Veranstaltung der Zeugen Jehovas trifft auf Widerstand

Die Zeugen Jehovas sind in Karlsruhe nicht gern gesehen. Zur Einweihung ihres neuen Saalzentrums tauchten weder Presse noch die eingeladenen Vertreter der Stadt auf.

Anlässlich eines Kongresses im Windparkstadion (Sommer 1999) bauten Sektenaufklärer gleich zwei Informationsstände in der Innenstadt auf. Und dann gibt es immer wieder Vorträge, in denen auf die Gefahren der Sekte hingewiesen wird.

Kein Zufall also, dass die WTG ausgerechnet in der Fächerstadt alle Prominenz zusammentrommelt, um wieder einmal die Zeugen Jehovas als die einzig standhaften Christen während der Nazizeit zu präsentieren. Mit von der Partie sind alte Bekannte, einschließlich Wachtturm-Vorzeige-Historiker Detlef Garbe und die angebliche Religionswissenschaftlerin Gabriele Yonan (die sich auch glühend für Scientology einsetzt und bereits zwei Bücher für die Zeugen Jehovas geschrieben hat).

Doch die Medien der Stadt haben das Spiel durchschaut. Allen voran die Badischen Neuesten Nachrichten, die bereits im Vorfeld auf die zweifelhafte Natur der Veranstaltung hinwies und publik machte, dass die WTG mal wieder einige nichtsahnende Behördenvertreter gefunden hatten, um ihrer PR-Aktion den nötigen öffentlichen Anstrich zu geben.

Zeugen Jehovas geben Einblick in ihre Leidensgeschichte während der nationalsozialistischen Zeit

Widerstandsausstellung hat Probleme mit der Glaubwürdigkeit 

Bei Veranstaltungsreihe im Ständehaus ist auch eine glühende Befürworterin von Scientology unter den Referenten zu finden

Von unserem Redaktionsmitglied Achim Winkel

Angekündigt wird die Veranstaltung als „Zeithistorische Ausstellungen und Veranstaltungsreihe“, und schon der Titel deutet an, dass um eines der schwärzesten Kapitel der deutschen Geschichte einerseits und andererseits um ein sehr trauriges für eine Minderheit geht: Standhaft trotz Verfolgung – Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ ist eine Ausstellung im Ständehaus überschrieben, die am 4. April beginnt und zusammen mit den sie begleiteten Veranstaltungen bis 20. April dauert. Das Programm liegt seit einigen Tagen vor, und die Liste der Referenten im Dienste der Zeugen Jehovas in der Fächerstadt, weist bekannte Teilnehmer aus: Da findet sich Kulturreferent Michael Heck wie auch der Stadthistoriker Manfred Koch, der Präsident des Oberschulamtes, Friedrich Hirsch, ist ebenso mit von der Partie wie Michael Kißener von der als Mitveranstalter fungierenden Forschungsstelle Widerstand an der Karlsruher Universität.

Auf der Liste der Referenten – Hirsch und Heck etwa sprechen aber lediglich Grußworte – befindet sich auch Gabriele Yonan, die als „Religionswissenschaftlerin, Berlin“ firmiert. Gabriele Yonans Teilnahme rückt die Veranstaltung der Zeugen Jehovas in ein merkwürdiges Licht: Frau Yonan hat sich bei Kundgebungen von Scientology und auch schriftlich als glühende Befürworterin dieser in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation erwiesen. Zudem existiert eine Einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin, der zufolge Gabriele Yonan untersagt wird, sich als Mitglied der Freien Universität Berlin (FU) Berlin auszugeben (was sie früher getan hat) und sich als Professorin und/oder Religionswissenschaftlerin der FU zu bezeichnen. Eine Scientology-nahe Hochstaplerin als Referentin der Zeugen Jehovas?

