Kirche oder Sekte? Zeugen Jehovas klagen auf Anerkennung

Die einen nennen sie Idealisten, die anderen warnen, sie seien eine Sekte. Sie selbst fordern gleiche Rechte wie die großen Kirchen. Wer oder was sind sie wirklich?

Ein Film von Gaby Fuest und Monika Schuck

0´49

Die einen nennen sie Idealisten, die anderen warnen, sie seien eine Sekte. Sie selbst fordern gleiche Rechte wie die großen Kirchen. Wer oder was sind sie wirklich?

1´14

Dreimal in der Woche treffen sich die Zeugen Jehovas im Königreichssaal, so nennen sie ihren Versammlungs- und Gebetsort. Rund 200.000 Menschen bekennen sich in Deutschland zu diesem Glauben.

1´25

Djamile ist 16 und von Geburt an in dieser Glaubensgemeinschaft. Die Zentrale der Zeugen Jehovas hat erlaubt, dass sie und ihre Familie in diesem Film Auskunft geben.

1´33

So wie sie gibt es sechs Millionen Zeugen weltweit. Die Taufe ist Höhepunkt für jeden gläubigen Zeugen. Damit werden sie vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft und können auch ausgeschlossen werden, wenn sie die strengen Regeln nicht befolgen.

1´53

Seit 1993 klagen die Zeugen Jehovas vor Gericht, sie wollen endlich den großen Kirchen gleichgestellt werden. Die Gemeinschaft will weg vom Image der Sekte. Aber es geht um mehr.

2´04 – 2´22 O-Ton Rudtke

"Wir rechnen damit, dass wir das gewinnen."

Frage: „Warum ist das für sie so wichtig, die Körperschaft öffentlichen Rechts zu bekommen?"

„Das ist vom Gesetzgeber so vorgesehen, dass Religionen Körperschaft öffentlichen Rechts sein dürfen, und wir wollen von der Möglichkeit eine optimale Privilegierung zu bekommen, Gebrauch machen."

2´23

Die Richter müssen entscheiden, ob die ZJ künftig Kirchensteuern erheben dürfen, eigenen Religionsunterricht geben oder Kindergärten einrichten.

Dafür sind die ZJ bereit, bis zur letzten Instanz zu klagen.

Viele Zeugen werden gehört werden.

2´39

Wolf-Dietrich Patermann vom Berliner Senat vertritt die Position des Landes Berlin. Das hat Bedenken gegen eine solche Anerkennung.

Insert: Wolf Dietrich Patermann - ehemaliger Leiter der Kirchenabteilung im Berliner Senat

2´48 – 3´17 O-Ton Patermann

"Die ZJ sind eine Religionsgemeinschaft, die anders als die meisten

Religionsgemeinschaften, bisher wenig Kontakt zum Staat gehabt haben, dieses auch aus biblischen Überlegungen ablehnen, und dann sehen wir in der Art und Weise wie sie mit ihren Anhängern umgehen doch ein Element eines totalitären Zwangssystems, das wir nicht noch dadurch anerkennen wollen, dass wir die staatliche Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts gewähren."

3´18

Ein totalitäres Zwangssystem? Was ist dran an diesen Vorwürfen?

Wer steht hinter dieser Organisation?

Selters im Taunus. Hier befindet sich die Deutschlandzentrale.

Eintausendzweihundert Gläubige leben in diesem Ortsteil in einer ordensähnlichen Gemeinschaft, sogenannte Vollzeitdiener. Innerhalb der Organisation sind sie hoch angesehen. Ausschließlich alleinstehende Männer und kinderlose Ehepaare dürfen hier kostenfrei leben und für ein Taschengeld arbeiten.

Rentenversichert ist niemand.

Die Publikationen „Wachtturm" und „Erwachet" gehen von hier aus in mehr als 30 Länder der Welt – Millionenauflagen.

Der strenge Tagesablauf sieht tägliches Bibelstudium vor.

Die Zeugen haben eine eigene Bibelübersetzung und glauben, dass wir in der Endzeit leben, Harmagedon, der Weltuntergang kurz bevor steht.

4´17 Insert Bibelzitat

„Und es entstanden Blitze und Stimmen und Donner, und ein großes Erdbeben ereignete sich, wie sich ein solches nicht ereignet hatte, seitdem es Menschen auf der Erde gibt, ein so weitreichendes, so großes Erdbeben."

4´37

Nur wer streng nach den selbst interpretierten biblischen Grundsätzen des Alten und Neuen Testaments lebe, werde die Schlacht von Harmagedon überleben, habe Hoffnung auf ein Leben im Paradies. So steht es in den Schriften.

Die Zeugen ein auserwähltes Volk?

Offizielle Stellungnahmen klingen überraschend anders.

4´55 – 5´12 O- Ton Rudtke

„Wer gerettet wird, sagt die Bibel, das entscheidet einzig und allein Jehova Gott. Das ist also seine Sache festzustellen wer gerettet wird, wer am Leben bleibt, wer nicht am Leben bleibt, wer aufersteht, wer aus den Gräbern zurückkehrt, da trauen wir uns kein Urteil zu."

5´13

Ein langjähriger Ältester hält das für eine Lüge. Er ist seit 45 Jahren Mitglied der ZJ und erzählt von zwei Wahrheiten: eine für die Öffentlichkeit, eine für die Mitglieder.

5´28 – 5´54 O-Ton Paul Kuberek

„Ein weiter ganz wichtiger Faktor ist die Angst vor der Vernichtung. Auch das ein Beispiel wie die Zeugen sich extern ganz anders darstellen als intern: Die Zeugen sagen extern, dass viele die Möglichkeit haben von Gott gerettet zu werden, aber intern gibt es ganz knallharte Fakten, auch in der Literatur, das nur Zeugen, und nicht nur Zeugen, sondern nur aktive Zeugen Harmagedon überleben werden."

(Videoausschnitt..)

Off – Ton

„Die Bibel prophezeit nach Psalm 37, das gerechte Menschen für immer auf einer paradiesischen Erde leben werden und – wie wunderbar Jehova verheisst uns gemäss 21 Vers 4: Er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein, die früheren Dinge sind vergangen."

