Einheit um jeden Preis?

In einer uneinigen, vielfach geteilten und verfeindeten Welt ist Einheit für viele ein erstrebenswertes Ziel, für andere nur ein Wunschtraum, eine Utopie. Auch für gläubige Christen ist Einheit, Einheit in Christus, Bestandteil ihrer Glaubenshoffnung, ihres Christenlebens, Merkmal echten Christentums.

Gemäß der Bibel hat Jesus selbst über die Einheit von Christen gesprochen und dabei auch seinen Vater im Himmel mit einbezogen; diese Worte sind bis heute für Christen massgebend geblieben. In Johannes 17:11,21-23 sagte er:

Und ich bin nicht mehr in der Welt, und diese sind in der Welt, und ich gehe zu dir Heiliger Vater, erhalte sie bei deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins seien, so wie wir... , dass alle eins seien, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie wir eins sind - ich in ihnen und du in mir - damit sie vollkommen eins seien, auf dass die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast

Zürcher Übersetzung; so auch alle Zitate

Auch das Streben der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) nach Einheit in den Reihen ihrer Gläubigen, der Zeugen Jehovas (ZJ), ist von daher verständlich und grundsätzlich nicht abzulehnen. Die Fragen, die man aber stellen muß - wie bei anderen Gemeinschaften natürlich auch -, sind folgende:

  • ist die Einheit, wie sie die WTG versteht und durchzusetzen versucht, die gleiche wie die, von der die Bibel spricht?

  • ist zur Erzielung dieser Einheit jedes Mittel recht?

  • ist diese Einheit an sich schon letztes Ziel einer Gemeinschaft, die behauptet, auf den ‘guten Hirten’ zu hören?


Christliche Einheit aus der Sicht der Bibel 
Ich ermahne euch aber, ihr Brüder, bei dem Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einerlei Rede führet und nicht Spaltungen unter euch seien, dass ihr vielmehr zusammenhaltet in demselben Sinne und derselben Meinung

1. Korinther 1:10

Die Bibel spricht viel von der Einheit unter Christen, ungeachtet der Tatsache, dass diese Einheit unter den Millionen, die sich ‘Christen’ nennen, nicht existiert. Das spricht gegen das ‘Christentum’ dieser Millionen, nicht gegen die Auffassung der Bibel. Sie legt aber viel mehr Wert auf die Einheit der Gesinnung als auf die Übereinstimmung in jedem, selbst dem unwesentlichsten Punkt der Lehre und der Meinungen. Dies ist einleuchtend angesichts der Tatsache, dass wir alle heute unsere Erkenntnis nur als ‘Stückwerk’ bezeichnen können.
... so machet meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr gleich gesinnt seid im Besitz der gleichen Liebe, in der Seele verbunden, den Sinn auf Einigkeit gerichtet, auf nichts aus Ränkesucht oder aus nichtiger Ehrbegierde bedacht, sondern in der Demut achtet einer den andern höher als sich selbst, jeder nicht nur mit dem Blick auf das Seine, sondern jeder auch mit dem Blick auf das, was der andern ist. Diese Gesinnung heget in euch, die auch in Christus Jesus war...

Philipper. 2:2-5

Der Gott der Standhaftigkeit und des Trostes aber verleihe euch, untereinander gleich gesinnt zu sein nach dem Willen Christi Jesu

Römer 15:5

Im übrigen, ihr Brüder, freuet euch, lasset euch zurechtbringen, lasset euch ermahnen, seid gleich gesinnt, haltet Frieden, so wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein

2. Korinther 13:11

Denn unser Erkennen ist Stückwerk, und unser Reden aus Eingebung ist Stückwerk

1. Korinther 13:9

Die Einheit der Gesinnung jedoch gipfelt in der Liebe untereinander, die auf der Liebe Gottes und Christi beruht. Selbstverständlich gab und gibt es auch eine Einheit der Lehre unter gläubigen Christen, die in der Person Jesu Christi ihr Zentrum findet.
Denn wenn du mit deinem Munde Jesus als den Herrn bekennst und mit deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden

