Selbsthilfegruppe der anonymen Sektenaussteiger

"Braucht man als Sektenaussteiger eine Selbsthilfegruppe“? wurde ich neulich sehr erstaunt gefragt. Zugegeben, für Katholiken, Protestanten und viele andere ist es kein Problem, den Austritt aus der Kirche zu erklären. Schließlich gibt es Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und überhaupt, wen geht das etwas an?

Im Falle von Psychogruppen und totalitären Kulten ist das aber ganz anders. Sie üben oft unerträglichen Druck durch Drohungen aus. Sie vermitteln Schuldgefühle und Gewissensnöte. Im schlimmsten Fall droht der totale Verlust aller bisherigen sozialen Kontakte. Familie und bisherige Freunde müssen sich vollständig distanzieren. Diese plötzliche Isolation von dem gewohnten Leben ist eine sehr traumatische Erfahrung mit schwerwiegenden und sehr oft langanhaltenden gesundheitlichen Folgen, wie Depression, Angstzustände, Verlust des Selbstwertgefühls und Schuldgefühle, Schlafstörungen, die Unfähigkeit neue Kontakte zu knüpfen oder wieder zu vertrauen denn man fühlt sich gerade von denen verraten, denen man bisher blind vertraute. Da bleibt ein Knacks noch sehr lange hängen. Die Erziehung in der Sekte erlebte man als Normalität. Sie führte zu einer erlernten Hilflosigkeit die nach dem Ausstieg oder Ausschluss oft in Desorientierung und dem totalen Absturz mündet.

Drogen, Alkohol, wechselnde Partner usw. sind häufig suizidale - „das nehm ich noch mit " - Verzweiflungstaten. Viele, die sehr jung gehen, oder denen die Gemeinschaft entzogen wird, glauben noch, dass Harmagedon kommt, wie sie es bei Jehovas Zeugen als Gottesgericht gelehrt bekamen. Doch sie sind oft in einem solchen inneren Konflikt, dass sie lieber die Vernichtung wählen als in der Zeugenhölle weiter auszuhalten. Sie versuchen also in dem festen Glauben, bald von Gott vernichtet zu werden, im Leben noch so viel wie möglich mitzunehmen.

Der Liebesentzug der Familie ist meiner Meinung nach eine der schlimmsten Strafen und die Angst davor der Hauptgrund für viele, lieber ein Doppelleben mit unvorstellbaren Seelenqualen und ständigen Ängsten vor Entdeckung in Kauf zu nehmen, als rigoros und konsequent auszusteigen.

Für die Psychotherapeuten ist es nicht leicht zu helfen, denn Patient und Therapeut sprechen tatsächlich zwei verschiedene Sprachen und für sie sind völlig unterschiedliche Weltbilder real. Wie sollte ein Therapeut der glücklicherweise nie unter die Zwänge einer Psychogruppe geraten ist verstehen:


  • Dass ein „treuer und verständiger Sklave“ in Wirklichkeit der absolute Herrscher ist, der Gehorsam, Unterwerfung und totale Hingabe an die Gruppeninteressen fordert und keinerlei Kritik duldet?

  • Dass sich ein Mensch dem unterwirft weil er ehrlich glaubt, dieser „Sklave“ handelt mit göttlicher Autorität und sich dem zu widersetzen heißt Gott gegenüber illoyal zu sein?

  • Dass der „Rat“ dieses Sklaven in Wirklichkeit ein absoluter Befehl ist und seine Anweisungen jeden Bereich des Lebens einbeziehen. Zeitplan, Essen, Trinken, Kleidung, Musik und Unterhaltung, Freundschaft und privaten Umgang, Freizeitgestaltung und berufliche Tätigkeiten, sexuelle Praktiken selbst in der ehelichen Beziehung, medizinische Behandlung ebenso wie die Vorgaben was und wie etwas zu glauben und zu verstehen ist. Für alles gibt es ein aus der Bibel willkürlich entnommenes Zitat mit dem die göttliche Gültigkeit „bewiesen“ wird.

  • Dass „ein gut geschultes Gewissen“ erwerben, nichts anderes ist als die Indoktrination mit dem Diktat des „Sklaven“.

  • Dass die reine Sprache“ erlernen durchaus mit Orwells „Neusprech“ zu vergleichen ist und Zweifel oder Skepsis mit „Gedankenverbrechen“.

  • Dass die „neue Persönlichkeit anziehen“ bedeutet, dass man sich selbst verleugnet und ein krankes, von der Gruppe diktiertes Weltbild zu glauben und zu leben hat.

  • Dass die Bedrohung mit dem Gemeinschaftsentzug bei unbotmäßigem Verhalten für den Gläubigen das Ausgeliefert sein dem Satan und den Dämonen und damit der Vernichtung preisgegeben bedeutet, sowie dem totalen Verlust aller sozialen Kontakte einschließlich der Familie und dass die Angst vor diesen Folgen nicht wenige in Depression, Verzweiflung und leider auch in den Tod treibt?

  • Dass es durchaus ernst gemeint ist, wenn eine Mutter sagt, es wäre mir lieber du wärst wirklich tot als „ausgeschlossen“. Sie sieht im Tod die Hoffnung auf eine Auferstehung und ein Wiedersehen im Paradies, wohingegen der Gemeinschaftsentzug nach ihrem Glauben die ewige Vernichtung zusammen mit Satan und den Dämonen im Feuersee bedeutet.


Wer das selbst über Jahre und Jahrzehnte glaubte, kann diese Sicht der Dinge nicht einfach abschütteln, wie man ein lästiges Insekt abschüttelt.

Die Erkenntnis, dass ein Weltbild, das nur innerhalb der Gruppengrenzen real existiert, nicht mit der Welt außerhalb zu vergleichen ist, wird nur sehr langsam zu vermitteln sein.

Dafür braucht man die Hilfe anderer.

Genau diese Hilfe zum Verstehen und hinter sich lassen können, bietet die Selbsthilfegruppe für die anonymen Sektenaussteiger.

Selbsthilfegruppe der anonymen Sektenaussteiger Augsburg

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