Ausstieg ins Leben: Wie ich aufhörte, ein Zeuge Jehovas zu sein

"Ja."
So lautete die Antwort meiner Mutter auf meine Frage, ob sie sich darüber im Klaren sei, dass sie mich nicht wiedersehen werde.
Ich hätte damit rechnen müssen. Schon mein Vater hatte etwa zwei Jahre zuvor jeglichen Kontakt zu mir abgebrochen. Aber ihre Antwort hatte mich trotzdem kalt erwischt. Irgendetwas in mir war in diesem Moment kaputtgegangen. Wenn einem Sohn von der eigenen Mutter am Telefon mitgeteilt wird, dass sie in Kauf nimmt, ihn nie wiederzusehen, dann gibt es wohl nichts, was ihn letztlich darauf hätte vorbereiten können.


Das falsche Leben im richtigen: Wie aus dem gläubigen Zeugen Jehovas Konja der Weltmensch Simon wurde
Von Peacelines am 16. August 2017

Dies ist eine Rezension zu einem Buch, von dem die Wachtturm-Gesellschaft – das ist der amerikanische Verlags- und Immobilienkonzern, der hinter der religiösen Sondergemeinschaft der Zeugen Jehovas steht – am liebsten möchte, dass es ganz vom Markt verschwindet bzw. in entscheidenden Punkten revidiert wird: „Ausstieg ins Leben“ beschreibt autobiographisch den Werdegang von Konja Simon Rohde als gläubiger Zeuge Jehovas und seinen Ablösungsprozess aus dieser Sekte.

Konja wurde 1976 in eine Familie von Zeugen Jehovas hineingeboren, und damit war sein weiterer Lebensweg als gesellschaftlicher Außenseiter vorgezeichnet. Das fängt schon an bei der aus der Bibel inspirierten Wahl des ungewöhnlichen Vornamens Konja und setzt sich fort bei der als Predigtdienst verbrämten Kaltakquise neuer Mitglieder an fremden Haustüren - eine Praxis, die die „Weltmenschen“ vor dem Tod an Gottes Gerichtstag Harmagedon bewahren soll, aber effektiv so erfolglos ist, daß man sich fragt, warum die Zeugen Jehovas überhaupt noch an ihr festhalten? Es ist dieser Predigtdienst, dem sich bei den Zeugen Jehovas alles unterordnet. Selbst das, was Andersgläubige positiv an ihnen beeindruckt, ist selten natürlich und fast ausschließlich an diesem Zweck orientiert.

Spätestens als Heranwachsender gerät Konja in jene Tretmühle aus Leistungsanforderungen der Sekte und ihrem engen moralischen Korsett. Sein älterer Bruder hält diese Widersprüche nicht aus und nimmt sich schließlich das Leben. Das Urteil von Konjas Bruder über seine Glaubensbrüder wirft ein grelles Schlaglicht auf die Binnenverhältnisse der Zeugen Jehovas: „Lieber geh ich mit meinen Freunden drauf, als mit sechs Millionen *Axxxxxxxxxxx* bis in alle Ewigkeit im Paradies zu leben.“ – Auch ein nach außen glänzend erscheinender Apfel kann innerlich reichlich verfault sein.

Konja hingegen versucht dennoch, den Spagat und die damit verbundenen seelischen Konflikte auszuhalten und setzt seinen weiteren Lebensweg als Zeuge Jehovas fort. Anstatt seine Potentiale zu nutzen, arbeitet er beruflich unterhalb seiner Möglichkeiten, eben weil er als Zeuge Jehovas so erzogen wurde, dem Dienst an seiner Religion den Vorrang einzuräumen. Geradezu kurios seine Ehe mit einer Glaubensschwester aus Island: tatsächlich bleiben beide Ehepartner über Jahre den Vollzug der Ehe schuldig. Ein Detail, was sicherlich untypisch für Zeugen Jehovas ist, aber in Konjas Fall auf eine religiös induzierte sexuelle Neurose schließen lässt. Unablässiges Beten, das Allheilmittel der Zeugen Jehovas, hat da wohl nicht geholfen. Wie auch, die Religion war hierfür offenkundig die Ursache des Problems und nicht Teil der Lösung.

Die zunehmenden psychosomatischen Belastungsstörungen nehmen schließlich ein Ausmaß an, so dass Konja therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt. Die Reha-Maßnahme wird zum Wendepunkt, zum Ausbruch aus dem Glaubensgefängnis eines Kultes. Konja muss sich identitär und lebensweltlich vollkommen neu erfinden, was äußerlich vor allem im Namen seinen Ausdruck findet: Aus Konja wird Simon. Der Preis, den er zu zahlen hat, ist hoch. Denn nun kommt das von den Lehren der Zeugen Jehovas für solche Fälle vorgegebene soziale Kontaktverbot zur vollen Anwendung. Bisherige Glaubensbrüder meiden ihn als „Abtrünnigen“ und selbst seine Eltern vollziehen diesen radikalen Bruch mit.

Konjas / Simons Lebensgeschichte bietet einen geradezu intimen Einblick – manchmal vielleicht auch zu intimen - in die Entwicklung eines überzeugten Kultanhängers zum –aussteiger. In den meisten Fällen dürfte dieser Prozess nicht weniger turbulent verlaufen, aber er kann denjenigen, die mitten darin stecken, Mut machen, den Weg konsequent bis zum Ende zu gehen. Außenstehende werden vieles daran skurril finden, aber es wird hierin deutlich, welch destruktives Potential auch in solchen nach außen hin harmlos erscheinenden Kulten steckt. Ein besonderes Plus dieses Buches ist im Anhang das Interview mit dem Psychologen Dieter Rohmann, einem Fachmann für destruktive Kulte, der diese Geschichte fachlich noch mal einzuordnen hilft.

Was haben die Zeugen Jehovas nun an dem Buch auszusetzen? Leider hüllt sich der Verlag darüber in Schweigen. Presseberichten zufolge geht es um die Darstellung des Gemeinschaftsausschlusses. Aber weder Autor noch Verlag müssen sich hier etwas vorwerfen lassen. Offenbar will die Wachtturm-Gesellschaft eine Änderung dahin gehend erreichen, wonach der Kontaktabbruch beim Gemeinschaftsausschluss bei den Zeugen Jehovas nicht zwingend vorgeschrieben ist. Das wäre ein heuchlerischer Winkelzug, der zu dieser „Gesellschaft mit den zwei Gesichtern“ passen würde. Denn ohne die Drohung mit dem strikten Kontaktabbruch würde ihnen der eigene Laden um die Ohren fliegen. Sollten die Zeugen Jehovas damit durchkommen, kann man dem Verlag nur zu einem Vorgehen raten, das in einem ähnlichen Fall bereits angewandt wurde: Die Autorin Sigrid Raquet wurde 1998 dazu verpflichtet, in ihrem Buch über die Zeugen Jehovas eine Aussage zurückzunehmen, wonach diese ihren Mitgliedern früher die Durchführung von Impfungen verboten habe. In einem Erratum wurde dem stattgegeben, aber mit einschlägigen Zitaten aus dem Schrifttum der Zeugen Jehovas, deren Organisation sich als Stellvertreter Gottes auf Erden sieht, dem Leser die Entscheidung selbst überlassen, „ob es sich seiner Ansicht nach um ein Verbot handelt oder nicht“.