Römer 10:9

Aber Paulus, wie auch die anderen christlichen Bibelschreiber, anerkannte, dass Christen in Nebenfragen durchaus unterschiedlicher Meinung sein konnten. Die Ursachen mochten in der verschiedenen christlichen Reife, im unterschiedlichen Erkenntnisstand oder in anderen Gründen liegen.
Der eine glaubt, alles essen zu dürfen, der Schwache aber ißt nur Gemüse. Wer ißt, soll den nicht verachten, der nicht ißt, wer aber nicht ißt, soll den, der ißt, nicht richten; denn Gott hat ihn angenommen. Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt dem eignen Herrn. Er wird aber stehenbleiben, denn der Herr vermag ihn aufrechtzuerhalten. Der eine beurteilt einen Tag anders als den andern, der andre beurteilt jeden Tag wie den andern. Jeder soll in seinem eignen Sinn völlig überzeugt sein. Wer etwas auf den Tag hält, der hält für den Herrn darauf, und wer ißt, der ißt für den Herrn, denn er sagt Gott dabei Dank: und wer nicht ißt, der ißt für den Herrn nicht und sagt Gott dabei Dank.

Römer 14:2-6

...alles aber, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde

Römer 14:23

Doch nicht allen ist die Erkenntnis; etliche vielmehr essen es, weil ihr Gewissen bis jetzt noch am Götzen haftet, als Götzenopferfleisch, und da ihr Gewissen schwach ist, wird es befleckt. Speise aber wird uns vor Gott nicht angenehm machen. Weder sind wir im Nachteil, wenn wir nicht essen, noch sind wir im Vorteil, wenn wir essen. Sehet aber zu, dass nicht etwa dieses euer Recht den Schwachen zum Anstoß gereiche

1. Korinther 8:7-9

Verschiedene Auffassungen über bestimmte Dinge waren möglich und natürlich; es gab keine ‘Uniformität’. Paulus überließ solche Dinge dem Herrn und Gott, dem Vater, und dachte nicht daran, mit Druck und Zwang eine Einheit der Lehre in allen Fragen und um jeden Preis herbeizuführen, die Freiheit in Christus zu unterdrücken und unter Umständen sogar dadurch Menschen zum Heucheln zu nötigen.
Wir alle nun, die wir vollkommen sind, wollen diese Gesinnung hegen; und wenn ihr in etwas anderen Sinnes seid, wird euch Gott auch dies offenbaren (Phil. 3:15)

Ein Kommentator schrieb:
Aber Paulus ist kein Dogmatiker, schon gar kein Großinquisitor der Gemeinde, der argwöhnisch darüber wacht, dass nur die Linie genau eingehalten wird und niemand anderer Anschauung ist ... Die biblische Wahrheit hat es nie nötig, mit der Peitsche oder gar mit dem Schwert verteidigt zu werden. Paulus traut es dem Vater zu, dass er diejenigen, die manches anders beurteilen als er, noch zur Klarheit führen kann. Ob wir nicht auch weniger von unseren Überzeugungskünsten und denen unserer Führer in der Gemeinde erwarten sollten, aber um so mehr von Gott? Paulus stößt solche Geschwister, die in Neben-fragen etwas anderes meinen erkennen zu ‘müssen als er, nicht etwa aus der Gemeinde aus.

Einheit aus der Sicht der WTG 

Die Vorstellung der WTG von Einheit weicht von der biblischen Auffassung weit ab. Die WTG versteht unter Einheit die Annahme, Vertretung und Weiterverbreitung aller Lehren und auch aller Lehränderungen, die von der WTG kommen und die bedingungslose Anerkennung ihrer Leitungs- und Regelungsautorität (siehe auch Wachtturm (WT) vom 01.08.2001, S.14, Abs.8-9). Dieser Anspruch ist für ZJ schon so selbstverständlich, dass das unter ihnen geflügelte Wort ‘in der Wahrheit sein’ gleichbedeutend ist mit ‘die WTG als Leitung anerkennen’. Entsprechend würde jemand, der die WTG in ihrer Leitungsfunktion nicht (mehr) voll anerkennen würde, nicht (mehr) ‘in der Wahrheit sein’, unabhängig davon, wie gläubig er wäre und wie es um sein persönliches Verhältnis zu Gott dem Vater und zu Jesus Christus, dem Herrn, stünde. Natürlich lehnt auch die WTG die oben beschriebene biblische Einheit der Gesinnung nicht ab; so schrieb sie z.B.:
Damit die Versammlung heilig bleibt, müssen wir alle Christi Sinn haben, und wir wissen, dass seine vorherrschende Eigenschaft die Liebe ist.

