Tragischer Selbstmord einer Aussteigerin

Es war nur eine knappe Pressemeldung. In Weingarten bei Karlsruhe hatte sich eine junge Frau vor den Zug geworfen. Niemand wusste zunächst, wer sie war, woher sie kam und weshalb sie dieses schreckliche Ende gewählt hatte.

Und nur wenige werden je erfahren, dass es sich bei der jungen Frau um eine ehemalige Zeugin Jehovas handelte, die ihrem Leben ein verzweifeltes Ende setzte. Weil sie sich nach einer Kindheit in der Sekte in dieser Welt nicht zurecht fand. Und weil das Leben nach dem Zerbrechen ihrer ersten großen Liebe keinen Sinn mehr zu haben schien.

Sie sah ruhig und nachdenklich aus, als sie zum ersten Mal beim Treffen der Sekteninitiative AUSSTIEG in Karlsruhe erschien. Eine attraktive junge Frau, die sich kurz zuvor von den Zeugen Jehovas gelöst hatte und den Kontakt zu anderen Aussteigern suchte. Doch als sie die teilweise erschütternden Berichte der anderen hörte, löste sich auch ihre Zurückhaltung und es brach förmlich aus ihr heraus. Sie erzählte von ihrer Kindheit als Zeugin Jehovas, von einem Leben ohne Freunde, abgeschirmt von der Welt und geprägt von religiösen Zusammenkünften und Predigen von Haus zu Haus. Und sie berichtete vom unbeschreiblichen Gefühl der Freiheit, als sie mit 23 Jahren ein Fachhochschulstudium begann, in eine andere Stadt zog und zum ersten Mal nicht mehr unter der strengen Überwachung ihrer Eltern stand.

Sie redete mehr als eine Stunde und jeder im Raum spürte, wie gut es ihr tat, endlich einmal die über viele Jahre aufgestauten Gedanken und Empfindungen los zu werden.

Wenig später reagierte sie auf die Anfrage einer Frauenzeitschrift und traf sich mit einer Redakteurin für einem Gespräch, das schließlich zu einem Artikel von Frau im Leben führte. Nur wenige wussten, dass sich hinter der darin beschriebenen Sabine Lauterbach die Sektenaussteigerin Daniela aus Karlsruhe verbarg.

Schon als Kind hatte Daniela Selbstmordgedanken. Sie erinnert sich an Situationen der Ausweglosigkeit, die in dem hoffnungslosen Wunsch endeten: "Am liebsten würde ich sterben". Zum Beispiel wenn sie sich mit Schulfreunden nur heimlich treffen konnte, weil sie ja als Zeugin Jehovas keinen Kontakt zu "Weltmenschen" haben durfte. Und wenn die anderen am Samstagabend ins Kino oder die Disko gingen, während sie zu Hause saß und für die sonntägliche Versammlung den Wachtturm studieren musste.

Danielas Ausstieg bei den Zeugen Jehovas bedeutete auch einen absoluten Bruch mit ihrem Elternhaus. Sie wusste nur allzu gut, dass sie dort erst wieder wirklich willkommen sein würde, nachdem sie wieder zu "Jehovas Organisation" zurück gefunden hatte. Ihre Eltern hielten es schlicht und einfach für eine Katastrophe, dass ihre Tochter den "Weg der Wahrheit" verlassen hatte, um zu einem Teil dieser Welt zu werden. Schließlich waren sie davon überzeugt, dass dieses "System der Dinge" in unmittelbarer Zukunft vernichtet würde, um Platz für das lang ersehnte "Paradies auf Erden" zu machen. Und ihre Tochter würde nicht dabei sein. Sie würde in der "Schlacht von Harmageddon" vernichtet werden. Ein unvorstellbarer Gedanke für Eltern, deren gesamtes Leben von den Lehren und Regeln der Wachtturm-Gesellschaft bestimmt war und die eigentlich von Karlsruhe wegziehen wollten, um ihren Lebensabend im "Vollzeitdienst" für Jehova zu verbringen.

