Kommentar zum Bericht 1996

Mehrung wurde von der WTG immer als ein Zeichen für Jehovas Segen interpretiert. Zumindest in den guten Zeiten, als in praktisch allen Ländern der Erde wenigstens eine einstellige Zuwachsrate zu verzeichnen war.

Doch das Blatt hat sich gründlich gewendet. Zumindest in den etablierten Ländern der westlichen Welt. In Deutschland hat sich die Zahl der Verkündiger gerade 'mal um ein paar Hundert verändert. In Österreich, Frankreich, Schweden und Tschechien sieht es nicht viel anders aus. Sogar die USA, Ursprungsland der Zeugen Jehovas, können diesmal nur auf ein Wachstum von einem einzigen Prozent verweisen.

6.193 Täuflinge, aber kaum Mehrung

Nach Jahren des verhaltenen Wachstums zeigt der Bericht der Wachtturm-Gesellschaft für das Dienstjahr 1996 erstmals einen aprupten Stillstand an. Und das, obwohl die Zahl der Taufen in Deutschland weiterhin auf hohem Niveau liegt. Anders ausgedrückt: 1996 haben doppelt so viele Zeugen Jehovas die "Wahrheit" verlassen, als in den Jahren zuvor.

Verkündiger-Statistik der Zeugen Jehovas in Deutschland

*berücksichtigt wurde eine Sterberate von 1%

Die Zeugen Jehovas haben im Dienstjahr 1996 nur einen minimalen Zuwachs von 0,4% gehabt. Im Jahr 1995 lag der Zuwachs noch bei 1,5%. Das ergibt sich aus den veröffentlichten Zahlen des "Königreichdienstes" von 1996. Wenn man die Zahlen des Jahres 96 mit denen der vorangegangenen Jahre vergleicht, kann man feststellen, daß die Stagnation in den Verkündigerzahlen von 1996 nicht von einer Verringerung der Anzahl der Neugetauften herrührt. Diese ist in den vergangenen Jahren ziemlich stabil geblieben bei ca. 6000 Neugetauften pro Jahr. Der bemerkenswerte Rückgang in der Zuwachsrate der Verkündiger 1996 muß demnach durch die hohe Anzahl der Abgänge im vergangenen Jahr verursacht worden sein. Die Anzahl der Abgänge wird zwar nicht von der WTG veröffentlicht, doch läßt sie sich in etwa berechnen, wenn man den Zuwachs in den Verkündigerzahlen mit der Anzahl der Neugetauften vergleicht, wobei man für Deutschland mit einer Sterblichkeitsrate von 1% rechnen sollte. Aus solch einer Berechnung ergibt sich, daß 1996 mit etwa 3.800 Personen fast doppelt so viele Verkündiger die ZJ verlassen haben, wie im Jahr 1995.

Wodurch diese hohe Anzahl von Abgängen verursacht worden ist, läßt sich natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß 1996 doppelt so viele ZJ wegen "Verfehlungen" wie Unzucht, Rauchen, etc. ausgeschlossen worden sind, als in den Jahren zuvor. Demnach müssten 1996 viel mehr ZJ die Gemeinschaft freiwillig verlassen haben oder inaktiv geworden sein. Woran das liegt, wäre interessant zu erforschen. Ein Grund mögen die Lehränderungen im vergangenen Jahr, v.a. die Änderung der 1914-Generation-Lehre, gewesen sein. Oder auch die zunehmende Aufklärung durch die Medien. Vielleicht werden auch viele ZJ des langen Wartens auf Harmagedon überdrüssig.