6´33 – 7´30 O-Ton Anja Jablonski

„Ich denke, dass wir in einer ganz besonderen Zeit leben, gemäß der biblischen Chronologie und Prophezeiung gehen wir davon aus, dass wir in einem Schlussteil dieses Systems leben und wir haben die Hoffnung klar vor Augen, dass wir die Chance haben unter einer globalen göttlichen Regierung zu leben, auf einer paradiesischen Erde, vieles was ich mir eigentlich wünsche, was ich gerne machen würde, ich denke schon ich habe Zeit genug. Ich würde schon gerne Kinder erziehen, aber ich würde sie schon gerne in einer Umgebung erziehen, die nicht so voller Gewalt halt ist. Ich würde ihnen gern eine schöne Umgebung geben, dass sie unbelastet aufwachsen."

Frage: „Wenn Harmagedon in 10 oder 20 Jahren kommt, hier auf der Erde könnten sie dann keine Kinder mehr bekommen. Wäre das im Paradies dann möglich?"

„Nach der biblischen Prophezeiung gehen wir davon aus, wie Hiob es sagte, dass wir jung sind, dass wie die Bibel sagt, die Unvollkommenheit, Krankheit und Tod sind nicht mehr da, dass wir in dem Sinn nicht mehr altern wie heute."

Insert

Schriften der Zeugen Jehovas

7’32

Ein Leben mit Kindern - aber erst nach dem Weltuntergang. Andere Mitglieder der ZJ bestätigen das.

7´39 – 8´03 O-Ton Paul Kuberek

„Wir hätten damals gerne Kinder gehabt u. haben uns der Religion wegen dagegen entschieden, weil wir geglaubt haben, das die Kinder einmal im Paradies leben können, und warum sollen wir die Kinder jetzt hier im bösen System unter Satan aufwachsen lassen? Und es war auch direkt ein Druck von den Zeugen, der auf uns ausgeübt wurde: Kinderkriegen ist falsch, denn dann hat man keine Zeit mehr sich für die Lehre einzusetzen."

8´05

Nicht alle kommen mit den strengen Regeln klar. Im Internet finden sich Berichte von Menschen, die den Druck nicht mehr aushielten, Zweifel an der Lehre bekamen, nicht verstehen konnten, warum z.B. Geburtstags- und Weihnachtsfeiern verboten sein sollen

8´20

Gaby Lohmar war 13 als sie sich taufen ließ. Ihre Eltern hatten hohe Positionen bei den Zeugen Jehovas. Dennoch verließ sie mit 26 Jahren die Gemeinschaft. Sie war körperlich und seelisch am Ende.

8´35 – 9´07 O-Ton Gaby Lohmar

"Der Druck war extrem gross, in vielfältiger Weise eigentlich, einmal religiös, man hatte in den Zusammenkünften immer still zu sitzen egal wie alt man war, ob man das verstand was da gesagt wurde oder nicht war völlig nebensächlich. Man hatte ab einem bestimmten Alter oder einer bestimmten geistigen Reife auch mit in den Predigtdienst zu gehen, musste sich auf alle Zusammenkünfte vorbereiten, man musste dann 3x die Woche zu solchen Zusammenkünften gehen. Es gab Kongresse 3 im Jahr und so weiter. Man hatte einfach zu funktionieren. Das ganze Leben drehte sich eigentlich nur um diese Religion."

9’09

Das Missionieren steht an erster Stelle. Da sie glauben, dass Harmagedon nah ist, sollen noch möglichst viele Menschen gerettet werden, den Zeugen Jehovas beitreten, denn nur dann könnten sie überleben.

9´25

Pascal war 14 als er von Zeugen Jehovas auf der Straße angesprochen wurde. Er war schnell begeistert, wurde ein feuriger Anhänger. Nach einigen Jahren kamen die Zweifel, aber auch die Erschöpfung. Heute geht er an Schulen und informiert über Hintergründe der Glaubensgemeinschaft, will andere vor den Lehren warnen.

9’44 – 10’19 O-Ton Pascal Heymann

„Das war so, dass ich vielen Dingen, die bei den ZJ gefordert sind einfach nicht entsprechen konnte , wie z.B. diesem ganzen Predigtdienstaufwand. Das wurde mir irgendwann zuviel. Oder wie auch z.B., dass ich alle missionieren muss, oder auch dieser Druck, also das ist verboten, dies ist verboten. Man kann sich gar nicht an alle Verbote halten, die dort bei den ZJ sind. Selbst wenn man einmal Fernsehen geguckt hat, hat man sich ja schon gedacht, das ist jetzt Zeitverschwendung. Du hast den wichtigen Dingen, den geistigen Dingen nicht den ersten Platz eingeräumt und damit kannst du letztendlich dein ewiges Leben an den Nagel hängen, aber auch deine Gunst bei Jehova Gott."

10’20

Was Pascal zum Ausstieg bewegte, erlebt die aktive Zeugin Jehovas Djamile als sinnvolle Aufgabe. Für die ist sie bereit viel einzusetzen. Tut sie das freiwillig?

10’29 – 10’59 O-Ton Djamile Bechara

"Es ist ja jedem freigestellt, wie viel er gehen kann oder nicht."

Frage: „Muss man das denn nachweisen, wie lange man unterwegs war?"

„Es geht in diesem Fall um den Jahresbericht wie man dann immer sagt, allgemein zur Information wie viel im Jahr an Stunden von ZJ gegangen wird. Darüber werden wir dann halt informiert, in Zeitschriften oder so. Aber man kriegt jetzt keinen auf den Deckel, also es wird nicht kommentiert von irgendwem. Es wird eingetragen und weggeschickt, damit das in diese Statistik kommt."

10’59 - 11’29 O-Ton Pascal

Frage: „Wie freiwillig ist der Haus-zu-Hausdienst? Wie viele Stunden muss man machen oder ist das dem Einzelnen überlassen?"