Zwar gab es hin und wieder Telefongespräche zwischen Daniela und ihrer Mutter, doch die einst so gehorsame Tochter ließ sich nicht mehr dazu überreden, in die Sekte zurück zu kehren. Eine Entschlossenheit, die auch ihr Vater, angesehener Ältester in einer Karlsruher Zeugen-Jehovas-Versammlung, nicht verstehen konnte. Hatte er nicht alles getan, um seine Tochter nach den "Ratschlägen der Bibel" zu erziehen? Hatte er sie nicht von Kind auf von dieser Welt fern gehalten und sie mit der "liebevollen Zucht" aufwachsen lassen, wie es die Wachtturm-Gesellschaft empfiehlt? Für ihn war klar, dass hier Satan am Werk sein musst. Und dass vor allem die Karlsruher Sekteninitiative AUSSTIEG seiner Tochter den "rebellischen Geist dieser Welt" eingepflanzt und sie von der Familie entfremdet hatte. In diesem Sinne äußerte er sich zumindest einer früheren Lehrerin Danielas gegenüber, die sich im Karlsruher Raum aktiv für die Sektenaufklärung einsetzt und für die junge Frau zur vertrauten Gesprächspartnerin geworden war.

Wer sich noch nie mit den Auswirkungen einer Sekte auf die Persönlichkeit eines Menschen auseinandergesetzt hat, kann nicht nachempfinden, welcher ungeheuren psychischen Belastung Menschen ausgesetzt sind, die sich vom Absolutheitsanspruch einer solchen totalitären Gruppierung gelöst haben. Denn der Ausstieg ist erst der erste Schritt. Was folgt, ist eine heftige Phase der inneren Ablösung, die sich nicht selten über Jahre hinzieht. Dabei müssen Selbstzweifel überwunden, Schuldgefühle abgebaut und neue Lebensansichten entwickelt werden. Und das von von den Interessen der Sekte bestimmte Leben muss mit eigenen Inhalten und neuen Zielen gefüllt werden.

Vor allem aber gilt es, das bisherige soziale Umfeld durch neue Kontakte und Freundschaften zu ersetzen. Denn Zeugen Jehovas sehen wie die meisten totalitären Sekten Aussteiger als Abtrünnige an, die in Satans Welt zurückgekehrt sind und zu denen ein "wahrer Christ" alle freundschaftlichen Beziehungen abbricht. Da ist es gut, wenn man Menschen außerhalb der Sekte kennt, die mit freundschaftlicher Nähe über die Einsamkeit hinweg helfen.

Danielas Ausstiegshilfe war ein Student, den sie auf einem Uniball kennen gelernt hatte. Ein junger Mensch, der für sie genau die Freiheit verkörperte, nach der sie sich in ihrem bisherigen Leben so gesehnt hatte. Die erste große Liebe einer mittlerweile 26 Jahre alten Frau, die bisher eigentlich vom Leben nicht viel mitbekommen hatte. Sie war in einer Familie aufgewachsen, in der sich alles um das "neue System" drehte, um das Paradies auf Erden, das unmittelbar bevorstand. Dating war ein Fremdwort, Diskos galten als unmoralisch und junge Leute wurden in zahlreichen Wachtturm-Artikeln angehalten, sich nur dann mit dem "anderen Geschlecht" einzulassen, wenn sie konkrete Heiratsabsichten hegten.

Doch wer keine eigene Erfahrung mit Sekten hat, der tut sich oft schwer mit der Psyche eines Partners, der gerade erst der geschlossenen Denkwelt einer extremen religiösen Gruppe entronnen ist und zahlreiche Schwierigkeiten hat, sich in dieser Welt zurecht zu finden. Und so kam, was kommen musste. Danielas Freund zog sich immer mehr von ihr zurück. Der großen Liebe folgte der noch größere Liebeskummer und Daniela sah keinen anderen Ausweg, als vom Dach ihres Hauses zu springen und sich das Leben zu nehmen.

Zum Glück konnte ihr erster Selbstmordversuch vereitelt werden. Die Beziehung zu ihrem Freund ging doch nicht ganz in die Brüche und Daniela traf sich fortan regelmäßig mit einem Psychotherapeuten, der sie bei der Bewältigung ihrer Lebenskrise unterstützte.