Noch ein anderer Punkt ist bei der Veranstaltung der Zeugen Jehovas kritisch: Es gibt verschiedene Auffassungen über bestimmte Fragen im Zusammenhang mit ihrer – allerdings in der Gesamtheit unbestritten – leidvollen Rolle in der nationalsozialistischen Zeit. Tatsache ist, dass in der Hitlerzeit etwa 1.200 der damals etwa 25.000 Personen umfassenden Gemeinschaft der „Ersten Bibelforscher“ in Konzentrationslagern umkamen oder per Gerichtsurteil zum Tode verurteilt wurden, weil sie den Hitlerdienst verweigerten und auch keinen Wehrdienst leisten wollten.

Weniger bekannt ist jedoch, dass die Leitung der Zeugen Jehovas, die deutsche Abteilung der Wachtturmgesellschaft, damals in Magdeburg ansässig, 1933 einen Brief an den „Sehr verehrten Herrn Reichskanzler“ schrieb. Ihm – Adolf Hitler nämlich, wurde die Solidarität der deutschen Zeugen Jehovas mit seinen Zielen versichert. Das Zeugen-Präsidium verurteilt in dem (der BNN in Kopie vorliegenden) Schreiben die Anti-Hitler-Propaganda der „Geschäftsjuden und Katholiken“ und: Die Wachtturmgesellschaft pocht auf Punkt 24 des Programms der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), in dem die Nazis zwar einerseits die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse fordern, gleichzeitig den Kampf gegen den „jüdisch-materialistischen Geist“ festschreiben.

Doch die an der Veranstaltung Beteiligten wollen alles offen ausdiskutieren, auch kritische Punkte in der Geschichte der Zeugen Jehovas. Unbestritten ist aber auch, dassallein schon durch den offiziellen Charakter der Veranstaltung – im Ständehaus unter Beteiligung von „Amtpersonen“ – auch die aktuelle Situation der Zeugen Jehovas eine Aufwertung erfährt.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten vom 21.03.2000

Körperschaftsstatus

„Gut Wetter" für das BVG

Die Zielrichtung der Veranstaltung der Zeugen Jehovas ist klar: Die in Deutschland möglicherweise bis zu 300 000 Mitglieder starke Gruppierung (in Karlsruhe geschätzte 500) will den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ erlangen.

Auf gerichtlichem Weg eingeklagt, versagte zuletzt das Bundesverwaltungsgericht in Berlin einen positiven Bescheid mit dem Hinweis darauf, dass eine steuerlich begünstigte und mit rechtlichen Privilegien versehene „Körperschaft des öffentlichen Rechtes“ den Statt unterstützen müsse. Die Zeugen verweigern jedoch Wehr- und Ersatzdienst und wünschen auch nicht die Teilnahme ihrer Mitglieder an Wahlen, weder aktiv noch passiv. Sie bemühen sich aber „gut Wetter“ zu machen. Beim Wahlrecht wurden über die Verkündungsblätter „Wachtturm“ und „Erwachet“ Modifikationen angedeutet, aber: Die Veranstaltung im April, sowie der zum zweiten Mal in Folge im Wildpark angesetzte „Bezirkskongress“ der Zeugen am ersten Augustwochenende werden von Kritikern der Gruppierung als Mittel angesehen, die Zeugen Jehovas in ein günstiges Licht zu rücken, denn: Beim Bundesverfassungsgericht ist das Verfahren der Zeugen jetzt abhängig(Az. 2BvR 1500/97) und wird dieses Jahr entscheiden.

Badische Neueste Nachrichten vom 21.03.2000

„Die Kritik wird nicht ausgespart“

Die an den Veranstaltungen im Ständehaus beteiligten Wissenschaftler sehen ihre Rolle bei der Mitwirkung kritisch: „Aus rein historischer Perspektive“ hat sich Michael Kißener von der Forschungsstelle Widerstand zur Teilnahme entschlossen, und er sowie sein Kollege Hubert Roser, Historiker aus Mannheim, werden auch Problematisches ansprechen und Streitpunkte, „die gerne von den Zeugen Jehovas unter den Tisch gekehrt werden“ (Kißener) nicht aussparen.

Michael Koch, der schon vor über 20 Jahren auch über den Widerstand der Zeugen gearbeitet hat und „ihnen nicht positiv gegenübersteht“, war über das üppige Programm erstaunt, das weit über das hinausging, was er von den Vorbesprechungen verstanden hatte. Aber er will sich als Wissenschaftler nicht verweigernund hat „Respekt vor dem mutigen ampf der Zeugen gegen das NS-Regime“.

