Mein Ausstieg

Vortrag, der anlässlich der Fachtagung der Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus e. V. (EI) und der ADK-Bayerische Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise e.V. in Regenstauf gehalten wurde.

1. Teil

Vielen Dank Herr Vorsitzender!

Herzlichen Dank auch an die Elterninitiative für die Gelegenheit, über meinen Ausstieg zu sprechen.

Für diejenigen, die mich noch nicht kennen, habe ich ein paar Daten aufgelistet:

  • Mein Name ist Bernd Galeski
  • Ich bin als Zeuge Jehovas aufgewachsen.
  • Von 1984 bis 1994 "diente" ich im "Bethel" (Wachtturm-Gesellschaft) Selters/Ts.
  • 2002 bin ich mit 37 ausgestiegen.
  • seit 2010 bin ich Vorsitzender des Netzwerk Sektenausstieg e.V.

Herr Köther und ich wurden als "Betroffene" eingeladen, von unseren Erlebnissen zu berichten.

Das Thema, das die Elterninitiative dafür gewählt hat, passt sehr gut:

Vom Lösungsprozess aus totalitären Bewegungen – Wege, Schwierigkeiten und deren Folgen

Bekanntermaßen gibt es verschiedene Wege, in eine Sekte zu geraten. 3 möchte ich nennen:

  1. Missionierung
  2. eigene Sinnsuche
  3. Erziehung

Den 3. Weg in eine Sekte bin ich gegangen:

Erziehung

Im Gegensatz zu den ersten beiden beschriebenen Wegen geht man diesen Weg selten freiwillig. Wie die meisten Zeugen Jehovas wurde ich in eine Zeugen-Familie geboren. Wir wurden streng wachtturmkonform erzogen. Eigene Wünsche, Neigungen und Vorlieben zählten nicht, wir hatten zu gehorchen.

Wie sieht nun ein Kind von Zeugen Jehovas die Welt?

Alles, was mich umgibt (Erde, Himmel ...), ist von "Jehova" gemacht. Er allein muss angebetet werden. Meine Eltern und die "Brüder" (Glaubensgenossen) sagen die Wahrheit. Alles andere ist falsch und stammt vom Teufel. Er beherrscht die ganze Welt.

Auch die falsche Religion wird vom Teufel beherrscht.

Alle Religionen sind falsch. Nur Zeugen Jehovas haben die "Wahrheit".

Die Bibel nennt die falsche Religion (Offenbarung des Johannes) "Babylon die Große", die "Hure". Dazu gehören auch und besonders die Geistlichen der Kirchen. Sie dienen dem Teufel. Sie machen mit Politik und Hochfinanz gemeinsame Sache. Sie sind "Freunde der Welt". "Wer Freund der Welt ist, ist Gottes Feind." (nach Jakobus 4, 4) Wir haben nichts mit den Feinden Gottes zu tun, denn sie werden vernichtet.

Die Evolution ist eine Irrlehre vom Teufel. Es ist seine raffinierteste Art, die Menschen zu verblenden. Man darf nicht darauf hereinfallen. Die Bibel sagt, Gott hat Menschen, Tiere und Pflanzen, "jedes nach seiner Art", erschaffen.

Woher wissen wir das?

Von der leitenden Körperschaft (dem Führungsgremium der Zeugen Jehovas). Im Gegensatz zu den religiösen Führern der falschen Religionen kann man ihr vertrauen. Denn alles, was sie lehrt, kommt aus der Bibel, dem Wort Gottes; deshalb kann daran nichts falsch sein. Die Bibel lehrt, man soll den Ältesten und der leitenden Körperschaft gehorchen.

Als Kind habe ich das alles geglaubt. Hatte keinen Grund misstrauisch zu sein. Vergleichsmöglichkeiten fehlten. Ich hatte gelernt zu gehorchen. Es gab keinen Grund zu zweifeln. Alles passte zusammen. Meine Denkgewohnheiten zu ändern, darauf wäre ich nie gekommen.

Liegt hier vielleicht eine Erklärung, warum es so schwer fällt, sich aus Sekten zu lösen?

Außerdem war ich leicht zu beeindrucken und einzuschüchtern. Meine Brüder nicht. Mit 18 brachen sie aus. Sie wollten ihr Leben leben, gehorchten nicht mehr und wurden ausgeschlossen.

