Der Rasputin mit dem Kropf: „Das Phänomen Bruno Gröning“

Scheinbar wie aus dem Nichts tauchte er auf und verzauberte die Massen: Bruno Gröning schrieb als Wunderheiler ein spektakuläres Stück der bundesdeutschen Gesellschaftsgeschichte. Obwohl er 1959 bereits im verhältnismäßig frühen Alter von 52 Jahren an Krebs verstarb, hält sich bis heute hartnäckig ein institutionalisierter Freundeskreis, dessen Mitglieder fest davon überzeugt sind, daß Grönings „Heilstrom“ sie auch über seinen Tod hinaus von Krankheiten heilt, gemäß seinem Motto „Es gibt kein Unheilbar – Gott ist der größte Heiler“.

Der Anlaß für diesen Bericht war ein Flyer, der mir aus meinem Briefkasten entgegenflatterte. Zu verschiedenen Terminen lud der Bruno Gröning-Freundeskreis zu einer Kinovorstellung des Films „Das Phänomen Bruno Gröning“ ein, deren Dauer mit Pausen immerhin sechs Stunden umfasst.

Neugierig geworden und auch zusätzlich sensibilisiert durch die zunehmende Problematik esoterischer Kulte, nutzte ich gemeinsam mit der Vorsitzenden des Netzwerks Sektenausstieg, Annett Hartung, die Gelegenheit, diesem Phänomen näher auf den Grund zu gehen. Überrascht waren wir schon von der Lokalität des Kinos. Ein größerer Raum mit Glasfassade, auf der der Freundeskreis seinen Namenszug aufgetragen hat. Darin unterteilt ein kleinerer Bereich mit etwa 30 Sitzplätzen, der offenbar auch als eine Art Andachtsraum dient. Ein wenig hatten wir das Déjà-vu eines Königsreichsaals der Zeugen Jehovas.

Viel Publikum war nicht da. Zwei ältere Damen begrüßten uns. Im Vorraum fiel uns ein Schaukasten auf, in dem geschickt der Eindruck einer angeblichen Ehrung einer Internationalen Friedensauszeichnung der Bruno Gröning-Freundeskreise durch die UNO erweckt wurde. Die UNO leistet sich manche obskure Aktion, aber so weit geht auch dieser korrupte Verein nicht. Die die Auszeichnung vornehmende World Peace Prayer Society (WPPS) ist lediglich als Nichtregierungsorganisation bei der UNO registriert.

Wie eben schon erwähnt, geht der Bruno Gröning-Film über sechs Stunden. Wir haben uns von vornherein entschieden, nur den ersten Teil zu sehen, der schon genug Informationen hergab. Der 2003 fertiggestellte Monumentalfilm war auffallend professionell und aufwendig produziert und seine Kosten dürften nicht unerheblich gewesen sein. Bemerkenswert ist, daß der Regisseur des Films, Thomas Busse, sich inzwischen auf seiner Webseite von den Bruno Gröning-Freundeskreisen distanziert hat, „ohne das Interesse an Bruno Gröning zu verlieren“. Als Herausgeber wird im Vorspann der Grete Häusler Verlag genannt. Grete Häusler (1922-2001) war eine Anhängerin Grönings, die ihn seit 1950 kannte. Der Film selbst ist eine Aneinanderreihung dokumentarischer Filmausschnitte, Spielfilmszenen in Schwarz-weiß und Zeitzeugen-Interviews. Nicht ohne Bedeutung dürfte der Sprecher Christian Brückner sein. Der für seine sonore Stimme bekannte Brückner arbeitet nicht nur als deutscher Synchronsprecher von Robert de Niro, sondern auch als bekannter Sprecher zahlreicher Dokumentationen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, was beim Zuschauer des Gröning-Films auf eine subtile Art Glaubwürdigkeit suggerieren dürfte.

Grönings Karrieresprung als selbstloser Heiler schien schon in seinen frühen Lebensstationen vorgezeichnet. In der Wehrmacht zeigte er sich gegenüber den Vorgesetzten offen subversiv („Ich werde nie einen Menschen töten“), im russischen Kriegsgefangenenlager setzte er bei der Lagerleitung Verbesserungen für Mitgefangene durch. Ein russischer Offizier verglich ihn mit Rasputin. Immerhin, das Elternhaus Grönings war wohl nicht unproblematisch. Seine Kindheit darin betrachtete er als eine „Gefangenschaft in der Elternschaft“.

