Frau erhält in Prozess gegen Kirche 5000 Dollar Schadenersatz, muss aber Rechtskosten bezahlen

TORONTO (CP) - Eine Frau die 5000 Dollar (ca. 3200 EUR) Entschädigung zugesprochen erhielt, nachdem sie den kanadischen Zweig der Zeugen Jehovas der Nachlässigkeit bei der Behandlung von Missbrauchsfällen verklagt hatte, wurde dazu verurteilt, der Gruppe 142.000 Dollar (etwa 89.987,33 Euro, Anm.) an Rechtskosten zu erstatten.

Richterin Anne Molloy entschied am Montag, dass Vicki Boer bis zurück ins Jahr 2001 Rechtskosten an die Watch Tower Bibel and Tract Society of Canada (Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft Kanada, Anm.) erstatten muss. Die Wachtturmgesellschaft muss die Rechtskosten, die bis zum Jahr 2001 anfielen, bezahlen.

Boer schuldet ihrem Anwalt ebenfalls 92.000 Dollar (etwa 58.301,65 Euro, Anm.).

Wir erreichten sie am Montag zu Hause in Fredericton. Sie erklärte, sie "glaube nicht, dass das Rechtssystem so sein sollte."

"Ich dachte, ich würde nicht den Rest meines Lebens zahlen müssen, wo ich diesen kleinen Betrag bekommen und diesen Sieg errungen habe."

Boer lehnte im Jahr 2001 ein Einigungsangebot der Wachtturmgesellschaft über 20.000 Dollar (etwa 12.674,27 Euro, Anm.) ab.

Entsprechend der Ontario Courts of Justice Act Regelung muss Boer die Rechtskosten tragen, obwohl sie den Prozess gewann, weil ihr im Prozess ein geringerer Betrag zugesprochen wurde, als die Rechtskosten der Wachtturmgesellschaft und das ursprüngliche Angebot ausmachten.

"Es war schwer, diesen kleinen Betrag zu gewinnen", sagte Boer. "Aber weil das Rechtssystem so funktioniert, musst du alles bezahlen, wenn der Betrag kleiner ist als das ursprüngliche Angebot."

"Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich sicher in Berufung gehen", fügte sie hinzu.

Boers Ehemann Scott sagte, er wisse nicht, ob die Familie Berufung einlegt.

"Unsere finanziellen Ressourcen sind ziemlich erschöpft, nachdem wir den Fall soweit gebracht haben, und nun sind wir an dem Punkt, an dem wir uns eine Berufung einfach nicht mehr leisten können", sagte er.

"Wir werden das Urteil einfach akzeptieren müssen und wenn wir für einen Sieg Konkurs anmelden müssen, dann müssen wir Konkurs anmelden."

Vicki Boer, die sagt, sie sei im Alter zwischen 11 und 14 sexuell missbraucht worden, klagte die Wachtturmgesellschaft und drei ihrer Ältesten 1998 wegen Vernachlässigung und Pflichtvergessenheit auf 700.000 Dollar (etwa 443.599,49 Euro, Anm.).

Es hat niemals eine strafrechtliche Anklage bezüglich der Missbrauchsbehauptungen gegeben, aber Molloys schriftliches Zivilurteil stellt fest, dass "es keinen wirklichen Streit über die Hintergründe [gab], die... in diesen Prozess mündeten", und dass "die Klägerin von ihrem Vater sexuell missbraucht worden war."

In der Zivilklage behauptete Boer, dass die Ältesten, statt umgehend die Kinderfürsorge (Children's Aid Society, Anm.) zu benachrichtigen, ihr befohlen hätten, keine Hilfe außerhalb der Versammlung zu suchen oder den behaupteten Missbrauch anzuzeigen. Sie sagte auch, dass sie von den Ältesten mit ihrem Vater konfrontiert worden sei, um ihm in Übereinstimmung mit biblischen Prinzipien die Möglichkeit zu geben, seine Sünden zu bereuen.

Boer sagte, die Konfrontation sei traumatisierend gewesen und hätte ihr Leben als Erwachsene sehr erschwert. Unter anderem habe sie einen Nervenzusammenbruch gehabt und sei von ihrer Familie, ihren Freunden und anderen Leuten in ihrer Gemeinde in Shelbourne im südlichen Ontario, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Toronto, verbannt worden.

Die Identität von Opfern sexuellen Missbrauchs wird normalerweise nicht veröffentlicht, doch Boer stimmte der Veröffentlichung ihres Namens zu um ihrem Ziel, das Bewusstsein dafür zu steigern, dass das von ihr behauptete Verbrechen Missbrauch innerhalb der Grenzen der Versammlungen der Zeugen Jehovas war, näher zu kommen.

Als Boer ihren Glauben verließ und außerhalb der Religion heiratete, verlor sie den Kontakt mit ihrer Mutter. Nicht einmal als ihre Mutter Krebs hatte und im Krankenhaus im Sterben lag wurde ihr erlaubt, sie zu besuchen. Es war ihr nicht möglich, sich mit ihrer Mutter zu versöhnen, bevor sie starb. "Sie nahmen mir meine Kindheit und soviel anderes", sagte Boer am Montag. "Und nun ermöglicht ihnen das Rechtssystem, dass sie den Rest meiner Würde und was ich von meiner Familie noch habe nehmen."

Quelle: The Canadian Press, September 2003