Tatsache bleibt, daß etwa 3.800 Personen die ZJ im letzten Jahr auf die eine oder andere Art verlassen haben. Viele von ihnen stehen durch diesen Schritt vor einer Anzahl von Problemen. Es bestehen vielfach noch Zweifel, ob das doch nicht "die Wahrheit" ist, für viele bedeutet der Austritt Verlust oder Einschränkung fast sämtlicher sozialer Kontakte. Der Kontakt zu anderen Menschen, die ähnliches erlitten haben oder durchmachen, wird womöglich benötigt. Die Vermittlung von derartigen Kontakten ist daher wichtig. Es wäre deswegen sehr hilfreich, wenn durch die InfoLink dazu beigetragen werden könnte.

Schlechter Felddienstbericht, gutes Geschäftsergebnis

Die Glaubenskrise ist sichtbar geworden. Immer mehr Zeugen Jehovas kehren der "Wahrheit" den Rücken. Und immer mehr Täuflinge werden gebraucht, um die Reihen derer zu schließen, die einem Religionskonzern verlassen, bei dem eigentlich nur noch eines stimmt: der Umsatz.

Verkündiger-Statistik der Zeugen Jehovas in Europa, Kanada und USA

*berücksichtigt wurde eine Sterberate von 1%

Die Geschichte der Zeugen Jehovas war schon von Anfang an eine Geschichte gewagter Endzeit-Berechnungen, die dem gläubigen Volk stets als "gesicherte Erkenntnis" verkauft wurden, um dann sang- und klanglos vom Mantel des Vergessens zugedeckt zu werden. Nur eine Jahreszahl hat alle neuen und alten "Wahrheiten" überstanden: das Jahr 1914. Obwohl auch dieses Jahr äußerst spekulativ ist und mehrmals umgedeutet werden mußte, ist bis heute tief in der Glaubensüberzeugung der Zeugen Jehovas verwurzelt.

Auch der Wachtturm vom 1. Januar 1997, in dem traditionsgemäß die Verkündigerstatistik für das vergangene Dienstjahr veröffentlicht und kommentiert wird, beschwört erneut das Jahr 1914 als den Zeitpunkt, an dem die biblischen "Zeiten der Nationen" zuende gegangen seien. Dabei wird so getan, als handle es sich dabei um eine Erkenntnis aus den eigenen Reihen, obwohl längst bewiesen ist, daß der Gründer der Glaubensgemeinschaft, Charles Taze Russel, die dahinter stehende Berechnung lediglich von anderen übernommen hatte.

Geradezu ironisch ist es, daß nur wenige Zeilen später der zweite Wachtturm-Präsidenten und selbsternannte "Richter" Rutherford erwähnt wird, der bereits in den 20er Jahren verkündet hat: "Millionen jetzt Lebender werden niemals sterben". Vermutlich möchte man mit diesem Zitat dem Leser einen letzten Rest von Hoffnung vermitteln, daß das lang ersehnte Ende vielleicht doch noch zu seinen Lebzeiten kommen könnte. Auf jeden Fall wird dabei unterschlagen, daß Rutherford mit seinen Worten keinesfalls bis in die späten 90er Jahre gedacht hat, sondern vielmehr ganz konkret das unmittelbar bevorstehende "Ende dieses Systems der Dinge" im Jahre 1925 im Sinn hatte.

Doch die Wachtturm-Gesellschaft hat allen Grund, sich an die letzten wackligen Steine ihrer zerbröckelnden Lehre zu klammern. Schließlich weiß sie nur allzu gut, daß auch dieser letzte Eckpfeiler, das Jahr 1914, gefährlich ins Rutschen geraten ist. Hatte nicht die selbe Zeitschrift, der Wachtturm, erst wenige Monate zuvor die Jahrzehnte lang gepredigte Grundlehre gekippt, nach der das Jahr 1914 die Generation kennzeichnet, die auch das Ende dieses Systems erleben wird?

