Indoktrinationsspiegel

Betrachtungen zu "Der Wachtturm" vom 15. Juni 2008
Gibt es Gedanken, die ständig wiederholt werden, um den Lesern einzuprägen, daß sie nur bei Beachtung und Anerkennung bestimmter Sachverhalte in geistiger Ruhe und Sicherheit leben könnten? Und verlieren diese „Indoktrinationsstoffe“ auf Dauer ihre Wirkung und müssen deshalb intensiver oder häufiger angewandt werden? Diese Fragen kamen mir in den Sinn, als ich den Wachtturm vom 15. Juni 2008 las, und zwar den dritten „Studienartikel“, betitelt „Die Autorität Jehovas anerkennen“.

Dieser Tage las ich in einem Lexikon unter dem Stichwort „Blutspiegel“ nach; dort wurde u.a. gesagt, dass sich der Ausdruck beziehe auf die Konzentration natürlich vorkommender Substanzen wie zum Beispiel Blutzucker oder Blutcalcium oder auch künstlich zugeführter Stoffe wie etwa bestimmte Arzneimittel im Blut. Normalerweise wird die Konzentration solcher Substanzen durch Regulationsmechanismen konstant gehalten, was zum körperlichen Wohlbefinden und zur Gesundheit notwendig ist.

Es gibt aber auch körperlich schädigende Substanzen, wie zum Beispiel Alkohol oder Drogen, nach denen der Körper beim Entstehen oder Vorliegen einer gewissen Abhängigkeit verlangt, und bei denen sich der Mensch nur noch wohl fühlt, wenn ebenfalls ein gewisser Spiegel dieser Stoffe im Blut konzentriert ist. Diese schädigenden Stoffe haben oft auch die Nebenwirkung, daß sich der Körper relativ schnell an eine bestimmte Konzentration gewöhnt, die übliche Reaktion dann nicht mehr eintritt und schließlich zum Erreichen einer bestimmten Wirkung eine größere oder auch häufigere Dosierung erforderlich wird.

Als ich das las, stellte ich mir die Frage, ob es auch „Spiegelstoffe“ für den Geist gibt, Gedanken, die ständig wiederholt werden, um den Lesern einzuprägen, daß sie nur bei Beachtung und Anerkennung bestimmter Sachverhalte in geistiger Ruhe und Sicherheit leben könnten, und daß auch diese „Indoktrinationsstoffe“ auf Dauer ihre Wirkung verlieren und deshalb intensiver oder häufiger angewandt werden müssen. Diese Frage kam mir in den Sinn, als ich den Wachtturm vom 15. Juni 2008 las, und zwar den dritten „Studienartikel“, betitelt „Die Autorität Jehovas anerkennen“.

Nun würde kein Christ etwas dagegen sagen, die Autorität Jehovas und Christi anzuerkennen, wobei allerdings von Christi Autorität kaum oder gar nicht gesprochen wird. Den ersten 13 Absätzen kann man grundsätzlich noch gut folgen: Warnung vor verbreitetem Autoritätsmissbrauch, Begründung der Anerkennung göttlicher Autorität, Gottes Willen erkennen suchen usw. Doch wie es solche Artikel so an sich haben: sie gestalten sich aufsteigend, auf einen Höhepunkt zu. Dieser Höhepunkt wird hier mit den Absätzen 13-15 erreicht unter der Überschrift: „Dem Geist der Unabhängigkeit widerstehen“. Das wäre auch zu bejahen, wenn sich der Satz auf die Unabhängigkeit von Gott bezöge. Doch was ist der Kerninhalt der Absätze?

Womöglich sperren wir uns manchmal gegen den Rat derer, die unter Gottes Volk die Führung übernehmen. Gott hat jedoch vorgesehen, daß die Klasse des treuen und verständigen Sklaven für geistige Speise zur rechten Zeit sorgt (Mat. 24:45-47). Wir sollten demütig anerkennen, daß das der Weg ist, durch den Jehova heute für sein Volk sorgt...

Beispielsweise erinnert uns die Klasse des treuen und verständigen Sklaven immer wieder daran, „wach und besonnen zu bleiben“... Der treue und verständige Sklave sorgt für geistige Speise, die unter anderem durch Älteste in den Versammlungen ausgeteilt wird... Wenn wir uns unterordnen,... zeigen wir, daß wir die Autorität Jehovas anerkennen:... Das ist ein Grund dafür, warum wir uns demütig der Anleitung von Ältesten fügen und ihnen „über die Maßen“ Achtung erweisen.

Du wirst vielleicht sagen: das ist doch alles nichts Neues; das kennen wir schon seit Jahren. Das stimmt! Du hast recht! Doch wenn der Sklave behauptet, seine Druckerzeugnisse - hier nur für die Zeugen selbst - seien Speise zur rechten Zeit, dann scheint es für ihn an der Zeit zu sein, den Zeugen immer wieder in den Sinn zu rufen, mit welcher Autorität ihn Jehova ausgestattet habe; und wenn man die Publikationen liest und die Programme in Zusammenkünften wie auch auf Kongressen beobachtet, dann fällt auf, wie sehr viel häufiger als früher der Sklave gerühmt wird, wie für ihn gebetet wird, wie er gelobt und gepriesen wird, ja daß es kaum noch einen wesentlichen Programmpunkt gibt, in dem er nicht erwähnt und hervorgehoben wird. Brauchen die Zeugen eine höhere Dosis dieser „Bewusstseinsindoktrination“, um sich in der Sicherheit der paradiesischen Hoffnung zu wiegen und davon zu träumen, damit sie nicht auf den kritischen Gedanken kommen, die Ansprüche und Aussprüche des Sklaven einmal einer biblischen Prüfung zu unterziehen? Ein Spiegel, nicht im Blut, sondern im Kopf, in den Gedanken?

Achtet doch einmal darauf, wie oft - auch an Stellen, an denen das gar nicht erforderlich wäre - der Sklave erwähnt wird, sich in Erinnerung, ins Spiel bringt und seine liebevolle Fürsorge und seine Autorität betont, die er ggf. auch ohne Rücksicht durchsetzt. Und wie wird das wohl, wenn sich die „Dosis“ künftig vielleicht noch steigern wird, in welcher Form auch immer? Es gibt ein Mittel, sich gegen diese Art von „Droge“ immun zu machen: das ist die Bibel! Aber man muß sie ohne Wachtturmbrille und ohne Weihrauchdämpfe zu Ehren des Sklaven lesen. Ich schätze Menschen, wo immer sie sein mögen, die sich mit Eifer und bestem Gewissen für ihre Mitmenschen einsetzen, besonders auch, wenn sie diese zu Christus führen wollen. Ich hoffe auch, dass es unter Jehovas Zeugen viele davon geben möge. Aber so lange dieser „Sklavenspiegel“ den Kopf vernebelt, scheint mir der klare Blick auf den Herrn (Hebräer 12:2; Johannes 14:9) nicht möglich. Darum wende Dich dem zu, der wirklich Wasser des Lebens hat, und wenn er in uns wohnt (Galater 2:20), dann haben wir einen dauerhaften „Spiegel“ in uns, der uns durch sein Licht zum Leben führt.