Ich hab als Jugendlicher den anderen Weg genommen, habe fleißig "studiert" nach Art der Zeugen Jehovas. Das heißt: Kritiklos alles lesen und verinnerlichen, was von der leitenden Körperschaft kommt.

Mit meinem so erworbenen "biblischen Wissen" hatte ich Munition, mit der ich im Ausbildungsbetrieb missionieren konnte.

Dadurch war ich "vor mir selbst geschützt"...

In der Rückschau weiß ich nicht, was besser gewesen wäre? — Selbsterkenntnis und das Risiko der Stigmatisierung oder Verdrängen und der Erhalt der Familie?

Bevor ich das begreifen konnte, machte ich gewissermaßen einen Umweg über Selters.

Ich habe der Wachtturm-Gesellschaft alles geglaubt. Wollte ein guter Zeuge sein. Außerdem lebte man doch in der "Zeit des Endes". Ich wollte beim Missions-"Werk" mitmachen. Alles wollte ich einsetzen: Zeit und Kraft, so gut ich konnte. Das "Bethel" war dafür der "beste Ort". Eigentlich schon ein Stück vom Paradies — weit weg von der "bösen Welt".

Einer Welt, die in Gestalt meiner Arbeitskollegen meine Glaubensansichten verspottete und mein eng gefasstes Gewissen zum Spaß auf die Probe stellte.

Aber in Wirklichkeit waren nicht sie die "Bösen", sondern ich war durch die Religionsgemeinschaft zum Leben untauglich gemacht worden.

Ich war von Autoritäten und Umständen abhängig und kam davon nicht los. Ich war darin gefangen und ihnen ausgeliefert. Aber ich habe es nicht durchschaut.

Nicht "Satan und seine böse Welt" hatten mich in ihrer Gewalt, sondern Eltern, Lehrer, Älteste und die Religionsgemeinschaft.

Und sie "ermahnten" mich:

  • "Du sollst, du darfst nicht, du müsstest, du solltest eigentlich nicht."
  • "Jehova möchte." ? Mit diesem Satz ist man sehr gut zu steuern.
  • "Jehova sieht alles." ? Damit gibt es keine Privatsphäre. Es ist die perfekte Vorstufe zur Paranoia. Während meines Ausstiegs gab es tatsächlich eine Phase, in der ich geglaubt habe, alle starrten mich an und jeder könne sehen, was ich gerade dachte.
  • "Wie würde Jesus handeln?" ? Noch so ein Killer. Die Antwort zeigte mir jedes Mal, wie schlecht ich doch war.
  • "Kannst du mehr tun?" — Der perfekte Antreiber. Wer ständig "im Werk des Herrn" beschäftigt ist, hat keine Zeit zum Nachdenken, kommt nicht zur Ruhe und findet sich selbst nicht.

Auch ich kam bei diesem permanenten Abgleich mit den Anforderungen von außen nicht zu mir, konnte mein Eigenes nicht spüren. Ich war "anders", aber wie ich war, wusste ich nicht. Aber eins wusste ich: Es darf nicht heraus! Ich ahnte, dass solche Texte etwas mit mir zu tun hatten:

Kolosser 3, 5:
Ertötet ... die Glieder eures Leibes ... in bezug auf Hurerei, Unreinheit, sexuelle Gelüste ..

Judas 7 spricht von:

... Sodom und Gomorra ..., die ... über die Maßen Hurerei begangen hatten und dem Fleisch zu unnatürlichem Gebrauch nachgegangen waren ...

Für die Schreiber dieser neutestamentlichen Bücher sind der Körper und seine Funktionen "verdächtig". Der Christ soll sich ihrer nicht allzu bewusst werden.

Man kann durch die Befriedigung natürlicher Bedürfnisse das Seelenheil verlieren.

So predigte es einst Augustinus, wenn er davon spricht, dass er sich als Jüngling in höllischen Genüssen gesättigt habe, weil die Begierde in ihm aufgeflammt sei. Aber sein Leib habe sich verzehrt und er sei vor den Augen des Herrn "verfallen". (Aus: Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus, [Confessiones] O. Bachmann, Übs.)

