Zuflucht für Sektenaussteiger - Der Rückweg in den Alltag

Nach dem Ausstieg beginnen für viele ehemalige Sektenanhänger die eigentlichen Probleme. Im "Odenwälder Wohnhof" lernen sie, sich wieder zurechtzufinden.

ADELSHEIM-LEIBENSTADT- Wer selbst ernannten Propheten folgte, für den bricht mit dem Abschied von der Sekte häufig nicht nur die Glaubenswelt zusammen. Den Kontakt zu Familien und Freunden vor Jahren abgebrochen, ohne Geld und Unterkunft, sehen sich viele Aussteiger bei der Rückkehr ins Alltagsleben schier unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenüber. Hilfe bietet der "Odenwälder Wohnhof" im abgelegenen Dörfchen Leibenstadt, einem Stadtteil von Adelsheim (Neckar-Odenwald-Kreis).

Obwohl der Wohnhof im alten Pfarrhaus von Leibenstadt untergebracht ist, handelt es sich nicht um eine kirchliche Einrichtung. Die Hilfsangebote für Sektenaussteiger seien dünn gesät, sagt Initiatorin Inge Marie Mamay: "Das beschränkt sich im wesentlichen auf kirchliche Beratungsstellen. Viele Aussteiger wollen aber nicht unbedingt gleich zur nächsten religiösen Organisation." Gegründet wurde der Wohnhof vor zwei Jahren. Damals entschlossen sich Bund und Land, das Projekt drei Jahre lang mit je 30000 Mark jährlich zu fördern. "Die meisten Möbel sind geschenkt, zum Teil von den Dorfbewohnern", sagt die 47jährige Mamay.

Zur Verfügung stehen sechs Plätze, zudem können Aussteiger in Wochenend-Seminaren mit Ärzten und anderen Fachleuten diskutieren. "Das ist ein Angebot zur Krisenintervention", erläutert die SPD-Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer, sektenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Landtag. "Allein die Tatsache, dass es ein solches Angebot gibt, ist für manche Leute schon eine Hilfe."

Aussteigern fällt es meistens sehr schwer, mit Außenstehenden über ihr Leben in der Sekte zu sprechen. Weil die meisten Sekten in ähnlicher Weise funktionierten, könnten die Bewohner miteinander sehr gut über ihre Erfahrungen reden: "Es ist weitgehend egal, ob sie beim Universellen Leben waren oder bei den Zeugen Jehovas." Inge Marie Mamay weiß, wovon sie spricht: Als junge Frau war sie selbst den "Kindern Gottes" ins Netz gegangen.

Obwohl zurzeit nicht mehr mit der gleichen öffentlichen Aufmerksamkeit bedacht wie noch in den siebziger Jahren, habe die Aktivität der Sekten keineswegs nachgelassen, berichtet Mamay. "Allein in Baden-Württemberg gibt es schätzungsweise etwa 150 Gruppen." Kennzeichen sei, dass Sekten ihren Anhängern nicht nur seelische Schäden zufügten, sondern sie in aller Regel auch noch finanziell ausbeuteten.

Die seelischen Langzeitschäden würden oft unterschätzt, sagt Mamay. Ihr derzeitiger Gast, eine 30-Jährige, bestätigt das. Die Frau verließ bereits im Alter von 15 Jahren bei den Zeugen Jehovas, denen ihre Eltern angehörten. Mutter und Vater warfen sie zwar nicht aus dem Haus, isolierten sie aber. "Man wohnt da wie fremd, da redet keiner mehr mit ihnen." Nach ihrem Ausstieg habe ihr Vater in der Gemeinde seinen Status als Ältester verloren. Der Druck wurde an die Tochter weiter gegeben. Später wurde die aus einem Dorf an der Schweizer Grenze stammende Frau Alkoholikerin. Ihr Arzt verwies sie an den Wohnhof, in der Hoffnung, dass die Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse auch für die Alkoholtherapie hilfreich sei.

Südwest-Presse, 11.1.2000