Die Zeugen Jehovas - Auch ich habe ihnen geglaubt

Wie gerät man in die Fänge einer Sekte? Erschreckend ist der Bericht von Monika Deppe. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens verweigern ihr kirchliche Institutionen eine schlüssige Antwort. Einzig die freundlichen Besucher von den Zeugen Jehovas scheinen die Fragen des Ehepaars Deppe ernstzunehmen.« So beginnt die Buchvorstellung auf der Rückseite. Die einleitende Frage wird in dem Buch sehr anschaulich beantwortet.

Viel mehr sollte man von diesem Buch allerdings nicht erwarten. Es beschreibt den Weg des Ehepaares Deppe in die Sekte und nach recht kurzer Zeit wieder hinaus. Sehr anschaulich beschreibt die Autorin, welche Lehrpunkte sie anfangs besonders beeindruckt haben. Sie bekamen von den Zeugen Jehovas das Buch »Ist die Bibel wirklich das Wort Gottes?« und stießen darin auf die Aussage, dass sich im Leben Jesu insgesamt 332 Prophezeiungen aus dem Alten Testament erfüllt hätten. Sie überprüften diese Voraussagen im Alten Testament und lasen ihre Erfüllungen im Neuen Testament. Ebenso waren sie beindruckt von den biblischen Voraussagen über die Zerstörung der Städte Tyrus, Babylon und Jerusalem. »In Geschichtsbüchern fanden wir den Beweis dafür, daß sich die biblischen Prophezeiungen später tatsächlich so wie vorausgesagt ereignet hatten. Das konnte niemand manipuliert haben, dahinter mußte wirklich eine göttliche Macht stehen! Uns begeisterte, was wir in wenigen Wochen durch die Zeugen Jehovas aus der Bibel gelernt hatten.« (S. 9)

Persönliche Anmerkung: Natürlich findet sich in den Büchern der Wachtturm-Gesellschaft keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, warum viele Bibelwissenschaftler die ›Erfüllung‹ vieler Schriftworte im Leben Jesu aus guten Gründen als nachträgliche Gemeindebildung ansehen und die Voraussagen über die Zerstörung der genannten Städte als vaticinia ex eventu. Zeugen Jehovas (und andere Gruppen mit fundamentalistischer Bibelauslegung) ködern ihre Interessierten an dieser Stelle mit einem klassischen Zirkelschluss: ›Weil die Bibel das Wort Gottes ist, muss alles darin stimmen, auch die Prophezeiungen und deren spätere Erfüllungen. An diesen Erfüllungen von Prophezeiungen sieht man, dass die Bibel das Wort Gottes ist.‹ In diesem Zirkelschluss kann man Menschen selbst über Jahrzehnte gefangen halten, weil sie andere plausible Erklärungsmöglichkeiten überhaupt nicht ernsthaft in Erwägung ziehen. Man hält sie möglichst von ihnen fern oder macht sie lächerlich, etc.

Doch zurück zum Buch von Monika Deppe: Sie schildert weiter, wie ein ZJ-Ehepaar mit ihr und ihrem Mann das ›Wahrheitsbuch‹ studierte. Ihnen wurde beigebracht, dass Gottes Eigenname in der Bibel zu finden ist, und dass man ihn mit ›Jehova‹ oder mit ›Jahwe‹ anreden sollte. »Welch eine raffinierte Verpackung von Wahrheit und Halbwahrheiten! Schon damals begann man, unsere Gedanken unmerklich zu manipulieren. Für uns, als religiöse Laien, waren die angeführten Argumente absolut einleuchtend.« (S. 11)

Dass auch diese Lehre der Zeugen gewisse Schwachpunkte hat, ging dem Ehepaar Deppe erst viel später auf. Insbesondere die Frage des Gottesnamens im Neuen Testament ist keinesfalls so einfach und schlüssig, wie sie meist von den Zeugen Jehovas dargestellt wird. Doch die Lehre vom Gottesnamen Jehova verfehlte ihre Wirkung nicht:

Diese erste Gemeinsamkeit separierte uns gleichzeitig ein wenig von unserer Außenwelt, da wir dort bisher ja nur auf Unverständnis gestoßen waren. Das alles vollzog sich ganz schleichend in unserem Unterbewußtsein. Was damals wirklich mit uns passierte, das begriffen wir erst, nachdem wir die Organisation wieder verlassen hatten und in einem Buch über die psychologischen Manipulationen von Sekten informiert wurden. Wir erkannten, daß man die Gedankenmanipulationen, die in fast allen Sekten ausgeübt werden, auf keinen Fall unterschätzen darf. Aus diesem Grund können wir heute nur jeden vor einem Bibelstudium mit den Zeugen Jehovas warnen!
Durch geschickte psychologische Taktiken ist es durchaus möglich, die Gedanken anderer Menschen von außen so zu manipulieren, daß sich das Opfer dieser Manipulation dessen nicht bewußt wird. Indem die Gemeinschaften - z. B. durch ihre Predigten und Schriften - das Denken des Neulings in eine bestimmte Richtung lenken, bauen sie gleichzeitig dessen innere Widerstände ab. Nach kurzer Zeit ist der Interessierte kaum noch in der Lage, eine 'freie Entscheidung' zu treffen, denn seine eigenen Überlegungen kommen aus dem Gedankenschema der Sekte nicht mehr heraus. (S. 12)

Weiter zeigt das Buch auf, wie das Ehepaar Deppe sowohl von dem Pastor ihrer Gemeinde als auch von einer Religionslehrerin im Bekanntenkreis keine schlüssigen Antworten erhielten. »Wir sind aus guter Erfahrung überzeugt davon, daß man viele Menschen von dem Schritt in eines Sekte abhalten könnte, wenn man auf ihre Fragen und Argumente eingehen würde. Dies gilt besonders für Menschen, die Kontakt zu einer 'biblisch' orientierten Sekte haben. Gerade die Zeugen Jehovas verstehen es meisterhaft, suchende Menschen für das Wort Gottes zu begeistern. Indem sie die großen biblischen Zusammenhänge erklären (die in ihrer Lehre beileibe nicht alle falsch dargestellt werden), wecken sie das Interesse der Menschen. Plötzlich wird die Bibel für den Suchenden zu einer interessanten Lektüre, aus der er immer mehr lernen möchte. Da er bei seiner Suche nach dem Sinn seines Lebens in seiner persönlichen Umgebung eher auf Unverständnis und Desinteresse stößt, glaubt er irgendwann den Erklärungen der Sekte.« (S. 15)

Nachdem das Ehepaar S., das mit Monika und Werner Deppe das ›Wahrheitsbuch‹ studierte, ihnen deutlich gemacht hatte, dass eine private Freundschaft nur in Verbindung mit einem Bibelstudium in Frage kommt (S. 16), setzten die Deppes das ›Heimbibelstudium‹ mit den Zeugen fort, auch über erste Zweifel bezüglich der Lehre von 1914 hinweg: »Als wir dann bekannten, an diese Theorie nicht glauben zu können, erlebten wir unsere erste gravierend negative Erfahrung. Eiskalt wurde uns entgegnet, daß wir nicht mehr unsere eigenen Gedanken äußerten, sondern argumentierten, wie der Satan uns eingegeben hätte.« (S. 21)

Das Buch schildert kurz die Herleitung dieses Datums über die 7 Zeiten, die nach ZJ-Lehre 2520 Jahre betrugen und von 607 v. Chr. bis 1914 n. Chr. andauerten. An dieser Stelle argumentieren Zeugen Jehovas gewöhnlich damit, dass auch die Weltereignisse seit 1914 Jesu Prophezeiungen über das Zeichen der Zeit des Endes erfüllen würden. Als Leser des Buches hätte mich interessiert, warum diese Standard-Argumentation bei dem Ehepaar Deppe nicht dazu geführt hat, die ZJ-Chronologie bezüglich 1914 zu akzeptieren. So hat man stellenweise den Eindruck, dass das Ehepaar Deppe manche Grundlehren der Zeugen während ihrer gesamten Zeit in der Sekte nicht vollständig verinnerlicht hatte. Auch ein Hinweis auf die historischen Einwände gegen das Jahr 607 wäre an dieser Stelle vielleicht angebracht gewesen.

