Loyalität bis zum Überdruss

Ein Bericht vom Besuch des Hamburger Regionalkongress 2016 der Zeugen Jehovas

Barclaycard ArenaAls er am letzten Freitag im Juli den diesjährigen Regionalkongress der norddeutschen Zeugen Jehovas in der Hamburger Barclaycard Arena eröffnete, war sich der Redner sicher, dass die Teilnehmer schon seit langen in ihrem Umfeld für dieses „ganz besondere“ Ereignis warben. Doch nicht nur gläubige Zeugen Jehovas und ihre Interessierten sind der Einladung gefolgt. Mit Martin, Annett und Solaris waren auch drei Vertreter aus dem Netzwerk Sektenausstieg unter den rund 8.000 Besuchern des ersten Tages der dreitägigen Veranstaltung.

Dabei erwies es sich als taktisch kluge Entscheidung, dass Annett und Solaris in der typischen „Dienstkluft“ der Zeugen in Kleid und Anzug kamen. Somit fielen die fehlenden Kongress-Plaketten, mit der sich die Zeugen als Teilnehmer auswiesen, nicht weiter auf. Denn Martin, der getrennt von ihnen auf die Veranstaltung ging, wurde in seiner gewöhnlichen Straßenkleidung sofort als „Betriebsfremder“ identifiziert, dem man wechselweise zwei freundliche Ordner als Aufpasser zur Seite stellte. Martin nutzte diese Gelegenheit, sich schon mal umzusehen für seinen Fernsehauftritt im „Hamburg Journal“ am folgenden Tag. Währenddessen beobachteten Annett und Solaris von der Empore aus ungestört das Geschehen.

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Um es vorwegzunehmen: die in den vergangenen Wochen kursierenden Gerüchte, wonach die Gesellschaft in einem Anfall von „helleren Licht“ einen verschärften Kurs gegen untätige Verkündiger fahren würde, haben sich an diesem Freitag nicht bestätigt. Aber sonst ließ sich das Fazit dieses Freitags einfach zusammenfassen mit „Business as usual“.

„Bleibe Jehova gegenüber loyal“ war das aus Micha 6:8 (Revidierte NWÜ) abgeleitete Motto, mit dem die diesjährigen Kongresse der Zeugen Jehovas überschrieben sind. Und Loyalität war auch der zentrale Begriff, um den es sich in jedem der 18 Vorträge drehte. Wenig überraschend, wem sich die Angehörigen dieser religiösen Sondergemeinschaft zur ungeteilten Loyalität verpflichten sollen: Jehova Gott. Und im gleichen Zug die Erklärung, dass sich diese Loyalität auch auf seine irdische Organisation erstreckt. Deswegen, so einer der Redner, würden auch alle loyalen Zeugen immer gut über die Organisation sprechen und ihr nicht bei Lehr- und organisatorischen Änderungen kritisch begegnen. Eine offene Debattenkultur sieht anders aus.

Loyalität wurde durchgespielt in allen Lebenssituationen, in denen sich „Otto Normalverkündiger“ mit Anfechtungen seines Glaubens konfrontiert sieht. Beispielhaft steht der Vortrag „Bleibe loyal im Denken! (2. Korinther 10:5)“ in dem als Gegenmittel gegen „verkehrte Gedanken“ auslösende Begierden folgende Gegenmittel empfohlen wurde: Beten, Bibel lesen, verkehrte Gedanken vertreiben und positives Denken, eine Form der Selbstkontrolle, die die Psychologie als Gedankenstopp kennt. Diese manipulative Technik wird bei Patienten in der Verhaltenstherapie gegen zwanghafte, grüblerische Gedanken, Zwänge und Phobien eingesetzt. Üblicherweise übt der Therapeut mit dem Patienten bei störenden Gedanken, wie zum Beispiel "ich muss mir dreimal die Hände waschen“, ein lautes „Stopp!" zu rufen. Bei den Zeugen Jehovas werden Zweifel an der Organisation, Neid, unzüchtige Gedanken usw. als corpus delikti angesehen. Diese sind mit Bibel lesen, Beten oder anderen theokratischen Aktivitäten zu unterbrechen. Umso öfter man die Gedankenstopptechnik anwendet, umso mehr wird das zu einem Automatismus, der Betroffene denkt über sein Handeln nicht mehr nach.

Doch Loyalität zeigt der gläubige Verkündiger nicht nur in der Selbstkontrolle. Selbst die Nutzung der Webseiten JW.ORG und JW-Broadcasting ist ein Zeichen der Loyalität. Aber auch „das Gedankengut der Abtrünnigen zu meiden wie die Pest hat etwas mit Loyalität zu tun“, ein Klassiker, der in der Kongressrhetorik natürlich auf keinen Fall fehlen darf. Loyalität zu Jehova – so wie sie die Gesellschaft definiert – steht über allen anderen Bindungen, wie der natürlichen Loyalität zu den eigenen Familienmitgliedern. Entsprechend wurde der selbst die Familienbande durchschneidende Gemeinschaftsentzug als „nützlich“ und „schmerzliche Zuchtmaßnahme“ bekräftigt, um „die Organisation rein zu halten“.

