Mord im Auftrag Gottes.

Eine Reportage über religiösen Funda­menta­lismus. Dem Journalisten Krakauer, der sich mit seinen Beschreibungen von Extremismus diesmal der Religion zugewandt hat, ist mit diesem Buch ein exzellenter Wurf gelungen. Noch nie ist in deutscher Sprache ein so detailliert und eingänglich geschriebenes Buch zum Mormonentum erschienen.

Der Autor stützt sich dabei in erheblichem Umfang auf die allgemein anerkannten Grundlagenwerke von Fawn Broodie, Juanita Brooks und D. Michael Quinn, denen er für die geleistete Forschung Respekt zollt. Diese Werke sind jedoch nie ins Deutsche übersetzt worden, auch aus diesem Grund wird Krakauers Buch für die nächsten Jahre zumindest im deutschen Sprachraum Maßstäbe setzen, wo wegen der verschwindend kleinen Anhängerschar nur selten Bücher über den Mormonismus erscheinen. Zwar zieht sich der Doppelritualmord an Brandy Lafferty und ihrer 15 Monate alten Tochter aus der Beschreibung im Umschlagtext wie ein roter Faden durch das Buch, Krakauer bringt aber noch eine Reihe anderer Beispiele für den religiösen Fundamentalismus, der im Mormonentum untrennbar mit der Vielweiberei verbunden ist. Um die Hintergründe der ausführlich beschriebenen Zustände in polygamistischen Gruppierungen und Ortschaften verständlich zu machen, beleuchtet er nach und nach den Beginn und die gewalttätige Geschichte dieser spiritualistischen Religion mit einem hohen Anteil visionärer Nachfolger. Dabei arbeitet er als das Grundproblem die der mormonischen Religion ureigenste Charakteristik heraus, die sie für ihre frühen Anhänger gerade so interessant machte: die persönliche Offenbarung. Krakauer schreibt, dass der Geist bereits aus der Flasche gewesen sei, als Joseph Smith erkannte, dass es seine eigene Führungsposition gefährdete, wenn jedes Mitglied göttliche Offenbarung empfangen konnte. Alle seine Bemühungen vermochten die Idee nicht mehr einzudämmen. Krakauer gelingt es, immer wieder den Bezug zwischen Neuzeit und Entstehung und Entwicklung dieser Religion herzustellen, er beleuchtet alle wesentlichen Ereignisse der mormonischen Geschichte und legt dabei besonderes Augenmerk auf die gewaltsamen Auseinandersetzungen und die Herausbildung von Schismen. Durch seine Schilderungen wird verdeutlicht, wie erschreckend kurz und gewöhnlich der Weg zum Fundamentalismus für streng Gläubige der Hauptkirche wirklich ist. Die journalistische Darstellung Krakauers verzichtet auf gewissenhaftes wissenschaftliches Abwägen von Für und Wider. Zu Detailfragen müsste man schon die Arbeiten der Historiker heran ziehen, auf die er sich stützt. Der im Ergebnis weitgehend definitiv vorgetragene Geschichtsablauf lässt sich dafür so flüssig lesen und leicht erfassen, dass man diesen Abstrich gern in Kauf nimmt. Auch die Anmerkungen sind informativ, aber nicht hoch wissenschaftlich gehalten. Dadurch ist ein Buch entstanden, dass so abwechslungsreich und fesselnd ist, dass man es nicht mehr aus der Hand legen möchte. Trotz seiner 450 Seiten kann man es mit der nötigen Muse problemlos an einem Tag verschlingen. Der Autor versteht es, seine Leser behutsam an die Thematik heran zu führen, bis er sie im vierten Teil mit den Verquickungen der Polygamisten vollständig fordert, um kurz darauf ihre Geduld mit psychatrischen Gutachten vor Gericht auf die Probe zu stellen. Doch kaum hegt man die Befürchtung, dass dem Buch nun die Luft ausgegangen sei, befragt Krakauer einen der Ritualmörder zu den islamistischen Anschlägen auf das World Trade Center und bekommt die fundamentalistische Antwort, dass jene einem falschen Propheten folgten – im Gegensatz zu ihm. Kurz darauf lässt sich der sonst so leidenschaftslose Beobachter Krakauer zu der Einschätzung hinreißen, dass ihm Harold Blooms Ansicht, die mormonische Hauptkirche könnte die Polygamie wieder genehmigen, wenn sie einmal „genug politische und finanzielle Macht besitzen werde“, als „weit hergeholt“ erscheine, und erbringt damit den Beweis, wie schwer es tatsächlich ist, das fanatische Wesen einer fundamentalistischen Religion zu begreifen. Aber es gelingt ihm, sein Buch mit einem Paukenschlag erster Güte abzuschließen, indem er einem Aussteiger aus der FHLT-Kirche das letzte Wort lässt, der über die größere Zufriedenheit eines Fanatiker durch das Abtreten seiner persönlichen Verantwortlichkeit an einen Propheten sinniert: „Aber einiges im Leben ist wichtiger, als glücklich zu sein. Zum Beispiel, eigenständig denken zu können.“ Welcher Sektenaussteiger hätte diese wertvolle Erkenntnis besser formulieren können? Bei einem so herausragenden Buch sieht man die Versäumnisse des Autors nach, die Parallelen zwischen Ritualmorden und HLT-Tempelritual, in das die Mörder eingeführt waren, aufgezeigt, oder des Verlags, einen mit dem Mormonismus vertrauten Lektor beauftragt bzw. das Buch in neuer Rechtschreibung gedruckt zu haben.