Mag sein, dass diese Leibfeindlichkeit heute nicht mehr in den Kirchen gepredigt wird. Aber die Zeugen Jehovas predigen sie noch heute. Und so hatte ich sie verinnerlicht.

"Kontrolliere die Sexualität eines Menschen und du kontrollierst ihn ganz."

Wenn die Religionsgemeinschaft vor der Unmoral warnt, greift sie gern zu drastischen Beispielen aus der Bibel, vornehmlich dem AT.

Aus dem 4. Buch Mose (25,1-9) ist zu erfahren, dass Gott kurz vor ihrem Einzug ins gelobte Land 24.000 Israeliten hingerichtet hat. Warum? Sie hatten sich "mit den Töchtern Moabs auf unsittliche Beziehungen eingelassen", heißt es da. Und die Religionsgemeinschaft erklärt, dass das Tragische daran nicht die Ermordung so vieler Menschen war, sondern, dass sie sich von Gott entfernt hatten! So nachzulesen in dem Wachtturm-Buch: Bewahrt euch in Gottes Liebe, S. 97-98)

Diese Umdeutung von Werten fiel mir damals nicht auf. Ich konnte Kritikwürdiges an der "heiligen Schrift" nicht erkennen. Für einen humanistisch Denkenden ist Mord auch dann Mord, wenn ein Gott ihn verübt. Der fundamental Gläubige, der ich war, sieht es als "gerechte Strafe".

Damit bin ich bei den Hindernissen, aus einer Sekte herauszukommen.

Ein Hindernis ist:

Mangelnde Bildung

Bildung ist der Schlüssel. Bildung ist die Fähigkeit, Unsinn zu erkennen. Ohne Bildung bemerkt man nicht, dass das eigene Leben fremdbestimmt wird. Man entlarvt Manipulationen nicht und kann sich nicht dagegen wehren.

Wie sieht die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas Bildung an? Welchem Zweck soll sie dienen? Wie weit darf sie gehen? Was ist erwünscht, wovor warnt die Gemeinschaft? Inwiefern behindert oder beeinträchtigt mangelnde Bildung den Lösungsprozess?

Das soll an folgenden Zitaten deutlich werden:

10 Wie steht es [mit], … [höherer Bildung] an Hochschule oder Universität? ...

[Dort wird der] Kopf mit schädlichen weltanschaulichen Ideen und Meinungen vollgestopft. Das ist eine Verschwendung wertvoller Jugendjahre, ..."

Was jetzt kommt, steht wörtlich so im Wachtturm:

"Ist es nur Zufall, wenn in Ländern mit vielen Akademikern der Gottesglaube einen absoluten Tiefstand erreicht hat? ...

[Wir] vertrauen ... auf Jehova und nicht auf das fortschrittliche Bildungswesen der Welt." (Alle Zitate aus: Der Wachtturm 15. April 2008, "Wertloses entschieden von uns weisen")

Ganz klar: Für die Religionsgemeinschaft ist Bildung Mittel zum Zweck. Der Zweck ist: Aus den jungen Leuten sollen "gute Verkündiger" werden. Höhere Bildung lenkt davon nur ab. Und sie "verführt" die Jugend. Bringt sie dazu, das Geglaubte infrage zu stellen. Das ist nicht im Sinn der Religionsgemeinschaft.

Was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht als Zeuge Jehovas aufgewachsen wäre, weiß ich heute nicht.

Tatsache ist:

Weil ich der Wachtturm-Gesellschaft geglaubt habe, hab ich mich mit Schule und Ausbildung begnügt und bin mit 19 Jahren nach Selters gegangen. Ich hatte es bereits erwähnt.

10 Jahre habe ich "treu gedient" und eigentlich wollte ich dort alt werden. Es gab doch so viele Vorbilder, "Brüder und Schwestern", die im "Dienst für Jehova" alt geworden waren. Das wollte ich auch.

War das naiv? Weltfremd? Unwissend? Blauäugig? Aber ja!

Man könnte auch sagen: Ich war erfolgreich indoktriniert.

