"Alle haben sich lieb"

Man kann vielleicht unbedarften Menschen ein rosarotes Bild vermitteln. Doch so manche kritischen Journalisten lassen sich nicht so schnell für dumm verkaufen. Typisches Beispiel: ein Bericht in der Märkischen Zeitung.

Eigentlich geht es um den Bau eines Königreichssaal-Zentrums. Doch die Autoren haben den Bogen etwas weiter gespannt und erwähnen auch die Frage der Körperschaft und der Mitgliedschaft bei der UNO. Problematische Punkte, zu denen der wenig überzeugende Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit nicht viel sagen kann.

Die Zeugen Jehovas in Brandenburg erleben einen Aufschwung und bauen Königreichssäle

Alle haben sich lieb
JAN SIMON - BENNO SCHIRRMEISTER - ORANIENBURG - Bereits wieder im Mantel, wendet sich Heinz Großmann noch einmal um. Der freundliche Herr aus Hennigsdorf ist "Vorsitzführender Aufseher der Versammlung Velten" - so heißt das bei den Zeugen Jehovas (ZJ). Zu seiner Mission gehört die Pressearbeit für Brandenburg. Versiert steht er Rede und Antwort - ein Jahr nach der erfolgreichen Verfassungsbeschwerde. Bis dahin hatten die Gerichte die Zeugen Jehovas nicht als vollwertige Religionsgemeinschaft anerkannt. Doch Karlsruhe hob die Negativ-Urteile am 19. Dezember 2000 auf. Höflich stellt Großmann klar: "Nicht wir haben uns verändert, nur die Gesellschaft."

Unsicherheit verrät der Veltener "Älteste" nur ein einziges Mal, ganz am Ende des Gesprächs. "Eigentlich", sagt er schüchtern lächelnd, "haben wir große Reportagen nicht gern. Da müssen Worte gewählt werden ..." Großmann sagt das nicht nur, weil er die intellektuelle Ehrlichkeit" Ungläubiger für beschränkt hält. Auch er selbst, "1974 in die Wahrheit gekommen" und Opfer der DDR-Repression, verlässt sich lieber auf Worte höherer Instanz.

Freifahrtschein ins Paradies

Die Bibel der Wachtturmgesellschaft wird zielstrebig aufgeschlagen, der Zeigefinger gleitet über die Zeilen. Heinz Großmann liest seine Meinung vor. Etwa zur Bluttransfusion: Die Apostelgeschichte verbiete, "Blut zu genießen". Er blickt auf. "Angenommen, da stünde Alkohol statt Blut, dürfte man sich dann welchen spritzen?" Es kommt eben auf die Wortwahl an. Daher der Vorschlag: "Drucken Sie doch Texte aus unserem Wachtturm." Bei denen sei sogar schon Korrektur gelesen.

Das darf man glauben. Denn "Der Wachtturm" verkündigt seit 1879 "Jehovas Königreich" - das Paradies. Hintergrund ist die Überzeugung, jedes politische System sei "Bestandteil der Welt Satans". Ihr Untergang, auf den die Getreuen seit 127 Jahren hoffen, wird eingeläutet von der Schlacht um Armageddon. Weil Gott siegt, haben Wachtturm-Leser einen Freifahrtschein ins bessere Leben.

Anspruch auf Endgültigkeit, der weder Druckfehler noch Irrtümer duldet. Nicht wahrhaben will Großmann daher auch, dass sich die zwölfköpfige "Leitende Körperschaft", die von Brooklyn aus agiert, 1992 der UN angeschlossen hatte. Eine Ehre für viele Gruppierungen, bedeutet es für die ZJ einen Fauxpas: Sie verdammen die Vereinten Nationen seit 1963 als satanisch . Ein UN-Sprecher bestätigt jedoch: "Die Wachtturmgesellschaft ist am 9. Oktober 2001 auf eigenen Antrag entassoziiert worden." Wer hat sich gewandelt? Eine Glaubensfrage.

Die bunten Wachtturm-Heftchen (Auflage 23 Millionen) werden kostenlos abgegeben. Etwa von Michael Harf. Der steht täglich von 8 bis 11 Uhr an der Hauptpost Oranienburg. "Außer bei Regen", schränkt er ein. Das runde Gesicht unter der Schiebermütze strahlt. Gerne erinnert sich der Rentner an seine Bekehrung: "Vor zehn Jahren haben zwei Brüder geklopft. " Heute ist Harf einer der 120 Verkündiger Oranienburgs. In Velten sind es 104, in Hohen Neuendorf 80 Aktive. Im Veltener Business-Park betreiben sie seit 1998 ein Schulungszentrum. Das zweite in den neuen Ländern. Drei große Kongresse finden dort jährlich statt. Die Auswärtigen übernachten in der "Scharfen Kurve". "Angenehme Gäste", bescheinigt Hotel-Chefin Margrit Kraatz. "Sauber, ordentlich, mit wohlerzogenen Kindern."

