Alter Wein in neuen Schläuchen

Wer schon einmal versucht hat, einen Zeugen Jehovas davon zu überzeugen, daß seine Religion eigentlich überhaupt keinen Grund hat, sich mit dem Attribut "die Wahrheit" zu schmücken, daß selbst sachliche und objektiv nachprüfbare Argumente scheinbar ohne Wirkung abprallen.

Der hier beschriebene Dialog im Internet, der von Herbert Raab übersetzt und kommentiert wurde, ist ein typisches Beispiel dafür.

Vielleicht werden sich einige etwas verwundert die Augen reiben und sagen: "Wir kennen zwar das Bibelwort von dem neuen Wein, den man nicht in alte Schläuche füllen soll, aber was hat es mit dem Umgekehrten auf sich?" Hier soll nicht die Rede von gutem, altem, gereiftem Wein die Rede sein, sondern eher von "abgestandenem", der sich nur in neuer Verpackung präsentiert.

Am 16 April 1997 fand in einer Newsgroup im Internet ein Dialog zwischen einem Ex-Zeugen und einem Noch-Zeugen statt - aber "Dialog" ist schon fast zu viel. Wir werden sehen, daß das Gesprächsangebot des Ex mit den üblichen Wachtturm-Monologen des ZJ erwidert wird; mit altem Wein also. Hier das stark gekürzte Gespräch:

Ex: "Wow, Jehova hat eine email- Adresse. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß ja nicht, ob er wirklich eine hat, aber ich habe die Seite angewählt, weil ich selbst jahrelang bei den Zeugen war; als Ältester, Redner auf Bezirkskongressen, usw."

JZ: "Interessant. Du siehst ja jetzt wohl, daß meine Einstellung nicht vom Wachtturm, sondern von der Wahrheit geprägt ist. Ich unterstütze diese Religion und ihre Lehren, weil sie richtig sind; das habe ich aus der Bibel, nicht aus dem Wachtturm."

Mal sehen, wie lange der Zeuge das durchhält: den Wachtturm außen vor lassen und von der Wahrheit her, was immer er darunter versteht - zu argumentieren. Nebenbei: Hier macht er gleich schon das erste Typische: Er sagt zwar Wahrheit, setzt aber beide gleich und meint damit automatisch "Wachtturm". Das Gespräch dreht sich nun um Kindheitserlebnisse beider bei den Zeugen, bis der Ex auf die falsche Prophezeiung von 1975 zu sprechen kommt.

Ex: "Ich habe an diesem 1975er-Wahnsinn des Wachtturms teilgenommen. Ja, die Zeugen meinten wirklich, die Welt wäre 1975 zu Ende.Ich weiß noch, wie ich meinen auf vier Jahre gültigen Führerschein erneuerte und mir sagte: Das wird der letzte sein. Ich bin immer noch verwundert, wenn die Zeugen sagen, sie hätten nicht geglaubt, daß Harmagedon 1975 käme."

JZ: "Ja, aber das war doch deine eigene Entscheidung. Du hast Dir gesagt, das will ich glauben. Freunde von mir und auch mein Vater sagen, das hätte die Gesellschaft nie gesagt. Es wäre ein leichtes für ihn gewesen, abzuspringen. Aber das hat er nicht getan. . . Wenn doch, wären seine und die Beweggründe anderer falsch gewesen. 1975 war eine Zeit, wo gesiebt wurde, wer richtige und wer falsche Motive hatte."

Ex: "Ich habe erlebt, wie die Gesellschaft die Opfer ihres Fehlschlags im Watchtower vom 15.7.76 verantwortlich machte. Daraufhin habe ich 1977 mein Ältestenamt zurückgegeben und fing an, über mich selbst nachzudenken - das war längst überfällig."

ZJ: "Es gab keine Opfer. Das mit den Opfern lasse ich mir nicht einreden. Ein Opfer hat über das, was mit ihm geschieht, keine Kontrolle. Die Leute haben selbst gesagt: Wir wollen glauben, daß 1975 das Ende kommt."

Fassen wir das Bisherige zusammen: Der Zeuge glaubt an die Wahrheit. Er hat in der Bibel geprüft, daß der Wachtturm die Wahrheit hat. Auf gegenteilige Argumente wie den zitierten Watchtower geht er nicht ein. Wer einer falschen Prophezeiung glaubt, ist selbst schuld. Er hätte ja nicht glauben müssen. Gleichzeitig ist aber bei den Zeugen "unabhängiges Denken" verpönt, so daß er eigentlich alles vom Wachtturm annehmen muß - auch das Falsche (aber das darf es eigentlich nicht geben, da doch der Wachtturm die "Wahrheit" hat.) Man kann gut verstehen, wie aufrichtigere Gemüter unter den Zeugen sich in einer solchen Beziehungsfalle fühlen müssen. In der Psychiatrie spricht man hier von krankmachenden "double binds". Aber es geht noch weiter.

Ex: "Unsere Ehe geriet in Schwierigkeiten, als ich den Gewissenskonflikt las und darüber auch mit meiner Frau reden wollte. Kurz danach verpfiff mich Rita bei den Ältesten, weil ich an einer Wahl teilgenommen hatte."

ZJ: "Ich habe das Buch auch gelesen, und könnte alles mögliche über Raymond Franz sagen. Hauptsächlich wurde er zum Problem, statt Probleme zu lösen. Wenn er in der Position war, Probleme auszumachen und zu lösen, warum hat er das nicht getan. Ich denke, er hatte keine Liebe und Wertschätzung für die Brüder, um zu helfen, während er Gott noch diente."

Ex: " ... Übrigens gibt es genug Beweise, daß der Wachtturm lügte, vertuschte und damit nicht besser ist als die ‘falschen Religionen’, auf die er seit 118 Jahren einschlägt."

ZJ: "Jehova Gott und Jesus Christus interessiert es nicht, ob du Beweise für Lügen und Vertuschungen des Wachtturms hast. Du hast aufgehört, dem Allerhöchsten zu dienen und Christus nachzufolgen."

Die beiden letzten Sätze brauchen nicht mehr kommentiert zu werden. Der Wachtturm hat halt immer recht, auch wenn er Unrecht hat. Aber man sieht doch recht gut, daß zwischen Ex und Zeuge kein echter, verständnisvoller Dialog aufkommen kann. "Es gibt nichts Neues unter der Sonne", sagt die Bibel. Offenbar auch beim Wachtturm nicht. Statt dessen dieselbe alte Argumentationsweise - wenn auch in neuen Medien. Alter Wein halt in neuen Schläuchen.