„Nein, das ist nicht dem Einzelnen überlassen. Am Ende des Monats muss ein Zeuge Jehovas einen Bericht abgeben. Wenn dieser Bericht nicht abgegeben wird, erfolgt ein Hirtenbesuch. Und, na ja, auf diesen Berichtzetteln, die ich hier auch vor mir liegen hab, steht dann halt wie viel Bücher, Broschüren, Zeitschriften, Rückbesuche, Bibelstudien, alles was man in diesem Monat geleistet hat, das muss dort aufgeführt werden."

11’31

Viel Druck und kaum Platz für Freizeit. Ein Einzelfall? Auch die ehemalige Zeugin Gaby Lohmar war als Kind völlig überfordert.

11’41 – 12’09 O-Ton Gaby Lohmar

"Alles in allem war das extrem. Man hatte einen Tagesablauf, der war so voll, dass irgendwann mal ein Arzt sogar sagte, dass da mal was gestrichen werden müsste in dem Tagesablauf, weil es einfach zu viel für mich sei. Und ich hab auch sehr unter dem Schlafmangel gelitten, muss ich sagen, war ständig übermüdet und nervlich total angeschlagen. Und ich hab manchmal aus nichtigen Anlässen geheult, geheult, geheult, also ich war wirklich krank, seelisch krank."

12’10 – 12’59 O-Ton Paul Kuberek

"Die Zeugen stellen sich so dar, als wenn das alles absolut freiwillig wäre. Auf der Website der Zeugen steht das auch wörtlich so. Ob jemand die Literatur der Zeugen überhaupt verwendet, ob er etwas abgibt im Predigtdienst ist jedem absolut selbst überlassen, und so wird das den Medien gegenüber auch dargestellt. In Wirklichkeit intern wird das ganz anders gehandhabt. Es wird gedrängt viel Literatur abzugeben. Wer das nicht macht wird geächtet. Das wird auch im Predigtdienstbericht auf dem Zettel der monatlich abgegeben wird überwacht. Die Zeugen sagen, es wird nicht überwacht. Es ist in Wirklichkeit eine Überwachung. Und der Älteste, der jetzt für seine Gruppe verantwortlich ist, kriegt die Zahlen und ist gehalten mit jemand, der zu wenig predigt und zu wenig Zeitschriften abgibt, persönlich zu reden und ihn zu animieren, dass er das macht."

13’00 – 13’25 O-Ton Pascal Heymann

„Es kommt dann halt immer wieder dieser subtile Zwang, dass gesagt wird, wenn du das aber nicht tust, in den Predigtdienst gehen, dann wird Jehova dich bestrafen. Dass ist immer das, was über dem Ganzen steht. Und man muss auch eins bei den Berichten sehen, die man monatlich abgibt: Also es gibt nie ein genug, nie ein wir sind zufrieden mit dir, sondern es gibt immer nur ein kannst du nicht noch mehr tun."

13’42

Täglich wird viel Zeit für den Glauben eingesetzt und das neben der Missionsarbeit auf der Straße. Dazu gehört das regelmäßige Studieren der Bibel und der offiziellen Schriften mit der Familie - auch als Vorbereitung für die nächste Zusammenkunft. Das soll Lebenshilfe geben, den Glauben festigen, vor Versuchungen und Gefahren außerhalb der Gemeinschaft schützen. Denn nur dort - da sind sich die Zeugen Jehovas sicher - lauert die Bedrohung.

14’13 – 15’08 O-Ton Jacques Bechara

„Wie die Bibel offen sagt in 1. Johannes 5, Vers 19 glaub ich, dass die ganze Welt liegt in der Macht dessen, der böse ist. Wenn ich darum bete, hat es damit zu tun, dass unsere Jugendlichen frei denken sollten wie sie Gott dienen könnten und nicht nach solchen Dingen wie sie in der Welt vorhanden sind nachstreben: wie z.B. Erfolg, Materialismus, Promiskuität, und so weiter. Das sind Sachen, die auch der Teufel ganz gut verpackt hat, um die Menschen von Gott abzuwenden. Und ich muss sagen, dass Jugendliche auch eine Zielscheibe für den Widersacher sind, weil sie sind unerfahren in vielen Dingen und brauchen auch Hilfe, damit sie erkennen, wo das Gute steht und wo das Böse steht."

15´10

Das Böse lauert außerhalb, überall - so die Botschaft auch in diesem Film der Zeugen Jehovas. Das Video wendet sich speziell an Jugendliche.

Video-Ausschnitt

Insert

"Wie kann ich echte Freunde finden"

Video der Zeugen Jehovas

15´54

Offiziell heißt es, es gebe Freundschaften außerhalb der Gemeinschaft. Aber meistens bleiben sie unter sich wie hier auf dieser Party von Djamile. Rauchen ist strikt verboten, Alkohol in Maßen erlaubt.

Ein Leben wie das anderer Jugendlicher auch? Nicht ganz.

16´16 – 17´35 O-Töne Zeugen Jehovas

Frage:" Was ist bei euch anders als bei anderen Jugendlichen?"

„Nun ja sehr viel anders würd ich bei uns nicht sagen. Was bei uns ein ganz krasser Unterschied zu anderen ist, wir haben keinen Sex vor der Ehe. Wir versuchen uns also da auch immer möglichst auf Distanz zu halten was den Zärtlichkeitsaustausch anbelangt. Klar, man liebt sich, man möchte gern miteinander Zärtlichkeiten austauschen, aber wir haben uns eine Grenze gesetzt bis hierhin und nicht weiter, weil es auch zu unserem eigenen Schutz auch ist, das wir sagen: Stop, bevor es uns zu schwer wird, setzen wir uns einfach Grenzen, die wir auch einhalten."

„Ich für meinen Teil kann nur für mich sprechen, das ist bei Fabienne genau so, wir sehen diese Gebote als absolute Autorität an, und wenn man sich halt darauf konzentriert, ist es gar nicht so schwer und im Endeffekt möchte ich halt vorher auch gar nicht diese Erfahrung sammeln, denn auch viele negative Punkte sind damit verbunden, sexuelle Krankheiten uns so weiter, kann man sich alles in dem Sinne einfangen und da brauch ich mir gar keine Gedanken drüber machen, denn ich lebe nicht so."

Frage: „Empfindest du dich als anders als andere Jugendliche?"

