Kein Grußwort für Jehova

Der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank hat sich besserer Einsicht gebeugt. Zur Eröffnung einer Ausstellung der Zeugen Jehovas am kommenden Montag wird er kein Grußwort sprechen.

Von Franz J. Schmid

Der Termin wird ihm unverdächtig erschienen sein. Wer wollte auch daran Anstoß nehmen, daß der Opfer des Naziregimes gedacht wird. Etwa tausend Mitglieder der Zeugen Jehovas sind in Hitlers Konzentrationslagern ermordet worden, schätzen Fachleute. An diese Menschen soll mit der Ausstellung "Vergessene Opfer" erinnert werden. Frank war bereit, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache zu halten.

Der Journalist Holger Reile ist ein Kenner der Umtriebe von autoritär geführten religiösen Gruppen. Er schickte dem Oberbürgermeister eine kritische Stellungnahme: Die Opfer-Schau sei eine PR-Veranstaltung, so Reile, die Rolle der "Zeugen" im Hitlerreich fragwürdig. Frank ließ sich Material kommen und erhielt die Bestätigung. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen schrieb nach Konstanz, die Wachtturmgesellschaft, Leitungsorgan der Zeugen, habe unter dem NS-Regime "eine problematische Haltung eingenommen".

Seinerzeit habe die Wachtturm-Zentrale an Hitler geschrieben, sie befinde sich in "völliger Übereinstimmung" mit der deutsch-nationalen Bewegung. Selbst der Kurs gegen "Geschäftsjuden" sei gebilligt worden. Erst später sei diese Linie aufgegeben worden. "Wenn die Organisation heute ihre Opfer von damals zu Propagandazwecken benutzt, so ist das verlogen", heißt es in der Stellungnahme der Zentralstelle. Im Hintergrund der Ausstellung stehe die Bemühung der Zeugen Jehovas, als "Körperschaft des öffentlichen Rechts" anerkannt zu werden.

Ein Blick ins Faltblatt der Zeugen Jehovas machte Frank zudem stutzig. Keine andere Gruppe außer den Juden habe unter den Nazis so sehr gelitten wie die Zeugen, heißt es dort. Da würden doch Sinti und Roma, polnische Intellektuelle und Homosexuelle übergangen, schrieb Frank in seiner Absage.

Quelle: Südwestdeutsche Zeitung vom 6.3.1999