Die meisten Zeugen Jehovas haben sich offensichtlich von diesem "helleren Licht" der Erkenntnis wieder einmal blenden lassen. Wie schon zuvor nach den geplatzten Prophezeihungen von 1874, 1878, 1910, 1914, 1925 und zuletzt 1975. Doch einigen scheint dabei auch aufgefallen zu sein, daß der "Weg der Wahrheit" seltsamerweise immer dann eine Kehrtwendung macht, wenn man sich ganz kurz vor dem Ziel befindet. Ein Blick auf die Zahlenwerk über die weltweite Tätigkeit der Zeugen Jehovas gibt zumindest Grund zu dieser Annahme.

Auffallend ist, daß eine nennenswerte Mehrung nur noch da zu verzeichnen ist, wo die Unwissenheit und die Hoffnungslosigkeit der Menschen am Größten ist: In den osteuropäischen Ländern, in Asien, in Afrika und in Südamerika. In nahezu allen westlichen Ländern hingegen herrscht mehr oder weniger Stillstand. Dabei setzt sich ein auffallender Trend fort, der schon in den vergangenen Jahren zu erkennen war. Auf der einen Seite gibt es nach wie vor eine relativ hohe Zahl von Neuzugängen, auf der anderen Seite jedoch immer mehr Aussteiger. Am Auffallendsten ist dieser Trend in den USA, Kanada, Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Mit anderen Worten: die Neuankömmlinge werden dringend benötigt, um die Reihen derer zu schließen, die mittlerweile nicht mehr mitmachen. Wobei in immer mehr Ländern Europas selbst diese Rechnung nicht mehr aufgeht.

Wenn man berücksichtigt, daß in der westlichen Welt ein erheblicher Teil der Täuflinge aus eigenen Reihen stammt, sieht das Bild sogar noch schlechter aus. Und wenn man die Erfolgsrate der Zeugen Jehovas ansieht, hat man sogar allen Grund, an der Überzeugungskraft ihrer Lehre zu zweifeln. Nehmen wir das Beispiel Deutschland: Hier wurden im letzten Dienstjahr rund 27 Millionen Stunden zum Predigen aufgewandt. Und das Ergebnis? Ganze 80.000 Heimbibelstudien und magere 6.200 Täuflinge. Anders ausgedrückt: Nur jedes 13. Heimbibelstudium führte zum Erfolg. Und der mußte pro Person mit einem Zeitaufwand von über 4.000 Stunden erkauft werden.

Interessant ist übrigens auch die Zahl, die irgendwo im langatmigen Kommentar verborgen ist: Innerhalb des Jahres 1996 hat die WTG Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von über 900 Millionen Exemplaren verbreitet (ein Plus von 13,4% gegenüber dem Vorjahr). Gemessen am letzten offiziellen Preis ergibt das einen Umsatz von 450 Millionen Mark. Rechnet man dazu die Einnahmen von rund 77 Millionen Büchern und Bibeln (eine Steigerung von 40%), dann kommt man gut und gern auf einen weltweiten Jahresumsatz von einer Milliarde DM. Wenn man berücksichtigt, zu welchen Minimalkosten diese Literatur hergestellt wird, läßt sich selbst bei vorsichtigen Schätzungen auf eine Rendite von 500-700 Millionen DM schließen. Dabei sind noch nicht die Spenden berücksichtigt, die Monat für Monat eingehen. Und es fehlen die Gewinne, die bei Bau, Finanzierung und Verkauf von Königreichssälen weltweit erwirtschaftet werden (um nur einige der versteckten Einnahmequellen zu nennen). Auch bleibt der Vermögenszuwachs unberücksichtigt, der sich aus dem weltweiten Immobilienbesitz der WTG ergibt.

Im Vergleich dazu sind die 61 Millionen DM, die nach eigenen Angaben der WTG für "Sonderpioniere, Missionare und reisende Aufseher" aufgewendet wurden, nur Peanuts.

Mit anderen Worten: Die große Frage, die es noch zu klären gilt, heißt, wo fließen all die Milliarden hin, die sich mit dem weltweiten Königreichswerk allein schon lange nicht mehr erklären lassen?