Anfang 2008 kam nun die Jahresstatistik über Jehovas Zeugen heraus; darin wurde die Zahl der Gedächtnismahlteilnehmer wieder erwähnt; da man zusätzlich damit rechnen muß, daß diese Zahl weiterhin steigt, war es wohl angebracht, das Thema, das schon häufig Fragen verursacht hat, erneut zu behandeln. Dabei ging die Organisation nach einem anderen ihrer Prinzipien vor; statt einfach den Aussagen der Bibel zu folgen und sich von ihr leiten zu lassen, legte sie fest, was als Ergebnis herauskommen soll und muß: die Zahl der 144.000 muß buchstäblich bleiben. Man spürt förmlich die Gedankenwindungen, die man vollzieht, um eventuell vorhandene Fragen oder gar Zweifel zu beseitigen.

Nachdem man betont hatte, daß diese 144.000 diejenigen seien, welche aus Glauben gerechtgesprochen werden (im Gegensatz zur sogenannten „großen Volksmenge“) und nachdem man behauptete, daß das Neue Testament vor allem für diese Personengruppe geschrieben worden sei (andere können lediglich „Nutzen daraus ziehen“ (?)), wurde behauptet, daß im ersten Jahrhundert nicht alle 144.000 ausgewählt worden seien.

Dabei schrieb die Organisation selbst im Wachtturm vom 15. Oktober 1952 in dem Artikel „Gehaßt um seines Namens willen“, daß in den ersten drei Jahrhunderten Hunderttausende von Christen in 10 großen Verfolgungswellen ihr Leben verloren. Die Annahme ist berechtigt, daß bis zu der Zeit, als Johannes das Buch der Offenbarung niederschrieb, weit mehr als nur 144.000 Christen gelebt hatten. Aber was kümmert die Gesellschaft ihr Geschreibsel vom Oktober 1952; ein „faux pas“, nicht mehr. Und was die Zeit nach dem ersten Jahrhundert betrifft, so schreibt der Wachtturm vom 15. Januar 2008 entgegen den historischen Tatsachen:

Die Berufungen ergingen unvermindert die ganze apostolische Zeit hindurch [Anm: das erste Jahrhundert!] und danach anscheinend nicht mehr so häufig. Doch wurden in den nachfolgenden Jahrhunderten bis hinein in die Neuzeit weitere berufen.

Doch damit wird das Problem ja noch größer; es gab nach eigener Aussage stets berufene Christen, und doch sind es immer noch nicht 144.000, auch trotz der Tausende, die sich als Bibelforscher und Zeugen Jehovas dazu zählten? Warum macht man überhaupt das Zugeständnis, daß es selbst im „schwarzen Mittelalter“ immer berufene Christen gab? Weil Christus gesagt hatte: „Und siehe, ich bin bei euch bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Matthäus 28:20). Man konnte Christus doch nicht bei seinen Nachfolgern sein lassen - nach seinen Worten - und gleichzeitig sagen, es habe da keine gegeben. Aber man grenzt die Berufungshäufigkeit ein: anscheinend nicht mehr so häufig“. Worin bestand der Anschein? Nur darin, daß doch noch leere Stühle von den 144.000 übrig bleiben müssen für die Berufenen von heute.

Bei einer solchen Argumentation blieben auch bei treuen Zeugen Zweifel im Herzen; doch man argumentierte weiter. Es wurde behauptet, Jesus habe sich seit seiner „unsichtbaren Wiederkunft“ im Jahre 1914 der Einsammlung der noch lebenden voraussichtlichen Mitglieder der Königreichsregierung gewidmet, um die Zahl der 144.000 voll zu machen.

Kein Wunder, daß Rutherford 1935 die Notbremse zog. Doch wie wird im jetzigen Wachtturm dieser Einschnitt von 1935 begründet? Es heißt:

Viele, die auf die Predigttätigkeit günstig reagierten, hatten nicht den Wunsch, in den Himmel zu kommen. ... Nach 1935 wurde durch das Predigtwerk somit hauptsächlich „eine große Volksmenge“ eingesammelt...

Die Schuld trug also nicht der damalige Präsident, sondern die Gläubigen sind für den Irrtum verantwortlich, weil sie keine Lust mehr hatten, in den Himmel zu kommen, und auf deren Lust und Wünsche reagierte die Organisation sofort! Man glaubt wohl, den Zeugen alles bieten zu können! Als ob sich die Organisation je nach den Wünschen der Zeugen richten würde. Kein Wort davon, wie die damaligen Zeugen mit allen Mitteln bearbeitet wurden, um zu der Überzeugung gebracht zu werden, keine himmlische Hoffnung zu haben. Man hat ihnen die Himmelstür regelrecht vor der Nase zugeschlagen. Jetzt aber sind sie natürlich mit ihren emotionalen Wünschen selbst schuld.

Nachdem man erkannt hatte, daß man die Neuzugänge nicht nur mit der Untreue anderer begründen konnte - dazu waren es nachgerade zu viele - gibt man die Möglichkeit von Neuberufungen zu, wie schon im Wachtturm vom 1. Mai 2007. Doch schränkt man das wieder ein mit der Bemerkung:

Logischerweise scheint es allerdings, heute eher jemand zu berufen, der seine Treue schon etwas bewiesen hat...

Wenn ich mir die Art der Berufung in den Bibelberichten vor Augen führe, weiß ich wirklich nicht, was an dieser Bemerkung logisch sein soll. Damit jedoch der ganze Inhalt der gewundenen Darlegungen etwas leichter angenommen werden kann, wurde eine kleine „Trostpille“ mit auf den Weg gegeben:

Offensichtlich hat Jehova sichergestellt, daß es in den letzten Tagen des gegenwärtigen Systems der Dinge bis zur Vernichtung von „Babylon der Großen“ immer gesalbte Christen unter uns gibt.

Daß diese Ausführungen gegenüber den früheren einleuchtend, überzeugend und beweisführend wären, kann selbst der größte Schmeichler kaum behaupten wollen. Bei der Abfrage im sogenannten „Wachtturm-Studium“ hielten sich die Kommentare auch sehr in Grenzen. „Sage, was im Absatz steht, und du sagst nichts Falsches!“, schien der Leitspruch zu sein. Der Mangel an Verständnis war greifbar und überall zu spüren; doch es gab eine Rettungserklärung für alle. Eine eifrige, langjährige und im Sinne der Organisation loyale Pionierin sagte: „wir können das alles nicht gut verstehen; aber da wir alle ja keine Gesalbten sind und daher auch den Geist nicht haben, können wir das auch nicht verstehen“. Also: der treue und verständige Sklave hat recht; nur unsere eigene Geistlosigkeit hindert uns am Begreifen. Der Sklave ist gerettet. Darum stimmte auch der Leiter der Betrachtung diesem Kommentar erleichtert zu. Die gleiche Pionierin bezeugte dabei auch ihre Loyalität, als sie erklärte, das Wort Jesu, allezeit bei uns zu sein, habe sich erfüllt, weil er in Gestalt des Sklaven bei uns wäre.

Andere erklärten mir, sie hätten schon nach wenigen Absätzen der Wachtturmbetrachtung abgeschaltet; da Fragen oder gar Einwände nicht möglich sind, ist es eine Art von Abschottung, „auf Durchzug zu schalten“. Doch damit wird der Inhalt nicht besser, und das Problem bleibt der Gesellschaft erhalten, bis sie sich doch (wieder) einmal zu einer Lösung im Sinne eines „Befreiungsschlages“ genötigt sehen. Für heute gilt jedoch: Getretener Quark wird breit, nicht stark!