Kultreferent Michael Heck sieht in der Veranstaltung ein „Erinnern an einen stadtgeschichtlichen Aspekt“ und ein „berechtigtes Thema der Opfergruppe“.

Es wurde außerdem klar vereinbart, dass es keine Missionierungsarbeit der Zeugen geben darf. Oberschulamtspräsident Friedrich Hirsch schließlich hat sich bei der Anfrage der zeugen wegen eines Grußwortes „nur Gutes“ gedacht, zumal auch Heck als Redner genannt wurde. Dass ein Scientology-nahe Frau mitmacht, hat er vorher ebenso wie Heck nicht gewusst.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten vom 21.03.2000

Stellungnahme der Initiative AUSSTIEG zur Ausstellung der Zeugen Jehovas "Standhaft trotz Verfolgung" in Karlsruhe

Die Initiative AUSSTIEG - (ehemalige Sektenmitglieder und deren Angehörige) macht auf die gegenwärtige Propagandaveranstaltung der Wachtturmgesellschaft (Dachorganisation der Zeugen Jehovas) kritisch aufmerksam.

Wie viele andere gesellschaftliche Gruppierungen wurden auch die Zeugen Jehovas von den Nazis verfolgt. "Standhaft trotz Verfolgung" so lautet die Wanderausstellung mit der die Wachtturmgesellschaft auf die Verfolgung der Zeugen Jehovas im 3. Reich aufmerksam machen möchte. Mehrere hundert Zeugen Jehovas sind in den KZs der Nazis für ihren Glauben umgebracht worden.

Aus Achtung vor den Opfern und deren Hinterbliebenen sieht sich die Initiative AUSSTIEG veranlasst, auf die problematische Rolle und die Verantwortung der Wachtturmgesellschaft an den Leiden vieler Zeugen Jehovas in der Nazizeit aufmerksam zu machen. Die Propaganda der Zeugen Jehovas soll den Eindruck erwecken, als habe die Wachtturmgesellschaft sich nicht nur "neutral" gegenüber Regierungen verhalten, sondern immer schon jede militärische Gewalt und Beteiligungen daran als Soldaten strikt abgelehnt.

Die Initiative AUSSTIEG weist jedoch darauf hin, dass eine Reihe vorliegender Quellen eine andere Sprache sprechen: Kurz nach der Wahl Hitlers sandte die Wachtturmgesellschaft ein Anbiederungsschreiben an den "sehr verehrten Reichskanzler". Sie buhlt darin um die Gunst Adolf Hitlers, beschuldigt "Geschäftsjuden" und andere der Greuelpropaganda gegen Deutschland. Die damalige Einstellung der Wachtturmgesellschaft geht klar aus dem Schreiben hervor: "...dass in dem Verhältnis der Bibelforscher (heute Zeugen Jehovas) Deutschlands zur nationalen Regierung des deutschen Reiches keinerlei Gegensätze vorliegen"

Der Bevollmächtigte der Wachtturmgesellschaft Hans Dollinger versuchte ebenfalls die Gunst der deutschen Regierung zu erlangen. Er schrieb am 5. Januar 1935 einen Brief "An den Führer und Reichskanzler, Herrn Adolf Hitler, persönlich: Ich bin Frontkämpfer, habe u.a das Eiserne Kreuz 1. Klasse, bin 5 mal verwundet (darunter zwei Kopfschüsse) und einmal gasvergiftet. Ich bin nicht vorbestraft und war stets stolz darauf, daß ich Deutscher bin ..." Er schliesst den Brief: "mit deutschem Gruß".

Als diese Versuche, sich ungestört weiter betätigen zu können, fehlschlugen, gingder damalige Präsident der Wachtturmgesellschaft in Amerika J.F.Rutherford auf Konfrontationskurs. Anders als im 1. Weltkrieg galt nun Wehrdienstverbot.

