Sekten: "Unter den Teppich gekehrt"

Was sich hinter vielen religiösen Gruppierungen und Glaubensrichtungen verbirgt, ist für den Laien oft nur schwer erkennbar. Es fehlen Informationen. Daher fordert die Bonner SPD eine Enquete-Kommission. Ein erster Anfang ist gemacht. Die Partei gründete eine Arbeitsgruppe "Sekten".

Und damit scheinen die Sozialdemokraten ins Schwarze getroffen zu haben. Eine kürzlich geschaltete Hotline, die über Sekten und Psychogruppen informieren und aufklären wollte, war ein voller Erfolg. „Von 10 bis 17 Uhr standen die Telefon keine Minute still. Über 20.000 Menschen aus dem Bundesgebiet riefen an“, sagt Frank Sassenheidt-Grote, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Zehlendorfer Bundestagsabgeordneten Renate Rennebach. Die Politikerin ist Sprecherin der Arbeitsgruppe. Bei den Anrufern handelte es sich größtenteils um Angehörige oder Freunde von Sektenmitgliedern. Viele sind beunruhigt und sollten sich über die Gefahren der Sekten und sektenähnlichen Gruppierungen informieren. Ferner baten die Anrufer um Adressen von Beratungs- und Informationsstellen.

Angesichts des großen Informationsbedarfs sieht sich die SPD in ihrer Meinung, eine Enquete-Kommission einzurichten, bestätigt. Dies empfahl auch der Petitionsausschuß. „Im Januar des kommenden Jahres wollen wir einen entsprechenen Antrag einbringen“, kündigte Sassenscheidt-Grote an. Angesichts von rund 600 Sekten mit allein 2 Millionen Anhängern in Deutschland, würde der politische Handlungsbedarf auf der Hand liegen. Die Bundesregierung habe der Sektenproblematik bisher kaum Beachtung geschenkt. Vielmehr, so die SPD, würde sich der Eindruck verstärken, daß dieses Thema unter den Teppich gekehrt werden soll.

So ist für Renate Rennebach das jüngste Urteil um die Anerkennung der „Zeugen Jehovas“ als Körperschaft des Öffentlichen Rechts ein herber Schlag: „Den Richtern ist offensichtlich nicht klar geworden, daß es sich bei den „Zeugen Jehovas“ um eine Organisation handelt, die Menschen isoliert und bereits zahlreiche Familien zerstört hat. Sie ist geradezu ein Beispiel für eine der gefährlichen religiös-fundamentalistischen Sekten.“ Rennebach rät dem Senat, das Urteil anzufechten.

Mehr über die Arbeitsgruppe „Sekten“ oder Informationen zu den Organisationen: Arbeitsgruppe „Sekten“ der Bonner SPD, Telefon 277/894 50 oder SPD-Büro von Renate Rennebach in Zehlendorf, Telefon 8113079.

Stefan Höpfner in "Extra Blatt"