Neue Polemik von Professor Besier

Professor Gerhard Besier ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg und bekannt für seine ausgeprägte Pro-Sekten-Haltung. An seinem Institut fand Ende 2000 auch eine "Kooperationstagung" statt, auf der sich die altbekannten Personen trafen, die sich in Deutschland für die Zeugen Jehovas stark machen.

Besier scheint in Die Welt ein bereitwilliges Sprachrohr für seine Thesen gefunden zu haben, denn das Blatt räumte ihm schon wiederholt breiten Raum ein, um seine Verharmlosung der Sektenproblematik zu verbreiten. Neuestes Beispiel ist ein Bericht unter seinem Namen zur amerikanischen Auffassung von Religionsfreiheit.

Transatlantischer Kulturkampf

Europa versteht nicht, warum den Amerikanern die Religionsfreiheit heilig ist

Von Gerhard Besier

Im Oktober 1998 verabschiedeten die USA ein Gesetz zum Schutz der Religionsfreiheit in aller Welt. Im State Department wurde eine eigene Abteilung eingerichtet, um die religiöse Verfolgung und Diskriminierung von Einzelnen und Gemeinschaften zu registrieren. Seither gibt diese Stelle einen Jahresbericht heraus, in dem die Verletzungen von Religionsfreiheit festgehalten werden. Für die USA gehört die Religionsfreiheit zum traditionellen Herzstück amerikanischer Grundrechte; wo keine Religionsfreiheit herrsche, seien auch andere Grundrechte nicht hinreichend gesichert.

Nach Auffassung der Amerikaner verletzen auch einige europäische Staaten die Religions- und Gewissensfreiheit, obwohl sie eine Reihe internationaler Verträge zum Schutz derselben unterzeichnet hätten. Im Jahresbericht 2000 wird moniert, dass in Deutschland den Zeugen Jehovas der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verweigert und Scientology nicht als Religion anerkannt werde. An der französischen Religionspolitik wird generell kritisiert, dass sie zwischen "Kulten", den "akzeptierten" Religionen und "Sekten" unterscheide. Letztere würden diskriminiert und ihr Entfaltungsspielraum empfindlich eingeschränkt. Zu den ohnehin schon bestehenden Spannungen zwischen den USA und Europa tritt also ein weiteres ungelöstes Problem.

Der amerikanische Staat enthält sich jeder Beurteilung über die Qualität einer Religion. Im Zusammenhang mit einer beantragten Steuerbefreiung stellt er lediglich fest, ob die betreffende Gemeinschaft tatsächlich religiöse Anliegen verfolgt. Ansonsten werden alle Vereinigungen absolut gleich behandelt. Grundlage dieser Regelung ist eine strikte Trennung von Staat und Kirche, die aber nicht - wie in Frankreich - laizistisch begründet wird, sondern als Garant einer positiven Religionsfreiheit verstanden wissen will: Die Trennung gewährleistet allen Religionsgemeinschaften die gleichberechtigte und ungehinderte Entfaltung, ohne dass der Staat durch Privilegierungen oder Benachteiligungen diese freie Religionsdynamik irgendwie beeinflussen könnte.

Als eine Folge dieser Verhältnisse nimmt die Zahl der Religionsgemeinschaften in den USA ständig zu, und immer mehr amerikanische Bürger - bisher über 70 Prozent - beteiligen sich aktiv am Leben der von ihnen gewählten Religionsgemeinschaft. In Frankreich dagegen, wo seit 1905 eine strikte Trennung von Staat und Kirche unter laizistischen Vorzeichen herrscht, machen 70 Prozent der Bürger keinen Gebrauch von den Angeboten der etablierten Religionen. Diese sind durch das "Licht der Vernunft" gegangen und gründlich säkularisiert. Obwohl in Deutschland mit der "hinkenden Trennung" von Staat und Kirche und einer hohen Privilegierung etablierter Religionsgemeinschaften durch die Verleihung hoheitlicher Rechte (als Körperschaften des öffentlichen Rechts) ganz andere staatskirchenrechtliche Verhältnisse herrschen, sieht es mit der Abstinenz gegenüber dem religiösen Leben ganz ähnlich aus wie in Frankreich.

Trotz der unterschiedlichen staatskirchenrechtlichen Traditionen sind sich beide europäischen Länder darin einig, dass von den so genannten "Sekten" und "Psychogruppen" Gefahren für die Allgemeinheit ausgehen. In den Regierungskommissionen beider Länder wurden Vorwürfe erhoben wie: Bestimmte Religionsgemeinschaften besäßen totalitäre Strukturen und hielten mit psychologischem Terror ihre Anhänger bei der Stange. Doch weder die in Auftrag gegebenen Expertisen noch die Geheimpolizei beziehungsweise der Verfassungsschutz konnten Greifbares zu Tage fördern. Ungeachtet dessen verabschiedete der französische Senat Anfang Mai 2001 ein Antisektengesetz. Deutschland zögert noch, da ein solches Vorgehen auch den Status der beiden großen Volkskirchen berühren könnte.