Während in Deutschland hunderte Zeugen Jehovas aus Gehorsam gegenüber der Wachtturmgesellschaft wegen Wehrdienstverweigerung in Konzentrationslagern sassen, erschien in der Zeitschrift "Trost" (Vorläufer des heutigen "Erwachet) im Oktober 1943 eine Erklärung der Wachtturmgesellschaft in der Schweiz.

Zitat:

Wir stellen ausdrücklich fest, daß unsere Vereinigung weder gebietet, noch empfiehlt, noch sonst in irgendeiner Weise nahelegt, gegen militärische Vorschriften zu handeln. Derartige Fragen werden weder in unseren Versammlungen noch in den von der Vereinigung herausgegebenen Schriften behandelt. Wir beschäftigen uns überhaupt nicht mit solchen Fragen... ...Hunderte unserer Mitglieder und Glaubensfreunde haben ihre militärischen Pflichten erfüllt und erfüllen sie weiterhin..." (Der Präsident der Zeugen Jehovas in der Schweiz: Ad. Gammenthaler, Sekretär: D. Wiedemann)

Aus Achtung vor den Opfern, die aus Glaubensüberzeugung ihr Leben liessen, möchte die Initiative AUSSTIEG darauf hinweisen, dass eine moralische Mitverantwortung der Wachtturmgesellschaft für die menschlichen Tragödien ihrer Mitglieder in den KZs nicht ausgeschlossen werden kann.

Sekteninitiative AUSSTIEG, Nora Herzog, Sigrid Raquet, Ursula Meschede, Stephan E. Wolf

NS-Widerstandsausstellung der Zeugen Jehovas in Karlsruhe

Die Leitung der Zeugen Jehovas hat, wie viele andere auch, Hitler vollkommen falsch eingeschätzt. Durch ihr starres Verhalten bis hin zur Wehrdienstverweigerung, hat sie zunächst die Nazis provoziert.

Als sie merkte, was sie damit angestellt hatte, hat sie sich zwar intensiv bei Hitler angebiedert, aber zu spät und vergeblich. Solche oder ähnliche Fehleinschätzungen sind auch anderen passiert, keiner aber hatte bis jetzt die Frechheit, die Opfer die er damit verursacht hat, auch noch für Propagandazwecke zu nutzen.

Damit hat diese Organisation zweifellos einen neuen Höhepunkt an Menschenverachtung erreicht.

Wolfang Herzog, Jockgrim

Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

dass diese netten Menschen, die mit dem Wachtturm von Haus zu Haus gehen, etwas mit Scientology zu tun haben, mag überraschen. Und doch gibt es zahlreiche Belege, die dies bestätigen:

Der Bericht des Verfassungsschutzes über Scientology weist auf Verbindungen zu den Zeugen Jehovas hin.

  • In Moskau lässt sich die Wachtturm-Gesellschaft von der selben Rechtsanwältin vertreten, die auch die japanische Giftgas-Sekte Aum Shinrikyo, die koreanische Mun-Sekte und die Hare-Krishnas vertritt.
  • Bei einer Veranstaltung der Mun-Sekte in Wien am 25.10.1997 trat als erster Redner Dr. Reinhard Kohlhofer auf, Rechtsvertreter und Ältester der Zeugen Jehovas
  • Zu einer Konferenz in Brüssel am 13.01.1999 referierte neben Vertretern von Baha'i und Scientology auch Wachtturm Rechtsberater Philip Brumley
  • Außerdem sind führende Vertreter der Wachtturm-Gesellschaft schon seit Jahren Teilnehmer an Konferenzen der Pro-Sekten-Organisation CESNUR – zusammen mit Bahai’i, Soka Gakkai, der Celestial Church of Christ, Ramtha's Schule Alter Weisheit, den Mormonen und natürlich wieder Scientology

Mit anderen Worten, die internationale Sektenszene hat sich längst formiert. Mitten drin die Zeugen Jehovas, die jetzt auch in Karlsruhe das verzerrte Bild einer verfolgten Minderheit präsentieren wollen. Wobei vielleicht der größte Skandal ist, dass mit Unterstützung der Schulbehörden auch ein Seminar zur Einflussnahme auf die Lehrer der Stadt stattfinden soll.