„In gewisser Weise schon, klar, es gibt Sachen, die trennen uns von anderen Jugendlichen. Wir haben z.B. gewisse moralische Grundsätze und halt eben auch, dass wir bei Geburtstagsfeiern und Weihnachtsfeiern dabei sind, aber so groß ist die Kluft eigentlich nicht."

Video-Ausschnitt

Insert

"Wie kann ich echte Freunde finden"

Video der Zeugen Jehovas

18´06 – 18´45 O-Ton Gaby Lohmar

"Die ZJ behaupten immer wieder, dass gerade unter Gottes Volk wie sie sich nennen, echte Freundschaften gepflegt werden und dass es keine besseren Freundschaften gebe als von ZJ untereinander. Aber ich habe das anders kennen gelernt, wir haben gleichzeitig nämlich auch die Anweisung bekommen, wenn der beste Freund an einen herantritt und einem gegenüber Zweifel äußert, das man ihn vor die Wahl zu setzen habe entweder geht er selber zu den Ältesten und erzählt das oder man denunziert ihn bei den Ältesten. Und begründet wurde das Ganze damit, dass die Organisation erstens rein bleiben müsse, und dass man zweitens diesen Glaubensbruder oder die Glaubensschwester wieder auf den Weg des Lebens zurück führen möchte."

18´47

Gaby blieb mit ihren Ängsten und Zweifeln allein. Sie litt unter der Isolation, fühlte sich in der Schule als Außenseiterin.

18´57 – 19´40 O-Ton Gaby Lohmar

"So richtige Freundschaften durfte man gar nicht haben. Das war nicht bei mir so alleine, das ist allgemein so, dass die Wachtturmgesellschaft immer wieder davor warnt zu engen Kontakt mit Außenstehenden zu haben. Und ich wollte einfach nur akzeptiert werden in der Klasse. Nur ich war immer der Außenseiter quasi, ich war ja mehr oder weniger die Nörglerin, wenn man es mal so sieht. Da kam Weihnachten, war klar, alle warteten schon drauf, dass ich sagte, ich kann das und das nicht mitmachen. Oder jemand hatte Geburtstag, ist schon klar, du kriegst keinen Mohrenkopf, du machst da nicht mit. Irgendwann machte das auch keinen Spass mehr, so in der Realschule, wenn man in die Pubertät kam, man will einfach nicht mehr ausgegrenzt werden, man will einfach akzeptiert werden."

Video-Ausschnitt

Insert

„Wie kann ich echte Freunde finden?"

Video der Zeugen Jehovas

20´05

Sie bleiben unter sich, so sind sie den Versuchungen der bedrohlichen Welt nicht ausgeliefert. Wer mehr Freiheiten leben will und geht, sich nicht mehr an die Regeln hält, wird zur Gefahr, für die, die bleiben. Auf der Party ist auch eine junge Zeugin, deren Schwester eigene Wege gegangen ist.

20´20 – 21´19 O-Ton Zeugin Jehovas

„Wir haben halt das Ziel und die Hoffnung in einem Paradies leben zu dürfen, und wenn man jetzt jemanden in der Familie hat, der sich davon absondert, heißt das ja direkt, den in Zukunft zu verlieren, dass er also nicht mit in dem Paradies leben möchte, und das ist für uns alle sehr schwer. Das ist im Grunde genommen fast so, als würde man jemand durch den Tod verlieren, denn meine Schwester ist immer noch da, aber sie hat nicht mehr die selbe Zukunftshoffnung wie wir und das tut uns allen sehr, sehr weh."

Frage:" Wie beurteilst du ihr jetziges Leben? Ist sie in Gefahr für dich?"

„Das würde ich so sehen, ja, denn wenn ich so sehe welche Ziele sie jetzt hat, sie ist ziemlich orientierungslos, sie weiß im Grunde selber nicht was sie will. Ich habe einige ihrer Freunde kennen gelernt, die nun wirklich gar kein Ziel haben, und wir haben ja eine ganz andere Lebenseinstellung: wir wissen was wir wollen, wo wir hin möchten, und sie sieht gar nichts. Und sie hat meines Erachtens, wenn ich das mal so beurteilen darf, auch die falschen Freunde, die sie auch mit auf den falschen Weg nehmen. Und das zu sehen, tut uns sehr sehr weh."

21´22

Mit solchen Videos warnen sie diejenigen, die Zweifel haben und an Austritt denken.

Videoausschnitt „Wie kann ich echte Freunde finden?"

21'35

Und von solchen Leuten sollte man sich fernhalten, denn:

21´37 Zitat:

„Abtrünnigkeit ist in Wahrheit Rebellion gegen Jehova."

21´44 – 22´13 O-Ton Zeugin Jehovas

"Wenn derjenige den Weg nicht ändern möchte, nicht so einhalten möchte wie es die Grundsätze vorsehen, dann wird er halt ausgeschlossen. Dann ist es für uns so, dass es für uns eher schwierig ist damit konform zu werden, denn wir sollen denjenigen dann meiden, noch nicht mal grüßen, das ist eine schwierige Sache, denn man hat ja Kontakt zu demjenigen gehabt, das ist für uns nicht viel leichter wie für denjenigen. Derjenige mag zwar auch darunter leiden, kommt dann dadurch vielleicht auch zur Besinnung, merkt dadurch was er verliert."

22´15

Kontaktsperre und Isolation aus Nächstenliebe? Ähnliches erlebte auch Gaby Lohmar. Als sie die Zeugen verließ, brach ihre Familie den Kontakt zu ihr ab.

Nur wenige kommen damit klar.

22´26 – 22´46 Ton Gaby Lohmar

„Ich bewundere also wirklich jeden, der den Ausstieg schafft, weil sie wissen dann ganz genau, das sie dann ganz alleine dastehen und viele sind dabei, die ganz genau wissen ,dass das alles nicht so richtig ist was da abläuft, gelinde gesagt, die sich aber nicht trauen auszusteigen, weil ihre Familie auch noch drin ist. Und die haben eine panische Angst dann alleine dazustehen."

22´46

Viele werden seelisch krank, suchen therapeutische Hilfe. Im Internet gibt es den Hinweis auf einen Psychologen, der sich auf Kultaussteiger spezialisiert hat: Dieter Rohmann.

