Selbstmord auf dem Kongress

War er wirklich schizophren, wie ein Vertreter der Wachtturm-Gesellschaft in aller Eile behauptete, oder zählte er zu den nicht wenigen Zeugen Jehovas, die mit ihrem Leben voller Widersprüche nicht mehr klar kommen? Man wird vermutlich nie erfahren, was den jungen Eloi Barrero Perez dazu veranlasste, sich während des Kongresses vom Dach des Fußballstadions zu stürzen. Geschehen während des Kongresses der Zeugen Jehovas im August 2001 in Rom.

Selbstmord am Tag der Taufe

Im Kongreß der Zeugen Jehovas in Rom begeht ein Jugendlicher Selbstmord. Über tausend getaufte Anhänger im Schwimmbecken

Der Glaube war nicht genug um Eloi Barrero Perez zu retten, seine Hoffnungen sind auf dem Asphalt hinter der Kurve Nord vom Olympischen Stadium in Rom zerschellt.

Es ist halb zehn Uhr vormittags, im großen Fussbalstadion beginnen die 70'000 - 80'000 Zeugen Jehovas den zweiten Tag ihres internationalen Kongresses, während der junge spanische "Bruder" aus Valencia sein noch junges Leben - 28 Jahre ist er alt - beendet. Hoch auf den Zaun der obersten Stufenreihe ist er geklettert und  dann 25 Meter hinunter gestürzt. Jemand versuchte ihn noch zurückzuhalten aber ohne Erfolg, genauso vergebens, wie das Rennen zum Spital S. Giacomo ist.

Es sind keine 24 Stunden vorbei, als die Zeugen zur Religion ermuntert hatten, um die Depression zu besiegen. Jetzt klingt dieser Suizid- Sturz fast schon wie ein spöttischer Widerspruch und die Besorgnis der Organisatoren liest man in ihren Gesichtern.

Die Hypothese des Unfalls dauert nicht lange, nur die Zeit, die es braucht für eine kleine Nachprüfung. Die Zuständigen der Ambulanz, die dem Jungen erste Hilfe leisteten, zeigen auf den Zaun dort oben mit ausgebreiteten Armen, als würden sie sagen, daß man von dort oben nicht versehentlich runterstürzt. Später erklärte der Verantwortliche der knappen 3000 spanischen Delegierten, Oscar Martinez, daß es dem Jungen schlecht ging, er war in Behandlung und am Abend zuvor hatte er sein Unbehagen einem Freund anvertraut und sogar Anspielungen auf einen Selbstmord gemacht. Dieser Zeuge spricht von Schizophrenie, schlimme Krankheit, die vielleicht den Selbstmord erklärt, eine Handlung, - unterstreicht er - " die wir natürlich verurteilen".

Es geschah gerade dort im Sektor der Spanischsprechenden, als Bestätigung des bekannten heißen Temperamentes, dem farbigsten, lebendigsten, mit den Frauen in Flamenco-Tracht.

Niemand, der dort im Publikum saß, scheint die Tragödie gesehen zu haben, aber jemand, der dort entlang dem höchsten Olympischen Gang vorbeiging, zeigte der Ehefrau den genauen Ort des Geschehens.

Gerade heute, ein Festtag für über tausend Taufkandidaten. Ihnen gilt der einzig rhythmische Applaus der großen Menge, während sie um Mittag in Gefolge gegen den Foro Italico gehen. Hier, anstelle des Jordans ist ein weniger tiefes Schwimmbecken - zu wenig Wasser für diese Menschenschar - ; Die Rolle des Teufers übernehmen die "Ältesten" wartend in hüfthohem Wasser mit einem weißen Hemd, das auf der nassen Haut klebt. Es sind nur Männer, da das Priesteramt, für die Zeugen Jehovas wie auch für die Katholiken, die Frauen ausschließen, obwohl der Frauenanteil in der langen Reihe der Taufkandidaten denjenigen der Männer bei weitem übersteigt. Ins Bad einer nach dem anderen, zwei Finger, um die Nasenlöcher zu schließen, den Kopf schnell eintauchen und los geht's aufgeregt als wären sie frisch verheiratet, auf dem Weg werden sie begrüßt mit den Glückwünschen auf ein "gutes christliches Leben". So ist es für die 76- jährige Gina Perinetti, und auch für die 12- jährige Deborah von Sansepolcro, die ihren Vater anruft: "Ich bin glücklich, meinem Schöpfer zu dienen".

Es ist in dieser Gemeinschaft, wo man sich kennen lernt, heiratet, Freundschaften aussucht, man spricht hier die gleiche biblische Sprache. Manchmal aber entscheidet man sich auszusteigen: in voller Freiheit, versichern alle Anhänger, die man interviewt hat, hingegen erzählt jemand, der dies durchgemacht hat: "Es ist ein großes Drama, es heißt die Verbindung mit der ganzen früheren Existenz zu brechen, ein schwieriger emotionaler Weg".

Auch in folgenden italienischen Zeitungen erschien ein Bericht über diesen Vorfall:

  • "La Repubblica" - martedì 14/08/2001
  • "Il Nuovo" - lunedì 13/08/2001
  • "La Nazione - cronaca di Prato" - lunedì 13/08/2001
  • "Il Messaggero" - domenica 12/08/2001
  • "Avvenire" - domenica 12/08/2001
  • "Liberazione" - sabato 11/08/2001
Quelle: Liberazione, Italien, 12.8.2001, Übersetzung: Ross