Gleichzeitig zog sie einen dicken Trennungsstrich zu ihrem früheren Leben. Sie bezog ihre erste eigene Wohnung und teilte ihre neue Adresse und Telefonnummer nur einigen wenigen, vertrauten Menschen mit. "Ich will einfach nicht, dass einer von der Familie bei mir anruft oder sogar hier auftaucht. Danach bin ich jedes Mal für Stunden deprimiert", waren ihre Worte. Dazu kam, dass sie endlich den lange gesuchten Job gefunden hatte und das Leben immer freundlichere Züge annahm. Alle, die Daniela kannten, beobachteten, wie sie sich immer mehr zu einem lebensfrohen Menschen entwickelte.Sie blühte förmlich auf, erschien gelegentlich wieder bei Treffen der Selbsthilfegruppe und erzählte - mit erkennbarem Abstand - von der Welt der Zeugen Jehovas mit ihren tausend Verboten, mit der sie nichts mehr zu tun haben wollte.

Doch die Probleme mit ihrem Lebenspartner hielten an. Der junge Mann zog zu seinen Eltern und die tagsüber lebensfrohe junge Frau spürte an den langen Abenden allein und ganz besonders am Wochenende die Einsamkeit. Sie führte Telefongespräche mit Freunden, die bis spät in die Nacht dauerten und sich immer wieder um die Probleme ihrer Beziehung drehten. Dazwischen der Ausspruch "...dann mach ich Schluss".

Die Nachricht traf alle, die Daniela gekannt und schätzen gelernt hatten, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Eine Familie am Ort, die im ständigen Kontakt mit ihr stand, hatte sich zunächst gewundert, warum Daniela schon seit Tagen nicht mehr erreichbar war. Beim Treffen der Selbsthilfegruppe am 18. März 2000 erwähnte jemand die Notiz aus der Zeitung über einen Vorfall in Weingarten. Ein leiser Verdacht kam auf. Ein Telefongespräch mit der Polizei brachte Gewissheit: Daniela F. hatte sich das Leben genommen.

Es ist ein sinnloser Tod. Die Verzweiflungstat einer jungen Frau, die gerade daran war, innerlich aufzublühen und das Leben zu genießen. Die Folge einer Kindheit und Jugend in der Enge und Abgeschlossenheit einer Sekte. Das tragische Ende eines Lebens, das nie die Chance hatte, sich richtig zu entfalten.

Der Schreiber dieser Worte ist entfernt mit Daniela verwandt. Er gibt nicht ihrem Lebenspartner und nicht ihren Eltern die Schuld an ihrem Tod. Sondern einer eiskalten Organisation, die Menschen ihre Lebensperspektive nimmt, sie von der menschlichen Gesellschaft isoliert und ihren Glauben manipuliert, indem sie seit über hundert Jahren die Hoffnung auf ein Paradies auf Erden nährt.


Nachtrag

Daniela Fürstenberg hat in ihrem Abschiedsbrief verfügt, dass ihr kleines Vermögen zur Hälfte Ihrem Arbeitgeber und zur Hälfte an die Selbsthilfegruppe und Betroffenen-Initiative AUS/STIEG gehen soll. Sie hat in ihrem Interview in Frau in Leben deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie einen klaren Strich zwischen sich und ihrem Elternhaus zieht. Eigentlich der eindeutige Wille einer Verstorbenen, die sich aus Verzweiflung das Leben genommen hat.

Der Arbeitgeber Danielas hat darauf verzichtet, das Erbe anzutreten. Nicht so ihr Vater. Er teilte dem Nachlassgericht in einem vier Seiten langen Schreiben mit, dass alle Äußerungen seiner Tochter gegenüber den Medien und ihr nahestehenden Menschen nicht der Wahrheit entsprechen. Besonders leugnete er ab, sie geschlagen zu haben und betonte, dass sich seine Kinder freiwillig dazu entschlossen hätten, Zeugen Jehovas zu werden. Außerdem forderte er mit Nachdruck seinen Pflichtanteil am Erbe seiner Tochter.

Die Antwort des Nachlassgerichts war knapp und treffend: "Selbstverständlich steht Ihnen der gesetzliche Pflichtanteil zu. Ob dies im Sinne Ihrer Tochter ist, wage ich zu bezweifeln. Das Testament spricht hier eine eindeutige und erschütternde Sprache, die Ihnen zu denken geben sollte."

Es gab ihm aber offensichtlich nicht zu denken. Nach einjährigem Kampf erhielt er schließlich seinen Pflichtteil am Erbe seiner Tochter. Sein Kommentar zu AUS/STIEG: "Sie hat gewusst, dass mir dieser Anteil zusteht und hat ihn daher nicht ausdrücklich ausgeschlossen."