Nachdem das Ehepaar Deppe schließlich auch die Kröte vom Jahr 1914 geschluckt hatte, kamen für sie die nächsten Schritte in die Sekte: Austritt aus der Kirche (»Babylon die Große verlassen«), Hingabe an Jehova und Taufe als Zeugen Jehovas.

Die weiteren Seiten des Buches bieten dem bibelgläubigen Leser immer wieder ›alternative‹ Auslegungen, die im Widerspruch zu manchen Wachtturm-Lehren stehen oder zumindest die Schwerpunkte anders setzen. Dem zweifelnden Noch-Zeugen soll so vermutlich aufgezeigt werden, dass es ein Bibelverständnis jenseits der WTG gibt. Sich von Zeugen Jehovas abzuwenden muss also nicht bedeuten, den Glauben an Gott und Bibel aufzugeben. Beispielsweise weisen sie darauf hin, dass bei ihrer Taufe nicht die ›Taufformel‹ vom Ende des Matthäus-Evangeliums verwendet wurde, nämlich zu taufen »auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«. »Da diese Worte auf die Dreieinigkeit Gottes hinweisen, hatten die Zeugen Jehovas diese Anweisung nicht benutzt, denn die Dreieinigkeitslehre war nach ihrer Meinung unbiblisch« (S. 27).

Dass das Ehepaar Deppe erst nach ihrer Taufe mitbekam, dass von einem ZJ erwartet wird, möglichst zu allen Zusammenkünften zu gehen (also an 3 Tagen pro Woche), erscheint mir schon etwas seltsam. Selbst wenn es ihnen nicht explizit gesagt worden war, werden sie doch wohl bereits bei ihren Versammlungsbesuchen als Interessierter beobachtet haben, dass nahezu jeder bei den Versammlungen anwesend war. Jedenfalls beschreibt das Buch weiter, wie sich durch diese neuen Verpflichtungen ein ganz neuer Lebensrhythmus einstellte. Auch beschreibt Monika Deppe weiter, wie und warum die Zeugen Jehovas regelmäßig Kongresse abhalten. Ferner beschreibt sie einige Erfahrungen im Predigtdienst von Haus zu Haus. Dort stieß sie wieder auf das Problem mit dem Gottesnamen Jehova im Neuen Testament, dass sie schon ganz am Anfang ihrer Gespräche mit den Zeugen Jehovas beschäftigt hatte. Nachdem auch der Bezirksaufseher keine für Monika Deppe zufriedenstellende Antwort geben konnte, schrieb das Ehepaar Deppe an die Deutschland-Zentrale in Selters/Taunus. Aber auch die Antwort von dort war für das Ehepaar Deppe enttäuschend. (S. 52)

So entstanden erste Zweifel, und ein gewisses Mißtrauen gegen die ›Schwarzweißmalerei‹ in den Publikationen der Gesellschaft stellte sich ein. Das Buch zeigt weiter, welche raffinierte Methodik in den Artikeln angewendet wird. Die weiteren Abschnitte machen klar, dass die Wachtturm-Gesellschaft in vielen Lebensfragen absoluten Gehorsam fordert. Ob es nun Themen wie politische Wahlen, Blutfrage, Wehr- und Zivildienst, Klassenfahrten, Geburtstagsfeiern, oder auch so banale Fragen wie das Tragen eines Vollbartes sind: In all diesen Dingen hat die WTG mit ihrer Bibelauslegung und mit ihrer Autorität ein gewaltiges Wörtchen mitzureden. Echte Gewissensentscheidungen sind einem Zeugen Jehovas nicht gestattet. Auch wenn sein Gewissen ihm z. B. Zivildienst erlaubt hätte, so war er bis Mitte 1996 nicht berechtigt, in diesem Punkt seinem Gewissen zu folgen. Hätte er zuvor Zivildienst durchgeführt, wäre er ausgeschlossen worden. (S. 61f)

Die folgenden Seiten beschreiben den schmerzhaften Prozess des Loslösens von den Zeugen Jehovas und der folgenden religiösen Neuorientierung. Der Abschnitt »Der Druck nimmt zu« beginnt wie folgt:

