Ich war eine Zeugin Jehovas

14 Jahre lebte Christine Stahl nach den Regeln der Zeugen Jehovas. Sie tat alles, um ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Doch dann entschied sie sich für ihren eigenen Willen.

Ernst und angespannt steht Christine Stahl (39) vor dem gelben Postkasten. Immer wieder fällt ihr Blick auf den Brief, den sie in der Hand hält. Als sie ihn einwerfen will, hält sie für einen Moment inne, atmet tief durch und lässt dann das weiße Kuvert in die Dunkelheit des Metallkastens fallen. Zurück im Auto zittert sie am ganzen Körper. „Endlich frei“, ist ihr einziger Gedanke. Und plötzlich merkt sie, wie ihr eine große Last vom Herzen fällt...

Seit jenem Moment im Februar 2006 ist Christine Stahl eine Aussteigerin. 14 Jahre war sie Mitglied bei den Zeugen Jehovas. „Der Ausstieg war lange fällig und wahrscheinlich die beste Entscheidung meines Lebens“, weiß die dreifache Mutter heute. Dabei fing vor 16 Jahren alles so harmlos an. „Ich war damals mit meinen Kindern Tobias und Katharina auf dem Spielplatz, als mich ein Pärchen ansprach“, erinnert sich die Karlsruherin, „Ich war zu der Zeit sehr unglücklich, da ich mich gerade von meinem ersten Mann getrennt hatte. Ich freute mich über die Ablenkung und ließ mich auf ein Gespräch ein.“

„Ich sehnte mich nach Liebe und Geborgenheit“

Von nun an besuchten die beiden Zeugen Christine Stahl zweimal pro Woche. „Ein bis zwei Stunden unterhielten wir uns jedes Mal über Gott und die Bibel - ich genoss die Zeit.“ Das Bild, das sie von den Zeugen Jehovas bekam, gefiel ihr: Zusammenhalt, Nächstenliebe, Gemeinschaft - die Gruppe verkörperte alles, was sie sich ein Leben lang gewünscht hatte. „Meine Kindheit war schwer. Als ich zwei Jahre alt war, wurde meine Mutter ein Pflegefall. Mein Vater trank viel und schlug mich ständig. Und dann noch meine gescheiterte Ehe. Ich sehnte mich einfach nach Liebe und Geborgenheit.“

Bei den Zeugen Jehovas stieß sie mit ihren Sorgen und Ängsten auf offene Ohren. Ein halbes Jahr später ging sie schließlich zum ersten Mal zu einer der regelmäßigen Versammlungen. Für Christine Stahl eine seltsame Erfahrung: „Alle kamen sofort auf mich zu, umarmten mich und interessierten sich für mich. Diese plötzliche Aufmerksamkeit war zwar unangenehm, aber irgendwie auch schön.“ Nach und nach fügte sie sich immer mehr in ihre neue „Familie“ ein. Sie besuchte alle Treffen, zog mit der Zeitschrift „Wachtturm“ von Tür zu Tür, um den Glauben der Zeugen zu predigen und ließ sich ein Jahr später sogar taufen. Nun gehörte sie ganz dazu, fand sogar ihre vermeintlich große Liebe, die sie nach nur drei Monaten heiratete.

Doch mit der Taufe veränderte sich etwas. „Urplötzlich waren die anderen nicht mehr so aufmerksam zu mir wie anfangs. Damals dachte ich mir nichts dabei. Heute weiß ich aber, dass sie einfach nicht mehr um mich kämpfen mussten. Ich war eine von ihnen. Nächstenliebe vorzuheucheln, war nun nicht mehr nötig.“ Erfahrungen wie diese machte Christine Stahl in den nächsten Jahren immer öfter.

