Zeugen Jehovas und Scientology: Aussteiger berichten

Auf den ersten Blick scheinen Scientology und die Zeugen Jehovas zwei völlig verschiedene Organsiationen zu sein. Hier der ganz offensichtlich wirtschaftlich ausgerichtete Psychokonzern, dort die klassische Endzeitsekte.

Doch wenn man näher hinschaut, erkennt man bei beiden Organsiationen ähnliche Strukturen und Aussteiger stehen vor ähnlichen Problemen. Kein Wunder, denn beide Organisationen arbeiten hinter den Kulissen schon lange zusammen. In Moskau lassen sie sich von denselben "Sekten-Anwälten" vertreten, bei den Kongressen der Turiner Organisation CESNUR (die in Insiderkreisen als das "Sektenkartell" bekannt ist) sitzen ihre Vertreter einträchtig im selben Konferenzsaal und bei der Lobbyarbeit gegen die angebliche Gefährdung der Religionsfreiheit in Europa geht, tauchen wieder beide Namen auf.

Die österreichische Zeitung KURIER ließ erstmals einen ehemaligen Scientologen und einen exZeugen in einem gemeinsamen Artikel zu Wort kommen.

Sind die Zeugen Jehovas harmlos? Was genau ist Scientology? Zwei Aussteiger erzählen, was sie als Mitglieder jahrelang erlebt haben und warum ihnen die Abkehr so schwer fiel:

„Ich war ein Täter“

Die Reportage „Warten auf Jehova“ über das Leben und den Predigtdienst eines Zeugen Jehovas im KURIER hat zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Während einige Mitglieder der Bekenntnisgemeinschaft kritisierten, dass ihr Glaube in ein schiefes Licht gerückt wurde, meldete sich unter anderem auch Günter Kranzinger zu Wort. Dem Salzburger war der Glaube an das Königreich de facto bereits in die Wiege gelegt worden. Erst mit 33 wagte er es, den Zeugen Jehovas und damit auch seiner Familie und all seinen Freunden den Rücken zu kehren. Mit seinen Erinnerungen, die er nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit anvertraut, widerspricht Günter Kranzinger indirekt all jenen, die eine Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas als völlig unbedenklich bezeichnen.

Ähnlich schwer ist der Ausstieg dem Wiener Wilfried Handl gefallen. Handl war 28 Jahre lang Scientologe, drei Jahre lang in leitender Funktion. Die Berliner Zeitung bezeichnete ihn kürzlich als den ranghöchsten Scientologen in Europa, der sich abgewandt hat und nun über seine Vergangenheit redet. Im Gespräch mit dem KURlER erklärte er unter anderem: „Ich war ein Täter.“ Heute Abend ist Handl in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ im deutschen Fernsehen (ARD/22.45 Uhr) zu sehen.

Beide Männer, Kranzinger wie Handl, berichten, dass sie einige Jahre benötigt haben, um ihr Leben „danach“ neu zu ordnen. Ihre Erinnerungen sind gewiss subjektiv. Martin Felinger von der Gesellschaft gegen Sekten- und Kultgefahren meint jedoch zu wissen, dass beide nicht von Rachegedanken getrieben werden, sondern ihr Insider-Wissen anderen zur Verfügung stellen möchten.

ExZeuge-Jehovas:

Sein Lösungsprozess dauerte sechs Jahre

Sein Weg in den Königreichssaal schien von Anfang an vorgezeichnet: Die Eltern, beide Großeltern-Paare und auch die Geschwister waren Zeugen Jehovas. Daher war dann auch seine Frau eine Zeugin. Und alle seine Freunde waren ebenso Zeugen. „Ich hatte als Kind gar keine andere Wahl“, erklärt Günter Kranzinger heute. Heute ist er Hausbetreuer und Immobilienmakler in Sankt Gilgen.

"Ich war völlig eingeengt in meinem Denken. Schon als ganz kleines Kind hat man mich mit sehr existenziellen Fragen wie Leben, Tod, Satan, Dämonen und mit der Apokalypse regelrecht bombardiert."

