Blutdoktrin der Zeugen Jehovas fordert erneutes Todesopfer

Bestürzung nach Tod von 19-Jährigem

Ärzte mussten einen 19-Jährigen während einer Operation verbluten lassen. Das berichtete die ZiB2 am Mittwoch. Der Zeuge Jehovas hatte eine Bluttransfusion verweigert. Wiens Spitälerchef Wilhelm Marhold reagierte mit Bestürzung.

"Für alle schwer zu verkraften"

"Mich als Arzt macht das enorm betroffen", sagte Marhold, Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV). Für alle Beteiligten sei es schwer zu verkraften, jemandem absolut nicht helfen zu dürfen, obwohl es medizinisch ohne weiteres möglich gewesen wäre.

Ein Fall mit dieser harten Ausprägung sei ihm in 20 Jahren Berufserfahrung das erste Mal bekannt geworden, so Marhold weiter. Meist könne man in Gesprächen mit den Patienten oder Angehörigen eine Lösung finden. Die Vorschriften für Ärzte könne er nicht ändern, die seien bundesgesetzlich geregelt.

Operation nicht überlebt

Der tragische Vorfall ereignete sich auf der Baumgartner Höhe: Der 19-Jährige hatte Eiter in der Lunge und musste operiert werden. An und für sich eine Routineoperation, bei der jedoch ein sehr hoher Blutverlust nicht auszuschließen sei, hieß es gegenüber der ZiB2.

In einer Patientenverfügung hatte der junge Mann kurz zuvor festgelegt, dass er jede Bluttransfusion verweigere. Den Ärzten waren dadurch die Hände gebunden, der Mann überlebte die Operation nicht.

Die Ärzte hätten noch versucht, das ablaufende Blut aufzufangen. Das habe aber nicht gereicht. Der 19-Jährige erlitt wegen Blutmangels letztendlich einen Herzstillstand.

Hintergrund

Die Zeugen Jehovas sind aus religiöser Überzeugung gegen die Übertragung von fremdem oder eigenem Vollblut, Konzentraten aus roten Blutkörperchen, weißen Blutkörperchen oder Blutplättchen. Grundlage dafür ist die biblische Aussage, dass man sich "des Blutes enthalten" sollte, da Blut heilig sei.

Mutter unterstützte 19-Jährigen

Werner Heindl, Facharzt für Intensivmedizin auf der Baumgartner Höhe, sprach von einem schlimmen Fall. "Es ist für einen Arzt schrecklich, wenn er die Patientenautonomie wahren muss, aber Methoden hat, um das Schlimmste zu verhindern - etwa bei einer schweren Blutung eigentlich daneben stehen und zuschauen muss, wie jemand verstirbt, oder verblutet".

Die Mutter des 19-Jährigen habe ihren Sohn bei dessen Entscheidung unterstützt, hieß es. Die Zeugen Jehovas selbst wollten laut ZiB2 zum aktuellen Fall noch keine Stellung nehmen. Nur so viel: Es werde in der Medizin zu viel Blut verwendet. Die Zeugen Jehovas setzen auf medizinische Alternativen zu Bluttransfusionen.

Johannes Huber, Vorsitzender der Bioethikkommission, sagte in der ZiB2, dass er vielleicht als behandelnder Arzt anders entschieden und alles getan hätte, um das Leben des Patienten zu retten. Er sei mit der derzeitigen Regelung nicht glücklich und hoffe auf eine EU-weite Neuregelung.

Patientenwillen achten

"Der Arzt muss den Patientenwillen achten, auch wenn dies de facto auf die Selbsttötung des Patienten hinausläuft." Das war zuletzt 1997 das zentrale Ergebnis einer Rechtstudie der Universität Wien für jene Fälle, in denen jemand - etwa als Zeuge Jehovas - eine notwendige und vielleicht sogar lebensrettende Behandlung nicht zulässt.

Anlass für die Studie war damals der Tod eines Babys, dessen Eltern sich aus religiösen Gründen gegen eine Bluttransfusion ausgesprochen hatten.

Kein Einzelfall

Bei dem 19-Jährigen handelt es sich um keinen Einzelfall. Bereits einmal hätten Eltern Bluttransfusionen bei ihrem zehnjährigen Kind verweigert. Damals sei es aber durch eine Entmündigung der Eltern durch das Gericht möglich gewesen, das Kind zu retten.

Laut ZiB2 wurde das Kind anschließend von den Eltern zur Adoption freigegeben.

Quelle: Österreichischer Rundfunk