Die Indoktrination umfasst das ganze Leben des Zeugen Jehovas. Jeder Bereich ist berührt, jede Entscheidung ist "Akt des Glaubens" oder Unglaubens. Man könnte in Abwandlung eine alten Sponti-Spruchs sagen:

"Das Private ist religiös"

Damit fällt es unter die Zuständigkeit der Religionsgemeinschaft. Sie gibt sich das Recht, überall mitzureden. Deshalb mischt sie sich auch in alles ein. Selbst die intimsten Angelegenheiten bleiben nicht verschont. Wer meint, er könne seine eigenen privaten Entscheidungen selbstständig treffen, bekommt ungefragt Rat. Es könnte sein "Verhältnis zu Jehova" gefährdet sein. Dadurch ist die Gängelei vollkommen, die Überwachung lückenlos.

Dazu gebe ich nun ein paar Kostproben:

"Als Diener Gottes liebst Du Jehova, nicht wahr?"

Das ist kein wörtliches Zitat mit Quellenangabe, aber jedem Zeugen Jehovas – und jedem Aussteiger – ist dieser Satz sehr vertraut. Mit diese Suggestivfrage ist der Zeuge auf Linie. Er kann nicht anders als allem zuzustimmen, was nun folgt.

"3 ... wir [müssen] etwas tun...,

Wir müssen auf [Gottes] Liebe ganz konkret reagieren.

... wir [möchten] unserem Gott ... beweisen ..., wie sehr wir ihn lieben, ...

6 ... Echte Liebe ... zeigt sich in Taten (Jakobus 2:26).

7 ... Jehova gibt uns ... eine Reihe konkreter Anweisungen. ... [er] verbietet ... Alkoholmissbrauch, Unmoral, Götzendienst, Stehlen und Lügen ..."

Jetzt wird's interessant.

"8 Nun engt uns Jehova aber nicht ... ein, …" (3 bis 8 aus: Bewahrt euch in Gottes Liebe (2008), Seite 6f.)

So weit, so gut, könnte man meinen. Aber es geht ja weiter:

"Daher können wir ... in Situationen kommen, zu denen nichts Konkretes in der Bibel steht. Auch da möchten wir Jehova Freude machen.

Wir entwickeln ein Gespür dafür, auf welche Denk- und Verhaltensweisen er Wert legt. ...

[Seine] Denkart [wird] unsere Entscheidungen und unser Handeln prägen." (Aus: Bewahrt euch in Gottes Liebe [Forts.])

Selbst wenn die Religionsgemeinschaft mal nicht zur Stelle ist, die Schere im Kopf wird's schon richten: Sie sorgt für die "richtigen" Entscheidungen. Damit der Gläubige nicht zu zweifeln braucht, gibt's das kleine Büchlein.

Nun ist es mit dem Glauben so eine Sache. Er ist eigentlich privat und sehr persönlich. Manche Gläubige reden deshalb grundsätzlich nicht öffentlich darüber. Zum Beispiel Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Einem etwas "aufdringlichen" Journalisten sagte er mal: Bitte, wir haben das doch zu Beginn des Interviews geklärt. Belassen wir es dabei."

Nicht so bei der Religionsgemeinschaft. Sie macht das Private öffentlich. Erklärt es zu einer Glaubensfrage. Und dafür ist sie zuständig. Deshalb hat sie auch alles geregelt. Der Gläubige wird ständig gemaßregelt, bekommt Ermahnungen, Hinweise, Rat, meist ungefragt. (Gerade eben haben wir es sehen können.) Ob er folgsam ist, überprüfen die Ältesten. Dafür haben sie einen "Bußkatalog": Das Handbuch "Hütet die Herde Gottes". Darin ist eines der wichtigsten Prüfkriterien enthalten: Schadet es dem Ruf der Versammlung? Dazu gibt es eine Auflistung von:

"Vergehen, die die Bildung eines Rechtskomitees erfordern"

Beim Rechtskomitee handelt es sich um ein internes Tribunal, das aus drei Ältesten besteht, die zugleich Ankläger und Richter sind. Eine Verteidigung ist nicht vorgesehen. Der Beschuldigte sitzt ihnen in geheimer Verhandlung ganz allein gegenüber.