Ein Bubentraum

Als Bub träumte Günter Kranzinger dennoch davon, Fußballprofi zu werden.Talent dazu hätte er vielleicht sogar gehabt. Aber nicht die Erlaubnis der Eltern, einem Fußballverein beizutreten. So blieb er ein Zeuge. Mit 27 begann er jedenfalls, bestimmte Vorgehensweisen und Lehren der Zeugen Jehovas zu hinterfragen und sogar einen internen Diskussionsprozess einzuleiten. Dabei habe er für sich zum ersten Mal feststellen müssen, dass zwischen der Selbstdarstellung der Zeugen und der Wirklichkeit eine Lücke klafft: "Aus dem Mosaik einer absoluten Weltanschauung war plötzlich ein Mosaikstein rausgebröckelt." Dennoch benötigte er weitere sechs Jahre, um sich vom Mosaik und damit von seiner Familie zu lösen. Der Austritt sei ihm nicht leicht gefallen: "Für unsere Ehe war das eine Katastrophe. Meine Frau durfte mit mir nicht mehr über religiöse und weltanschauliche Themen reden. Und unsere gemeinsamen Freunde, allesamt Zeugen, wandten sich ausnahmslos von mir ab. Ich war in der ersten Phase ganz auf mich allein gestellt." Über seinen äußerst emotionalen Loslösungsprozess sagt der Ex-Zeuge: "Diese sechs Jahre möchte ich nie wieder erleben. Damals habe ich mich gefühlt, als würde der Boden unter meinen Füßen wegbrechen. Heute wundere ich mich darüber, dass ich meine Emotionen so lange von anderen Menschen kontrollieren ließ."

Happy End? „Ja.“ Seine Frau ist inzwischen auch ausgestiegen. Seine Familie ebenso. Seine Mutter übrigens nach 61 Jahren Bekenntnis zu Jehova. Die Freude darüber, dem Zeugen-System entkommen zu sein, ist inzwischen größer als die Trauer über die verlorenen Jahre. Kranzinger will heute jenen Mut zum Ausstieg machen, „die sich hinter den Mauern des Wachtturms nicht mehr wohl fühlen“. Er kann aus eigener Erfahrung versichern, dass es „auch noch ein Leben danach gibt“.

Ex-Scientologe:

Der Krebs öffnete dem Vorzugsschüler nach 28 Jahren die Augen

„Es war, als hätte ich den Garderoben-Zettel für mein Gehirn wiedergefunden“, erzählt Wilfried Handl über seinen Ausstieg. „Den Zettel“ hatte er demnach 28 Jahre zuvor an der Garderobe abgegeben. Der 51-jährige Wiener war einer der ersten Österreicher, die im Jahr 1974 Scientology beigetreten waren. 28 Jahre glaubte er fest daran, dass er sich mit Seminaren den Durchblick, das „Clear“, wie man in der Scientology-Sprache sagt, erwerben könne. Drei Jahre lang war er auch in leitender Funktion von Scientology in Österreich tätig. Doch dann kam der Krebs in seinen Körper. Erst in die Hoden, dann in die Lunge und in die Nebennieren, am Ende auch in den Kopf. Und der zuvor felsenfest Überzeugte begann, erstmals Fragen zu stellen. „Im Krankenhaus habe ich viel Zeit gehabt“, sagt Handl heute. Was ihn besonders beschäftigte: Seine schwere Krankheit war auf „der Brücke zur völligen Freiheit“ nicht vorgesehen.

Aus den Schriften des Chef-Scientologen L. Ron Hubbard wusste er, dass jede Krankheit durch Abweichen von der Lehre entsteht. Doch wo genau war er abgewichen? Sollten seine Seminare im Gegenwert von deutlich mehr als 100.000 € am Ende gar nichts wert gewesen sein? Keine schönen Gedanken nach 28 Jahren.

Kein Mitgefühl

„Ohne den Hammer der Krankheit und ohne meine Freundin wäre ich von Scientology niemals losgekommen“, sagt Handl, der ein Buch geschrieben hat und auch unentgeltlich Seminare hält. "Das Schlimme an Scientology ist, dass man, so lange man daran glaubt, nichts Böses erkennen mag. Dabei hat dieses System eine absolute Kontrolle meines Bewusstseins und auch meiner Gefühle ausgeübt." Die Bilanz des Aussteigers aus heutiger Sicht: "Ich habe bei Scientology das Mitgefühl für andere Menschen verloren. Es gab außerhalb von Scientology keine Menschen mehr, die mich interessiert haben. Ich habe auch in den 28 Jahren bei Scientology wenig Liebenswertes entdecken können."

Der Aussteiger möchte heute niemanden zum AntiScientologen bekehren: "Ich habe keinen Sendungsauftrag und trage kein Flammenschwert." Dafür kann er mit einer klaren Botschaft aufwarten: "Wenn ich in einer Gemeinschaft nichts hinterfragen darf, dann kann das keine gute Sache sein."

Quelle: Kurier, Wien, Dienstag 3. Jänner 2006