Warnerin verliert vielleicht Kirche und Angehörige

Als Barbara Anderson aus Normandy Freitagnachmittag den Königreichssaal der Zeugen Jehovas in Manchester betrat, stand mehr auf dem Spiel als ihre Religionszugehörigkeit. Ihre Familie, die Kinder in der Versammlung, die Kinder in Coffee County, der gesunde Menschenverstand und Anständigkeit: das lag ihr am meisten am Herzen.

Sie ist schon seit Jahrzehnten Angehörige der Religionsgemeinschaft und hat sogar über 11 Jahre für die Wachtturm-Gesellschaft in ihrer Zentrale in Brooklyn gearbeitet. Doch aufgrund der Politik der Religionsgemeinschaft gegenüber Pädophilen besucht sie seit 1997 keine Zusammenkünfte mehr. Aufgrund der Haltung der Kirche gegenüber warnenden Stimmen fürchtet sie, dass sie nie mehr dorthin gehen wird. „Sie haben mich zu einer Rechtskomiteesitzung (innerhalb der Kirche) beordert“, sagte Frau Anderson. „Sie sagen, ich verursache Spaltungen in der Versammlung.“

Jehovas Zeugen, über 100 Jahre alt und allein in den Vereinigten Staaten über eine Million Mitglieder zählend, haben mehrere Strafen für Mitglieder, die außerhalb der Schranken der etablierten Kirchenpolitik handeln. Die drastischste ist der „Gemeinschaftsentzug“ oder die Exkommunikation. Den Mitgliedern wird die Gemeinschaft entzogen, und sie werden von den anderen Mitgliedern der Versammlung geächtet. Selbst wer mit einem ausgeschlossenen Mitglied zusammen lebt, darf nicht mit ihm über geistliche Dinge reden.

Vor dem Treffen mit den Kirchenältesten war Barbara Anderson nicht sicher, welche Anklagen denn genau gegen sie vorgebracht würden, auf die sich ein möglicher Ausschluss gründete, aber sie meint, sie kennt den wahren Grund. Es geht um Pädophile, die Politik der Zeugen Jehovas, das Fernsehmagazin Dateline der NBC und um das, was sie und andere gegen beide Dinge unternommen haben.

Anklagen wegen Kindesmissbrauch erschüttern zwar die Grundfesten der katholischen Kirche, aber Priester auf der ganzen Welt verurteilen diese Taten und die Kirche, weil sie die Täter schützt. Jehovas Zeugen aber verhalten sich, so Barbara Anderson und der Zeuge Jehovas Bill Bowen aus Kentucky, viel schlimmer. Gemäß Bowen, Barbara Anderson und der Organisation silentlambs, die Bowen für missbrauchte Kinder von Zeugen Jehovas ins Leben rief, hat die Religionsgemeinschaft auch geständige Kinderschänder geschützt und sie sogar wieder unter die Leute geschickt, wo sie von Haus zu Haus ihren Glauben bekennen.

Und die Opfer?

Es sind wenigstens zwei Fälle bekannt, wo man den Opfern die Gemeinschaft entzogen hat. In einem Fall ging Erica Rodriguez zu den Ältesten, um ihnen zu berichten, dass ein anderer Ältester (die Führungspersonen dieser Kirche sind immer Männer) sie belästigt hatte. Man sagte ihr, wenn sie die Polizei benachrichtigte, würde man sie ausschließen. Sie wurde geächtet. Der Missbrauchstäter wurde überführt, aus der Versammlung ausgeschlossen, aber später wieder aufgenommen. In einem weiteren Fall steht die Familie Pandelo vor dem Ausschluss; sie wird bereits geächtet, weil sie den Schänder ihrer Tochter – den eigenen Großvater - anzeigten.

Die Politik der Zeugen Jehovas ist es, Mitgliedern nahe zu legen, ihre Probleme innerhalb der Kirche zu lösen, so Barbara Anderson. „Sie sagen, es ist die persönliche Entscheidung der Ältesten, zur Polizei zu gehen, wenn sie von einem Pädophilen wissen. Nicht überall. In einigen Bundesstaaten wie in Tennessee müssen sie den Missbrauch anzeigen”, sagte sie. Die Wachtturm-Politik fordert auch, dass es zwei Augenzeugen oder ein Geständnis des Täters geben muss, um einen Missbrauch zu beweisen, aber Frau Anderson sagte, nicht einmal ein Geständnis schütze die Opfer und künftige Opfer vor weiterem Missbrauch. „Ich weiß von zwei geständigen Kinderschändern in dieser Gegend”, sagte sie. Obwohl die Wachtturm-Gesellschaft erklärt, als Sexualtäter bekannte Personen dürften nur in Begleitung eines weiteren Zeugen von Haus zu Haus gehen, sagt Barbara Anderson, dies sei nicht immer der Fall gewesen. „Das Schlimmste ist, dass ich mit niemandem darüber reden kann. Ich kann wegen Verleumdung ausgeschlossen werden, wenn jemand einen Missbrauch gestanden hat und nicht ausgeschlossen wurde”, sagte sie

