"Sind die Zeugen Jehovas eine Sekte?"

Bei einigen Menschen beschwört das Wort „Sekte“ Bilder von seltsam gekleideten Menschen mit rasierten Köpfen oder Tamburins herauf. Doch aufgrund anderer Definitionen könnten anscheinend auch Jesus und seine Jünger unter den Juden ihrer Tage als Sekte bezeichnet werden. Die Bedeutungen des Wortes rangieren von einer bloßen „Sekte“ bis zur Gruppe von Anhängern eines bestimmten Glaubenssystems.

In Anerkennung dieser unterschiedlichen Wahrnehmung von Sekten reagierte die Wachtturm-Gesellschaft auf die Vorwürfe einiger Antisektenorganisationen, Jehovas Zeugen seien eine „Sekte“ im Wachtturm mit der Überschrift Was ist eine Sekte?

Ob eine religiöse Gruppe wie die Zeugen Jehovas dafür in Frage kommen, als Sekte bezeichnet zu werden, ist eine andauernde Debatte, selbst unter ehemaligen Mitgliedern der Religion.

Bei einigen Menschen beschwört das Wort „Sekte“ Bilder von seltsam gekleideten Menschen mit rasierten Köpfen oder Tamburins herauf - Menschen, die an geschäftigen Straßenecken singen, oder eine kleine Gruppe von Extremisten, die sich in einem einsam gelegenen Farmhaus verschanzen, oder den Massenselbstmord einer Gruppe religiöser Eiferer mit einem charismatischen Führer. Doch aufgrund anderer Definitionen könnten anscheinend auch Jesus und seine Jünger unter den Juden ihrer Tage als Sekte bezeichnet werden. Allgemein gesagt wird in den Definitionen des Wortes in Wörterbüchern wenig unterschieden. Die Bedeutungen rangieren von einer bloßen „Sekte“ bis zur Gruppe von Anhängern eines bestimmten Glaubenssystems.

In Anerkennung dieser unterschiedlichen Wahrnehmung von Sekten reagierte die Wachtturm-Gesellschaft auf die Vorwürfe einiger Antisektenorganisationen, Jehovas Zeugen seien eine „Sekte“, im Wachtturm vom 15. Februar 1994. In einem Artikel mit der Überschrift Was ist eine Sekte lesen wir auf Seite 4:

Der Begriff „Sekte“ wird von vielen wahllos gebraucht, da sie sich der eigentlichen Wortbedeutung nicht bewußt sind. Einige Theologen vermeiden es tatsächlich, diesen Begriff zu verwenden, um keine Verwirrung zu stiften.

Gemäß der Brockhaus Enzyklopädie ist das Wort Sekte „die urspr[ünglich] neutrale Bezeichnung einer (philosoph[ischen], religiösen oder polit[ischen]) Richtung oder Gefolgschaft“. Entsprechend diesem Kriterium könnten alle religiösen Organisationen als Sekten bezeichnet werden. Doch das Wort „Sekte“ wird heute allgemein in einem anderen Sinn gebraucht. Wie die katholische Publikation Die Sekten und wir schreibt, bezeichnet es unter anderem eine Anzahl Menschen, die einem bestimmten Führer Gefolgschaft leisten und so eine geistige Gemeinschaft bilden. Und wie Meyers Enzyklopädisches Lexikon sagt, ist heute mit dem Wort Sekte „noch immer weitgehend die Vorstellung von etwas Abartigem, Gefährlichem, Widersetzlichem signalisiert“...

Gelegentlich werden Jehovas Zeugen von Anti-Sekten-Organisationen und von den Medien als Sekte bezeichnet. In jüngster Zeit wurden sie in einigen Zeitungsartikeln sogar mit religiösen Gruppen in Verbindung gebracht, die für ihre fragwürdigen Praktiken bekannt sind. Doch ist es korrekt, Jehovas Zeugen als eine kleine Randgruppe zu bezeichnen? Sektenmitglieder kapseln sich oft von Freunden, Familienangehörigen und sogar von der Gesellschaft im allgemeinen ab. Ist das bei Jehovas Zeugen der Fall? Bedienen sich die Zeugen der Täuschung und gegen die Moral verstoßender Praktiken, um Mitglieder anzuwerben.