Nun zeige ich Ihnen eine Liste dieser Vergehen:

Kapitel 5

Vergehen, die die Bildung eines Rechtskomitees erfordern

  • Totschlag
  • Selbstmordversuch
  • * pornéia
  • Vergewaltigung
  • * Dreistes, zügelloses Verhalten
  • Schwere Unreinheit, mit Gier verübte Unreinheit
  • Drogenmissbrauch
  • Abtrünnigkeit
  • Trunkenheit
  • ...
Aus: Hütet die Herde Gottes (2010) Seite 58ff.

Was ist pornéia?

… [Darunter] ... versteht man ... den natürlichen [und] widernatürlichen unsittlichen Gebrauch der Genitalien in unzüchtiger Absicht.

… [es] muss außerdem noch eine Person (männlich oder weiblich) oder ein Tier beteiligt sein. …

Unter pornéia fällt nicht flüchtiges Berühren der Genitalien, wohl aber deren absichtliche Reizung. Oral- und Analverkehr sowie die gegenseitige absichtliche Reizung der Genitalien nicht miteinander Verheirateter ...

pornéia erfordert weder Hautkontakt noch Geschlechtsverkehr (wie das Eindringen des Penis in die Vagina oder den After) noch einen Orgasmus.

6. Selbstbefriedigung ist nicht pornéia. (Aus: Hütet die Herde Gottes (2010) Seite 58ff.)

Wie Sie sehen, nimmt es die Religionsgemeinschaft damit sehr genau und geht ins Detail. Wer bis jetzt nicht wusste, was pornéia ist, hier wird er informiert.

Unter Punkt 8 heißt es:

"8. Immer wenn pornéia vorliegen könnte, hat das Rechtskomitee die Verantwortung, die Fakten des Falls sorgfältig anhand der Bibel abzuwägen." (Aus: Hütet …, Kapitel 5 "Vergehen, die die Bildung eines Rechtskomitees erfordern" [Forts.])

Ich kam auch einmal in den "zweifelhaften Genuss" einer solchen Untersuchung. Das war zu meiner Zeit in Selters. Ich hatte zusammen mit einem Freund und einer Freundin in Italien eine Woche in einem Drei-Mann-Zelt übernachtet. Einer von uns hatte danach wohl ein schlechtes Gewissen. Jedenfalls war die Sache der Führung des Hauses zu Ohren gekommen. Wir landeten vor einem Rechtskomitee. Der Vorwurf: "Zügelloser Wandel".

Den drei Herren war es vor allem wichtig zu erfahren, ob etwas vorgefallen sei. Darüber befragten sie uns zusammen und einzeln sehr nachdrücklich. Wir konnten das verneinen. Zum Glück glaubte man uns. Aber eine eindringliche Warnung musste sein. Besonders einer tat sich als strenger Zuchtmeister hervor. Er drohte uns regelrecht. Nie, nie wieder dürfe so etwas vorkommen. Da waren wir ganz schön eingeschüchtert. Man ließ uns in Selters bleiben. Und wir waren erleichtert.

Das Hütet-Buch ist voll von Regelungen, die selbst privateste Dinge betreffen. Wie sehr sich die Religionsgemeinschaft ins Privatleben einmischt, sieht man hier:

"Das ist besonders wichtig, wenn zu entscheiden ist, ob jemand vom biblischen Standpunkt aus frei ist, wieder zu heiraten." (Aus: Hütet …, Kapitel 5 "Vergehen, die die Bildung eines Rechtskomitees erfordern" [Forts.])

Man lasse sich diesen Satz auf der Zunge zergehen. Wer wen unter welchen Umständen heiraten darf, entscheidet die Religionsgemeinschaft.

Dann noch zu Punkt 9:

Dreistes, zügelloses Verhalten

10. Bei Folgendem kann es sich um dreistes Verhalten handeln, wenn der Missetäter es immer wieder tut und dadurch eine unverschämte, überhebliche Haltung verrät (...):

Trotz wiederholter Ermahnung willentlicher, fortgesetzter, unnötiger Umgang mit einem Ausgeschlossenen, mit dem man nicht verwandt ist. (Aus: Hütet …, Kapitel 5 "Vergehen, die die Bildung eines Rechtskomitees erfordern" [Forts.])

Herr Köther wird in seinem Vortrag nachweisen, dass auch der Umgang mit verwandten Ausgeschlossenen untersagt ist.