In den Interviews kommen nur Anhänger Grönings zu Wort, die teilweise von persönlichen Heilerlebnissen sprachen. Kritische Stimmen von Medizinern oder profunden Experten, die „das Phänomen Bruno Gröning“ rational einzuordnen versuchen, fehlen vollkommen. Dabei liegt der Erfolg Grönings vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Nachkriegszeit auf der Hand. Die Deutschen waren noch traumatisiert von der Extremerfahrung des Zweiten Weltkriegs, der Frieden durch den einsetzenden Kalten Krieg fragil, die frisch aus der Taufe gehobene Bundesrepublik noch nicht etabliert und das Wirtschaftswunder nicht einmal ansatzweise erwartbar. Es ist kaum überraschend, daß sich in einer solchen fast einem gesellschaftlichen Vakuum gleichenden Gemengelage eine geradezu messianische Heilserwartung zusammenballt, die dann eben in der Person Grönings ihre Verkörperung fand.

So lassen sich Grönings Heilerfolge denn auch weiter relativieren mit dem Hinweis auf eine Medizin, die seinerzeit zu streng auf rationalistische Konzepte setzte und dem emotionalen Faktor als Teil des Heilerfolgs keinen Raum gab. Grönings Wirken ist das des Placebo-Effekts auf einer seelischen Basis. Auffallend war eine Frau die durch Gröning von ihrer gelähmten Hand geheilt wurde. Es könnten dabei viele Faktoren eine Rolle gespielt haben. Die Frau berichtete, dass sie als junges Mädchen Bombenangriffe miterlebt hatte. Nach einem besonders schweren Angriff konnte sie ihre Hand nicht mehr bewegen. Das spricht für eine psychogene Lähmung, ausgelöst durch ein Kriegstrauma. Jetzt wird es kompliziert: die Heilung könnte durch eine Spontanremission, durch Verbesserung der Umstände, weniger Angst, oder das Gefühl von mehr Sicherheit hervorgerufen worden sein. Es kann aber auch der Placeboeffekt sein, der die gelähmte Hand geheilt hat. Der Glaube versetzt ja bekanntlich Berge und schon allein, daß die Frau und Tausende um sie herum an die Heilungen von Bruno Gröning glaubten, könnte zu einer Heilung geführt haben.

Dennoch bleiben wir nach dem ersten Teil dieses „Monumentalfilms“ etwas ratlos zurück. Es fällt uns schwer, uns in die Faszination der damaligen Menschen über diesen „Heiler“ hineinzuversetzen und an dem scheinbaren Charisma, das er ausstrahlte, teilzuhaben. Zu wenig ansprechend erscheint uns die Gestalt dieses Mannes mit dem unheimlich stechenden Blick und der auffallenden Frisur. Nicht zu vergessen sein unübersehbarer Kropf.

Ein merkwürdiger Heiler, der in seinem Anspruch „es gibt kein Unheilbar“ an sich selbst total scheiterte. Auffallend früh starb Gröning 1959 im Alter von 53 Jahren an Krebs. Seine Hinwendung zur Schulmedizin erfolgte zu spät. Doch nicht nur an sich selbst scheiterte der „Meister“. Justiziabel wurde seine „Behandlung“ eines schwer tuberkulosekranken Mädchens. Die spektakuläre Heilung eines an Muskelschwund leidenden Jungen hielt nicht lange an.

„Wer heilt hat recht“ – das ist ein in Esoterikkreisen beliebtes Totschlagsargument, um Kritik zum Schweigen zu bringen. Das ist insofern richtig, wenn es um die Anwendung des Placebo-Effekts geht, der aber nie vom schulmedizinischen Therapieangebot abgelöst werden darf. Schon gar nicht sollte er in Form eines irrationalen Aberglaubens an die Stelle erprobter Methoden gestellt werden.

In einem Nachruf auf Bruno Gröning schrieb das Nachrichtenmagazin SPIEGEL: „Sein Leben war die Antwort auf die Frage, was die Aufklärung an uns vermocht habe. Sie hat fast gar nichts vermocht. Das Mittelalter dauert an.“ Das Andenken an Gröning lebt heute durch die Freundeskreise auf einem sehr niedrigen Niveau kaum wahrnehmbar weiter. Das bedeutet aber nicht, dass 50 Jahre später die Vernunft generell gesiegt hätte. An die Stelle von Gröning sind andere esoterische Meister getreten, die eine sehr kleinteilige Szene bilden. Sie fallen kaum auf, da sie nicht wie Gröning die Massen anziehen. Das macht sie aber nicht weniger problematisch.