Endzeit ohne Ende: Die Geschichte der Zeugen Jehovas

Seit dem Jahr 1876 glauben die Zeugen Jehovas, dass sie in den letzten Tagen der gegenwärtigen Welt leben. Endzeitdenken ist das Schlüsselthema in dieser detaillierten Geschichte, aber es gibt noch weitere.

Als langjähriges, inzwischen exkommuniziertes Mitglied der Zeugen Jehovas bietet James Penton eine umfassende Übersicht über diese bemerkenswerte religiöse Bewegung. Sein Buch besteht aus drei Teilen, jeder stellt die Geschichte der Zeugen in einem anderen Kontext dar: historisch, mit Sicht auf ihre Lehre und soziologisch.

Einige der Punkte, die er bespricht, sind der allgemeinen Öffentlichkeit bekannt, wie die Tatsache, dass die Organisation gegen den Militärdienst und Bluttransfusionen ist. Bei anderen geht es um interne Kontroversen, darunter die politische Kontrolle der Organisation und die Behandlung von Abweichlern in ihren Reihen.


Wie aus einem Bibelkreis eine der größten Sekten der Welt wurde
Von Peacelines am 10. Juli 2016

Abgesehen von den Fallstricken sexueller Unmoral warnt die Führungsriege der Jehovas Zeugen ihre “Schäfchen“ vor nichts mehr als den Anfechtungen, die eine akademische Ausbildung mit sich bringen kann. Gerrit Loesch, Mitglied des engsten Führungszirkels der Sekte, bemühte gar den bizarren Vergleich mit einem Kopfschuß, den man durchaus auch überleben könne. Es ist offensichtlich, was diese Funktionäre tatsächlich hier bewegt: die uneingestandene Angst, daß Mitglieder der Zeugen Jehovas auf der Universität mit einem geistigen Rüstzeug versehen werden, das ihren religiösen Glauben und die kruden Doktrinen der Jehovas Zeugen in Frage stellen könnte. Wie berechtigt diese Sorge ist, beweist der Fall von M. James Penton.

Aufgewachsen in einer Zeugen-Familie studierte der Kanadier Penton (Jahrgang 1932) Geschichtswissenschaften und diente sich zum Ältesten seiner Gemeinde hoch. 1980 wurde er wegen seiner Kritik an bestimmten doktrinären Grundsätzen aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen. Nur wenige Jahre später erschien die erste Ausgabe von “Apocalypse Delayed: The Story of Jehovah’s Witnesses“. Es dauerte noch bis 2010, bis der sektenkritische Verein Ausstieg e.V. das Buch in aktualisierter, deutscher Übersetzung unter dem Titel “Endzeit ohne Ende“ dem deutschsprachigen Publikum zugänglich machte.

Penton zeichnet die Geschichte der Jehovas Zeugen von ihren Anfängen und theologischen Wurzeln in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach, als der amerikanische Kaufmann Charles Taze Russell (1852-1916) erste als Bibelforscher bekannte Kreise gründete und 1881 die Wachtturm-Gesellschaft ins Leben rief. Russel formulierte die ersten bis heute für die Jehovas Zeugen kennzeichnende Glaubenslehren wie die von Loskaufopfer Jesu‘ Christi und die eschatologische Ausrichtung seiner Gruppierung. Seine Schriften erreichten ein weltweites Publikum. Doch war der Charismatiker Russell in seinen Absichten weit davon entfernt, so etwas wie eine organisierte Religionsgemeinschaft analog zu den etablierten Kirchen gründen zu wollen.

Diesen Weg beschritt sein Nachfolger Joseph Franklin Rutherford (1869-1942), der aus den Bibelforschern jene hierarchisch strukturierte, autoritäre Organisation schuf, die sich 1931 in einem “Meisterstück an falscher Logik und schlechter Auslegung“ den Namen “Jehovas Zeugen“ gab. Es war der Autokrat Rutherford, “der Zeugen Jehovas zu dem machte, was sie heute sind“. Rutherford formte die Organisation zu einer Theokratie, die sich als “Gottes Regierung auf Erden“ verstand, und der jeder Anhänger Gehorsam schuldete. Weiterhin führte er den für jeden Zeugen Jehovas verpflichtenden Missionsdienst ein und inszenierte spektakuläre Massenveranstaltungen, was für ein beständiges Wachstum der Gemeinschaft sorgte. Ebenso hatte in dieser Phase die Entfremdung der Zeugen von der Allgemeingesellschaft ihren Beginn.

Diese frühe Entwicklung der Zeugen Jehovas unter Russel und Rutherford bestätigt somit wiederum ein historisches Muster, das seit den Anfängen des Christentums anhand von Jesus Christus und dem Apostel Paulus beobachtbar ist: Über die Zukunft einer neuen Religionsgemeinschaft entscheidet weniger das Wirken ihres Gründers als das seines Nachfolgers.

