Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte.

Keiner Frau ist es vom Schicksal bestimmt worden, ihr Dasein als kümmerliches, unauffälliges Nagetier zu führen, als dressiertes Mäuschen, das es nicht fertigbringt, einen mächtigen, wolfsartigen Satz nach vorn zu machen, sich auf die Jagd zu begeben und das Unbekannte zu erforschen!

Clarissa Pinkola Estés

Clarissa Pinkola Estés hat den Weg bereitet für ein neues Frauenbewusstsein: In Märchen und Mythen zeigt sie uns jene schlummernde weibliche Kraftquelle, die jede Frau in sich trägt. Haben wir die Wolfsfrau wieder in uns entdeckt, so finden wir zurück zu Leidenschaft, Kreativität, Instinkt und Selbstbewusstsein. Ein Buch zum Lachen, Zornigwerden und Wiedererkennen: poetisch, klug - und völlig anders als die üblichen Psychoschmöker!

Journal für die Frau

 

Dr. Clarissa Pinkola Estés ist das Kunststück gelungen, gleichzeitig ein fundiertes Fachbuch von hohem Niveau und ein Buch voller Geschichten und Gesänge zu schreiben.

Süddeutsche Zeitung

 

Auszug:

Die Wilde Frau und das artverwandte Wolfsmotiv, das sich wie ein Leitfaden durch dieses Buch zieht, kann auf meine Forschungsarbeit mit wildlebenden Tierarten zurückgeführt werden. Mit besonderer Vorliebe habe ich den Canis lupus und den Canis rufus studiert - Wölfe, deren Geschichte im Laufe der Zeit immer mehr der Geschichte des weiblichen Geschlechts auf diesem Planeten glich.

Freilebende Wölfe und ungekünstelte Frauen haben vieles gemeinsam: die Akkuratheit ihres instinktiven Feingefühls, eine Vorliebe für alles Spielerische und eine schier unverrückbare Loyalität. Beide Gattungen sind von Natur aus beziehungsorientiert, sie schnüffeln gern neugierig herum, sie sind wißbegierig, spitzfindig, zäh, ausdauernd und seelenvoll. Was ihre Jungen, ihre Lebensgefährten und den Rest des Rudels angeht, so legen sie ein untrügliches intuitives Gespür an den Tag. Sie sind anpassungsfähig, standhaft und in Krisensituationen beweisen beide Gattungen einen todesmutigen Heroismus.

Dennoch wurden beide Gattungen auf bemerkenswert ähnliche Weise verleumdet und unterjocht, denn die Jahrhunderte währenden Säuberungsaktionen der moralpredigenden Weltverbesserer galten selbstverständlich nicht allein dem Wildwuchs in der Außenwelt, sondern mehr noch den ungezähmten Wildregionen der menschlichen und speziell der weiblichen Psyche.

(...) Im gleichen Atemzug sollte ich aber auch erwähnen, daß die Wilde Frau mir wohl schon in frühester Kindheit nahegebracht wurde, einfach weil ich in eine Familie von spanisch-mexikanischer Abstammung hineingeboren und später von einem weitverzweigten Clan hitziger Ungarn adoptiert wurde. Während meiner Kindheit, die ich in der göttlichen Naturlandschaft in der Nähe der Great Lakes (in den Vereinigten Staaten) verbrachte, spitzte sich bereits lauschend mein Ohr, sträubte sich schon ahnungsvoll mein Nackenfell, wenn ich das Wolfsgeheul in klaren Mondnächten von weiter oben, vom Nordrand der großen Wälder, zu uns herüberwehen hörte. Wir lebten ein sehr einfaches Leben in einer bäuerlichen Enklave, umgeben von Kornfeldern, Obstgärten, Wiesen... Ich weiß noch, daß wir gefahrlos von dem Wasser unserer Wildbäche trinken konnten.

(...) Folgerichtig trippelte ich, wie schon so viele Frauen vor und auch nach mir, auf mittelhohen Absätzen, angetan mit züchtigem Blümchenkleid und Hut zur Kirche. Konnte ich über all die Jahre verhindern, daß mein buschiger Schwanz hin und wieder unter meinem Rocksaum hervorlugte? Keine Chance! Manchmal konnte ich nicht anders - ich mußte mich plötzlich laut knurrend schütteln und die Zähne fletschen und bei Mondlicht heulte ich heimlich mit den Rudeln am Waldesrand.

Ich habe den Gesang dieser dunklen Jahre nicht vergessen, Hambre del Alma, den Gesang der ausgehungerten Seele. Aber den glücklichen Canto hondo habe ich ebensowenig vergessen, das tiefe, frohe Lied, dessen Reime uns wieder einfallen, wenn wir unsere Seele aus dem Totenreich zurückfordern.

Die traditionelle Psychologie weiß bemerkenswert wenig über frauenspezifische Themen zu sagen und noch weniger über ihre Hintergründe, wie die weibliche Intuition, die weibliche Sexualität, die zyklische Wiederkehr von Stimmungen und Kräften. Über Dinge wie die Wiederherstellung des Zugangs zum Urwissen und den Zugang zur weiblichen Schöpferkraft schweigt sie sich vollkommen aus. Diese Erkenntnis hat mich dazu bewogen, meine Arbeit mit dem Archetypus von der Wilden Frau über zwei Jahrzehnte hinweg zu verfolgen und stetig auszubauen.

Die Seelenbelange von Frauen lassen sich nicht in die kulturell akzeptablen Gußformen einpassen, auch wenn Millionen von Frauen verzweifelt versucht haben, sich in diese Gußformen hineinzuzwängen, da nahezu jede Gesellschaft es unter Androhung von Strafen und Sanktionen verlangt. Im Zuge von solchen Verrenkungsübungen werden Frauen, die als kleine weibliche Naturphänomene zur Welt kamen, zu psychologischen Außenseitern in ihrer eigenen Kultur gemacht. Also können wir, als Frauen, tatsächlich kein anderes Ziel haben, als unsere eigene wildgewachsene Naturschönheit zu reklamieren und sie fortan zu pflegen und zu stärken und zu ihr zu stehen, komme, was da auch immer wolle von irgendwelchen professionell eingebildeten Gesellschaftsschichten.

Anleitungen zur Rückforderung der weiblichen Urinstinkte lassen sich interessanterweise aus vielen alten Märchen, Mythen und Volkslegenden beziehen. ...