Der Wachtturm, 1.8.1996, Seite 19, Absatz 15

Nur ist diese Art von Einheit der WTG nicht genug; ihr vordringliches Ziel ist die Einheit durch absolute Unterwerfung unter ihre Leitung und durch die Annahme ihrer Lehren und Entscheidungen, die oft bis in die familiärsten und privatesten Bereiche gehen. Ihre Auffassung von Einheit wurde in einer Ansprache auf den Bezirkskongressen 1996 Boten des göttlichen Friedens deutlich, in der gesagt wurde:
Wenn die Leitende Körperschaft sagt: nach links! dann gehen wir alle nach links, wenn sie sagt: nach rechts! dann gehen wir alle nach rechts.

Das ist die Idealvorstellung der WTG von Einheit! Dem war jedoch nicht immer so, jedenfalls nicht in diesem Ausmass. Auch wenn schon früh in der Geschichte der WTG ihre Veröffentlichungen als ‘von Jehova kommende Speise zur rechten Zeit’ angepriesen wurden, anerkannte der erste Präsident der WTG, C.T.Russell, doch:
Es ist jedoch ein allgemeiner Fehler zu versuchen, das, was von dem einzelnen gilt, auf eine Versammlung anzuwenden; mit anderen Worten, zu versuchen, dass alle von den gleichen Voraussetzungen zu den gleichen Schlüssen gelangen, dass das Wort des Herrn vom einen wie vom anderen genau gleich verstanden wird. Niemand sollte alle dazu zwingen wollen, in allen Einzelheiten genau gleich zu sehen, wie er selbst oder wie die Mehrheit sieht. "Im Wesentlichen einig, im Unwesentlichen verträglich", sei die Losung

Schriftstudien Bd.6, "Die neue Schöpfung", Ausgabe 1926, S.331-332

Diese Einstellung war der Heiligen Schrift viel näher als die heutige Auffassung der WTG. Heute wird von ihr das unbedingte und sofortige Anerkennen aller Lehränderungen - die gern als ‘Neues Licht’ gepriesen werden, ohne zu verdeutlichen, wer denn für das bisherige falsche ‘Alte Licht’ verantwortlich war - als Loyalität herausgestellt.

Solche Lehränderungen werden in den Reihen der ZJ zwar nicht immer ohne eine gewisse Unruhe anerkannt; das persönliche Gewissen des Einzelnen ist noch nicht ganz durch das Kollektivgewissen der WTG ersetzt (selbst wenn man manchmal Äußerungen hört wie: ‘wenn ich den Anweisungen der Gesellschaft folge und es stellt sich heraus, dass ich falsch handelte, dann hat das die Gesellschaft zu verantworten’).

Die massive Betonung der Rolle und Autorität der Leitenden Körperschaft und des sogenannten ‘treuen und verständigen Sklaven’ in den letzten Jahren und in fast jeder Veröffentlichung und bei jeder Zusammenkunft deutet ebenfalls auf eine nicht unerhebliche innere Unruhe und Unsicherheit hin. Daher bemüht sich die WTG intensiv, diese Unruhe zu dämpfen und die von ihr angestrebte ‘Einheit’ zu verwirklichen.

Massnahmen der WTG 

1. Die WTG läßt - für jeden ZJ selbstverständlich - durchblicken, im Namen Jehovas zu sprechen. Zwar wird dieser Anspruch bei Fehlschlägen geleugnet und bestritten. So äußert sie sich z.B. in ihrer Zeitschrift Erwachet vom 22.03.1993 auf S.4 bezüglich der Fehlankündigungen von Endzeitterminen in ‘Kleindruck’, als wenn es Nebensächliches wäre:
Jehovas Zeugen haben in ihrem Enthusiasmus für Jesu zweites Kommen auf Daten hingewiesen, die sich als unkorrekt herausgestellt haben. Aufgrund dessen sind sie von einigen als falsche Propheten bezeichnet worden. Doch in keinem der Fälle haben sie sich angemasst, Vorhersagen "im Namen Jehovas zu äußern".