Stephan E. Wolf

Kommentare

In den Anstrengungen der Wachtturm-Gesellschaft, durch Hunderte von Wanderausstellungen an die schrecklichen Leiden von vielen der damaligen Ernsten Bibelforscher in der Nazi-Verfolgung zu erinnern, - einem an sich durchaus berechtigten Anliegen - liegt meines Erachtens allerdings etwas Zwielichtiges, wenig Anständiges, wenn man beobachtet, wie hier diese schrecklichen, vergangenen Leiden von der Führerschaft der Organisation heute verwertet werden, um deren Ziele zu fördern.

Sollte nicht auch einmal daran erinnert werden, wie durch das Verhalten dieser Führung in der damaligen Zeit die Leiden ihrer eigenen Gläubigen vielleicht sogar vermehrt wurden ? Vielleicht hätten diese Menschen weniger leiden müssen, wenn ihre Führer nicht im Oktober 1934 das provozierende und respektlose Telegramm an Hitler gesandt hätten, in dem ihm und seiner Partei Vernichtung angedroht wurde. Kein Wunder dass er seine Fäuste zusammenballte und hysterisch schrie: "Diese Brut wird aus Deutschland ausgerottet werden!" Das war keine leere Drohung. Ich betone: das entschuldigt in keiner Weise das Tun der Verfolger. Aber haben die Führer der Organisation hier das Verfolgungsklima nicht bewusst angeheizt? Wäre es möglicherweise für die Leidenden nicht eine Erleichterung gewesen, wenn sie sich allein auf Einwände aus Glaubens- und Gewissensfragen hätten berufen dürfen, statt gegen die damaligen Gesetze Wachtturm-Literatur zu vervielfältigen, zu verteilen oder in das Land zu schmuggeln? War das ein biblisches, die Verfolgung noch provozierendes Erfordernis oder Anweisung der Leitung der Organisation? Mussten unbedingt Berichte über die Aktivitäten, mussten noch besondere Aktionen durchgeführt werden? Herr Rutherford, der Präsident der Wachtturm-Gesellschaft und seine Mitverantwortlichen sasssen ja weitab, in Brooklyn. In der gleichen Zeit kümmerte sich die Organisation mit Hilfe der amerikanischen Botschaft um das materielle, beschlagnahmte Eigentum der Gesellschaft in Magdeburg, durchaus mit Erfolg. Man möchte die Frage nicht einmal denken, ob man hier sorgfältiger umging als mit dem Leben und Leiden der eigenen Leute. Zweifellos brachte die Organisation durch ihre getreulich befolgten Anweisungen und Aktionen viele in schwere Gefahr, und die Verantwortung dafür wird sie an dem von ihr so oft zitierten Gerichtstag tragen müssen. Aber auch dieser Aspekt der Verfolgungsgeschichte sollte nicht in Vergessenheit geraten, was der Standhaftigkeit der Opfer, dem Mitgefühl für ihre Leiden in keiner Weise Abbruch tut, aber der Selbstdarstellung dieser Organisation gewisse Lichter aufsetzt.

Um so bedauerlicher ist es, dass ehrliche, aber wenig informierte Personen der Öffentlichkeit sich verleiten lassen, durch ihre Begrüssungsworte oder Referate nicht etwa nur den Leiden der Opfer Tribut zu zollen, sondern das Ansehen dieser Organisation aufzuwerten, auch wenn sie sich verbal davon distanzieren möchten. Ich finde es besonders bedauerlich, dass sich auch ein für unsere Jugend Verantwortlicher, ein Oberpräsident des Schulwesens, für einen derartigen Zweck zur Verfügung stellt.

Karl-Heinz Geis, Ehemaliger Kreisaufseher im Auftrag der WTG und über 40 Jahre ein ZJ

Dunkle Seiten der Zeugen Jehovas nicht verschwiegen

Den BNN ist für den mutigen Artikel zu danken, hat er doch Opfer des Naziregimes nicht einfach gewürdigt, sondern auch die dunklen Seiten der "Zeugen Jehovas" nicht verschwiegen. Dass Zeugen Jehovas während der Naziherrschaft verfolgt und teilweise umgebracht wurden, ist zu verurteilen und insofern auch ihrer zu gedenken, wenn es um Opfer des Dritten Reiches geht.