Loyalität – Loyalität – Loyalität - Nie zuvor in unserem Leben haben wir dieses Wort und seine Abwandlungen so oft gehört, wie an diesem einzigen Tag, bis zum Überdruss. Und wenn wir es in der Hand hätten, würden wir es hiernach für die nächsten zehn Jahre aus unserem Wortschatz streichen.

Doch der letzte Vortrag des Tages enthielt ein paar Details, die uns aufhorchen ließen. Der aus der Zentrale in Selters angereiste Justiziar der Zeugen Jehovas, Gajus Glockentin, teilte mit, dass die Reduzierung der Bethelfamilie um 200 Hauptamtliche abgeschlossen sei. Moment mal! Galt bis vor nicht allzu langer Zeit Wachstum als Zeichen des Segens Jehovas? In jedem Unternehmen wäre ein derart drastischer Personalabbau ein deutliches Krisensymptom, das bei den Beteiligten in der Regel Ängste auslöst. Gewiss, uns ist bekannt, dass die Organisation vor allem in den reichen Staaten des Westens in eine Phase der Stagnation übergegangen ist. Und doch hätten wir gerne mehr aus erster Hand darüber erfahren, was diese einschneidende Maßnahme erforderlich machte. Bei einstmals 1.100 Bethel-Hauptamtlichen kommt diese Maßnahme einem Aderlass gleich. Doch Glockentin hüllte sich darüber in Schweigen. Transparenz in eigenen Angelegenheiten war noch nie Sache dieser Gesellschaft, die sich selbst als Regierung Gottes auf Erden sieht. Umso mehr hob er dafür den bevorstehenden Groß-Umzug der Weltzentrale von Brooklyn nach Warwick hervor. Die neue, naturbezogene Umgebung würde den Hauptamtlichen wie ein Vorgeschmack auf die neue Welt vorkommen. Und so sieht Glockentin – wie könnte es auch anders sein - die Leitende Körperschaft, das Führungsgremium der Zeugen Jehovas, weiterhin „am Puls der Zeit“.

Spektakuläre Massenveranstaltungen, wie dieser Hamburger Regionalkongress gehören seit den Tagen von Joseph Franklin Rutherford (1869-1942), dem zweiten Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft, zur Tradition der Zeugen Jehovas. Sie suggerieren den Mitgliedern der Bewegung Größe, dienen der eigenen ideologischen und elitären Selbstvergewisserung, erregen bei Außenstehenden Aufsehen und fungieren als Heiratsmarkt bei einem ohnehin stark eingeschränkten Angebot. Abgesehen von der Nutzung technischer Innovationen konnten wir keine Änderung zu früher erkennen. Überall in der Menschenmenge blitzten die Displayoberflächen der Tablets, mit denen die Zuhörer eifrig die von den Rednern angeführten Bibelstellen nachschlugen. Des Weiteren wurden die einzelnen Vorträge mit Einspielungen von Kurzvideos aufgelockert, die inzwischen die von früher bekannten Auftritte von Laienschauspielern aus den Versammlungen ersetzen. Nicht geändert hat sich der rhetorische Stil der Redner, mit denselben Gesten, vergleichbaren Tonfall, den suggestiven Einlassungen und den aus Natur und Alltag entlehnten Veranschaulichungen, so wie sie es als artige Schüler der Theokratischen Predigtdienstschule gelernt haben. Wenn etwas diese Bewegung auszeichnet, dann der Druck zu Einförmigkeit und Konformismus, damit sich keiner aus der Masse heraushebt.

Und doch entgeisterte uns eines: Wer die Erwartung hatte, bei diesem Anlass würde sich nach Jahrzehnten gebrochener Heilsversprechen auch nur der Hauch eines nachlassenden Enthusiasmus zeigen, musste enttäuscht werden. Überall in den gut gefüllten Reihen saßen die eifrigen Mitschreiber. Selbst neben uns ein junges Paar in einem Alter, in dem man eigentlich ganz andere Dinge im Kopf hat.

Zu uns jedoch wollte der Funke nicht überspringen. In einem der Kurzdramen wurde das Schicksal von Sonja thematisiert, einer jungen Frau, die nach 15 Jahren des Gemeinschaftsentzugs wieder einen Königreichssaal betrat und bekannte: „Mir wurde bewusst, wie weit weg ich war.“ Das gleiche konnten wir nach unserem Kongressbesuch auch von uns sagen – im Gegensatz zu Sonja aber ohne jeden Anflug von Reue.

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