Zeugen Jehovas werden den Vergleich empört zurückweisen, jedoch arbeitet Penton ausführlich die auffälligen Parallelen ihrer zentralistischen, von oben nach unten strukturierten und auf Effizienz getrimmten Organisation zur ihnen besonders verhassten katholischen Kirche plausibel heraus. Für Penton ist diese Entwicklung keineswegs überraschend, “da die Zeugen Jehovas schon so lange und mit solcher Vehemenz die Kirche von Rom als ihren religiösen Hauptgegner betrachtet haben, (…) dass ihre Fixierung darauf sie veranlasst hat, unbewusst vieles von ihrem Organisationsaufbau, ihren Praktiken und ihrem traditionellen Weltbild zu kopieren“.

Das hervorstechendste Merkmal im Lehrgebäude der Zeugen Jehovas ist ihre eschatologische Ausrichtung, also die kurzfristige Erwartung des blutigen Gerichtstages Gottes, auch Harmagedon genannt, der der Wiederherstellung des Paradieses vorangehen soll. Merkwürdigerweise haben die Zeugen aber trotzdem ein großes Problem damit, als “Endzeitsekte“ charakterisiert zu werden. In diesem Zusammenhang geht Penton ausführlich den Ereignissen nach, in denen die Führung der Zeugen Jehovas das Weltende – offenkundig falsch - terminierten, so 1914, 1925 und vor allem 1975. Hatten Russell und sogar Rutherford noch zu ihren peinlichen Fehlern gestanden, so belegt Penton, wie die Organisation nach 1975 zum Schutz der eigenen Autorität die Schuld für den von ihr selbst induzierten Endzeit-Hype auf die Anhängerschaft ablud.

Geschadet haben solche Vorkommnisse den Zeugen Jehovas nie. Immer wieder kam es zu Schismen, doch die Mehrheit der Gläubigen verarbeitete das Erlebte in kognitiver Dissonanz. Auf das innig ersehnte Ende warten die Zeugen immer noch, obgleich ohne konkretes Datum. Und allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz haben einschneidende Lehränderungen das Weltende in eine zeitlich entferntere Distanz entrückt.

Somit wird den Zeugen Jehovas also noch eine lange Zeit in diesem ungeliebten “System der Dinge“ beschieden sein. Penton zeigt sich angesichts einer geistig sklerotischen Führung skeptisch, ob es den Zeugen Jehovas gelingt, sich hierin den veränderten Bedingungen anzupassen, obwohl “noch immer viel Leben in dieser Bewegung [ist], die viele Wechselfälle erlebt hat“. Auffallend in unserer Zeit sind der Abfall der Jugend und vor allem solcher, die der Organisation über viele Jahrzehnte loyal verbunden waren. Die zeugen-eigenen Statistiken vermitteln Penton zufolge das Trugbild eines weltweiten Wachstums, welches in Wahrheit schon längst in Stagnation übergegangen ist. Bisherige Missionsaktivitäten wie der Dienst von Haus-zu-Haus verlieren an Wirksamkeit. Die verschärfte Form des Umgangs mit Ausgeschlossenen deutet an, wie sehr die Sekte von innen her unter Druck steht. Es dürfte daher die Angst vor sozialer Isolation sein, die eine Vielzahl der innerlich enttäuschten Anhänger bei der Stange hält. Einen Ausweg aus dieser Lage sieht Penton nur einem dem Zweiten Vatikanischen Konzil vergleichbaren Reformakt.

Die Eigendarstellungen der Zeugen Jehovas sind verständlicherweise von Schönfärberei und Geschichtsklitterung eingetrübt, die ihre idealisierte Selbstsicht stützen. James Pentons Standardwerk “Endzeit ohne Ende“ sorgt für die nötige Transparenz, um trotzdem ein umfassendes Verständnis über die Zeugen Jehovas zu erlangen. Pentons exzellent recherchierte Monographie beleuchtet detailliert die grundlegendsten Aspekte dieser Glaubensgemeinschaft aus sozialer, psychologischer und historischer Perspektive, ohne sich dabei zu verzetteln. Der wissenschaftliche Anspruch seiner Arbeit ist dabei vollkommen gewährleistet, denn der Autor verfällt nicht in die Neigung vieler Aussteiger zu verbitterter Überzeichnung und persönlicher Abrechnung. Im Gegenteil, ist seine frühere Mitgliedschaft sogar von Vorteil, um sich dem Thema in all seinen verborgenen Facetten anzunähern. Selbst in der Beschreibung der historischen Charaktere weiß er alle deren Stärken und Schwächen angemessen und ausgewogen darzustellen.

Gewiss, man kann die Beschäftigung mit den Zeugen Jehovas als “Orchideen-Thema“ abkanzeln. Denn ihre besten Zeiten als “die am schnellsten wachsende Religion der Welt“ hat sie hinter sich. Doch in einer sich religiös immer weiter auffächernden Gesellschaft mit teils hochproblematischen Gruppen bieten die Zeugen immer noch hervorragendes und zuweilen auch faszinierendes Anschauungsmaterial. Daher sollte “Endzeit ohne Ende“ nicht nur Pflichtlektüre für Aussteiger der Sekte sein oder solche, die Angehörige darin haben, sondern auch interessantes Quellenmaterial für Religionswissenschaftler, die wissen wollen, wie aus einem Bibelkreis eine der größten Sekten der Welt wurde.