Nach dieser Darstellung gäbe es überhaupt keine falschen Propheten, da nach Fehlschlägen keiner im Namen Gottes gesprochen haben will! Erwachet! fährt dann fort:

Die Tatsache, dass einige Jehovas Geist haben, "bedeutet nicht", so der Wachtturm. ‘dass solche, die jetzt als Jehovas Zeugen dienen, inspiriert sind. Es bedeutet auch nicht, dass die Artikel in dieser Zeitschrift, betitelt ‘Der Wachtturm’, inspiriert und fehlerlos sind."

Normalerweise aber tönt es so:
Auch wir sollten uns beruhigen, das heißt uns fügen, wenn ... auf theokratischem Gebiet Korrekturen vorgenommen werden.

Gern nehmen wir die geistige Speise an, die Jehova durch den ‘treuen und verständigen Sklaven’ zur Verfügung stellt (Matthäus 24:45-47). Diese einheitliche Belehrung hilft uns weltweit, die Einheit zu bewahren.

Seien wir daher dankbar für die Wahrheit, die uns der ‘treue Sklave’ vermittelt hat. Und seien wir dankbar, dass Jehova uns durch seine Organisation führt

Der Wachtturm, 15.7.1996, Seite 16f, Absatz 5-6,8

Erstens muß ein reifer Christ, soweit es den Glauben und die Erkenntnis betrifft, mit Mitgläubigen in Einheit und in vollem Einklang sein, weil die Einheit aufrechterhalten werden soll. Er pocht weder auf seine eigene Meinung, noch hegt er private Vorstellungen, was das biblische Verständnis angeht, sondern er vertraut voll und ganz der von Jehova durch seinen Sohn Jesus Christus und den ‘treuen und verständigen Sklaven’ geoffenbarten Wahrheit. Zweitens bezieht sich der Ausdruck ‘Glaube’ nicht auf die Überzeugung des einzelnen Christen, sondern auf die Gesamtheit dessen, was wir glauben .... Wie könnte ein Christ mit Mitgläubigen in Einheit sein, wenn er sich nur einen bestimmten Teil des ‘Glaubens’ zu eigen macht oder akzeptiert?

Der Wachtturm, 1.8.2001, Seit 14, Absatz 8f

In diesen Zitaten wird der Anspruch deutlich gemacht: das Wort des ‘Sklaven’ ist das Wort Jehovas. Entsprechend sind seine Worte und Anweisungen aufzunehmen.

2. Es gibt keine Erlaubnis, selbst in unbedeutenden Einzelheiten eine andere Auffassung zu vertreten. Wer dies tut - und sei es auch nur in Nebenpunkten -, ist ein Murrender, wenn nicht gar ein Rebell oder Abtrünniger, und kritisiert den ‘Sklaven’ und somit Jehova.
Das Murren und Klagen kann bei ihnen sogar so weit gehen, dass sie Veröffentlichungen des ‘treuen Sklaven’ kritisieren. Doch was wäre, wenn wir eine negative Einstellung entwickeln würden, die in kritischen Diskussionen im engsten Freundeskreis zum Ausdruck käme?

Der Wachtturm, 15.6.1996 Seite 21, Absatz 14f

Der hohe Anspruch der WTG wird besonders in dem Wort ‘sogar’ deutlich. Eine Gesellschaft, deren Haupttätigkeit u.a. darin besteht, andere zu kritisieren - besonders natürlich andere Kirchen und Gemeinschaften - dünkt sich selbst über jede Kritik erhaben, vor allem gegenüber jeder Kritik aus den eigenen Reihen, und sie sucht diese zu unterbinden, selbst bis hinein in Gesprächen im engsten Freundeskreis. Man benutzt z.B. eine Begebenheit aus dem Leben des Propheten Elisa (Elisa wurde gemäß 2.Könige, Kapitel 2, von Jugendlichen beschimpft, von denen 42 durch zwei Bärinnen umkamen) und nennt dabei Elisa den ‘Mitteilungskanal Jehovas’, um heutige Kritik am modernen ‘Mitteilungskanal’, als den sich - jedem ZJ geläufig - die WTG versteht, in die Nähe jenes von Gott mißbilligten Ereignisses zu rücken. Jeder ZJ weiß dann, was gemeint ist.