Sektenführer sind dafür bekannt, daß sie gewisse Manipulationsmethoden anwenden, um den Sinn ihrer Anhänger zu beherrschen. Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, daß Jehovas Zeugen das tun? Ist ihre Anbetung in einen Schleier des Geheimnisses gehüllt? Folgen sie einem menschlichen Führer, den sie verehren? Oder direkt gefragt: Sind Jehovas Zeugen eine Sekte?

So liegt es an diesem heutigen „wahllosen Gebrauch“ des Wortes, daß die Wachtturm-Gesellschaft fragt, ob es fair ist, Jehovas Zeugen das Etikett „Sekte“ aufzukleben (Jehovas Zeugen sollten mit dem Wort „abtrünnig“ ebenso besonnen umgehen, wie es ihnen um das Wort „Sekte“ geht - aber das ist eine eigene Diskussion). Es soll hier nicht unser Ziel sein, einen Schluß zu ziehen, ob Jehovas Zeugen bona fide als Sekte" in Frage kommen; wir wollen hier Fakten liefern, damit sich der Leser ein eigenes Urteil bilden kann.

Bevor wir die von Jehovas Zeugen im genannten Artikel selbst gestellten Fragen untersuchen, wollen wir nicht nur die Definition in der Brockhaus Enzyklopädie und umgekehrt die Wachtturm-Definition einer Sekte" bedenken, sondern auch das, was führende Experten auf dem Gebiet des Sektenbewußtseins" sagen. Ein solcher Fachmann, Steven Hassan, ehemaliger Moonie und Autor des Bestsellers Ausbruch aus dem Bann der Sekten (Rowohlt, 1993), vertritt die Meinung, daß die Mitglieder einer Gruppe noch lange nicht der Gedankenkontrolle unterliegen, wenn auch ihre Gruppe in der Öffentlichkeit als Sekte wahrgenommen wird.

Wie gesagt, Hassan war selbst mehrere Jahre lang Mitglied der Vereinigungskirche (besser bekannt als "Moonies"). Nachdem er aus ihr herausgebracht und deprogrammiert worden war, wurde er durch diese Erfahrung motiviert, eine umfassende Studie des von ihm so bezeichneten "Sektenphänomens" zu machen. Seither ist er zu einem bekannten Ausstiegsberater und einer Autorität zu dem Thema in Amerika geworden. Auf Seite 66 (deutsch) seines Buches bemerkt er:

Über 900 Menschen - Männer, Frauen und Kinder, Weiße und Schwarze -, die in Jonestown, Guyana, tot im Dreck liegen. Das sind die Bilder, die wachgerufen werden, wenn man heute von Sekten" spricht ... Aber diese Bilder erfassen nur einen Teil des modernen Sektenphänomens.

Dennoch heißt es auf der Seite 68:

Nicht jede Gruppe, die als Sekte" bezeichnet werden könnte, weil sie scheinbar merkwürdige Glaubensideen und Praktiken hat, ist notwendigerweise schädlich für ihre Mitglieder. Eine totalitäre, persönlichkeitszerstörende Sekte unterscheidet sich von einer normalen gesellschaftlichen oder religiösen Gruppierung unter anderem dadurch, daß sie ihre Mitglieder mit Druck überredet oder anderen schädlichen Einflüssen unterwirft, um sie in der Gruppe zu halten.

Hassan identifiziert vier entscheidende Kriterien für Bewußtseinskontrolle und betont den Punkt: "Bewußtseinskontrolle ist keine Gehirnwäsche." [Seite 95] Auf Seite 112 seines Buches umreißt er die vier Komponenten der Bewußtseinskontrolle:

Verhaltenskontrolle, Gedankenkontrolle, Gefühlskontrolle und Informationskontrolle - schon jede Form der Kontrolle für sich hat einen starken Einfluß auf den menschlichen Geist. Zusammen bilden sie ein totalitäres Netz, das selbst die willensstärksten Menschen manipulieren kann. Tatsächlich sind es gerade solche Menschen, die die engagiertesten und enthusiastischsten Sektenmitglieder abgeben. Keine einzelne Gruppe verwendet alle in diesem Abschnitt beschriebenen Methoden.