Würden die Methoden, mit denen die Wachtturm-Gesellschaft geleitet wird, unter den Mitgliedern allgemein bekannt werden, wäre wohl mit einer großen Anzahl von Austritten zu rechnen. Um dies zu verhindern, wird versucht, Negativinformationen über die innere Struktur der Gesellschaft von den Mitgliedern fernzuhalten. Da gerade ehemalige Zeugen Jehovas viele Mißstände in der Organisation aufdecken, werden sie in den Veröffentlichungen der ›leitenden Körperschaft‹ geradezu verketzert. Kein Zeuge darf einen Ehemaligen grüßen, und für deren Literatur besteht ein absolutes Leseverbot. Den aktiven Mitgliedern wird mitgeteilt, daß der Satan besonders Ausgeschlossene dazu benutzt, um 'loyale Diener Jehovas von der wahren Anbetung abzubringen'. Aus diesem Grunde werden Dokumentationen wie die von Raymond Franz nur von sehr wenigen Zeugen Jehovas gelesen. (S. 62f)

Monika Deppe geht nun noch einmal ausführlicher auf die Lehre vom Jahr 1914 ein, und auf die verschiedenen Interpretationen dieser Jahreszahl im Laufe der Jahre. Auch die Lehre von den zwei Klassen (144.000 Gesalbte mit himmlischer Hoffnung und eine große Volksmenge ›anderer Schafe‹ mit der Hoffnung auf ewiges Leben auf einer paradiesischen Erde) wird näher untersucht. Viele Texte im Neuen Testament ergeben einen klareren Sinn, wenn man die Aussage von den ›anderen Schafen‹ aus Johannes Kap. 10 auf nichtjüdische Christen bezieht, die ebenso wie die Judenchristen eingesammelt werden sollten. Wer sich für eine WTG-freie Erklärung dieser Bibeltexte interessiert, wird in diesem Kapitel einige interessante Erläuterungen finden. (S. 68ff)

Der Weg des Ehepaars Deppe nach sechsjähriger Sektenzugehörigkeit (1979-1985) und nach ihrem Ausschluss brachte sie in Kontakt zu einem ›christlichen Hauskreis‹. »Lange überlegten wir, ob es sinnvoll sei, diesen Kreis zu besuchen. Aber der Wunsch nach Menschen, die ihren Glauben ernst nahmen, vertrieb all unsere Bedenken. [...] Schon beim Eintritt in das Wohnzimmer waren wir angenehm überrascht. Wir spürten sofort, hier herrschte eine völlig andere Atmosphäre als bei den Zeugen. [...] Hier wurden keine vorgefertigten Fragen gestellt, und wir erlebten, daß jeder ganz ungezwungen sagen konnte, was er gerade dachte. Selbst über Fragen oder Zweifel der Teilnehmer wurde offen geredet, ohne daß Wertungen vorgenommen wurden.« (S. 78f)

Im Nachwort des Buches wendet sich Monika Deppe direkt an ihre ehemaligen Glaubensbrüder und -schwestern: »Sollten getaufte Zeugen Jehovas dieses Buch lesen, so wünsche ich ihnen den Mut, ihren bisherigen Glauben kritisch zu hinterfragen. Wenn sie sich mit ehrlichem Herzen auf die Suche nach der Wahrheit machen, werden sie mit Gottes Hilfe erkennen, daß die Lehraussage der Wachtturm-Gesellschaft nur eine Scheinwahrheit ist.« Persönlich hinzufügen möchte ich, dass man dies auch ohne Gottes Hilfe erkennen kann, wenn man ›mit ehrlichem Herzen‹ auf die Suche nach der Wahrheit geht.

Mein Fazit über dieses Buch, das ich am 6. Juli 2007 komplett gelesen habe: Insbesondere für gläubige Menschen, die Zweifel an der Wachtturm-Organisation haben, wird das Buch von Monika Deppe eine interessante Lektüre sein. Es zeigt den Weg eines aufrichtigen Christseins auch jenseits der Mauern der WTG. Es ist einfach und schnell zu lesen und daher ein guter Einstieg in den Ausstieg gerade für solche, die wenig Zeit für dicke Bücher haben oder die keine absoluten Leseratten sind (96 Seiten).

© 1996 Brunnen Verlag Gießen, ISBN 3-7655-1094-7 (auch: 3-7655-3967-8)