Jehovas Zeugen mögen keine "Ex"

Anlaufstelle im Landkreis für diejenigen, die aus den Zeugen Jehovas austreten wollen
Von Uschi Ach

Eine Titelseite des „Wachturm“, der offiziellen Zeitschrift der Zeugen Jehovas, die sich mit dem Thema „Gott und der Staat“ befasst. Teilnehmer eines Sonderkongresses der Zeugen Jehovas vor fünf Jahren, die sich in der AOL Arena in Hamburg taufen ließen. (Fotos: dpa)

Straubing-Bogen. „Allzeit beschäftigt im Werke des Herrn“ und „Glaube ist die gesicherte Erwartung erhoffter Dinge“, die Sätze sprudeln nur so aus ihrem Mund. Auch Jahre nach ihrem Austritt sind die gestelzten Worthülsen der Zeugen Jehovas Claudia K. gut im Gedächtnis – Tausende Male gehört, gelesen und zitiert. Die 47-Jährige erinnert sich ungern an diesen Lebensabschnitt des ständigen Drucks und der Angst, Gott Jehova niemals gerecht werden zu können. Seit ihrem Ausstieg aus der Sekte ist sie Mitglied beim Verein Sektenausstieg. Überzeugt, Aussteiger unterstützen zu müssen, plant sie nun eine Anlaufstelle für all diejenigen, die ebenfalls nur eines wollen – raus.

Zehn Jahre lang war Claudia K. Mitglied der Zeugen Jehovas, die letzten drei bis vier Jahre davon hat sie mit Ausstiegsgedanken gekämpft. Und sie erinnert sich noch gut an die Angst, die sie hatte. Weniger davor, nicht mehr zu dieser Glaubensgemeinschaft zu gehören, sondern als Ex-Zeuge geistig sterben zu müssen. „Nach meinem Austritt wunderte ich mich monatelang jeden Tag aufs Neue, dass ich noch lebe.“ Denn nur wer zu der Religionsgemeinschaft von Jehovas Zeugen gehört, überlebt – im Diesseits und im Jenseits. Das sei eines der Lieblingsargumente der Zeugen. „Und wenn ich da rausgehe, dann ist es auch Essig mit dem Paradies“, sagt die 47-Jährige, die ihren Humor und Wortwitz inzwischen längst wiedergefunden hat.

Ich war ein gefundenes Fressen für missionierende Zeugen

Auch an gesunder Selbstkritik mangelt es der gebürtigen Bogenerin nicht. Eigentlich, so gibt sie rückblickend zu, sei sie ein gefundenes Fressen für die missionierenden Zeugen Jehovas gewesen. In der Ehe unglücklich, aber schwanger, und die Mutter im Sterben – den frühen

„Der Hund ist zu seinem eigenen Gespei zurückgekehrt und die gebadete Sau zum Wälzen im Schlamm“ (aus dem zweiten Brief Petri)

Tod ihres Vaters hatte sie nie verarbeitet. Dann kamen die Zeugen und umwarben sie mit der Aussicht auf eine Wiederbegegnung mit ihren Lieben. Doch war sie nicht nur von ihrer Lebenssituation her „ein gefundenes Fressen“, wie sie heute sagt. Auch ihre Geisteshaltung passte perfekt zur Sekte. „Ich habe mir von ihnen die Lösung all meiner Probleme erhofft.“ Und die Zeugen hätten ihr dies auch versprochen, zumindest in Aussicht gestellt. Und an das Paradies hätte sie eigentlich wirklich gerne geglaubt.

Immer diese Fragezeichen – sie waren einfach überall

Danach ging es für die damals 27-jährige Mutter von zwei Kindern Schlag auf Schlag. Gemeinsam mit ihrem Mann trat sie in die Sekte ein und habe sich „wirklich aus reiner Liebe zu Gott“ taufen lassen. Da es mit der Ehe weiterhin bergab ging, folgte die Scheidung und der Austritt ihres Ex-Mannes aus der Sekte. Jahre später trat auch sie gemeinsam mit ihren Kindern aus – nach einem Gespräch mit den Ältesten. Diese direkte Konfrontation habe sie gewollt. Mit einem Brief wäre es zwar einfacher gewesen, aber durch die Hintertüre wollte sie sich nicht davonmachen.

Heute ist Claudia K. froh, dass sie diesen Schritt gewagt hat. Mit den ständigen Fragezeichen hätte sie nicht lange leben können. Ständig habe sie sich und die Intensität ihres

Die Nicht-Erleuchteten werden alle vernichtet, eigentlich sind die schon gestorben und nur zu faul zum Umfallen (Claudia K.)

