Zwei Zeuginnen und ein großer Hund

Wenn man, wie ich, auf einem alten Bauernhof lebt, gehört ein Hund einfach dazu. Hunde gibt es in vielen Farben, Formen und Gewichtsklassen. Meine Hündin ist schwarz/weiß, hat die Form eines Kalbes und wiegt 54Kg.

Die ganze Familie, genau wie die anderen Dorfbewohner, lieben sie - und sie liebt uns. Doch ihre Liebe ist so rein, so unvoreingenommen und frei von allen Vorurteilen, dass es schon beängstigende Züge annimmt. Laika, so ist ihr Name, schließt sofort alle in ihr Herz, die unsere „kleine Farm” betreten - so auch die Zeugen Jehovas.

Unsere Zaunpforte schleift ein wenig auf dem Boden, was beim Öffnen derselben, zu einer ratternden Tonfolge führt. Nicht nur ich empfinde die akustische Vorwarnung, dass sich Besuch ankündigt, als angenehm. Nein, auch unser Hund hat gelernt, das diese Geräusche meist das Kommen eines Spielkameraden ankündigen. So auch an diesem Sonntag. Ich saß hinter dem Haus. Laika lag neben meinem Gartenstuhl und zog genüsslich Fleischfetzen von einem riesigen Knochen. Zur Feier des Tages hatte ich ihr morgens, einen von diesen brachialen Riesenknochen gegeben, an denen noch das getrocknete Fleisch verblieben ist. Das gute Stück hatte eine Länge von ca. vierzig Zentimetern und war, nachdem es bereits zehn Minuten weichgekaut wurde, etwas, na ja, flutschig. Gerade als sie wieder einen dieser durchgesabberten Fleischfäden vom Knochen zog, ratterte die Zaunpforte.

Da wir sonntagmorgens häufiger Besuch von Freunden und Bekannten bekommen, sah ich keinen Grund, mich aus dem Stuhl zu erheben. Sie alle kennen den Weg um das Haus herum, in den Garten. Laika jedoch, erhob sich freudig, nahm ihren Knochen in das Maul und setzte ihre Masse in Bewegung. Vierundfünfzig Kilo Hund und ein Vierzigzentimeterknochen, samt Fleischfetzen, geben ein Bild ab, das nicht so recht zu einem liebenswürdigen Familienhund passen will. Langsam kam sie auf Touren und nahm die erste Hausecke. Der Weg zwischen Haus und Scheune diente der Beschleunigung, bevor sie die zweite Hausecke hinter sich ließ und den Innenhof erreichte. Immer wenn Laika spielen will, nimmt sie etwas ins Maul und fängt an, tief, sehr tief, zu brummen. „Rrrrooooooorr”, es scheint von ganz unten zu kommen und erklingt, vermutlich durch ihre Größe und Masse, in einem atemberaubenden Basston. So auch jetzt. Ich sah sie zwar nicht, aber dieses „Rrrrooooorrr” vermittelte mir: „Ah, sie will spielen und zeigt dem Besuch erstmal ihren tollen Knochen.” Alles nichts Ungewöhnliches - für die, die sie kennen.

Als das Brummen nicht aufhören wollte und zwischenzeitlich auch mal ein paar andere Laute an mein Ohr drangen, stand ich dann doch auf und ging in Richtung Innenhof. Was sich dort abspielte, war eine Mischung aus Horrorfilm, Slapstick-Komödie und Tragödie. Die Beteiligten: Zwei junge Frauen, Anfang zwanzig oder jünger, in hellen, fast weißen Hosenanzügen und mein Hund. Als Requisiten wurden eingesetzt: der Knochen, samt Fleischfetzen und ein Stapel Zeitschriften - „Wachturm” war der Titel.

Was vor meinem Eintreffen passiert sein musste, konnte ich mir nur zusammenreimen. Anscheinend hat Laika, um ihr Anliegen - „Spiel mit mir!” - zu unterstützen, den Knochen eingesetzt. Das macht sie häufig mit ihrem Spielzeug. Sie nimmt es ins Maul und stupst damit. Nun kann dieses Stupsen, vor allem wenn das Spielzeug ein Sabberknochen ist, bei heller Kleidung fatale Wirkung zeigen. An den hellen Hosen waren jedenfalls überdeutliche Spuren dieser Spielaufforderung zu erkennen. An einem Hosenbein konnte ich sogar einen dieser weichgekauten Fleischfäden erkennen und das er den gesamten Oberschenkel umrundete.

Aber das war Vergangenheit. Mittlerweile schien die, so glaube ich zumindest, Jüngere der beiden, meinem Hund den Knochen abgenommen zu haben. Jedenfalls hielt sie ihn mit beiden Händen, weit von sich gestreckt. Die Zweite knickte immer leicht in den Knien ein, und ich war mir nicht sicher, um sie sich zum Gebet niederknien wollte oder kurz vor einer Ohnmacht stand. Laika war ganz begeistert davon, dass die, die ihr den Knochen abgenommen hat, nun endlich mit ihr spielen wollte und versuchte, sich eben diesen wiederzuholen.

Die mit den weichen Knien schien jetzt all ihren Mut zusammen zunehmen und ließ den Stapel Zeitschriften, den sie bis dahin krampfhaft festhielt, genau vor Laika fallen. Bevor ich rufen konnte, waren die Zeitschriften zu Altpapier verarbeitet und auf dem gesamten Weg verstreut. Diesen kurzen Moment der Ablenkung nutzen die beiden und verließen fluchtartig mein Grundstück. Ich rief noch: „Sie wollte doch bloß spielen!”, aber es war zu spät. Alles was von ihnen blieb, waren ungefähr zehn Ausgaben vom „Wachturm” und die Erkenntnis, dass auch die Zeugen Jehovas klauen: den Knochen, den hatten sie nämlich mitgenommen!

Anekdote von Hartmut Stoepler