23´00 – 23´33 O-Ton Dieter Rohmann

„Ich denk mal, dass Angst eines der Hauptprobleme ist, mit denen Aussteiger aus der Bewegung zu tun haben. Angst, dass sie tatsächlich, durch das Verlassen der Zeugen, gleichzeitig Gott verlassen, bzw., dass sie jetzt Fuß fassen oder versuchen Fuß zu fassen in einer Welt, die von Geburt an ihnen gegenüber als satanisch, negativ, schwarz, dunkel, kalt dargestellt wurde. Das heisst – sie haben Angst, sie haben Angst, dass sie sich tatsächlich in der Hand Satans befinden."

23’35

Wie ist das auszuhalten? Gibt es einen Weg aus dieser Angst, dieser Einsamkeit?

Manfred Feldmeier weiß nach seinem Austritt nur eins sicher: Er will nicht mehr zurück. Seit seiner Kindheit war er bei den Zeugen Jehovas - 36 Jahre lang. Die Gespräche mit dem Psychologen werden bewusst in normaler Umgebung geführt, denn die größte Herausforderung ist jetzt, in den Alltag zurückzufinden.

24´00 – 24’40 O-Ton Manfred Feldmeier

„Für mich persönlich hat`s bedeutet, dass mein ganzes Leben noch mal völlig neu aufgerollt wurde. Ich bin ja von Kind weg dabei gewesen, hab eigentlich nie die Möglichkeit gehabt zu sehen, was in der so genannten bösen Welt eigentlich abläuft. Hab irgendwie nie die Chance gehabt, eigene Entscheidungen zu treffen, denn das wurde einem ja alles von der Organisation abgenommen. Ich hab im Grunde genommen nie die Chance gehabt, erwachsen zu werden. Diesen Prozess gehe ich seit einem Jahr und fühl mich im Prinzip wie ein Jugendlicher mit allem hin und her gerissen, wie so ein Pubertierender. Also, ist teilweise schlimm, aber es ist eine positive Erfahrung, endlich mal selbst leben zu können."

24’41

Das, was ihm in der Kindheit und Jugend nicht vermittelt wurde, holt Manfred Feldmeier jetzt nach. Selbstbestimmt leben, eigene Entscheidungen treffen, Normen in Frage stellen, denn das kam im Erziehungskonzept seiner Eltern nicht vor. Sie schufen die Grundlage für einen gehorsamen Diener Jehovas - so wie es die Wachtturmgesellschaft als Ideal vorsieht.

Er besucht Ruth Schlegel, eine Glaubensschwester aus aktiven Zeiten. Als Mitglied der Gemeinschaft war auch sie tief überzeugt, diesem Erziehungsideal bei ihren eigenen Kindern gerecht werden zu müssen. Dann wurde sie von den Zeugen Jehovas wegen Rauchen und Ehebruch ausgeschlossen. Seither hat sich nicht nur ihr Erziehungsstil geändert.

25’22 – 25’39 O-Ton Ruth Schlegel

„Meine Kinder haben sich verändert, sie sind nicht mehr so geduckt, sie sagen was sie meinen, werden in letzter Zeit sogar ein bisschen frech und versuchen ihre Grenzen auszutesten, was normal ist, was sie früher nicht gemacht haben."

25´40

Wie ist diese Veränderung erklärbar? Liegt sie nur an dem Abschied von einem Leben, das bestimmt war von Bibeltexten, Missionierung, Weltuntergang?

25´50 - 27´09 O-Ton Ruth Schlegel

„Ich muss sagen ich habe das schon sehr genau genommen mit der Erziehung. Ich hab dann natürlich versucht die Kinder in diesem Lichte, was ich ja damals hatte zu erziehen. Es war auch so, dass in den Zusammenkünften, wenn die Kinder unruhig wurden und absolut keinen anderen Weg mehr gesehen haben als ihnen den Hintern vollzuhauen, bin ich halt auch mit den Kindern raus auf die Toilette und hab ihnen den Hintern schon verhauen."

O-Ton Manfred Feldmeier

„Ja das ist so, es steht in den Schriften der WTG so nun drin, dass körperliche Zucht durchaus sinnvoll und erforderlich ist und dann ist es einfach gängige Praxis, man siehts einfach, wenn man mit seinem Baby in der Versammlung ist, oder auch schon vorher in den Jahren, wenn man da war, man siehts einfach wenn die Kinder schreien, gehen die Eltern raus, dann gibt’s Prügel und dann ist das Kind wieder brav und die Eltern gehen wieder rein. Und das speichert sich einfach ab. Man denkt gar nicht gross drüber nach."

O-Ton Gaby Lohmar

Frage:"Würden Sie heute sagen, dass Sie körperlich misshandelt worden sind?"

„Also ich wurde körperlich und seelisch misshandelt. Ich hah mir als Kind oder Jugendliche nie gestattet, diesen Begriff überhaupt zu denken, weil das angeblich ja bei den ZJ nicht der Fall war. Misshandlungen gab es da ja nicht und wenn waren das angeblich Einzelfälle, die sofort geahndet wurden. Mittlerweile weiss ich aber, dass es Misshandlungen waren – auf jeden Fall."

Die finden ihre Rechtfertigung in den Schriften der Zeugen, die bis vor kurzem noch gültig waren.

27’13 Zitat

„Schläge können einem Kind das Leben retten, denn in Gottes Wort heißt es: enthalte doch dem der noch ein Knabe ist die Zucht nicht vor."

27’24 Zitat

„Die Eltern sind Gott gegenüber verpflichtet, die Rute zu gebrauchen, indem sie das Kind in Zucht nehmen. Eltern, die das nicht tun, sind nicht nur verantwortlich dafür, wenn ihr Kind eine Beute des Verderbens und des Todes wird, sondern sie bringen auch Schande über sich und ziehen sich Gottes Missbilligung zu."

27’44 - 29’30 O-Ton Paul Kuberek

Frage: "Heute distanzieren sich die ZJ ja von der körperlichen Züchtigung?"