Glaubens in Frage gestellt, habe sich beim geringsten Zweifel dazu gezwungen, mehr zu beten und mehr Predigtdienst von Haustür zu Haustür zu machen. Wenigstens sei sie dabei mit einem blauen Auge davongekommen. Es sei für sie jetzt ein großes Glück, dass sie in den zehn Jahre Predigtdienst niemanden habe missionieren können. „Sonst müsste ich eigentlich hingehen und mich dafür entschuldigen.“

Das System der Zeugen Jehova funktioniere auf der Psychoschiene und über Druckmittel. Ständig habe sie mit der Angst leben müssen, dass sie vernichtet wird – überwacht von Gott Jehova, permanet ein schlechtes Gewissen, unzulänglich zu sein, und eine unüberwindbare Unzufriedenheit mit sich selbst. Doch dann habe sie mehrere Schlüsselerlebnisse gehabt und erkannt, die predigen Wasser und trinken Wein. „Hinter der hären Schale der Zeugen treiben auch nur Menschen ihr Unwesen.“ Die Gemeinschaft der Zeugen sei ein gewöhnlicher Durchschnitt durch die Gesellschaft, nicht schlechter, aber auch nicht besser. So gebe es den Alkohol-Richtlinien zum Trotz dort auch Alkoholiker, Eltern züchtigten ihre Kinder, wenn diese mal nicht ruhig sind, und auch Ehebrüche gebe es. Lachend erzählt sie die Geschichte von einem Mitglied, das sie einst beim Kauf eines Softpornohefts ertappt habe. Sie habe den Mann nicht an den Ältestenrat verraten, warum auch, sagt sie. Sie hätte damit lediglich dessen Familie zerstört. Und das liege nicht in ihrem Interesse. Seit zehn Jahren ist sie nun schon „draußen“ – die Nachwirkungen der Sekte aber habe sie noch lange mit sich herumgetragen. Anfangs habe sie nur telefoniert, gelesen und geweint, hatte mit Panikattacken zu kämpfen und Angst vor dem Leben und dem Tod.

Ab und zu treffe sie zufällig auf ihre ehemaligen Mitstreiter, die sie allerdings äußerst herablassend behandelten. „Die Zeugen Jehovas sind ein elitärer Verein, dessen Mitglieder auf andere nicht bekehrte Menschen herabsehen.“ Denn jeder Mensch, der nicht zu dieser Sekte gehört, sei aus dem Paradies verbannt – und nicht zuletzt frei nach dem zweiten Brief des Petrus (…) „Der Hund ist zu seinem eigenen Gespei zurückgekehrt“ (…), den Claudia K. zitiert, besonders Ex-Zeugen. Was sie irgendwie aber doch auch bedauert, weil sie eigentlich selbst so gerne zu den Erleuchteten gehört hätte. Hauptsächlich wegen des versprochenen Wiedersehens mit den ihr so wertvollen Verstorbenen. Es habe lange gedauert, bis sie sich mit dem Gedanken anfreunden konnte, ihre Mutter nie mehr wiederzusehen.

Von der Missionstätigkeit aber hat sie seit ihrem stundenlangen Predigtdienst bei Jehovas Zeugen mehr als genug. „Ich will die drin lassen, denen es dort gefällt, aber auch denen helfen, die gerne aus der Sekte austreten möchten.“


Info

Beim „Ausstiegstelefon“ (Nummer 0170/1006235) können sich Zeugen, die gerne austreten möchten, oder auch Ex-Zeugen Rat und Unterstützung holen. Informationen auch im Internet unter www.sektenausstieg.net oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Angst vor einer Ächtung

Herr Galeski, Sie sind Vorsitzender des Vereins „Netzwerk Sektenausstieg e.V“. Helfen Sie allen Sektenmitgliedern oder nur den Zeugen Jehovas?

Bernd Galeski: Da, wo wir in der Lage sind, helfen wir, geben Hinweise und Ratschläge für den Umgang mit Sektenangehörigen, besonders, wenn Familienangehörige involviert sind. Zum anderen leiten wir Betroffene aber auch an die Vereinigungen weiter, mit denen wir über unser Netzwerk verbunden sind.

Sind die Zeugen Jehovas eine Sekte oder nicht doch eher eine Glaubensgemeinschaft?

Galeski: Das liegt im Auge des Betrachters. Die Zeugen Jehovas betrachten sich nicht als Sekte, dennoch weisen sie alle Merkmale auf, die solche sektenähnliche Gemeinschaften ausmachen. Dazu zählt das Elitedenken „Wir, die Auserwählten, die anderen sind die Unerleuchteten ...“. Hinzu kommt die Abschottung nach außen. So sollte man möglichst keine weltliche Literatur lesen und keine Filme schauen. Freundschaften und Eheschließungen sind nur innerhalb der Gruppe legitimiert. Und der Führerkult: Entweder ein Einzelner oder eine Führungsgruppe hat die Deutungshoheit über die „heiligen Texte“. Stets muss kritiklos gefolgt und gehorcht werden.

Wie viele Mitglieder hat Ihr Verein und wie viele sind Ex-Zeugen?