Mit dem Gedanken im Sinn, daß Menschen unter Bewußtseinskontrolle sich dieser nicht bewußt sind, folgt nun eine Liste von Beobachtungen aus Hassans Buch über seine Erfahrung als Moonie in der Vereinigungskirche und einiger seiner Schlüsse über totalitäre Sekten.

Gedanken eines früheren Moonies

Aus dem Bestseller von Steven Hassan Ausbruch aus dem Bann der Sekten

Die Munies verstehen es nämlich hervorragend, die Leute davon zu überzeugen, daß ehemalige Mitglieder satanisch seien und schon sich in ihrer Nähe aufzuhalten gefährlich sein könne [Seite 19]

Man beachte die Paradoxie: Während Mun erklärtermaßen die Welt vereinigen will, sät er mit vielen seiner Taktiken Neid und Bosheit unter seinen Führungskadern und sorgt damit effektiv für einen Mangel an Einheit. [Seite 49]

Je mehr Leute sich gegen uns stellten, desto stärker wurde unser Einsatz. [Seite 50]

Es war, als wären wir Gottes Heer mitten in einem spirituellen Krieg - die einzigen, die jeden Tag an die Front gehen und gegen Satan kämpfen konnten. [Seite 51]

Auf diese Weise wollten mich die Munies daran hindern, einigen irritierenden Fragen über die Gültigkeit der Zeitparallelen" aus der Geschichte der Wiederherstellung" nachzugehen. Ich hatte da nämlich einige krasse Ungereimtheiten entdeckt. Es war gefährlich, wenn jemand in meiner Position in der Organisation Fragen stellte, auf die es keine Antwort gab. [Seite 52]

Tatsächlich waren es ja meine Ideale und meine eigene Vorstellung von einer idealen Welt gewesen, die mich zu den Munies gelockt hatten. Und genau diese Ideale gaben mir am Ende auch die Kraft, die Gruppe zu verlassen und die von Sekten praktizierte Bewußtseinskontrolle öffentlich anzuprangern. [Seite 64]

In den USA üben Sekten einen gewaltigen wirtschaftlichen Einfluß aus: sie kaufen riesige Immobilienobjekte auf und übernehmen Hunderte von Betrieben. [Seite 67]

Sie indoktrinieren ihre Mitglieder so, daß diese nur die besten Seiten der Organisation offenbaren. Den Mitgliedern wird beigebracht, sämtliche negativen Gefühle in bezug auf die Gruppe zu unterdrücken und stets ein lächelndes, glückliches" Gesicht zu zeigen. [Seite 74]

Manche Sekten erzeugen in ihren Mitgliedern systematisch krankhafte Ängste vor einem Ausstieg aus der Gruppe. Die modernen Sekten verstehen sich darauf, ihren Mitgliedern lebendige Schauerbilder tief ins Unbewußte einzupflanzen, so daß sie sich schließlich nicht mehr vorstellen können, ohne die Gruppe jemals wieder glücklich und erfolgreich sein zu können. [Seite 81]

Auf die gleiche Art nehmen die von den Sekten generierten Ängste den Menschen ihre Wahlmöglichkeiten. Die Mitglieder glauben wirklich, sie würden zugrunde gehen, wenn sie jemals die Sicherheit der Gruppe verließen. Sie sind überzeugt, daß es keinen anderen Weg für sie gibt, um spirituell, intellektuell oder emotional zu wachsen. Sie werden durch diese manipulativen Techniken regelrecht versklavt. [Seite 82]

Ob es uns gefällt oder nicht - jeder ist verletzlich durch Bewußtseinskontrolle. Jeder will glücklich sein. Jeder braucht Liebe und Zuneigung. Jeder strebt nach Besserem im Leben: mehr Weisheit, mehr Wissen, mehr Geld, mehr Status, mehr Sinn, besseren Beziehungen, besserer Gesundheit. Genau auf diese grundlegenden menschlichen Eigenschaften und Sehnsüchte spekulieren die Sektenwerber. Man muß sich immer wieder klarmachen, daß in den meisten Fällen die Leute nicht den Sekten beitreten: Die Sekten werben die Leute an. [Seite 85]