Mit wem man seine Zeit verbringt, ist also keine Frage der persönlichen Entscheidung. Freundschaft hin oder her, der Gläubige hat nicht "unnötigerweise" mit Ausgeschlossenen zu verkehren! Andernfalls "müssen" die Ältesten ihn ins Gebet nehmen. Dabei sollen sie feststellen, ob er dreist, überheblich oder unverschämt ist. Fest steht: Wer nicht aufhört, mit Ausgeschlossenen "unnötigen" Umgang zu haben, wird am Ende selbst ausgeschlossen.

Schließlich:

Sexuelle Misshandlung von Kindern: ...

Streicheln der Brüste, eindeutig unsittliche Angebote, ... Betrachten pornographischen Materials zusammen mit einem Kind, Voyeurismus und unsittliche Entblößung. (Aus: Hütet …, Kapitel 5 "Vergehen, die die Bildung eines Rechtskomitees erfordern" [Forts.])

Verstörend ist für mich, dass es der Religionsgemeinschaft nicht um die Betonung der Straftat geht, sondern ob der Täter unverschämt oder überheblich ist. Es kann dreistes, zügelloses Verhalten sein. Erst dann ist es ein Vergehen, das die Bildung eines Rechtskomitees erfordert.

Das mag soweit genügen.

Bei all diesen Beispielen wird deutlich:

Für die Religionsgemeinschaft ist Gehorsam das Wichtigste. Jemand mag "sündigen", "fehlgehen", eine "falsche" Entscheidung treffen, selbst ein Kind missbrauchen. Das alles ist verzeihlich, wenn der Missetäter bereut und sich unterwürfig zeigt. Unverzeihlich ist es aber, wenn jemand seine "falsche" Entscheidung nicht bereut, und nicht unterwürfig ist. Dann trifft ihn die volle Härte des Gesetzes der Religionsgemeinschaft. Dann ist der "unnötige" Umgang mit Ausgeschlossenen eine schändlichere Verfehlung als Kindesmissbrauch.

Ich denke, es ist nicht übertrieben, es einmal so deutlich auf den Punkt zu bringen.

Dieses Paket schleppt jeder Aussteiger mit sich herum. Aussteiger, die Funktionsträger (Älteste) waren, sind dabei vielleicht auch an anderen "schuldig" geworden. Herrn Köther und mir war ein Weg der "theokratischen", sprich: Wachtturm-Karriere vorbestimmt. Ich war auf dem Weg, Ältester zu werden. Dann wäre ich früher oder später in die Situation gekommen, über andere zu Gericht zu sitzen. Ich hätte ihren Glauben oder ihr Privatleben "untersuchen" müssen. Oder über die Geisteshaltung eines "Delinquenten" zu urteilen gehabt.

War er respektvoll, bereute er aufrichtig, war er "demütig"? Dann hätte ich Gnade walten lassen können. War er widerspenstig, aufsässig, unbeugsam? Dann wäre er vom "Geist des Teufels" durchdrungen. Ich hätte ihn verurteilen und aus der Versammlung ausschließen müssen. Das aber wäre der soziale Tod für ihn, denn die meisten Zeugen Jehovas haben außerhalb der Gemeinschaft kein soziales Netz.

Diese emotionale Erpressung ist das wirksamste Mittel, die Gläubigen gehorsam zu halten. Weil jeder aufgerufen ist, "Missetäter" anzuzeigen, ist auch jeder potenziell Spitzel und Bespitzelter, Täter und Opfer. So herrscht ein Klima der Angst, sein Inneres öffentlich zu machen.

Private Entscheidungen behält man für sich. Mancher führt ein Doppelleben. Der Satz "Du bist gesehen worden ..." lässt das Blut in den Adern gefrieren. Jetzt bloß nichts Falsches sagen, wie zum Beispiel: "Das ist meine Angelegenheit, das geht sonst niemand etwas an." Gefährlich. Es könnte als unverschämte, überhebliche Haltung gedeutet werden. Nicht gut. Die Komiteeverhandlung wäre sicher. Und am Ende droht der Ausschluss.