„Das ist richtig, dass hätten sie gerne auch nie so gesagt, dass man Kinder schlagen soll, es wird aber praktiziert und es wurde praktiziert. Ich kann hier aus meiner eigenen Kindheit erzählen: Ich bin von meinen Eltern so geschlagen worden, dass ich den ganzen Rücken bis zu den Kniekehlen aufgeplatzte, blutige Striemen hatte, wurde dann vom Turnunterricht befreit, der Arzt hat das gedeckt. Ich würde heute beide anzeigen, Eltern und Arzt, wenn ich könnte. Für mich ist das heute Vergangenheit, eine hässlich Vergangenheit, aber ich weiss, dass Kinder bei den Zeugen immer noch geschlagen werden in den Versammlungen, worüber die Zeugen offiziell nicht gerne reden, aber in den Versammlungen ist es weiterhin gerne gesehen und geduldet, dass die Eltern mit den Kindern in den Keller gehen wenn sie unruhig sind. Stellen sie sich vor, ein Kleinkind muss 2 Stunden ruhig sitzen, darf sich nicht rühren, sollte möglichst nicht spielen. Und wenn das Kind laut wird, dann setzt es ein paar."

O-Ton Gaby Lohmar

"Ich hab also selbst miterlebt, auch in meiner letzten Versammlung, dass da Kinder massivst geschlagen wurden. Ich weiss also allein in der Versammlung, wo kleine Kinder extrem geschlagen wurden, also 3 Familien, es handelte sich jeweils um Kinder die zwischen 2 und 4 waren. Ein Mädchen hat hin und wieder einen Klaps bekommen, der andere Junge, dem wurde richtig der Hintern versohlt und bei dem dritten Kind, das war also ein Pflegekind, das vorher noch nie in einem Königreichssaal war, das konnte dann natürlich, logischerweise auch nicht stillsitzen, wurde dann raus genommen in die Toilette und ich hab dann seine Pflegemutter gesehen, wie sie ihm 3 mal mit der Faust richtig kräftig auf den Kopf geschlagen hat und ihn dabei regelrecht beleidigend runtergeputzt hat, ob er nicht mal in seinen dummen Kopf reinkriegen könne, dass er still zu sein hätte in der Versammlung."

29’30

In der Bibel heißt es:

29’33 Zitat

„Wer seine Rute zurückhält, hasst seinen Sohn, wer ihn aber liebt, der sucht ihn sicherlich heim mit Züchtigung."

29’40 – 30’18 O-Ton Gaby Lohmar

"Diese Rute der Zucht, das wird den Mitgliedern immer und immer wieder vorgehalten, damit diese Kinder eben zu richtigen ZJ werden. Sie möchten die Kinder halt drin halten. Es ist wie wenn man in einer Glaskugel drinsitzt, man kann zwar sehen was aussen ist, aber man ist nicht in der Lage rauszugehen.

Und sie wissen ganz genau, wenn die Kinder anfangen, wenn die älter werden, Zweifel zu haben, oder wenn die anfangen, draussen nach irgendetwas zu suchen, das sie dann wahrscheinlich doch Punkte finde,. die sie dazu veranlassen aus der Organisation auszutreten. Und ich gehe davon aus, das sie deswegen versuchen, die Kinder drinzuhalten, und deswegen müssen die halt funktionieren."

30’19

Diese Erziehungsvorgaben der Wachtturmgesellschaft haben sich in den 90er Jahren geändert. Das neue Motto: liebevolle Anleitung statt Zucht. Und so heißt es seitdem in den Schriften

30’37 Zitat

„Ein Kind sollte niemals grausam bestraft werden. Körperliche Gewaltanwendung hat in einer Familie, die nach der Bibel lebt, keinen Platz. Dasselbe trifft auf psychische Misshandlung zu."

30’49 – 31’12 O-Ton Paul Kuberek

"Ich seh hier einen direkten Zusammenhang mit der Körperschaftsklage. Ich hab die Verteidigungs- und die Klageschrift gelesen, also beide Seiten von den Professoren die Argumentationen gelesen, da geht’s sehr viel um Kindererziehung, um das Glücklichsein der Kinder und als das Ganze begann, als diese Schriften aufgestellt wurden, wurden Kinder noch offiziell geschlagen, da wurde das noch so ausgelegt."

31´12

Die Zeugen müssen sich an die Regeln des Staates anpassen, wenn sie die Klage auf juristische Gleichstellung mit den Kirchen gewinnen wollen.

Spätestens seit das Schlagen von Kindern strafbar geworden ist. Auch darum wird es auch in dem Verfahren gehen.

31’27

Aus dieser Gemeinschaft dringt normalerweise nicht viel an die Öffentlichkeit. In letzter Zeit aber trauen sich auch aktive Mitglieder über Missstände zu sprechen. Vor allem jedoch sind es Ehemalige, die ihr Schweigen brechen. Besonders wenn es um so schwerwiegende Verbrechen wie sexuellen Missbrauch an Kindern geht.

Der Vorwurf: Anstatt die Opfer zu schützen und Anzeige zu erstatten, würde es ausschließlich eine interne Befragung geben.

31’53

Ruth Schlegels Kindheit war ein Grauen.

31’58 – 32’35 O-Ton Ruth Schlegel

"Es war so, dass ich von meinem Vater über Jahre hinweg missbraucht und vergewaltigt worden bin. Es fing in einem Alter von neun Jahren an und ging bis ins Alter von 16, 17.

Meine Mutter hat versucht, Hilfe über die Ältesten zu bekommen, sie hat sie eingeschaltet, wo das bekannt wurde, dass das meinen älteren Schwestern das auch widerfahren ist. Und die Ältesten kamen dann auch zu einem Gespräch. Und dann wurde mein Vater nur gefragt, ob er bereut, meine Mutter wurde gefragt: Verzeihst du ihm? Ja, und das war’s im Grunde genommen. Es kamen keine weiteren Schritte."

32’36

Ewelina ist neunzehn und aktive Zeugin Jehovas. Ihr Vater zerstörte ihre Kindheit.

32’43 – 32’59 O-Ton Ewelina

„Mein Vater hat mich über mehrere Jahre, von dem dritten Lebensjahr an, soweit kann ich mich erinnern, sexuell missbraucht. Ich habe dann meiner Mutter nach einer Zeit erzählt, was er mit mir gemacht hat. Meine Mutter war schockiert und hat mir auch in diesem Moment geglaubt."