Bislang werden deren Sektenbeauftragte meist so wahrgenommen, als handele es sich um "Experten" schlechthin und nicht um Bedienstete einer konkurrierenden "Religionsgesellschaft", wie die Religionen im Grundgesetz unterschiedslos heißen. Während gerade der deutsche Protestantismus den "Sekten"-Gegnern eifrig zuarbeitet und alle möglichen "Betroffeneninitiativen" unterstützt, verurteilt der französische Protestantismus das Vorgehen der Pariser Regierung. Da selbst nicht privilegiert wie die Kirchensteuern einnehmenden deutschen Glaubensgeschwister und über Jahrhunderte verfolgt, weiß man dort noch, was es heißt, wegen seiner Glaubensüberzeugungen diskriminiert zu werden.

Nach Verabschiedung des französischen Antisektengesetzes hat sich die amerikanische Regierung "besorgt" über die Entwicklung geäußert. Das neue Gesetz sei "gefährlich vieldeutig" und könne auch ungerechtfertigt angewendet werden. Es ist davon auszugehen, dass im diesjährigen Bericht der USA zur Religionsfreiheit in der Welt Klartext gesprochen wird. Ein transatlantischer Kulturkampf bahnt sich an, dessen Ursachen beide Seiten noch gar nicht so recht verstanden haben. Im säkularisierten Europa streitet man sich - ohne das so deutlich zu sagen - über "Wichtigeres" als Religion und kann darum nicht begreifen, dass im Bewusstsein der Amerikaner die Religion und deren freie wie chancengleiche Ausübung auch in der Gemeinschaft zum Wichtigsten gehört.

Gerhard Besier ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg.

Quelle: Die Welt, 14.6.2001, Autor: Gerhard Besier

Kommentare

Die Gringos sind schlicht das arroganteste Volk dieses Planeten geworden: "...verabschiedeten die USA ein Gesetz zum Schutz der Religionsfreiheit in aller Welt."

Michael

Sind Jehovas Zeugen wirklich benachteiligt?

Steuerfreiheit und Steuervergünstigungen genießen Sie in Deutschland bereits in einem sehr hohen Maße. Ein Nachteil im Hinblick auf die Verhältnisse in USA stellt dies keinesfalls dar. So gesehen geht es Jehovas Zeugen hier in Deutschland genau so gut wie in den USA.

Wo liegt das Problem?

Die hiesigen Verhältnissen ermöglichen der Religion, weil eben noch keine Trennung zwischen Staat und Kirche vollzogen ist, in gewissen Bereichen ein Schlaraffenlanddasein. "Eine Lizenz zum Gelddrucken" nannte eine Politikerin die Absicht der Wachtturmgesellschaft, Körperschaft des öffentlichen Rechts werden zu wollen.

Fazit

Jehovas Zeugen, die Wachtturmgesellschaft also, fühlen sich benachteiligt im Hinblick auf die Vorteile die 'Staatsreligionen' haben. Es geht hier ausschließlich um den finanziellen Aspekt.

Verfolgung und Diskriminierung

Die Wachtturmgesellschaft hat bisher ihre Vorteile und Vergünstigungen nur gemehrt. Wenn sie für gewerbliche Geschäfte die gesetzliche Steuer entrichten muss, ist dies nicht ein etwa gegen die 'Sekte' gerichtetes Verhalten. Diese Steuerpflicht trifft jeden Bürger und jede Firma. Königreichssäle und Kongresssäle entstehen an allen Orten. Predigtdienst ist völlig frei möglich. Kein Bereich des Lebens (Arbeit, Sozialleistungen, Wohnung) wird durch den Staat eingeschränkt, wenn jemand ein Zeuge Jehovas ist.