Für alle, denen allerdings an einer Erneuerung des Verhältnisses zur Judenheit liegt, ist es jedoch außerordentlich betrüblich, dass Zeugen Jehovas nicht nur in einer Ergebenheitserklärung gegenüber Hitler von einem "jüdisch-materialistischen Geist" sprachen. Dies könnte mit Überlebensangst entschuldigt werden. Unverzeihlich ist dagegen, dass ausgerechnet Opfer des Naziterrors daraus nichts gelernt haben und heute noch in ihren Schriften erklären, dass "Jehova Gott die natürlichen, beschnittenen Juden verworfen hat", so dass sie "nicht mehr das auserwählte Volk Jehovas" seien. Dies wird mit fragwürdigen, scheinbar biblischen Argumenten begründet: "Die Juden widerstanden Jesus, und deshalb wurden sie von Gott verworfen". Oder "Wegen der Abtrünnigkeit der Juden, die sogar den Sohn Gottes ermordet hatten, wurde das irdische Jerusalem von Gott verworfen".

Wer in seinen Schriften behauptet, dass unter Hitler "über Jehovas Zeugen von Seiten der Nazis eine entsetzliche Verfolgung hereinbrach, die schlimmer war als die der Juden", verharmlost den Judenmord, der unabhängig von Glaube und Gesinnung an allen verübt wurde, die unter die NS-Rassegesetze fielen.

Dr. h.c. Hans Maaß

Jehovas Zeugen und die nur ihnen eigene "Wahrheit"

Die Zeugen Jehovas nehmen für sich in Anspruch, im Besitz der absoluten göttlichen Wahrheit zu sein. Sie wird ihnen - und nur ihnen - angeblich durch "Gottes Kanal" (das sind rund ein Dutzend meist alter Männer in Brooklyn) vermittelt. Diese "Wahrheit" gebietet oder gebot ihnen, Wehrdienst zu verweigern, Zivildienst zu verweigern (bis 1996), an Wahlen nicht teilzunehmen, sowie Bluttransfusionen und vieles mehr abzulehnen. Wahr im Sinne eines Dogmas und wichtigste Grundlage ihres Glaubens ist für Zeugen Jehovas auch, dass Jerusalem im Jahr 607 v. Chr. zerstört wurde und dass auf Grund dieser Tatsache Jesus im Jahr 1914 n. Chr. seine Herrschaft im Himmel angetreten hat. Wenn sich nun diese "göttliche Wahrheit" aber doch nicht als so absolut erweist, wenn sie sich vielmehr wie ein Fähnchen im Wind dreht und auf einmal in die entgegengesetzte Richtung zeigt - ist eine religiöse Gemeinschaft dann noch glaubwürdig?

Tatsächlich kann ein Aussenstehender den vielen Änderungen in der Lehre der Zeugen Jehovas kaum folgen, es sei denn, er liest regelmäßig den "Wachtturm". Und wer verbrigt damit schon seine Zeit? Wer bemerkt schon, dass mit ein paar scheinbar belanglosen Floskeln über staatliche Dienstpflicht die gültige "Wahrheit" ganz nebenbei über Bord geworfen und der bislang mit Ausschluss sanktionierte Zivildienst erlaubt ist?

Insider haben es im Mai 1996 sofort kapiert und leisten nun genauso selbstverständlich Zivildienst wie sie ihn zuvor verweigert hatten. Man prahlt sogar mit einer "erweiterten Erkenntnis von Römer 13" und übersieht dabei völlig, dass die bösen Weltmenschen diese Erkenntnis schon Jahrzehnte vorher hatten. Oder man gebraucht - offenbar auch von Selters gesteuert - die dreiste Lüge, das Verteidigungsministerium habe bis dahin den Zivildienst finanziert.

