Ex-Zeugen klagen Wachtturm-Gesellschaft an

„Alles Lüge“, sagt Erich Kriegisch, der Kaufbeurer Chef-Älteste, zu den Vorwürfen der Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu. Die Zeugen Jehovas seien keine Sekte und haben auch keine Verbindung zu anderen Sekten.

Er bestreitet auch, dass methodisch Druck auf die eigenen Mitglieder ausgeübt werde und dass Ausgestoßene und Abtrünnige gemieden und geächtet sind. Beispiel einer knallharten Sekte, die sich nach außen als eine liebevolle, christliche Gemeinschaft gibt, in der alles nur auf Freiwilligkeit und persönlicher Überzeugung beruht.

Ex – Mitglieder klagen Zeugen Jehovas an

Gemeinschaft weist Kritik als „Lügen“ zurück

Von Klaus-Peter Mayr

Seit jeher gelten die „Zeugen Jehovas“ als verschwiegene Gemeinschaft, über deren Innenleben wenig nach außen dringt. In Kaufbeuren hat sich dies geändert. Aussteiger haben sich zur Selbsthilfegruppe „Sektenausstieg Allgäu“ zusammengetan. Sie plaudern nicht nur Interna aus, sondern klagen die Zeugen auch an. Noch-Mitglieder und Aussteiger bitten um Hilfe, vielerorts hält die Gruppe Vorträge.

Die Zeugen Jehovas bezeichnen die Vorwürfe von „Sektenausstieg Allgäu“ als Lügen.

Gut drei Jahre ist es her, dass Emmy Kriegisch die Zeugen Jehovas verlassen hat. „Wenn man merkt, dass alles Lug und Trug ist, wird man rebellisch“, sagt die 61jährige Kaufbeurerin als Begründung. Doch die Trennung von der 160köpfigen Kaufbeurer „Versammlung“, der sie vorher 26 Jahre lang innig verbunden war, ging schmerzhaft vonstatten.

Denn ihre Rebellion richtet sich auch gegen ihre eigene Familie. Ihr Sohn sowie ihr Bruder, der zugleich Kaufbeurer Chef-Ältester ist, blieben der Gemeinschaft treu. Beide reden nun nicht mehr mit ihr.

Wenn Emmy Kriegisch darüber spricht, beginnt sie zu weinen.

Wer es wagt, die Zeugen Jehovas zu verlassen, gerät in die größte Krise seines Lebens sagt Kriegisch. Doch sie hat nicht resigniert, sondern mit anderen Ex-Zeugen die Selbsthilfegruppe gegründet. Die Gruppe richtet schwere Vorwürfe an die Adresse der Zeugen Jehovas. Sie sei eine totalitäre Organisation, die ihre Mitglieder bespitzele, gängle und Druck ausübe. „Ich weiß von drei Selbstmordversuchen von Jugendlichen“, sagt Gruppenmitbegründer Robert Michael Schlittenbauer. Die Selbsttötungsrate bei den Zeugen sei sehr hoch (was die Polizei nicht bestätigt). Außerdem pflege die Organisation der Zeugen, die Wachturm-Gesellschaft, Kontakte zu Sekten wie Scientology behauptet Schlittenbauer. Seit Gründung vor vier Monaten hat sich die Selbsthilfegruppe laut Schlittenbauer zur gesuchten Ratgeberin entwickelt.

Dutzende von Anrufen gingen ein. Darunter viele von jungen Zeugen Jehovas. Kinder und Jugendliche wüßten oft nicht mehr weiter, weil sie zwischen den Elternteilen stünden, oder weil sie Doppelleben zwischen Elternhaus und Schule führen müssten. “Sie leiden am meisten“. Außerdem sei die Prügelstrafe durch die Eltern an der Tagesordnung“.

Wie wird Ratsuchenden geholfen? „Wir bieten Einzel-und Gruppengespräche an, telefonieren mit Betroffenen und besuchen sie“, sagt Schlittenbauer. Inzwischen sind auch Schulen und Kirchen aus fast allen Allgäuer Städten an „Sktenausstieg“ herangetreten und bitten um Aufklärungsvorträge.

„Alles Lüge“, sagt Erich Kriegisch, der Kaufbeurer Chef-Älteste, zu den Vorwürfen. Die Zeugen Jehovas seien keine Sekte und haben auch keine Verbindung zu anderen Sekten. Er bestreitet auch, dass methodisch Druck auf die eigenen Mitglieder ausgeübt werde und dass Ausgestoßene und Abtrünnige gemieden und geächtet sind. Die Zeugen richten sich in ihrem Verhalten nach dem eigenem Gewissen und nach der Bibel. Und die empfehle nun mal im 2. Johannesbrief (Vers 8 bis 11) jene nicht zu grüßen, die der falschen Lehre anhängen, so Kriegisch. „Jesus war ja auch hart im Angriff auf Schriftgelehrten und Pharisäer.

Quelle: Allgäuer Zeitung (Allgäuer Rundschau) Region Lindau, Kempten, Ulm, Kaufbeuren vom 13. Mai 2000

Leserbrief zum Artikel der Allgäuer Zeitung / Rundschau vom 13. Mai 2000

Thema: „Ex-Mitglieder klagen Zeugen Jehovas an“

Um Mißverständnisse zu vermeiden möchte die „Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu“ wie folgt Stellung nehmen:

Wir sind der Überzeugung, daß die Mehrheit der Zeugen Jehovas anständige Mitmenschen sind und nicht jeder seine Kinder schlägt.

Je nach Temperament legen einige Zeugen Jehovas die Zucht mit der Rute wie in zahlreichen Schriften immer wieder hingewiesen wird doch sehr zum Nachteil der Kinder aus. Während der überwiegende Teil der Zeugen Jehovas sich mit Prügeln und Strafen eher zurückhält, liegen uns einige erschütternde Lebensberichte von Betroffenen vor, die zeigen, daß Kinder furchtbar zugerichtet wurden. In einigen Fällen wurden Kinder derartig durch Prügel eingeschüchtert, daß der Schritt bis zur schweren Mißhandlung und auch sexueller Mißbrauch über Jahre hinweg den Leidensweg vieler Betroffener aufzeigen.

Auch im Internet unter www.xzj-infolink.de werden immer neue Fälle von schweren Verfehlungen und Mißbräuchen an Kindern bekannt.

Es ist verständlich, daß die Wachturm-Gesellschaft aus vielen Gründen ihre Mitglieder vor dem Internet warnt. Immer mehr Betroffene wagen den Schritt an die Öffentlichkeit über das Internet. Dort erfahren kritische Mitglieder und die Öffentlichkeit endlich all die Dinge die bisher mit allen Mitteln verschwiegen wurden. Hierzu gehört auch die Zusammenarbeit mit anderen Sekten wie Scientologie, Moon – Sekte usw.

Diese Tatsachen einfach als Lüge wegzuwischen ist im Zeitalter einer offenen und kritischen Presse und Informationsgesellschaft unglaubwürdig und zeigt, daß immer mehr Mitglieder langsam wach werden und ihren Gurus nicht mehr alles glauben.

Nach Meinung von Herrn Geiss, der über 40 Jahre Mitglied auch in hohen Ämtern der Zeugen war und vor wenigen Tagen über das Innenleben und Gefahren dieser Sekte in Landsberg referierte, sind die einfachen Mitglieder Opfer und Geiseln der übermächtigen Wachturm-Gesellschaft, die das Denken, Verhalten und die Psyche Ihrer Mitglieder von der Wiege bis zur Bahre bestimmt.

Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu, R.M. Schlittenbauer