Jehovas Zeugen, die dahinter stehende Wachtturmgesellschaft also, haben in der Vergangenheit nicht damit gespart, alle anderen Religionen zu diskriminieren und als teuflisch darzustellen. Alle gehörten sie zum Weltreich der falschen Religion und dann gab es da noch die große Religionshure 'Babylon die Große'. Aber oh weh, andere Religionen lassen durch ihre 'Sektenbeauftragten', die sich einmal eingehender mit 'Sekten' beschäftigen und die oberflächliche Betrachtungsweise verlassen haben, ein Wort der Kritik hören. Dann ist die Empörung groß. Doch was passiert wirklich? Statt einer groben und pauschalen Verunglimpfung, wie sie von Seiten der Wachtturmgesellschaft häufig vorgenommen wird, zeigen die 'bösen' Sektenbeauftragten eigentlich nur gelegentlich auf den einen oder anderen Fehler bei der Wachtturmgesellschaft. Doch das ist harmlos im Vergleich dazu, was passiert, wenn die 'religiösen Gegner' erst einmal provoziert worden sind. Oder ist das Absicht? So lange provozieren (siehe Drittes Reich) bis offene Gegnerschaft eintritt? Ein Zeichen für die eigenen Anhänger? Oder nur Ablenkung vom eigenen Versagen? Wie viele Staatsführer haben nur deswegen Kriege angezettelt, nur um das Volk davon abzulenken zu erkennen, wie fehlerhaft und wie verlogen das eigene Verhalten war oder schlicht weg nur, wie in die eigenen Taschen gewirtschaftet wurde.

Bauer

Was Religions/Bekenntnis- freiheit betrifft: Zunächst muß man festhalten was in den USA a priori dem Schutz der Religionsfreiheit unterstellt ist. Religionsfreiheit heißt doch für die Amis, Schutz materieller Organisationen mehr auch nicht. Deren Kampf um ihre Religionsfreiheit geht doch sogar soweit, daß versucht wird, jedes contra-religiöse Argument, welches ja auch Ausdruck negativer Bekenntnisfreiheit und vom gleichen Range ist, wie die positive Bekenntnisfreiheit, im Keim zu ersticken. Auch Besier vertritt hier etwa nicht Rechte von Glaubensmitgliedern - auch wenn sein Wirken mittelbar dieser Sache dient - sondern deren materielle Organisation "die es unter allen Umständen zu erhalten gilt!".

Wer so eine Geisteshaltung bekundet, ist ein Materialist und ein Verräter. Und da ja nunmal die amerikanische Verfassung eh schon Gottgewollt ist, kann jeder Psychopath dort seine Sekte unter den Schutzmantel der amerik. Verfassung gründen. Betroffene Mitglieder und Ex-Glieder finden noch nicht einmal Erwähnung und wenn ja, dann um sie als Nörgler abzustempeln. Es bahnt sich also ein globaler religiöser Kulturkampf an, wenn er sich nicht schon gänzlich entfaltet hat. Und dieser Kampf richtet sich eindeutig gegen gleichberechtigte Dissidenten und deren Sektenberatungsorganisationen. Es gilt dabei, konkurrierendes Gedankengut auszuschalten womit die von religiösen Organisationen eingekaufte Fachwelt (erfolglos!) versucht, faktisch der negativen Bekenntnisfreiheit ein Ende zu setzen und die Amis sind da nicht weniger dran beteiligt. Singnale innerer Vorgänge der jeweiligen religiösen Gemeinschaften in Gestalt kulminierender Sektenberatungsstellen werden von der pro religiösen Fachwelt nur allzu gern als bedeutungsloses Beiwerk abgestempelt. Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hat schon lange durch ihr öffentliches Auftreten bewiesen - besonders in den vergangenen zehn Jahren - das sie sich zum Kulturkampf bekennt und diesen für die Zukunft fortsetzen wird.

Dem obengesagten kann man auch nicht mit dem Argument beikommen, daß Dissidenten ja nur in der Minderheit sind und die Majorität, die in diesen religiösen Gemeinschaften verbleibt, selbstredend die Seriösität der jeweiligen Organisation belegt. Denn nicht die innere Glaubensüberzeugung hält das Individuum in dieser Gemeinschaft, auch wenn von ihm subjektiv diese als ursächliche bindende Kraft so empfunden wird. Faktisch ist es die soziale innere Macht, die auf diese Person einwirkt und sie drinhält. Dafür spricht auch, daß sehr viele, die sich von einer religiösen Organisation trennen, ihren Glauben beibehalten und im Gegenteil dadurch eine viel intensivere Nähe zu Gott erfahren.

Also scheidet eine Glaubensüberzeugung als an eine Organisation bindende Komponente aus und damit das Argument der Majorität.

Wenn die amerikanische Regierung für Religionsfreiheit kämpft, dann bitte schön, soll die das in ihrem Land tun und sich aus den europäischen Konflikten gefälligst raushalten. Sie würde gut daran tun, hin und wieder mal bei ihre so hochgepriesenen Religionsgemeinschaften in eigenem Lande stichprobenweise nach Sprengsätzen abzuklappern. Vieleicht würde die amerik. Regierung auch da noch überlegen, ob sich nicht die Religionsfreiheit verletzen würde, wenn diese eine religiöse Kraft darin hemmen würde, den Sprengsatz hochfliegen zu lassen.

M. Bibleres