Dialog über einen breiten Graben hinweg

Eine hochkarätig besetzte Tagung versuchte im nordhessischen Hofgeismar den Brückenschlag zwischen Glauben und Wissen

In vielen Religionen, vor allem in fundamentalistischen Sekten und neureligiösen Bewegungen, findet sich als grundlegende Basis des eigenen Selbstverständnisses die Vorstellung eines kreationistischen Schöpfungsglaubens, der die Entstehung des Lebens auf der Erde göttlicher Einwirkung zuschreibt. Damit einher geht die schroffe Ablehnung naturwissenschaftlicher Lehren wie der von Charles Darwin (1809-1882) begründeten Evolutionslehre. Während unter Naturwissenschaftlern die 1942 daraus abgeleitete Evolutionstheorie allgemein anerkannt ist, sind in der Öffentlichkeit kreationistische Vorstellungen weit verbreitet. Glauben und Wissen, religiöses Dogma und wissenschaftliche Empirie - unversöhnliche Gegensätze? „Schöpfung und Evolution – ein Widerspruch?“ - Am Wochenende des 16.-18. März 2018 versuchte die Evangelische Akademie Hofgeismar dem schwierigen Dialog zwischen Naturwissenschaft und Religion neue Impulse in einer „alten“ Fragestellung zu geben.

Tagungsstätte in Hofgeismar

Als Vertreter der Theologie formulierte Wilfried Härle („...und hätten ihn gern gefunden. Gott auf der Spur“) den beide Weltbilder versöhnenden Kompromiss, wonach zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube kein Gegensatz bestehen müsse, denn das eine beschreibe die Entwicklung der Arten, während der Schöpfungsglaube die Antwort auf den Ursprung gäbe. Ebenso verwies er auf die Leistungen von Theologen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, um dem Eindruck der Wissenschaftsfeindlichkeit der christlichen Kirchen entgegen zu wirken. Die Bibel sieht er als „religiöses Kunstwerk“.

Für die naturwissenschaftliche Gegenposition trat der bekannte Biologe Ulrich Kutschera ein. „Tatsache Evolution. Was Darwin noch nicht wissen konnte“ war der Titel seines Vortrages, in welchem er den aktuellen Kenntnisstand der Evolutionsbiologie umriss. Er berief sich auf die wissenschaftlichen Fakten und gab sich darin kompromisslos, indem er jede Vermischung beider Bereiche – Glauben und Wissen – kategorisch ablehnte. Als Empiriker definierte er Glauben als ein System, in dem „man Dinge für wahr hält, die man nicht belegen kann“.

Als Argument gegen den Designer-Gott warf er Beispiele für die Brutalität in der Natur ein, die gegen das „Intelligent Design“ eines gütigen Gottes sprächen: Larven der Schlupfwespe, die ihren Wirt von innen auffressen und langsam töten sowie Elefanten, die elendig verhungern, weil sich ihre Mahlzähne lange vor ihrem biologischen Ende abnutzen. Aus der Sicht des Berichterstatters zeigte sich die Stärke dieses Arguments in der für Theologen üblichen langen und gewundenen Replik Härles, wonach man menschliche Vorstellungen nicht auf das Handeln Gottes übertragen dürfe. Aber das ist offenbar solange kein Problem, wie man dem Naturgeschehen die positiven Eigenschaften Gottes zuschreibt.

Kurios wurde es um die Person Charles Darwins, den beide Seiten zu vereinnahmen suchten. Während Härle in seinem Vortrag betonte, daß Darwin einen exzellenten Abschluß als Theologe erwarb, nannte Kutschera Darwin einen voll ausgebildeten Naturforscher, aber schlechten Theologen, dessen religiöse Profession Teil seiner Werbestrategie gewesen sei: „Ein Cambridge-Theologe widerlegt die Schöpfungslehre“. Daß Darwin seinen Atheismus nicht offenlegte, sei zurückzuführen auf den Druck des damaligen Zeitgeistes, der den Begriff des Atheisten negativ besetzte sowie auf den Einfluß seiner gläubigen Ehefrau.

Auf die Frage nach seiner persönlichen Weltanschauung erklärte Kutschera sich als „absolut toleranter, weltoffener Naturalist“, solange die strikte Trennung zwischen Glauben und Wissen eingehalten würde. Den christlichen Glauben sah er immerhin als relevante ethische Leitlinie unseres Kulturkreises. Damit distanzierte er sich vom dogmatischen Atheismus des Evolutionsbiologen Richard Dawkins („Der Gotteswahn“), den er strikt ablehnte.