Wenn Glaubenszweifel aufkommen 

Was aber, wenn trotz allen autoritären Auftretens bei vielen ZJ Glaubenszweifel in bestimmten Lehrmeinungen auftreten? Wenn Dinge behauptet werden, die viele ZJ einfach nicht glauben können?

Dafür gibt es Ratschläge, gleichsam Weisungen für die in den Versammlungen verantwortlichen Ältesten:

  • Einfach der Lehre der WTG folgen und ihr nicht vorauseilen, bis Jehova (in Wirklichkeit die oftmals durch Zeit und Umstände dazu gedrängte Leitende Körperschaft) die Dinge - vielleicht - ändert.

  • Der Wachtturm vom 15.07.1996, S.17, Abs.7 nennt folgende Schritte:


    • a) in christlichen Veröffentlichungen nachforschen (gemeint sind natürlich die Schriften der WTG, die ja oft erst den Anlass zu solchen Zweifeln gaben und geben)

    • b) Älteste befragen (diese geben in aller Regel den Rat und die Auskunft wie unter a)

    • c) Die Sache nicht weiter verfolgen und nicht darüber sprechen, denn das würde als ‘Zwietracht säen’ ausgelegt



Was man von Andersgläubigen erwartet, nämlich das kritische Hinterfragen des eigenen Glaubens (siehe WT vom 01.08.2001, S.3-6), ist den ZJ untersagt. Wer aber nicht schweigen kann, weil ihn diese Dinge bewegen (Luk. 6:45; Apg. 4:20), der muß mit Sanktionen rechnen.
Gerede dieser Art kann zu Uneinigkeit führen. Ein reueloser Schmäher sollte jedoch ausgeschlossen werden, damit der Frieden, die Ordnung und die Einheit in der Versammlung bewahrt bleiben.

Der Wachtturm, 15.7.1996 Seite 17, Absatz 10

Hier wird denkenden ZJ ein ‘Maulkorb’ angelegt. Kein Gedanke mehr an die Vielfalt in der Christenversammlung gemäß 1.Korinther 14:26. Nein, alles kommt von ‘oben’. Entsprechend sagt auch das Ältestenlehrbuch Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde bezüglich Sanktionen gegen Kritiker auf den S.94-95:
...Abfall oder Abtrünnigkeit schließt Handlungen ein, die gegen die Ordnung gerichtet sind, die Jehova seinem Volk gegeben hat. Personen, die vorsätzlich Lehren verbreiten (hartnäckig daran festhalten oder darüber reden), welche im Widerspruch zu der biblischen Wahrheit stehen, die Jehovas Zeugen lehren, sind Abtrünnige.

Das Verursachen von Spaltungen und das Fördern von Sekten: Damit ist eine vorsätzliche Handlung gemeint, durch die... das Vertrauen der Brüder in die Einrichtung Jehovas untergraben wird.

Hier ist kein Gedanke mehr daran zu finden, dass der Geist des Herrn Freiheit bedeutet (2.Kor. 3:17). Hier herrschen: Drohung, Angst, Verbote.

Das Ergebnis bei nicht wenigen ZJ ist: wenn du schon denkst, was du denkst, dann schweige darüber, mißtraue jedem und zerstreue Mißtrauen gegenüber dich selbst durch möglichst großen Eifer.

Woran die WTG in erster Linie interessiert ist, sind nicht die Menschen - schon gar nicht Menschen in ihrer Würde und Eigenverantwortlichkeit - (jährlich verlassen Zehntausende die liebevolle ‘Mutter’ mit ihrer ‘liebevollen’ Einrichtung des Gemeinschaftsentzugs), sondern an Unterwürfigkeit gegenüber ihrem Autoritätsanspruch.

Nicht Offenheit und Ehrlichkeit sind in erster Linie erwünscht - wenn erforderlich, wendet man ja selbst Täuschung als ‘theokratische Kriegslist’ an -, sondern Lob der Organisation, was von manchen schon als eine Art ‘Kult’ empfunden wird.