Seit einigen Wochen dürfen Jehovas Zeugen sogar "die Wahlkabine aufsuchen". dürfen sie gar wählen? Die Wahlkabine dürfen sie aufsuchen, so seltsam das auch klingt, aber "hier ist in Gottes Gegenwart, der Ort, wo seine Zeugen im Einklang mit seinen Geboten und in Übereinstimmung mit ihrem Glauben handeln müssen" (Wachtturm, 1. November 1999). Da sich Gottes Gebote aber nicht geändert haben, nicht einmal mittels seines "Kanals", kann das nur bedeuten, dass nach wie vor nicht gewählt wird - man tut nur so.

Noch immer lehnen die Zeugen Jehovas eine Bluttransfusion ab. Über die "biblische Begründung" dieser Irrlehre mit Apg 15 kann man nur den Kopf schütteln, doch ein Zuwiderhandeln bedeutet den Ausschluss aus der Sekte. Unterwerfung unter das Diktat der Leitung wird auch hier gefordert und koste es das eigene Leben oder das eines Kindes! die Zahl der Opfer soll in die Tausende gehen.

In jedem namhaften Lexikon kann man nachlesen, dass Jerusalem 587 v. Chr. zerstört wurde. Niemand bezweifelt dies, ausser den Zeugen Jehovas, deren Doktrin mit dem falschen Datum 607 buchstäblich steht und fällt. Fallen darf sie jedoch keineswegs, also bleibt man bei 607 und wirft jeden hinaus, der hinter die objektive Wahrheit kommt und diese gar laut äußert.

Hier müssen auch die vielen fehlgeschlagenen Endzeitvorhersagen der Zeugen Jehovas erwähnt werden, die zahllose Menschen in ihrer Lebensplanung gewissenlosmanipuliert haben und die hinterher immer geleugnet wurden. Indoktrination mündiger Menschen, psychischer Druck mit der Androhung der Vernichtung durch Jehova im Falle des Ungehorsams - Sektenführer haben schon immer gewusst, dass Menschen durch Angst zu manipulieren sind.

Die freundlichen Zeugen Jehovas an unserer Tür sind felsenfest davon überzeugt, uns mit ihrer Botschaft die Wahrheit schlechthin zu bringen. Doch sind sie verführte Verführer, die ständig unter Druck stehen und die heute wie damals in der Nazizeit bedingungslosen Gehorsam gegenüber der totalitären Leitung auszuüben haben. Ihnen, den eifrigen Zeitschriftenverbreitern, ist es nicht erlaubt, diese "Wahrheit" auch nur zu hinterfragen oder sie gar in Frage zu stellen.

Ursula Meschede

Hinter Ausstellung steckt mehr als nur Erinnerung

Ohne die Standhaftigkeit der betroffenen Menschen und das Vertrauen in ihren Glauben herabwürdigen zu wollen, möchte ich anmerken, dass im Lauf der Menschheitsgeschichte Millionen Menschen für ihre jeweilige Überzeugung gestorben sind. Um aber bei Glaube und Gott zu bleiben, sei erinnert an: die Christenverfolgung der ersten Jahrhunderte, die Christianisierung der Eroberer in Mittel- und Südamerika, Karl der Große ließ 6.000 Sachsen abschlachten, weil sie keine Christen werden wollten. Ich verweise weiterhin auf alle christlichen Minderheiten in der langen Zeit des Christentums, welche auf die eine oder andere Art Haus, Hof, Heimat und nicht zuletzt das Leben verloren, weil ihre derzeitige Glaubensansicht nicht mit der des momentan Herrschenden übereinstimmte. Es ist also nichts Neues, wenn Menschen für ihre Überzeugung in den Tod gehen. Gerade in der angesprochenen Zeit zwischen 1940 und 1945 sind abertausende Menschen gefangen, gefoltert und hingerichtet worden, nur weil sie anders dachten und handelten.

Wenn jedoch eine Sekte wie die Zeugen Jehovas dergestalt an die Öffentlichkeit gehen, muss man wachsam sein und vorsichtig. Es steckt mehr dahinter als nur das Andenken an Verstorbene zu bewahren. Eine derart auf Expansion ausgerichtete Sekte hat nur ein Ziel: nämlich leichtgläubige Menschen zu finden und in ihre Organisation einzubinden.

Philipp Wagner