Barbara Anderson war nicht die Einzige, die das Problem erkannte. Bowen, auch ihm soll in dieser Woche die Gemeinschaft entzogen werden, war empört und gründete silentlambs. Die Organisation dient nicht nur als Hilfsgruppe für Opfer und ihre Angehörigen, sondern auch als Fürsprecherin für eine Änderung innerhalb der Kirche. Es ist dieses Eintreten, das nun Andersons Stellung in der Kirche bedroht. Sie, Bowen und die Pandelos wurden alle für einen Dateline-Bericht über dieses Thema, der vermutlich Ende dieses Monats gesendet werden soll, interviewt. Sie, Bowen und die Pandelos werden nun in dieser Woche angeklagt, „Spaltungen“ herbeigeführt und weitere geistliche Verbrechen begangen zu haben.

In einem Interview mit der New York Post erklärte J.R. Brown, Sprecher der Zeugen Jehovas, die drohenden Gemeinschaftsentzüge hätten nichts mit dem Dateline-Interview zu tun und „die Kirche wusste nicht davon, dass diese Leute in der Sendung mitwirkten“. Doch eine Untersuchung förderte über sechs Ankündigungen im Internet über das Programm, Aktualisierungen und Namen, alle verbunden mit den Webseiten von silentlambs und der Wachtturm-Gesellschaft, zu Tage. Brown sagte auch, es sei die jeweilige Versammlung vor Ort, die die Entscheidung treffe, Mitglieder verschiedener geistlicher Übertretungen anzuklagen. „Das ist nicht wahr“, sagte Barbara Anderson, die die Ältesten des Königreichssaales in Manchester als gute Freunde ansieht. „Das ist eine Lüge. Sie wussten gar nicht, worum es ging. Die Anweisungen kamen aus Brooklyn.“ Nach dem Treffen mit den Ältesten erklärte Anderson, bei der Anklage gegen sie sei es um einen Artikel gegangen, den sie angeblich für eine Abtrünnigen-Publikation geschrieben habe – wobei Abtrünnige alle die sind, deren Lehren der Religionsgemeinschaft zuwider laufen. Mitglieder können dafür ausgeschlossen werden, dass sie eine Website von Abtrünnigen besuchen, um wie viel mehr dafür, eine zu schreiben. Der Artikel war aus privaten E-Mails zusammengestoppelt worden, die sie einer Freundin geschickt hatte, die einmal einen Nervenzusammenbruch gehabt hatte. Was die Anklage angeht, Spaltungen in der Versammlung verursacht zu haben, da schüttelte Anderson den Kopf. „Sie (die Ältesten ihrer Versammlung) wussten nicht einmal von der Vertuschungsgeschichte für Pädophile“, sagte sie. „Wie kann ich Spaltungen verursachen, wenn sie nicht einmal wussten, was das verursacht haben konnte?” Offensichtlich stimmten ihre Führer zu und sagten ihr, sie würden einen Brief an die Zentrale schicken, dass es keine Beweise für die gegen sie erhobene Anklage gebe. In bizarrer Catch-22-Manier wurde sie gebeten, ob sie nicht an die Abtrünnigen-Publikation schreiben und darum bitten könne, dass sie die Herkunft der Quelle erklären und sie dann entfernen könnten – und damit etwas tun würde, wofür sie einen Gemeinschaftsentzug bekommen könnte. Der eigentliche Grund hinter den Anschuldigungen ist, so glaubt sie, das Dateline-Programm. Wenn man allen Mitgliedern, die in der Sendung auftreten sollen, vor dem Sendetermin die Gemeinschaft entzieht, dann wird sich kein praktizierender Zeuge Jehovas das Programm ansehen, er wird es meiden – und damit auch die Informationen, die es vermitteln könnte. Ihre Stellung in der Kirche ist noch immer unklar. Sie muss immer noch einen Ausschluss gewärtigen, ein Ergebnis, das verheerend wäre. „Das ist mein Leben“, sagte sie. Ihr Mann Joe, mit dem sie fast 45 Jahre verheiratet ist, ist Ältester, und ihr Sohn, ihre Schwiegertochter und ihr Enkel sind alle Mitglieder der Kirche. Wenn man ihr die Gemeinschaft entzieht, wird ihr Mann wohl auch bestraft werden, und ihr Sohn und seine Familie müssten sie auch ächten. Das ist ganz und gar nicht die Zukunft, die sich Frau Anderson wünscht, aber das ist ein Ergebnis, mit dem sie leben kann, wenn sie muss. Ganz am Ende, sagte sie, muss es eine Änderung in der Politik der Kirche geben, die noch die Pädophilen schützt. Vielmehr müssen die Opfer geschützt werden. „Ich werde meinen Sohn verlieren, weil ich Zeugenkinder schütze“, sagte sie. „Ich werde meinen eigenen Enkel verlieren, weil ich Zeugenkinder schütze.“

Quelle: The Tullahoma News, 11.5.2002