33’01

Ewelinas Mutter kämpfte innerhalb der Organisation, wollte nicht schweigen. Als sie erfuhr, dass auch ihre andere Tochter vom Vater missbraucht worden war, wandte sie sich aus gutem Glauben nicht an die Polizei, sondern an die Ältesten.

33’10

„Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde" heißt das interne Lehrbuch für Älteste. Es besagt:

33’16 Zitat

„Gewisse Streitigkeiten zwischen Brüdern sollten nicht vor weltlichen Gerichten ausgetragen werden."

Und

33’24 Zitat

„... es liegt bei den Ältesten zu entscheiden, ob die Aussagen glaubwürdig sind."

33’32 – 33’49 O-Ton Ewelina

„Meine Mutter hat sich an die Ältesten gewandt, die haben es nicht geglaubt, und sie haben gefordert, daß wir schweigen, daß meine Mutter nicht vor Gericht geht, keine Anzeige, keine Öffentlichkeit mit einbeziehen, und das meine Mutter vergibt, und zwar für Gott."

33’49 – 34’22 O-Ton Ruth Schlegel

Frage: "Warum wurde nicht die Polizei eingeschaltet?"

Antwort: „Ja, es ist ja immer so, dass gesagt wird, dass man keinen Schmach auf Gottes Namen und die Organisation Gottes bringen sollte. Und das wäre natürlich voll Schmach gewesen, grad zur damaligen Zeit auch. Und das war auch Hauptgrund, dass niemand eingeschaltet wurde, weil, dann wäre ja dieser Schein der da herrscht, dass so was nicht vorkommt bei ihnen, in diesen Reihen, die haben ja so was nicht, das wird ja auch in ihren Zeitschriften, Publikationen auch immer erwähnt, dass das in der Welt so der Fall ist, die so entartet ist.

34’23

Die Gefahr lauert außen – im Innern der Gemeinschaft gibt es diese Verbrechen nicht - so wurde es lange Zeit vermittelt.

34’36

Dass auch sie Teil dieser Welt sind, scheint nicht in die Lehre vom auserwählten Volk zu passen.

34’41- 35’23 O-Ton Paul Kuberek

„Ich kenn‘ einige Fälle, ich war als Ältester damit auch betraut und hab‘ versucht zu helfen. Die Organisation selber möchte das vertuschen und möchte möglichst, das nichts nach außen geht. Es soll keine Anzeige gemacht werden. Da gab es einmal bei einer Ältesten-Schulung einen Vortrag, der kam dann eine Zeitlang später als offizielles Schreiben an die Ältesten. Es ist auch eins der Schreiben, das nur die Ältesten bekommen haben, wo also klar gesagt wurde, daß wir möglichst keine Anzeige machen, dass wir, wenn so etwas passiert, versuchen, demjenigen zu helfen, dass er sogar eventuell sein Dienstamt als Ältester behalten könnte, wenn das passiert. Das ist dann später abgeschwächt worden."

35’24

Ewelina hielt das Schweigen nicht mehr aus. Zufällig erfuhr sie von silentlambs, einer amerikanischen Organisation, die sich für Opfer von sexuellem Missbrauch bei den Zeugen Jehovas einsetzt. Per Internet nimmt sie Kontakt auf, sie steckt in einer tiefen Krise.

35’42 – 36’07 O-Ton Ewelina

„Mir ging es die letzten Monate sehr schlecht, innerlich ging’s mir sehr schlecht, so daß ich eigentlich nur von Tag zu Tag vegetiert habe. Ich habe gesagt: So nur noch ein Tag, und dann schaust du, vielleicht wachst du ja nie mehr auf. Und leider ist es nicht eingetroffen, so wie ich es mir in diesem Moment erwünscht hätte. Und das ist auch so gut."

36’09

Der Kontakt mit silentlambs wird für Ewelina zur Wende in ihrem Leben. Zum ersten Mal traut sie sich, einem Außenstehenden von den sexuellen Übergriffen zu berichten - dem Gründer von silentlambs, Bill Bowen.

36’23 – 36’41 O-Ton Ewelina

„Als ich dann mit Bill gesprochen habe, er hat mir gesagt, diese drei Wörter: „Ich glaube dir!" Das hat mir noch nie jemand gesagt davor, mindestens nicht in diesem Stil, und das hat mich so glücklich gemacht, das hat mich wirklich glücklich gemacht, weil ich wusste, er glaubt mir."

36’45

Dieser Mann gab Ewelina wieder neuen Mut: Bill Bowen - 45 Jahre Zeuge Jehovas. Er organisierte in den USA einen Protestmarsch nach Brooklyn zur weltweiten Zentrale der Zeugen Jehvas.

Einhundertzwanzig Zeugen berichten über das Verbrechen und das Schweigen der Wachtturmgesellschaft.

20 Jahre war Bill Bowen Ältester der Organisation.

Im Jahr 2000 erfuhr er in seiner Versammlung, dass ein Ältester ein Kind missbrauchte.

37’13 – 37’49 O-Ton Bill Bowen

"Ich untersuchte den Fall, wandte mich zehn Monate lang immer wieder an die Wachtturm-Organisation. Es stellte sich heraus, dass er früher bereits ein Kind missbraucht hatte. Das gab er auch zu. Aber während wir untersuchten, machte er offensichtlich weiter, mißbrauchte er ein anderes Kind in der Versammlung.

Nach acht ergebnislosen Anrufen beim Zweigbüro wandte ich mich an die Rechtsabteilung der Zeugen Jehovas und informierte sie über diesen Verdacht. Mir wurde gesagt, ich solle die Sache Jehova überlassen, solle den Bruder fragen, ob er es getan habe, und wenn er es abstreite, die Sache auf sich beruhen lassen."

37’52

Für Ewelina geht ein Wunsch in Erfüllung: Bill Bowen kommt nach Deutschland, will sich für sie und andere Opfer einsetzen.

