Profitgier und Ausbeutung statt Nähe zu Gott

Folgender Artikel, der im Straubinger Tagblatt erschien, schildert eindrucksvoll das Innenleben einer Religionsgemeinschaft, die sich nach außen weltoffen, tolerant und liebevoll gibt, aber intern nach anderen Grundsätzen verfährt.

Wir danken an dieser Stelle recht herzlich der Redaktion für die Genehmigung zur Veröffentlichung!

Profitgier und Ausbeutung statt Nähe zu Gott

Im Gespräch mit einem Aussteiger der Zeugen Jehovas, der seine Familie verlor

Von Ulli Scharrer

Sein Leben lang war J. A. K. Gemeindemitglied der Zeugen Jehovas, fünf Jahre lang davon in Straubing. Dann stieg der heute 44-Jährige aus, verlor dabei seine Familie und sein altes Leben, in das er hineingeboren war. Ohne Scheu und in wohlüberlegten Worten erzählt er über seine Erlebnisse und wie er mit seiner Internetseite um Aufklärung und seine Sicht der Dinge kämpft.

Bereits seine Großeltern waren Zeugen Jehovas. Sie traten mit ihren Kindern bei, als sie nach der Vertreibung im II. Weltkrieg keinen Anschluss in der neuen Nachbarschaft fanden - "da war jemand, der sich um sie kümmerte".

K. kannte kein anderes Leben als jenes seiner Großfamilie, die alle in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas waren. Seine Mutter wollte mit 70 Jahren nicht mehr missionieren, wäre aber gerne noch Mitglied geblieben. Das durfte nicht sein. Auch sie wurde wie er mit sozialer Isolation bestraft.

Alte Freunde, Nachbarn und selbst die eigene Mutter brachen den Kontakt komplett ab.

Jörg Alexander K. bewundert seine Mutter für ihren Mut, sie trat aus, und kann den Zwiespalt seiner Großmutter erklären: Sie habe die Wahl, den Kontakt zu einem Kind zu verlieren oder zu allen anderen, die noch Zeuge Jehovas sind. Die Geschichte seiner Mutter, die ein Buch über ihr Leben schrieb, sendete Bayern 2 in der Reihe "Eins zu eins, der Talk" unter dem Titel "Barbara K., Zeitzeugin und Jehova-Aussteigerin".

Als Kind von der Richtigkeit der Lehre überzeugt

Als Kind war er von der Richtigkeit der Lehre überzeugt. "Von uns Kindern wurde eine Karriere innerhalb der Wachturmorganisation erwartet." Kein Problem für den Jungen, der mit elf, seine Schwester mit neun die Taufe der Zeugen Jehovas erhielt. "Völlig arglos vertraute ich dem, was meine Eltern mir vermittelten und befasste mich intensiv und aufrichtig mit den Lehren meiner Religion."

Deutlich macht der Aussteiger, dass es bei Treffen der Zeugen Jehovas nicht nur um Religion geht, sondern auch um Verkaufsschulungen. Wie bringt man den Wachtturm am besten unter die Leute? Wie wirbt man neue Gemeindemitglieder? Quoten waren zu erfüllen.

"Die Erwartungen meines sozialen Umfelds erfüllend, wurde ich Wachtturm-Vollzeit-Neumitglied-Akquisiteur und kam 1986 mit 19 Jahren in die Druckerei der Wachtturmgesellschaft in Selters." Der junge Mann erwartete eine Art Kloster, "Nähe zu Gott" und gemeinsame Gebete. Im Rückblick und auch damals schon sei es "Profitgier, Ausbeutung und billiger Materialismus" gewesen.

Die Arbeit in der Druckerei der Zeugen Jehovas sei für ihn "traumatisch desillusionierend" gewesen. Sein Lichtblick: er lernte dort seine Frau kennen und lieben. Das musste aber schnell gehen, sonst hätte die Trennung gedroht, wie er erklärt: "Eine Woche arbeiteten wir zusammen. Nach 14 Tagen machte ich ihr einen Heiratsantrag und nach vier Monaten waren wir verheiratet."

"Freiraum" durch Unterbrechung der Gehirnwäsche

Jahre später sei es bei den Zeugen Jehovas in Regensburg "zu einer Intrige innerhalb der Versammlung" gegen ihn gekommen, berichtet K.. Mit Anschuldigungen gegen seine Frau sollte er getroffen werden, betont er. Man sei nach Straubing gezogen. "Meine Frau nutzte die Flucht vor der Regensburger Versammlung, indem sie 2002 eine portugiesische Gruppe gründete. Diese wurde in den Straubinger Königreichssaal gelegt."

Zweifel hatte K. damals schon eine Menge. Die neue Gruppe beschleunigte seinen Ausstieg. Da er kein Portugiesisch wie seine Frau spricht, wurde "bei mir die Kette der wöchentlichen Indoktrinationen unterbrochen, die in den Vertriebsmeetings der Königreichsäle der Zeugen Jehovas stattfinden". Auf rund 300 Mitglieder schätzt er die Gemeinde im Königreichsaal in Ittling, die sich in drei Gruppen wöchentlich trifft.

