Christus in Amerika?

Gellinek ist emeritierter Professor auf mehreren Gebieten der Sozialwissenschaften und Religion. Sein Buch, das sich streckenweise recht angenehm lesen lässt, entstand angeblich nach einer Vorarbeit von 16 Jahren, so Gellinek im Vorwort, was jedoch kaum nachzuvollziehen ist.

Die „narrativ zusammenhängende Form“ des Buches ist in Wirklichkeit ein ständiger Wechsel von Erzählungen, Theorien sowie persönlichen Interpretationen. Letztere werden manchmal in der Ichform präsentiert, zuweilen verfällt Gellinek jedoch in einen Plural. Einziger Anhaltspunkt dafür ist eine in der Einleitung erwähnte Konferenz von zehn BYU-Professoren mit „einer angeregten Disputation um die Darstellungsmöglichkeiten der Wahrheit der christlichen LDS-Religion“, sprich einer Besprechung und Richtigstellung von Gellineks Manuskript. Warum er manchmal in der Mehrzahl spricht, obwohl er – sicher nicht ganz unglaubwürdig – versichert, nur begründete Einwände berücksichtigt zu haben, bleibt Gellineks Geheimnis. Dennoch verstärkt sich der fade Beigeschmack durch Einarbeitung spezifischer Ansichten bestimmter BYU-Professoren, deren Hintergründe Gellinek kaum verstanden haben dürfte. Unzweifelhaft studierte Gellinek mormonenbezogene Literatur größerer Bandbreite als die meisten deutschsprachigen Autoren solcher Bücher vor ihm. Entsprechend hält er sich mit Angriffen auf Unrichtigkeiten in solchen Publikationen nicht zurück, leider weist sein eigenes Buch etliche Ungenauigkeiten und selbst gröbere Fehler auf, was sicher auch der völlig überzogenen HLT-Lastigkeit seiner Ausführungen zuzuschreiben ist. Geradezu infantil wirken seine Angriffe auf den zitierten Autor Rüdiger Hauth, ein paar Mausklicks durch mormonentum.de hätten Gellinek aus seiner selbst auferlegten Zwangslage bezüglich der Tempelrituale befreit. Etwa in der Mitte des Buches verkündet er: „Der Verfasser hat sich bisher einige wenige Verbesserungsvorschläge zu machen erlaubt, die er hinsichtlich des Ganzen für systemkonform hält.“ Die ’Vorschläge‘, die er in seinem Buch auch zur Anwendung bringt, beziehen sich auf eine „grammatikalisch ’richtige‘ und ’angemessene‘“ Übersetzung. Was das ’Ganze‘ sein soll oder zu welchem System die Vorschläge konform sein sollen, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Ganz sicher sind sie nicht konform zum mormonischen Selbstverständnis im deutschsprachigen Raum; sie überschreiten die Grenze zum Besserwisserischen. Positiv fallen hingegen korrekte Wortverwendungen wie Polygynie statt Polygamie auf. Insgesamt zeigt sich im Buch ein Mangel an Auseinandersetzung mit den deutschsprachigen Aspekten des Mormonismus, und so vermitteln selbst die angeführten Spezifika den Eindruck einer Informationskollektion, die weit entfernt vom Destinationsgebiet zusammengestellt wurde. Eine wahrhaft persönliche Note bekommt das Buch durch Gellineks Vorliebe für Hugo Grotius, dessen Wirken und Werke wiederholt für Parallelen zum Mormonismus herhalten müssen. Die Wege des Informationsflusses hin zu Joseph Smith bleiben jedoch vage und die Begründungen wirken schwerfällig. Zeitgemäße Theorien zur Entstehung des Mormonismus müssen hier schon mehr bieten. Zu oft entzieht sich Gellinek genaueren Untersuchungen oder einer Beurteilung durch die Berufung auf sein Urteilsunvermögen aufgrund mangelnden Einblicks. Dem gegenüber stehen unbegründete Aussagen wie „der mormonisch aufgewachsene Mensch im 20. Jahrhundert trifft freiwillige Glaubensentscheidungen“, was seine völlige Ignoranz der Problematik der Sekten-Kinder offenbart. Scheinbare verhohlene Kritik am HLT-mormonischen System wie auf Seite 135 sind daher wohl nur Produkte unbewussten Handelns. Gellineks Beurteilung gipfelt in der Entpuppung des Mormonismus als „mächtiger Schrittmacher des Christentums auf dem Wege zur Erleuchtung.“ Fazit: Dieses Buch muss man keineswegs gelesen haben.