Der Gemeinschaftsentzug der Zeugen Jehovas ist ein scharfes Schwert. Die Angst davor diszipliniert. Denn die Folgen sind dramatisch: Man verliert das gesamte soziale Netzwerk auf einen Schlag. Das will niemand riskieren. Mit dem Rauswurf ändert sich ja nicht automatisch das Weltbild — bei vielen bleibt die Angst vor "Harmagedon", dem Weltende. Und so mancher muss finanzielle Einbußen befürchten. Wenn 80% der Mitarbeiter eines Betriebs und 50% der Kunden und Lieferanten Zeugen Jehovas sind, kann man nicht einfach darauf verzichten. Ich kenne das aus meiner Verwandtschaft. Der Firmenchef ist allein deshalb noch Zeuge Jehovas. Er kann sich den Rauswurf oder den Ausstieg im Wortsinn "nicht leisten".

Solche Ängste zeigen, welche Schwierigkeiten es geben kann, die Gemeinschaft zu verlassen.

Ich hatte auch diese Ängste. Als ich das erste Mal dachte: "Wie wäre es, wenn du das alles nicht mehr glauben müsstest?", war doch klar, was das bedeutet hätte! Vor allem der Verlust meiner Freunde hat mich abgeschreckt. So gut kannte ich sie: Sie würden mich plötzlich nicht mehr kennen. Wären genauso konsequent, wie ich, als meine beiden Brüder ausgeschlossen wurden. 20 Jahre wollte ich sie nicht sehen. Später hab ich sie um Verzeihung gebeten. Zum Glück reagierten sie fabelhaft: "Mach dir keine Sorgen", sagten sie. "Du konntest nicht anders."

'Wie wäre es, wenn du das alles nicht mehr glauben müsstest?' Zuerst hab ich den Gedanken verscheucht. Hoffte, damit ist es gut. Nur: Wenn sich ein Gedanke erst einmal eingenistet hat, wird man ihn nicht mehr los.

Vorhin hatte ich den Umweg angedeutet. Der "Dienst im Bethel" hatte mich von mir selbst abgelenkt. Allmählich ließ sich "meine Wahrheit" nicht länger unterdrücken. Immer öfter und stärker wurde ich darauf gestoßen. Ich war "anders", so viel stand fest. Aber wie dieses "Anderssein" hieß, das wusste ich nicht. Als es mir dämmerte, war sofort klar: Die Moral der Bibel, so wie ich sie verstanden hatte, und ich passten nicht zusammen. Damit kam ich nicht zurecht. Ich bekam Depressionen und nach 10 Jahren "Dienst" brach ich zusammen. Ich konnte nicht bleiben. Ich verließ Selters und mein Bruder gab mir Arbeit. Damit aber waren die Depressionen nicht geheilt. Ich musste mir professionelle Hilfe suchen.

Das ist für einen Zeugen Jehovas nicht leicht. Denn es ist das Eingeständnis, dass die Patentrezepte der Religionsgemeinschaft (Bete, predige, "studiere", geh zum Gottesdienst.) nicht taugen.

Wie konnte das sein? Sonntagmorgens ging ich gut gelaunt zur Bibelstunde. Kaum hatte sie angefangen, wurde ich innerlich aggressiv und hielt es nicht aus. Ich musste gehen. Aber man hatte uns doch beigebracht: Hier im Saal wirkt "Gottes Geist". War das seine Wirkung, dass ich es nicht aushielt und aggressiv wurde? Dem Therapeuten schärfte ich ein: "Meine Religion gehört zu mir. Sie ist unantastbar." Er lächelte vielsagend und ich begriff nichts.

Größere Menschenansammlungen ertrug ich nicht. Also ging ich nicht mehr zum Gottesdienst. Las auch keine Bibel und keinen Wachtturm. Heute weiß ich: Dieser "Urlaub von der Gottheit" war meine Rettung. Mein Weltbild änderte sich allmählich. Mein Bücherregal auch. Statt Wachtturm-Schriften kamen Romane und Sachbücher hinein. Alles war interessanter als der Wachtturm. Auch wegen des höheren sprachlichen Niveaus.

Im Vergleich dazu war der Wachtturm bloß eine schlechte Übersetzung aus dem Amerikanischen. Später nannte ich das Wachtturm-Deutsch "funktionäre Verballhornung von Sprache". Sie hatte keine stimmige Melodie, keine Eleganz. Sie kam mir oft rudimentär, kantig, funktional-kalt und herzlos vor. Ihr Duktus war für erwachsene Menschen manchmal eine regelrechte Unverschämtheit. Die Autoren schienen sich an kleine Kinder zu wenden, aber nicht an selbstbestimmte Erwachsene mit eigener Lebenserfahrung.

