Apokalyptische Endzeitsekte

Ehemalige Zeugen Jehovas berichten bei einem Vortrag im Pfarrzentrum
Von unserer Mitarbeiterin Hannelore Klug

LANDSBERG - Der Saal ist voll. Am Rednerstisch sitzt still wartend ein elegant gekleideter älterer Herr.

Am anderen Ende des Saales ist ein Bücher – und Informationstisch aufgebaut, der von einem Mitglied der Selbsthilfegruppe „Sektenausstieg Allgäu“ betreut wird. Kaplan Dr. Ulrich Lindel begrüßt die Gäste im Pfarrzentrum „zu den heiligen Engeln“. Rund hundert Männer und Frauen sind der Einladung zu dem Vortrag „Zeugen Jehovas – Es gibt ein Leben nach der Sekte“ gefolgt.

Karl Heinrich Geis, so heißt der ältere Herr berichtet, wie er im Alter von 17 Jahren von den Zeugen Jehovas angeworben wurde und erst vor zwei Jahren, mit 60 Jahren wieder von ihnen loskam. Eindringlich schildert er, wie er und seine Frau die Endzeitprophezeihungen glaubten, interne Vorschriften wie Transfusionsverbot ohne Murren akzeptieren und das nicht Passende „im Rahmen der Unvollkommenheit mit Liebe zudeckten“. Erst 1998 findet er durch einen Zufall den Schlüssel zum Ausstieg. Als er eine befreundete Familie zur Bibelstunde besucht, berichtet der Gastgeber völlig verwirrt von einer Fernsehsendung, die sehr kritisch über die Zeugen Jehovas berichtete. Und führt das mitgeschnittene Video vor.

Tröpfchenweise überzeugen

„Da wurde mir bewußt, dass ich mich in einer apokalyptischen Endzeitsekte befand“ schildert Geis seine Empfindungen. Von nun an ist Vorsicht angesagt, denn „Charly“, wie ihn seine Freunde nennen, will Familie und Freunde, alle Mitglieder der Zeugen Jehovas, nicht verlieren. Er zieht alle bei der Wachtturm-Gesellschaft erlernten rhetorischen Register, überzeugt Frau und Kinder tröpfchenweise. Bis er nach fast acht Wochen durch einen Verrat ertappt und ausgestoßen wird, hat er rund 50 Menschen zum Ausstieg aus der Gruppe bewogen. Heute betont er, dass man die große Masse der Zeugen eher als Opfer betrachten solle. Mehrmals weist er auch auf seinen „Fan-Club“ hin, Mitglieder, die von der Wachtturm-Gesellschaft beauftragt worden seien, seine Vorträge zu besuchen, alles mitzushreiben und detailliert nach Selters/Hessen, dem deutschen Hauptquartier der Zeugen Jehovas zu melden.

Die weltweit arbeitende Gemeinschaft sei streng hirarchisch aufgebaut, die Glieder der leitenden Körperschaft regierten von Brooklyn aus wie absolutistische Herrscher. Die mittlwerweile über Neunzigjährigen Führer der Wachtturm-Gesellschaft (Watchtower-Society) bestimmen das Leben mit Geboten bis hinein ins Schlafzimmer. Der Einzelne werde überwacht, kontrolliert und man strafe sich gegenseitig ab.

Führungsmonopol

Die oberste Leitung beanspruche eine nicht mehr kritisierbare Autorität, ein totales Führungsmonopol. Die Gruppe schließe sich eng zusammen, Außenkontakte seien unerwünscht. Die Mitglieder seien völlig entindividualisiert. „Es geht den Sekten-Gurus immer um Macht. Dieses Gefühl, Leute zu beherrschen, ist das Gefühl, da man immer wieder bei Sekten erkennt“, erläutert Charly Geis die internen Herrschaftsverhältnisse. Die Watchtower-Society besitze ein Milliarden-Vermögen, versuche aber zustzlich staatliche Unterstützung zu erhalten.

Eindringlich schildert Karl-Heinrich Geis, wie Menschen zum Eintritt geködert werden. Durch Hausbesuche werde Interesse geweckt. Für erste Diskussionen ziehe man ausschließlich Bibelstellen heran. Durch intensivste Schulungsmaßnahmen können die Besucher dem Laien nine unwiederlegbare, wasserfeste Argumentation vorgaukeln. Erst dann kommt „das sekten- eigene Material dran. So können die Leute irgendwann nicht mehr zwischen biblischen Lehren und Sektenlehren unterscheiden“

Schwarzes Loch

Aussteiger würden isoliert, es herrsche Kontaktverbot. Da alle sozialen Kontakte innerhalb der Gruppe statt finden, fielen die Menschen danach in ein schwarzes Loch und würden unter Depressionen und Schuldgefühlen leiden. Viele bekämen psychische Probleme bis hin zur Selbstmordgefährdung. Deshalb seien Initiativen wie die „Selbsthilfegruppe Sektenausstieg“ so wichtig betonte Geis. In seinem Schlußwort forderte Gastgeber Kaplan Lindl alle Anwesenden auf, auf dem Heimweg über ihren Glauben nachzudenken, darüber, ob sie jederzeit Rede und Antwort stehen könnten.

Quelle: Landsberger Tagblatt am 16. Mai 2000 / Nr. 112