Wenn - wie kürzlich geschehen - einem alten Bruder anläßlich eines Gesprächs gesagt wurde, er müsse ‘zuerst dem "treuen und verständigen Sklaven" gehorchen, dann erst Jehova und Christus’, so ist das zwar eine Einzelaussage, aber dennoch typisch für die Einstellung vieler. Der so Redende war sich gewiß, auf der ‘Linie des "Sklaven" zu sein’ und ihn wie gewünscht zu ehren.

Jeder, der eine abweichende Lehrmeinung vertritt, zerstört nach Meinung der WTG die Einheit. Ausgenommen ist natürlich die ‘Leitende Körperschaft’ selbst; sie darf stets - mit Beschluß einer 2/3-Mehrheit - Lehren ändern; das ist dann für die Gläubigen ‘Neues Licht’, und Millionen müssen von heute auf morgen umdenken. Es ist keineswegs übertrieben, in den leitenden Personen der WTG eine Art von ‘Geistlichkeit’ zu sehen, während die gewöhnlichen ZJ, das ‘Fußvolk’, die ‘Laien’ sind, also Gruppierungen, die es unter den ZJ ja angeblich nicht geben soll.

Ein Bild für die Öffentlichkeit 

Wie anders klangen und klingen die für die Öffentlichkeit bestimmten Worte:
Beachte der Rat, selbst zu prüfen und "dich selbst zu überzeugen". Wenn du dich anhand der Bibel selbst davon überzeugt hast, dass das, was du glaubst, wirklich Gottes Gedanken sind, dann wird keine "Gehirnwäsche"-Propaganda sie aus deinem Sinn wegfegen. Es genügt nicht, zu wissen, was du glaubst. Wisse auch, warum du es glaubst!.

Der Wachtturm, 15.8.1956 Seite 486f nach dem Zitat von Römer 12:2

Ähnlich äußert sich ja auch Der Wachtturm vom 01.08.2001 auf den Seiten 3-6.

Gelten diese Gedanken auch für ZJ hinsichtlich ihrer eigenen Religion? Dürfen sie handeln wie die Beröer (Apg. 17:11)? Dürfen sie selbst das tun, wozu sie andere auffordern und was sie von anderen erwarten? Oder mißt die WTG - wie in vielen anderen Dingen auch - mit zweierlei Mass?

In dem o.a. WT von 1956 spricht sie sehr deutlich über die ‘Gehirnwäschetechnik’ anderer und sagt über die Tricks Satans dazu auf Seite 488:
Indem Satan diese Millionen Menschen geistig auf dämonische Weise bestürmt, pflanzt er ihnen seine Gedanken ein. Er denkt also für sie und füllt das Herz mit seiner Denkweise, tut dies aber so schlau, dass sie denken, es seien ihre eigenen Gedanken. Wir glauben gewöhnlich das, was wir gern glauben wollen, und etwas, was wir gerne glauben, ist, dass wir für uns selbst denken. Folglich ist es für kluge Propagandisten nicht allzu schwer, uns zu der Meinung zu veranlassen, ihre Gedanken seien die unsrigen. Sie pflanzen uns den Gedanken ein und nähren ihn, tun es aber auf so feine Art, dass wir denken, es sei unser eigener. - 2. Korinther 4:4...

Wir sollten die klugen Tricks seiner Propagandisten erkennen. Es gibt deren viele, aber um nur einen zu nennen: an alles, was sie bekämpfen, heften sie häßliche Etiketten. Ist jemand intellektuell, so ist er ein Hirnfatzke. Liebt er gute Musik, ist er unmodern. Hat er gute Manieren, so ist er ein Frömmler. Liest er gute Bücher, so ist er ein Bücherwurm. Nimmt er wahre Anbetung ernst, so ist er fanatisch. Sich indes durch gesellschaftlichen Druck hin und her schieben und durch die Furcht vor Dingen, die als übel etikettiert werden, manövrieren zu lassen, zeigt eine erschütternde Unreife, eine Unfähigkeit, für sich selbst zu denken, einen Mangel an intelligenter Überzeugung.

