Spürbare Konsequenzen des Vortrags „Hüten wir uns vor Abtrünnigen“

In vielen Städten wurden dieses Jahr (Anmerkung: 2013) bereits die Bezirkskongresse der Zeugen Jehovas veranstaltet und finden immer noch statt. Ein besonderes Merkmal war und ist dabei das Thema einer Vortragsreihe „Hüten wir uns vor Abtrünnigen“, das samstags vormittags zu Gehör gebracht wird. An einem aktuellen Beispiel soll hier verdeutlicht werden, wie sich das Thema bereits auf die Zeugen Jehovas – und auf deren Angehörige und Freunde, die keine Zeugen Jehovas sind ‒ auswirkt. Am 29. Juli schrieb die ehemalige Zeugin Jehovas Barbara Kohout auf Facebook in der Gruppe „Ex-Zeugen Jehovas“ folgende Erfahrung aus ihrer Selbsthilfegruppe:

Schande über solche Seelenmörder!

Vor einigen Stunden bekam ich eine sehr verzweifelte Mail von einer ganz lieben Mutter, die seit einiger Zeit die Treffen unserer Selbsthilfegruppe besucht.

Nach dem Besuch dieses Kongresses ist sie in ihrer Familie noch mehr isoliert.

Sie hatte von ihrer älteren Tochter ein Schreiben bekommen, dass diese die Mama sehr liebt, aber in Zukunft keinen Kontakt mehr zu ihr haben wird.

Der ältere Sohn, ein Mitarbeiter in der Zentrale in Selters, schreibt der Mutter, dass er in Zukunft bei Heimaturlaub nicht mehr zu Hause wohnen wird und keinen Kontakt zur Mutter weder per Telefon, noch schriftlich haben wird.

Die jüngste Tochter wollte eigentlich mit der Mama die Organisation verlassen, wurde aber nun so verängstigt, dass sie die Mutter wirklich als Handlangerin Satans sieht.

Aber um die ganze Tragik noch auf den Gipfel zu treiben, muss diese warmherzige, sensible Ex-Zeugin nun mutterseelenallein in der Palliativ-Station ihre eigene Mutter begleiten. Ihre Söhne können es nicht mit ihrem gut geschulten Gewissen vereinbaren, in dieser schweren Zeit ihre eigene Mutter zu begleiten, in den Arm zu nehmen, zu trösten oder ihr Wärme und Nähe zu geben.

Muss ich dazu sagen, dass mein Gruppenmitglied so viel seelische Grausamkeit nur mit Hilfe einer verständnisvollen Therapeutin durchsteht – also mehr schlecht als recht?

Ich kann nur mit größter Verachtung sagen: Schande über solche Seelenmörder!

Es ist erstaunlich, wie zügig die Zeugen Jehovas die Warnung vor Abtrünnigen in die Praxis umgesetzt haben. Nichts anderes als die von Barbara Kohout geschilderten Konsequenzen, die die besagte bedauernswerte Mutter nun davontragen muss, sollte ja der „Kugelfisch“-Vortrag in der fremdbestimmten Zeugenschar auslösen. Offenbar hat die Wachtturm-Gesellschaft festgestellt, dass sich Entwicklungen zu immer toleranten Umgangsformen von Zeugen Jehovas gegenüber Ausgeschlossenen abzeichnen. Viele haben es wohl mit den Wachtturm-Auflagen wie Grußverweigerung und Kontaktsperre nicht mehr „so genau genommen“. Das Beispiel der Mutter, bei der ihre Kinder ja vorher noch engeren Kontakt zu ihr gepflegt haben, belegt dies sehr deutlich. Oder mit anderen Worten: Die Menschlichkeit und der gesunde Menschenverstand fingen bei manchen Zeugen Jehovas wohl allmählich an, sich durchzusetzen. Dies muss bei der Wachtturm-Führung Bedenken ausgelöst haben. Warum sonst sollte sie den Abtrünnigen auf den diesjährigen Bezirkskongressen eigens einen Vortrag „widmen“? Sie scheint also die Entwicklungen unter Zeugen Jehovas genau zu beobachten. Ins Fadenkreuz geraten dabei zwangsläufig auch Abtrünnige sowie die Ausstiegsvereine einiger.