Ich gebe zu: Das klingt hart und überheblich. Aber: Ich musste es für mich wenigstens einmal so deutlich formuliert haben. Das half mir bei der weiteren Distanzierung. Dadurch verlor die bis dahin übermächtige Wachtturm-Gesellschaft ihre Macht über mich.

Wissenschaftliche Erklärungen faszinierten mich immer mehr. Sie erschienen mir schlüssiger als Bibeldeutungen. Ein liebevoller, allmächtiger Schöpfergott und das Prinzip von Fressen und Gefressenwerden passten nicht länger zusammen. Raubkatzen mit spitzen Zähnen, scharfen Krallen und muskulösem Körper, perfekt zur Jagd, passen nicht zum Idyll der Zeugen Jehovas. Sie behaupten, die Katzen waren vor dem Sündenfall Vegetarier. Das erschien mir nur noch grotesk.

Und auf mich persönlich bezogen: Wie konnte das sein? "Jehova" hatte mich so gemacht, wie ich nunmal war, sagt aber zu mir: "So, wie du bist, verdamme ich dich. Du musst dich verleugnen, deine Wünsche unterdrücken und darfst deine Neigungen nie ausleben. Sonst werde ich dich in Harmagedon töten." Darüber habe ich zwei Älteste befragt. Sie hatten mich besucht, weil ich länger nicht im Gottesdienst war.

"Wie kann das sein?" fragte ich sie, "Ich habe es mir doch nicht ausgesucht, so zu sein, wie ich bin. Jehova hat mich so gemacht. Wie kann er mich für etwas verurteilen, was er verursacht hat?" — Schweigen.

Ich begriff: Die Welterklärungsmodelle der Wachtturm-Gesellschaft reichen hier nicht, sie taugen nicht für die komplexen Fragen des Lebens.

Ich stellte deshalb für mich Folgendes fest:

  • Mit dem Schwarz-weiß-Denken ist es jetzt vorbei. Ich brauche das Wachtturm-Korsett nicht länger. Die Schere im Kopf muss weg.
  • Es gibt keine "verbotenen" Überlegungen mehr. Alles was gedacht werden kann, darf auch gedacht werden.
  • Die "Sünde" ist abgeschafft. "Ketzerei" oder "Unkeusches" gibt es nicht länger.
  • Das Wichtigste in der nächsten Zeit: Wissen erwerben, so viel wie möglich. Denn: Wissen ist kein Schreckgespenst.
  • Wie weit die Entdeckungsreise geht, hängt ausschließlich von dem ab, was ich verstehen kann.
  • Welche Moral gilt, bestimmen nicht die Götter, sondern Menschen.
  • Die höchste Autorität meines Lebens bin ich. Niemand darf mich mehr bevormunden.

Das waren die Überlegungen während meines Ausstiegs. Damit kam ich weiter. Ich war während der letzten 16 Jahre als Zeuge Jehovas immer depressiver und des Lebens müde geworden. Diese neuen Gedanken haben mich befreit. Sie gaben mir endlich Auftrieb, ich fasste neuen Mut, fühlte die Freiheit und wollte sie nicht mehr hergeben. Auch wenn ich nur dieses eine Leben hätte, wollte ich daraus das Beste machen. Und bis heute habe ich damit nicht aufgehört.

Es stimmt: Den Trost der Gläubigen über ein "Danach" habe ich nicht. Das macht mich von Zeit zu Zeit traurig, aber ich habe gelernt, damit zu leben.

Ja, ich habe viele Jahre in einer Sekte zugebracht. Mein Bericht soll aber auch beweisen, dass man nach dem Ausstieg zufrieden und glücklich leben kann — mit oder ohne Gottesbezug.

Wichtig ist mir am Schluss festzuhalten: Man kann den Ausstieg schaffen, in jedem Alter und jederzeit. Niemand ist dazu "verurteilt", in seiner Sekte zu bleiben, wenn er sie als belastend empfindet. Es gibt ein Leben nach dem Ausstieg und es lohnt sich.

*

Teil 2