Egal ob bei der Betreuung ihrer mittlerweile drei Kinder oder wenn ihr Mann sie mal wieder schlecht behandelte - von ihren „Brüdern und Schwestern“ bekam die gestresste Hausfrau und Mutter keinerlei Unterstützung. Und das, obwohl sie selbst so viel für die Gemeinschaft getan hatte. „Ich war lange Zeit so naiv, alles zu tun, was mir gesagt wurde. Das ging so weit, dass ich meinen Sohn schlug, wenn er während der Versammlung quengelte. Nur weil die Ältesten das von mir verlangten! Ich wollte eine gute Zeugin Jehovas sein. Leider um jeden Preis.“

Doch die Widersprüche zwischen dem, was gelehrt und dem, was gelebt wurde, ließen Christine Stahl immer stärker an der „Wachtturm“-Gesellschaft zweifeln. Langsam fand sie ihren eigenen Willen wieder, den sie mit Eintritt in die Sekte abgelegt hatte. „Als meine Kleinste während einer Versammlung unruhig wurde, schlug ihr eine Frau mit der Hand kräftig auf den Schenkel. Tabitha war gerade ein Jahr alt! Daraufhin flippte ich total aus und schlug zurück. Die anderen waren entsetzt. Aber mir war das in dem Moment völlig egal.“

Das war der Wendepunkt. „In den folgenden Jahren predigte ich nicht mehr, erfand Ausreden, um nicht an Treffen teilnehmen zu müssen, und nahm heimlich wieder alte Kontakte auf, die ich für die Sekte hatte aufgeben müssen.“ Ihr wurde klar: Ich muss aussteigen. Aber wie? „Ich hatte Angst vor der Trennung von meinem Mann. Davor, kein Geld zu haben, allein zu sein und von Gott bestraft zu werden. Denn daran glauben die Zeugen Jehovas.“

Deshalb dauerte es noch viele Jahre, bis sie die Kraft fand, sich zu trennen. Zuerst von ihrem Mann und dann von der Sekte. „Während er für einige Wochen zur Kur war, reichte ich die Scheidung ein und verfasste den Austrittsbrief. Ich haderte immer noch, aber meine innere Stimme sagte mir: Jetzt oder nie!“

Nach ihrem Ausstieg suchte sie Hilfe im Internet und tauschte sich auf www.sektenausstieg.net mit anderen Aussteigern aus. Bald lernte sie auch einen neuen Mann kennen und lieben, der sie seitdem in allem unterstützt. „Ralf ist toll. Er ist verständnisvoll und ein richtig guter Vater für meine Kinder. Jetzt habe ich doch noch gefunden, wonach ich so lange gesucht habe...“, Iris Börgerding, Frauenzeitschrift bella 21/2008, Fotos: Jochen Günther (3), Picture Alliance, Privat

„Aussteiger fühlen sich als Verräter“

Die Sektenbeauftragte Ursula Caberta (58) aus Hamburg über Gefahr und Faszination von Sekten

Warum landen so viele Menschen in Sekten?

Caberta: Das Interesse an Spiritualität ist zurzeit sehr groß. Viele Menschen suchen nach einem Sinn im Leben. Deshalb zieht es sie in häufig teure Psychoseminare, hinter denen sich oft dubiose Gruppen verbergen.

Was ist das gefährliche?

Caberta: Bevor man es merkt, steckt man schon viel zu tief drin. Über die Zeugen Jehovas gibt es z.B. Berichte, in denen davon die Rede ist, dass subtiler Druck auf die Mitglieder ausgeübt und Angst geschürt wird und dass Kritik unerwünscht ist.

Warum fällt der Ausstieg häufig so schwer?

Caberta: Gerade bei den Zeugen Jehovas ist die Gemeinschaft sehr stark. Das möchte man natürlich nicht aufgeben. Aussteiger bekommen das Gefühl vermittelt, Freunde und Familie zu verraten - eine große Belastung.

Wo gibt es Hilfe?

Caberta: Bei Behörden oder den Weltanschauungsbeauftragten der evang./kath. Kirchen.

Infos: www.agpf.de, Das Netzwerk Sektenausstieg bedankt sich bei der Redaktion der bella für die freundliche Genehmigung, diesen Artikel hier veröffentlichen zu dürfen. Dieser Artikel steht nicht unter unserer Creative Commons-Lizenz; vielmehr unterliegt er den Nutzungsbedingungen des Heinrich Bauer Verlags.