Selbstverständlich muss daher einer solchen inneren Aushöhlung begegnet werden. Und das ist aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft nur konsequent: Zu schnell können Ausgeschlossene durch geselligen Kontakt Zweifel in ihren Lieben und Freunden säen. Hinzu kommt noch das Engagement von Ausstiegsvereinen und -gruppen wie die von der allseits geschätzten Barbara Kohout gegründeten Selbsthilfegruppe „SeelNot“ und anderen sowie TV-Auftritte von Ex- Zeugen-Jehovas, was auch sicherlich der Wachtturm-Gesellschaft nicht entgangen ist. Kommunikationsmöglichkeiten wie Facebook, Twitter, WhatsApp Messenger sowie insbesondere das mobile Internet (so genannte „Smartphones“ und „Tablet PCs“) stoßen bei der Wachtturm-Führung außer in eigener Sache nicht auf Gegenliebe. Die so genannte Internet-Flatrate (es fallen nur Fixkosten für das mobile Internet an) macht’s möglich und ist selbst für Jugendliche und Minderjährige erschwinglich. So kann der Internetzugang nämlich auch jenseits des Internet-zensierten Elternhauses überall und daher auch im Verborgenen ‒ was insbesondere jugendliche und minderjährige Zeugen Jehovas zu schätzen wissen ‒ genutzt werden! Aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft macht sich hier also neben dem Segen der Technik auch der Fluch der Technik bemerkbar. Heimlich angeschaute Unterhaltungssendungen auf einem Tablet-PC oder Smartphone wie Germany’s Next Topmodel verleihen jungen Mädchen mehr Selbstbewusstsein in Bezug auf die Wahrnehmung ihrer Sexualität, ihres Körpers und der Mode innerhalb der sonst so mode- und leib- und sexualfeindlichen Zeugen-Organisation. Hinzu kommt noch, dass sie Inhalte auf Seiten und in Blogs von Ex-Zeugen-Jehovas unterwegs im Internet verfolgen können. Die Eltern haben also nicht mehr die volle Kontrolle über das Surfverhalten ihrer Kinder und Jugendlichen. Das kann sich als Antidoton gegen Gehirnwäsche und Manipulation erweisen, und es scheint auch schon zu wirken, wie der „Kugelfisch-Vortrag“ belegt.

Die Zeugen Jehovas bleiben trotz all ihrer menschenverachtenden und mit totalitären Systemen vergleichbaren Maßnahmen immer noch eine Antwort schuldig, warum „Wahrheit“, so wie sie sie verstehen, es nötig hat, zu solch abscheulichen Mitteln zu greifen. Ist ihre „Wahrheit“ etwa nicht fähig, es mit den Abtrünnigen aufzunehmen? Wenn es wirklich die „Wahrheit“ ist, sollte die Führung keine Bedenken haben, dass sie siegen wird. Sie müsste es vielmehr als ein „großartiges Zeugnis“ betrachten, wenn sie mit ihrer „Wahrheit“, insofern sie denn auch tatsächlich die Wahrheit ist, in der Lage wäre, in einem sachlichen Dialog Abtrünnige immer wieder ins Unrecht zu setzen. Hat nicht auch Jesus mit Satan, dem „größten Abtrünnigen“, diskutiert? Warum nicht auch hier Jesu Beispiel nachfolgen?

Das Verhalten der Führung gegenüber Abtrünnigen zeigt zum einen, dass sie ihrer eigenen absoluten „Wahrheit“ wohl nicht traut. Des Weiteren hält sie den Glauben ihrer Anhänger offenbar für so schwach, dass sie es für unabdingbar erachtet, sie vor diesen Dissidenten zu warnen. Die geistlichen Führer der Zeugen Jehovas halten ihre Anhänger offenbar nicht für „vollständig ausgerüstet“ genug, um mit Gebannten diskutieren zu können wie Jesus mit dem aus dem Himmel herabgeschleuderten Satan. Müsste das aber nicht eine willkommene Gelegenheit sein, Abtrünnigen auf diese Weise Paroli zu bieten? Die Tatsache, dass sie sich diese Gelegenheit entgehen lässt und sie ihren Anhängern vorenthält, belegt, dass Ihre „Wahrheit“, mit der sie sich auch über andere christliche Religionen erheben, so schwach und derart bar jeglicher Überzeugungskraft sein muss, dass sie infolgedessen selbstredend „sprachlos“ bleiben muss. Die einzige Antwort ist dann Bevormundung ihrer Wachtturm-Anhänger, Anlegen eines Maulkorbs und Vorschriften zu Verhaltensweisen gegenüber Abtrünnigen, begleitet von den bereits erwähnten Auflagen.

Eine solche Wahrheit, erst recht eine, die sprachlos bleibt, wenn es unbequem wird, kann kaum überzeugen!