38’02 – 38’13 O-Ton Ewelina

„Also, ich fühle mich schon ein bißchen komisch ehrlich gesagt, ich bin schon aufgeregt, weil ich Bill sehr viel zu verdanken habe und weil ich mich sehr freue, daß er da ist, einfach, daß er mich unterstützen kann in dieser Zeit."

38’20

Symbol seiner Protestbewegung - das Lamm. Bill Bowen kämpft dafür, das Schweigen zu brechen – weltweit und er überzeugt auch Ewelina, sich mit ihm an die deutsche Zentrale der Zeugen Jehovas zu wenden.

Gemeinsam fahren sie nach Selters, wollen mit Verantwortlichen sprechen.

Wird man sie empfangen?

38’48

In Deutschland gäbe es solche Fälle kaum, heißt es am Telefon. Es sei ein rein amerikanisches Problem. Mehr als ein Telefonkontakt kommt nicht zustande. Man verweist ihn an die amerikanische Zentrale in Brooklyn.

39’02

Präsidiumssprecher Werner Rudtke will sich vor der Fernsehkamera nicht festlegen.

39’07 – 39’45 O-Ton Werner Rudtke

Frage: „Wie viele Fälle von Kindesmissbrauch bei den ZJ sind ihnen bekannt?"

„Mir persönlich muss ich sagen, sind darüber gar keine Fälle bekannt. Nicht weil es solche nicht gibt, sondern weil das in einem anderen Bereich behandelt wird, wo Rechtsangelegenheiten besprochen, diskutiert und korrespondiert werden."

Frage: „Kennen Sie denn Fälle, die bei der Polizei angezeigt wurden?"

„Ja.

Frage: „Und die Täter waren Zeugen Jehovas?"

„Ja."

Frage: „Wie viele Fälle kennen Sie da?"

„Weiß ich nicht im einzelnen. Und wenn ich die einzelnen kennen würde, wollte ich jetzt da nicht die einzelnen Zahlen nennen, um niemanden zu beunruhigen."

39’46

Bisher hatten Kinder kaum Chancen, dass ihnen in einem internen Verfahren geglaubt wird, denn:

39’53 Zitat

„Es muss zwei oder drei Augenzeugen geben, ...gibt es nur einen Zeugen, kann nichts unternommen werden."

40’02 – 40’33 O-Ton Ewelina

„Mir wurde als Kind nicht geglaubt aus dem Grund: Erstens das Alter, ich war ziemlich klein. Ich schien unglaubwürdig. Und zweitens, weil man bei Zeugen Jehovas eigentlich für solche Dinge zwei Zeugen braucht. Das bedeutet,

um einen Missbrauch anzumelden oder Bescheid zu sagen braucht man zwei Zeugen zu einer Zeit. Und das war unmöglich, daß ich zwei Zeugen hatte, dass mein Vater mich sexuell mißbraucht haben soll."

40’34 – 41’00 O-Ton Bill Bowen

over voice

„Sie fragen den Täter, ob er es getan hat. Experten sagen, dass 90 Prozent der Missbraucher lügen. Doch die Führung der Glaubensgemeinschaft sagt, dass keine Anklage Bestand hat, wenn es nicht zwei Augenzeugen gibt.

Was passiert also, wenn der Täter es abstreitet? Dann wenden sie sich an das Kind, fragen, ob es Augenzeugen hat. Kinder haben keine Augenzeugen, wenn sie vergewaltigt werden. In 90 Prozent aller Fälle, die von der

Wachtturm-Organisation untersucht werden, steht das Kind letztendlich als Lügner da."

41´01

Seit kurzem distanziert sich die Wachtturmgesellschaft von der Zwei-Augenzeugenregelung. Ob einem Kind geglaubt wird, entscheiden aber weiterhin Älteste ohne psychologische Schulung.

Ewelina will Anzeige erstatten.

41’12 – 41´35 O-Ton Ewelina

„Ich habe mich entschlossen, weil ich mir dessen bewußt bin, dass wenn ich schweige, ich kein reines Gewissen für mich haben kann, weil ich andere Kinder nicht schütze und indem ich darüber rede, versuche ich, den anderen klar zu machen in der Organisation der Zeugen Jehovas, daß es wichtig ist die Kinder zu schützen und über Missbrauch offen zu sprechen."

41´36

Auch Gaby Lohmar will nicht schweigen, sie ist bereit im Gerichtsfahren um die Anerkennung der Zeugen Jehovas als Körperschaft öffentlichen Rechts demnächst als Zeugin aussagen.

41’44 – 42’00 O-Ton Gaby Lohmar

"Ich möchte einfach, dass endlich mal ganz klar wird, was Kindern angetan wird innerhalb dieser sogenannten Religionsgemeinschaft. Und ich möchte einfach oder ich hoffe, dass es möglich ist, durch so eine Aussage zu bewirken, dass einigen Kindern das erspart bleibt, was mir passiert ist."

42’01

Schlagzeilen über Kindesmißbrauch gab es auch bei den grossen Kirchen. Dennoch sieht der Insider Bill Bowen Unterschiede und warnt davor, die Glaubensgemeinschaft rechtlich gleichzustellen.

42’10 – 42’29 O-Ton Bill Bowen

voice-over

"Jehovas Zeugen sollten solange nicht die Anerkennung bekommen, so lange sie nicht ihre Kinder schützen. Wenn sie das tun und anerkannt werden möchten, soll das Gericht entscheiden. Solange sie sich aber so verhalten, sind sie eine Gefahr – nicht nur für die eigenen Mitglieder, sondern auch für die Gesellschaft, weil die Täter auch an Ihre Haustüre klopfen könnten."

42’33

Noch in diesem Jahr soll es im Rechtsstreit vor dem Oberverwaltungsgericht in Berlin in die nächste Runde gehen. Der Berliner Senat erwartet ein abschliessendes Urteil. Die Richter werden zu prüfen haben, ob es stimmt, dass die Zeugen Jehovas die freie Persönlichkeitsentfaltung ihrer Mitglieder unterdrücken, sie von Gesellschaft und Umwelt isolieren und durch Ausschluss sogenannter Abtrünniger Familien zerstört werden. Ein Musterprozess in Bezug auf die gesamte Sektenszene.

ARD, 2. Juli 2003