Galeski: Zur Zeit sind es 77 Mitglieder, von denen mehr als 95 Prozent ehemalige Zeugen sind.

Was macht die Zeugen Jehovas für ihre Mitglieder so attraktiv?

Galeski: Das, was alle Gemeinschaften so attraktiv macht, das „Lovebombing“ für neu zu bekehrende Mitglieder. Das heißt, wer neu in die Gemeinschaft kommt oder wer mal hineinschnuppert, wird mit Aufmerksamkeit, innerer Zugewandtheit und lebhaftestem Interesse überschüttet. Klar, dass man in einer Phase der Um- oder Neuorientierung oder der persönlichen Krise auf solche menschlichen Regungen anspricht. Gibt dann die Gemeinschaft noch auf „alle meine Fragen die passenden Antworten“, kann es sein, dass es um die nötige kritische Distanz bei neuen Kontakten nicht mehr so gut bestellt ist. Und hat man erst einmal die Kritikfähigkeit aufgegeben, hat die Sekte gewonnen. Hinzu kommen der innere Zusammenhalt, Wir-Gefühl, und eindeutige Botschaften. Manche Menschen brauchen dieses Gefühl absoluter Wahrheit und Gewissheit.

Was macht diese Glaubensgemeinschaft so problematisch?

Galeski: Vor allem der rigide Umgang mit Aussteigern und Ausgestoßenen. Die totale soziale Isolation und Ächtung durch die Gemeinde und das Verbot des Kontaktes selbst für Familienangehörige. Alle wissen, wenn sie das Kontaktverbot unterlaufen, sind sie selbst dran. Dieses Druckmittel der sozialen Ächtung ist so stark, dass es viele davon abhält, die Gemeinschaft freiwillig zu verlassen.

Was sind die Hauptgründe, die von den Ehemaligen für ihren Ausstieg genannt werden?

Galeski: Ganz klar die Nummer 1 ist das freie Ausleben der Sexualität. Dann menschliche Enttäuschung darüber, dass die Zeugen Jehovas Liebe predigen, aber sich nicht daran halten. Man beobachtet viel Heuchelei, Unaufrichtigkeit, Doppelbödigkeit.Dann gibt es aber auch viele, die einfach nicht mehr an Gott glauben. Bei denen geschieht der Ausstieg oft recht problemlos.

Unter welchen Nachwirkungen leiden die Ex-Zeugen am meisten?

Galeski: Isolation, Verlust des gesamten sozialen Netzwerks und des bisherigen Weltbildes. Der Zwang, sich vollkommen neu orientieren zu müssen, neue soziale Netzwerke knüpfen zu müssen.

Interview: Uschi Ach


Weg zum Sektenausstieg

Als richtigen Weg zum Sektenausstieg rät der Vorsitzende des Vereins Netzwerk Sektenausstieg e.V., Bernd Galeski, zu folgenden Schritten:

  • Man selbst muss den Ausstieg wollen
  • Man sollte zusehen, dass das bisherige Weltbild durch ein neues Weltbild – philosophischer Unterbau, ob mit oder ohne Gott – ersetzt wird, das trägt, das Halt und Stütze ist.
  • Man sollte sich Leidengenossen oder Hilfe bei den speziellen Vereinigungen suchen. Das ist wichtig, man braucht die Bestätigung, nicht allein da zu stehen und nicht der Einzige zu sein, der Zweifel an der Lehre der Gemeinschaft hat, oder gar verrückt geworden ist. Der Zuspruch durch andere hilft enorm, die eigenen Ängste, Zweifel, Fragen und Sorgen zu artikulieren und dadurch nimmt der innere Druck ab.

Der Verein Sektenausstieg arbeitet mit folgenden Vereinigungen und Fachleuten zusammen:

  • Odenwälder Wohnhof eV, Krisenintervention für Aussteiger, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Homepage: www.wohnhof.de, Telefon 06291-7883.
  • Inge Marie Mamay, Pädagogin, Theologin, Therapeutin, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Homepage: www.wohnhof.de.
  • Sekten-Information und Selbsthilfe (SINUS), Betroffeneninitiative Hessen eV, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Homepage: www.sinus-ffm.de, Hotline: 0700-74687336.
  • AGPF Aktion für Geistige und Psychische Freiheit, Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung eV, Homepage: www.agpf.de.
  • Ausstieg eV, Karlsruhe, Homepage: www.ausstieg-info.de.
  • Dieter Rohmann, Diplom-Psychologe, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Homepage: www.kulte.de.
  • Selbsthilfegruppe der anonymen Sektenaussteiger Augsburg, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Homepage: www.barbara-kohout.de.

Der Artikel des "Straubinger Tagblatt" online
Originalartikel des "Straubinger Tagblatt" als PDF

Diesen Artikel des "Straubinger Tagblatt" veröffentlichen wir hier mit freundlicher Genehmigung seiner Redaktion.