Zwangsächtung für Abtrünnige

Netzwerk Sektenausstieg hilft ehemaligen Zeugen Jehovas
Wer ausscheidet, wird mit sozialer Isolation bestraft - Internetforen angeboten

„Seit wann bist Du raus?“, oder „Wie lange warst Du dabei?“ waren die Fragen, die man beim Treffen ehemaliger Zeugen Jehovas am Samstag am häufigsten hörte. Aus ganz Deutschland und sogar aus Österreich waren sie zu dem Treffen gekommen. Von Anfang an herrschte eine angenehme und lockere Atmosphäre, als seien die Anwesenden alte Freunde. Dabei kannten sich die meisten der rund 25 Teilnehmer bisher nur aus einem Internetforum für Ehemalige.

Die Antworten auf diese Fragen waren völlig unterschiedlich. Manche haben sich schon vor mehr als zehn Jahren von den Zeugen Jehovas losgesagt, eine junge Frau erst vor wenigen Monaten. „Am Anfang erlebt man eine Art Hochgefühl und fühlt sich unglaublich frei. Aber nach einiger Zeit kommt dann ein Tiefpunkt, man fühlt sich allein gelassen und verloren“, erklärt ein Mann, der schon länger ausgetreten ist. Allerdings muss man als Zeuge Jehovas erst einmal viel Mut und Kraft aufbringen, um den Ausstieg überhaupt zu schaffen. Das hat verschiedene Gründe.

Zum einen nehmen die „Abtrünnigen“, wie sie von der Sekte bezeichnet werden, trotz ihrer Zweifel, die sie zum Ausstieg bewegen, einen großen Teil des Sektenglaubens mit hinaus. Vor allem das lang anhaltende Gefühl, Gott verraten zu haben. Dies wiederum führt zu Schuld- und Angstgefühlen, manchmal sogar zur psychischen Destabilisierung bis hin zum Selstmord. Außerdem haben Aussteiger immense Schwierigkeiten, sich in der „Welt Satans“, also allem gesellschaftlichen Leben außerhalb der Strukturen der so genannten Wachturmgesellschaft (WTG), zurechtzufinden. Auf Grund jahrelanger Bewusstkontrolle stoße man bei den Menschen außerhalb auf Unverständnis, erzählen Ehemalige. Damit einher gingen häufig veränderte Charaktermerkmale wie Konfliktunfähigkeit, die Unfähigkeit zur Selbstbestimmung und der Verlust der realistischen Urteils- und Kritikvermögens.

Jeglicher Kontakt verboten

Das Hauptproblem beim Verlassen der Sekte besteht für die Abtrünnigen jedoch im Verlust des gesamten sozialen Umfelds. Nach dem Ausstieg fehlen Gesprächspartner und Freunde. Die WTG verbietet es allen Zeugen Jehovas, Kontakt mit Abtrünnigen zu halten. Wie ernst es den Zeugen Jehovas mit diesem Gesetz ist, kann man in zahlreichen Veröffentlichungen nachlesen. So stand zum Beispiel in der Oktoberausgabe des Jahres 1993 von „Der Wachturm“ folgendes: „Wahre Christen teilen Jehovas Empfindung gegenüber Abtrünnigen; sie möchten gar nicht wissen, was für Vorstellungen diese vertreten. Im Gegenteil, sie empfinden Ekel gegenüber denjenigen, die sich zu Gottes Feinden gemacht haben, aber sie überlassen es Jehova, Rache zu üben.“ Dieser Text soll also bedeuten, dass jeder, der keinen Ekel vor Andersdenkenden empfindet, gar kein wahrer Christ sei. Es kann wohl als Warnung verstanden werden. Auch jene Menschen werden von den Zeugen Jehovas ausgeschlossen, die mit diesen Abtrünnigen noch verbotenen Kontakt pflegen.

Dies macht es den Sektenaussteigern so schwer, nach dem Ausscheiden ein normales Leben zu führen. Einige der Anwesenden bei dem Treffen in Straubing erzählen, dass sie noch ein intaktes soziales Umfeld außerhalb der Zeugen Jehovas hatten, das sie aufgefangen habe. Ohne dieses soziale Netz schafften viele den Absprung nicht oder kehrten sogar nach Jahren noch in die Sekte zurück. Dies will das Netzwerk Sektenausstieg mit seiner Unterstützung für Ehemalige verhindern. Es wurde im Jahr 2004 als gemeinnütziger Verein gegründet, um ehrenamtliche Hilfsprogramme und Projekte effektiver organisieren zu können.

Unter Pseudonym im Internet

Bereits 1997 wurde eine Internetseite mit Diskussionsforum für ausgestiegene Zeugen Jehovas eingerichtet. Immer mehr ehemalige Zeugen Jehovas haben sich teils unter echtem Namen, teils unter Pseudonym über die Probleme mit dem Ausstieg und über Glaubensfragen ausgetauscht. Im Herbst vergangenen Jahres wurde bei den Besucherzahlen die drei-Millionen-Grenze geknackt. Das bedeutet mehr als 1.000 Besucher pro Tag.

Bei dem Treffen am Samstag - dem zweiten dieser Art - stellten sich alle mit zwei Namen vor, ihren echten Namen und jenen, die sie im Forum benutzten und über den sie sich kennen. Über Gesprächsthemen musste nicht lang nachgedacht werden. „Eigentlich sind wir ja alle Brüder und Schwestern“, meinten einige mit einem Lächeln. Für die Ehemaligen beinhaltet ihre Zeit bei den Zeugen Jehovas auch positive Erinnerungen. „Es ist auf keinen Fall unser Ziel, Stimmung gegen die Zeugen Jehovas zu machen. Wir legen sehr viel Wert auf Ehrlichkeit, Offenheit und Fairness.“ Wer mehr über die Arbeit des Netzwerk Sektenausstieg erfahren möchte, findet Details im Internet unter www.sektenausstieg.net.

Straubinger Rundschau, Montag 12.2.2007