Das Zentrum ist monumental: 1300 Plätze, zwei Cafeterias, auf der Bühne eine weiße Couchgarnitur wie bei amerikanischen Fernsehpredigern. Neben-, Versorgungs-, Konferenzräume, Tiefgarage, Hausmeisterwohnung und ein zweiter Saal mit Taufbecken: So baut man auf Zukunft. Dass die zumal im Brandenburgischen gesucht wird, hat historische Gründe: Im KZ Sachsenhausen waren 600 Zeugen gefoltert worden. Zurzeit wird die Mark mit Königreichssälen versorgt: Die in Storkow und Rheinsberg sind fertig, der in Neuruppin ist gerade eröffnet. In Frankfurt war Baubeginn, Stahnsdorf und Eggersdorf folgen. Durch Spenden finanziert, werden sie von Mitgliedern errichtet.

Herzliche Umarmung oder Liebesentzug

Nicht anders das 25-Millionen-Mark-Zentrum in Velten: "Die haben wie die Ameisen gearbeitet", sagt Lothar Müller. Auch der Geschäftsführer der Investitionsgesellschaft, die den Business-Park vermarktet, kann nur Gutes berichten. "Keine Beschwerden." Müller lächelt. "Exoten, aber wenn alle Vertragspartner so wären, wäre die Welt in Ordnung." Und auf Nachfrage: "Sachlich und knallhart in der Verhandlung." Seine Ansprechpartner in der Deutschlandzentrale Selters im Taunus hätten alles gehabt: "Rechtsanwälte, Steuerberater, eine Logistikflotte." Er spricht von einem Konzern.

Der Königreichssaal, den sich die Versammlungen Velten und Hohen Neuendorf teilen, liegt gleich eingangs des 20.000-Quadratmeter-Areals. Ein heller Raum, der sonntags früh mit 120 Personen voll besetzt ist. Nur freundliche Gesichter. Alle haben sich lieb.

"Bei der Kindererziehung Jehova nachahmen" - das ist Bruder Herbert Müllers Thema. Sein Vortrag beginnt mit einem Paukenschlag. Eine Kinderstimme klagt vom Tonband: "Heute hat mich meine Mutter umgebracht." Betroffenheit. Bruder Müller baut die Zuhörer gleich wieder auf. "Kinder sind eine Belohnung. Sie müssen geistig geschult werden." Und: "Zucht, das sind nicht unbedingt Schläge. " Freudiges Babygebrabbel beendet die Predigt. Der Saal wird gelüftet. Es geht in die zweite Stunde. Einer der zwölf Ältesten der Versammlung leitet die "biblische Betrachtung des Wachtturms".

Ungestörte Missionsarbeit, dafür sei die rechtliche Anerkennung ihnen wichtig, so Großmann. Dann wäre der Zutritt frei zu öffentlichen Einrichtungen. Empfangen werde man aber auch jetzt schon. Etwa im Asylbewerberheim Stolpe. "Die freuen sich über Kontakt." Strategie emotionaler Nähe? Großmann: "Ja, wir suchen die Nähe der Menschen."

Die herzliche Umarmung ist die Stärke der Gemeinschaft. Und fordert von ihren Gliedern ein gewisses Maß an - wie soll man's sagen? - Selbstverleugnung. Darum gilt den Zeugen auch der "Gemeinschaftsentzug" als ärgste Strafe. Ganz wie Paulus via Großmann spricht: "Böse Menschen sollst du nicht in deiner Mitte dulden."

Status, Lehren, Daten

Status: In Deutschland kämpfen die Zeugen Jehovas (ZJ) um Anerkennung als Körperschaft. In Frankreich als Sekte verboten. Im übrigen Westeuropa Religionsgemeinschaft.

Endzeit-Gemeinde: ZJ hoffen auf ein baldiges Ende der Welt. Für Rechtgläubige fällt dieser Termin mit der Erlösung zusammen. Grundlage der Lehre ist die Bibel.

Apolitischer Lebensentwurf: Der Staat gilt als "Teil der Welt Satans", wird aber geduldet. Keine Beteiligung an Wahlen und Wehrdienst. Seit 1996 ist ziviler Ersatzdienst erlaubt.

Bluttransfusion: Lehnen die ZJ ab. Grund: Die Bibel (Gen 9; Num 17; Apg 15) verbietet, Blutiges zu genießen.

Geschichte: 1874 gegründet von Textilkaufmann Charles T. Russell in Pittsburgh, USA. Seit 1903 in Deutschland aktiv. Im Dritten Reich und ab 1950 in der DDR verboten. In der Bundesrepublik seit 1956 als Verein tätig. 1992 bis 2001 als nicht-staatliche Organisation der UNO assoziiert.

Hauptsitz: Brooklyn; in Deutschland: Selters/Taunus.

Broschüre: "Zion's Watch-Tower" seit 1879, deutsch "Wachtturm", daher auch "Wachtturm-Gesellschaft". Der Name "Zeugen Jehovas" verweist auf die Bibel (Jes 43.10).

Quelle: Märkische Allgemeine, 29.11.2001