Ist aber Etikettierung nicht genau das, was bei der WTG als ständige Praxis gegenüber Kritikern und Ehemaligen geübt wird, und trifft ihr oben gefälltes Urteil über Menschen, die andere für sich denken lassen, nicht ihre eigenen Gläubigen, die vertrauensvollen ZJ? Der Königreichsdienst vom September 2002 sagte auf S.8 unter dem Thema ‘Nicht "wertlosen" Dingen nachjagen':
Denken wir daran, dass unser himmlischer Vater "den treuen und verständigen Sklaven" als Kanal eingesetzt hat. Dieser "Sklave" ist dafür verantwortlich, festzulegen, welche Informationen dem Haushalt des Glaubens zugänglich gemacht werden sowie ‘die rechte Zeit’ dafür. Die geistige Speise ist ausschließlich durch die theokratische Organisation erhältlich. Zuverlässige Informationen sollten wir stets von Gottes Kanal erwarten, nicht von Personen, die im Internet vernetzt sind.

Diese für JZ bestimmte Anweisung spricht für sich selbst!

Die WTG etikettiert sich natürlich auch, nämlich als die ‘vom Geist geleitete Organisation, als ‘Gottes Mitteilungskanal’, als sein ‘kollektiver Prophet’. Kritiker und solche, welche die Organisation aus Gewissensgründen verlassen, werden dagegen etikettiert als ‘stolze, hochmütige Intellektuelle’, als solche, die ‘sich nicht am Predigtdienst beteiligen wollen’ (ungeachtet der Tatsache, dass sich oft ehemalige Vollzeitdiener in diesem Personenkreis befinden), solche, die ‘ihre Brüder schlagen’, die ‘ehrgeizig sind’, ‘Spaltungen verursachen’ usw. Selbst Verleumdungen und Rufmord kamen vor, die zwar möglicherweise nicht von der WTG verursacht wurden, denen sie aber auch nicht entgegentrat. Nie wird erwähnt, dass ehrliche, glaubensmäßige Gewissensgründe die Ursache für das Verlassen der Gemeinschaft sein könnten. So etwas kann ja unter ‘Gottes Volk’ nicht vorkommen! Und damit solche Gründe unter den verbleibenden ZJ nicht bekannt oder sogar zu Gesprächsthemen werden. ist es diesen unter deutlichem Mißbrauch von 2.Johannes, Verse 10-11, verboten, mit Ehemaligen zu sprechen; bei Mißachtung dieser Anordnung kann Gemeinschaftsentzug die Folge sein, wie sich vor wenigen Monaten in mehreren Fällen in der französischen Schweiz wieder einmal zeigte.

Herrschaft durch Furcht! Wessen Geist steht wohl hinter einer solchen Praxis, auch einer solchen Etikettierungspraxis? Der WT vom 15.08.1956 gibt selbst die Antwort!

Zusammenfassung

Wie wir sehen konnten, besteht die von der WTG angestrebte Einheit in Unterordnung und Gehorsam. Zur Erreichung dieses Ziels erscheint ihr fast jedes Mittel geeignet, von Indoktrination und Manipulation bis hin zum Mißbrauch des Gemeinschaftsentzugs gegenüber solchen, die anders zu denken und zu reden wagen, die ihre geistige Unabhängigkeit noch ein wenig bewahrten.

Es herrscht nicht die auf Liebe und auf Christi Gesinnung beruhende Einheit von gläubigen Christen, die sich daraus ergibt, dem ‘Guten Hirten’, Jesus, zu folgen.

Warum nur gibt es eine solche Sucht nach absoluter Anerkennung durch Menschen? In einem Kommentar zum Philipperbrief wird gesagt:
Die Vollmachtlosigkeit einer Person oder einer Gruppe wird oft schon durch ihre hektischen, argwöhnisch eifersüchtigen Autoritäts- und Vollmachtsansprüche offenbar. Kleine und große ‘alleinseligmachende’ Systeme geben sich auf diese Weise selbst das Zeugnis der Unglaubwürdigkeit.

Wer wirklich von Gott bevollmächtigt ist, hat es nicht nötig, mit psychisch grausamen disziplinaren Massnahmen Anerkennung zu erzwingen und dadurch eine äußerliche ‘Scheineinheit’ zu bewahren.