Seinen "neuen Freiraum", der durch die Unterbrechung der bisherigen " fortlaufenden Gehirnwäsche der Wachturmsekte" entstanden war, nutzte er für eine "intensive Auseinandersetzung mit der alten Wachtturmliteratur". Er verglich ältere, archivierte Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas mit neueren: "Ich legte neben jede Lehraussage die Lehrmeinungen in den vorangegangenen Wachtturm-Veröffentlichungen." Es fiel auf, dass Aussagen und Meinungen sich teilweise widersprachen. Das konnte eigentlich nicht sein, erklärt der Aussteiger, herrsche doch die Meinung bei den Zeugen Jehovas: "Immerhin haben wir die Wahrheit."

Als Abtrünninger in das soziale Abseits gestellt

Die Folge war, dass K. "plötzlich als Abtrünniger" galt: "Wie konnte ich es wagen zu belegen, dass der treue und verständige Sklave alle zehn Jahre mit seiner Lehrmeinung komplett mal hier hin und mal dorthin schwenkt."

K. begann lästig zu werden, ab 2005 gab er keine Stundenberichte zu Neumitgliederakquisen mehr ab. Ein Jahr später besuchte er keine Vertriebsmeetings der Zeugen Jehovas mehr. Nur eines belastete ihn schwer: "Leider stand meine Frau weiter unter der Dauergehirnwäsche der Wachturmsekte. So sehr ich mich von der Sekte löste, distanzierte sich meine Frau von mir."

Für die Zeugen Jehovas sei "ein stilles Gehen und eine glücklich bleibende Familie jedoch eine Provokation", erklärt er und betont: "Sie setzten alles in ihrer Macht Stehende daran, unsere Ehe zu zerstören. Undenkbar, dass ein Abtrünniger eine glückliche Ehe führt! Und ich blühte ohne den Sektendruck sichtlich auf."

Am meisten hatte er mit dem "Entzug der Gemeinschaft" zu kämpfen. Kein anderer Zeuge Jehovas grüßte ihn noch, außerdem war es verboten, sonst irgendwie mit ihm Kontakt zu haben oder gemeinsam zu essen. Kam Besuch nach Hause, redete dieser nur mit seiner Frau und diese bat ihn, "in den Keller zu gehen", um nicht zu stören.

Der Psychoterror ging soweit, dass er sich nach "16 glücklichen Ehejahren" und ein paar schlimmen sich im April 2010 von seiner Frau trennte. Beim Scheidungstermin demonstrierten über 20 Mitglieder der Zeugen Jehovas gegen ihn am Amtsgericht. Seitdem hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Frau und seiner Tochter, die gerade erwachsen wurde.

Froh ist er, dass er jahrelang Tagebuch geführt hat. So kann er "ganz genau" nachvollziehen, "was, wann wie passiert ist". In Gesprächen sei nämlich versucht worden, ihm andere Erinnerungen einzureden. Momentan lebt der Aussteiger der Zeugen Jehovas in Regensburg ein Leben ohne seine Familie und kämpft mit seiner Homepage, auf der er Artikel und selbst zusammengeschnittene Videos präsentiert, um seine Sicht der Dinge.

Straubinger Tagblatt vom 12.2.2011 Seite 37

Hilfe zum Ausstieg aus einer Sekte

Jeder Ausstieg ist anders, aber immer schwer - Kaum neue Mitglieder

Bernd Galeski, Vorsitzender des Vereins Netzwerk Sektenausstieg, kennt J. A. K. und dessen Geschichte seit Jahren. Er schätzt ihn als "sensiblen, mutigen und entschlossenen Menschen" und bestätigt seine Erfahrungen, da er einst selbst Zeuge Jehovas war.

Nicht jeder Aussteiger aus einer Sekte, und für solch eine hält er die Zeugen Jehovas, habe den Mut so öffentlich zu werden.

Genaue Zahlen, wie viele Aussteiger es pro Jahr gebe, seien schwer zu erheben. Viele würden lieber still und alleine bleiben.

Dabei rät er jedem, den Kontakt zu Selbsthilfegruppen zu suchen, da man zuerst meist immer "völlig sozial isoliert" zurechtkommen müsse und seelische Wunden davontrage. "Es ist ganz wichtig, das Erlebte zu verarbeiten, vieles frisst sich in die Psyche hinein."

Ansprechpartner finde man zum Beispiel auf seiner Vereinshomepage www.sektenausstieg.net. Gleich ganz oben findet man den Link zum Forum. Dort trifft man "auf Zuhörer, die sich auskennen, da sie selber schon den schweren Schritt" des Ausstiegs gemeistert haben.

Die Zahl der Zeugen Jehovas stagniere seit Jahren in Deutschland bei etwa 162 000 Mitgliedern, erklärt Galeski. Durch die Werbung an der Haustür, zum Beispiel mit dem Wachtturm, gebe es kaum neue Mitglieder.

Auch sammelt er Beispiele, wie sich die Zeugen Jehovas nach außen präsentieren, zum Beispiel beim Thema Schulbildung, und wie sie die Regeln dafür in ihrer Gemeinschaft ganz anders handhaben. Als Experte auf dem Thema ist seine Meinung regelmäßig auch bei der Politik gefragt.