Als Philosoph mit theologischer Schlagseite stellte Holm Tetens seine These vor, wonach „anders als der naturalistische Zeitgeist glauben machen will, sich der Schöpfungsgedanke gerade im Lichte der erfolgreichen wissenschaftlichen Forschung der Welt als verblüffend plausibel und vernünftig [erweist]“. Damit stellte er sich auf die Seite Härles, der keinen Widerspruch zwischen Schöpfungsglauben und Evolutionsbiologie sah. Während Kutschera seinen Atheismus aus den Mechanismen der Evolutionsbiologie zog, leitete Tetens seinen Schöpfungsgedanken vor allem aus der Existenz der physikalischen Naturgesetze ab – „Gott als Naturgesetzgeber“ -, wie sie sich im starken anthropischen Prinzip bündeln („Das Universum und deswegen die fundamentalen Parameter, von welchen es abhängt, muss derart sein, daß es die Entstehung von Beobachtern in ihm in manchen Phasen erlaubt“, Wikipedia).

Dem reduktionistischen Erklärungsanspruch der Naturwissenschaften zeigte Tetens die Grenzen auf: „Der Naturalismus sagt: Der Mensch ist ein komplexes Stück Materie. Aber mit einer erstaunlichen Eigenschaft. Es kann sich fragen, ob es mehr ist als ein komplexes Stück Materie“.

Was in einem naturwissenschaftlichen Sinne kausal erklärt werden kann, solle kausal erklärt werden. Doch solle man weiter sehen, so Tetens, was in teleologische – also zielgerichtete – Zusammenhänge integriert werden könne. Kutschera wies jedoch diese Sichtweise einer ziel- und richtungsgesteuerten Evolution als widerlegt strikt zurück.

In seinem Referat über den Konflikt zwischen Schöpfung und Evolution sah der Biologiehistoriker Thomas Junker die Konkurrenz zwischen diesen zwei Weltbildern als „nicht gut lösbar“. Er plädierte für eine tolerante Koexistenz und befürwortete einen Dialog, bei dem beide Seiten voneinander lernen könnten, aber es auch ertragen müßten, wenn man sich über sie lustig mache.

An dieser Stelle erhielt die Debatte eine neue Dynamik, als sich aus der Zuhörerschaft gegen diese Sichtweise Kritik erhob unter Hinweis auf das von der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung geförderte Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ mit seinen aus der Sicht der Kritiker den christlichen Glauben verzerrenden und wie auch vielfach als antisemitisch empfundenen Karikaturen.

Die Begriffe Schöpfungsglaube und Kreationismus unterzog der Theologe Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), einer trennscharfen Differenzierung. Während der Schöpfungsglaube, wie er in der offiziellen Position der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) vertreten werde, wissenschaftliche Fakten anerkenne, gehe der Kreationismus von einer wortwörtlichen Auslegung des biblischen Schöpfungsberichtes aus. Aus den USA kommend würden kreationistische Perspektiven zunehmend bekannter werden, blieben aber im europäischen Kontext begrenzt. Deutschland gehöre zum fundamentalismus-schwachen Gürtel, der sich von Kanada bis Japan erstrecke: Kreationismus als ein hierzulande auf fundamentalistische Randgruppen und religiöse Sondergemeinschaften beschränktes Phänomen.

Wie zentral das kreationistische Schöpfungsparadigma für das religiöse Selbstverständnis dieser Gruppen ist, verdeutlichte Hempelmann mit einem Zitat Reinhard Junkers von der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen: „Wäre die Evolution wahr, hätte die Gegenüberstellung von Adam und Christus sowie ihre Taten keine Basis und würde sinnlos.“

Der Berichterstatter erhob dazu die Fragen, ob es dann nicht besser sei, mit diesen Randgruppen in den Dialog zu treten und wie man deren dogmatische Haltung „aufknacken“ könne, beziehungsweise konkreter gefasst: „Wie sollten wir reagieren, wenn demnächst die Zeugen Jehovas an unserer Tür klingeln und uns ihre Sichtweise der Schöpfung vermitteln wollen?“ Hempelmann war skeptisch: „Mit Zeugen Jehovas ist ein Gespräch schwierig.“ Hauptsächlich seien abgeschottete Gruppen wie diese im Gespräch mit sich selbst.

In seinem Fazit der Tagung lobte Kutschera den respektvollen Umgang aller Seiten miteinander, bestand aber darauf, daß die Ebenen nicht vermischt würden. Tetens hingegen zeigte sich frustriert, weil die Naturwissenschaften ihre eigenen Positionen nicht reflektierten: „Wir haben die Fakten, ihr die Hirngespinste“. Aus der philosophischen Sicht Tetens zufolge gebe es keine Fakten, nur theoretisch interpretierbare Daten, die sich auch alternativ deuten ließen.

Auch an diesem Wochenende blieb der Gegensatz zwischen Glauben und Wissen unüberwindbar. Zwar können beide Seiten über einen breiten, tiefen Graben im freundlichen Gespräch zueinander finden, oftmals jedoch ohne einander zu verstehen. So ist man von einem Brückenschlag nach wie vor weit entfernt. Und nichts markiert diese Kluft besser als der Ausruf eines jungen Theologen an den Atheisten Kutschera: „Ich versuche verzweifelt Sie zu verstehen!“


Weiteres zur Tagung gibt es in unserem Diskussionsforum: Tagungsbericht "Schöpfung und Evolution"