Jesus oder Gott (Jehova)? - Kommentar zu 1. Johannes 5:20f im WACHTTURM 15.10.2004, S.30,31 Drucken E-Mail
Geschrieben von: THEOLOGE FRANK   
Montag, den 13. Dezember 2004 um 13:31 Uhr

a Wir wissen aber: b Der Sohn Gottes ist gekommen, c und er hat uns Einsicht geschenkt, d damit wir (Gott) den Wahren erkennen. e Und wir sind in diesem Wahren, in seinem Sohn Jesus Christus. f Er ist der wahre Gott und das ewige Leben. – 1. Johannes 5:20, Neue Jerusalemer Bibel[1], [Buchstabennummerierung und Unterstreichung von mir]

a Wir wissen aber, b daß der Sohn Gottes gekommen ist, c und er hat uns verstandesmäßig befähigt, d den Wahrhaftigen zu erkennen. e Und wir sind in Gemeinschaft mit dem Wahrhaftigen durch seinen Sohn Jesus Christus. f Dies ist der wahre Gott und ewiges Leben. – 1. Johannes 5:20, Neue-Welt-Übersetzung[2], [Buchstabennummerierung und Unterstreichung von mir]

Anlass dieser Abhandlung ist eine E-Mail, die mir am 29.11.2004 von einem aktiven Zeugen Jehovas zuging. Darin wird auf den Wachtturm vom 15.10.2004 aufmerksam gemacht, der auf den Seiten 30-31 einen Artikel darüber enthält, ob sich das Demonstrativpronomen „dieser“ in 1. Johannes 5:20f (siehe oben) auf Gott selbst oder auf Jesus Christus bezieht? Ich wurde gebeten, die Abhandlung im Wachtturm daraufhin zu analysieren und dieser Frage ebenfalls nachzugehen.

Der Artikel trägt das Thema: „Wer ist ‚Der Wahre Gott Und Ewiges Leben’?“. Hintergrund der Abhandlung ist das Bemühen, nachzuweisen, dass sich das Demonstrativpronomen „dies“ in 1Jo 5:20f („Dies [gr. hoútos] ist der wahre Gott...“) nicht auf Jesus Christus, sondern auf Jehova bezieht. In der Abhandlung werden schließlich biblische Beispiele sowie Gelehrte und Theologen zitiert, um zu erklären, warum das Fürwort in diesem Fall nicht auf das unmittelbar vorangegangene Subjekt „Jesus Christus“, sondern auf das weiter entfernt liegende Subjekt, den „Wahrhaftigen“ (Jehova), zu beziehen ist. Die Möglichkeit, dass sich das hinweisende Fürwort jedoch auch auf Jesus Christus beziehen könnte, soll also durch die Darlegungen im Wachtturm-Artikel ausgeschlossen werden. Was ist der Grund?

In Verbindung mit Christus“ oder „in Christus“?
Um zu verstehen, warum der Wachtturm dahin gehend sehr viel Mühe darauf verwendet, ist zunächst die Feststellung wichtig, dass für Zeugen Jehovas aus tendenziösen Gründen Jesus stets eine zweitrangige „Nebenrolle“ spielt. Das Lehrgebäude der Wachtturm-Gesellschaft macht dies zwingend notwendig. Auf welche Weise Jesus eine solche untergeordnete Rolle zugewiesen wird, muss zunächst anhand der griechischen Präposition èn (= „in“ oder „durch“), wie sie in 1Jo 5:20 vorkommt, untersucht werden. Das Wort wird in allen Bibeln außer der NWÜ meisten mit der Wendung „in Christus“ oder „durch Christus“ gebraucht. Aus diesem Grund war seitens der Wachtturm-Gesellschaft zunächst eine Umformulierung des griechischen Wortes èn in ihrer eigenen Bibelausgabe erforderlich, um das Alleinstellungsmerkmal Jesu als Mittler zu nehmen. Ersetzt wurde deshalb die Präposition „in“ durch „in Verbindung mit“ oder „in Gemeinschaft mit“. Der Unterschied sei anhand von Epheser 3:11 erläutert. Dieser liegt darin, dass die Präposition „in“ oder „durch“ (vermittelnd mit Akkusativ) ausdrückt, dass der Vorsatz Gottes durch eine Person (hier: Jesus Christus) verwirklicht oder ausgeführt wird. „In Verbindung mit“ oder „in Gemeinschaft mit“ bedeutet dagegen, dass Gottes Vorsatz lediglich in Zusammenarbeit mit Jesus Christus ausgeführt wird, ohne dass Jesus dabei als bewirkende Person zum Tragen kommt. Mit anderen Worten: Durch die Wendung „in Verbindung mit“ oder „in Gemeinschaft mit“ soll vermieden werden, dass Jesus eine vermittelnde Funktion für den Plan Gottes ausübt. Der Text der NWÜ erweckt damit den Eindruck, Jesus sei lediglich – etwa als „Berater“ - am Fassen dieses Vorsatzes beteiligt gewesen, nicht jedoch an seiner Erfüllung. Mit Jesus einen Vorsatz fassen ist jedoch etwas anderes, als ihn in Christus zu erfüllen. Selbstverständlich muss daher die Wiedergabe in der NWÜ auch hier in 1Jo 5:20 vom griechischen Original abweichen. Auf das Demonstrativpronomen „dieser“, das dort vorkommt, gehen wir später ein, da zunächst der Hintergrund der abweichenden Übersetzung der griechischen Präposition èn klar sein muss, bevor wir uns mit dem Wachtturm-Artikel beschäftigen. Es folgt nun eine Gegenüberstellung des griechischen Originals mit der NWÜ und der NJB. Im Griechischen heißt es wörtlich (1Jo 5:20e, f):

...; e und wir sind in [èn] dem Wahrhaftigen, in [èn] seinem Sohn Jesus Christus. f Dieser ist der wahre Gott und (das) ewige Leben.[3]

In der Endfassung sieht die Übersetzung folgendermaßen aus:

  • e Und wir sind in diesem Wahren, in seinem Sohn Jesus Christus. f Er ist der wahre Gott und das ewige Leben.[4]
  • e Und wir sind in Gemeinschaft mit dem Wahrhaftigen durch seinen Sohn Jesus Christus. f Dies ist der wahre Gott und ewiges Leben.[5]

Wie man feststellen kann, wurde „in“ durch „in Gemeinschaft mit“ ersetzt. Die gleichen Übersetzungsvarianten werden in der NWÜ auch an anderen Stellen praktiziert. Die Wendung „in Verbindung mit“ kommt im Neuen Testament der NWÜ insgesamt 44 Mal vor, wovon sich 25 Stellen auf Jesus Christus beziehen:

Joh 13:31; 14:13; 1. Korinther 4:17; 9:2; 11:11; 15:58; 2. Korinther 12:19; Galater 1:16; Epheser 3:11; 5:8; Philipper 1:13; Kolosser 1:4; 2:11, 12; 2. Thessalonicher 1:10 (2 x); 1. Timotheus 1:14; 3:13; 2. Timotheus 1:9; 3:15; Philemon 6, 8, 20 (2 x); 1. Petrus 3:16

An all diesen Stellen steht die griechische Präposition èn, die im Gegensatz zur NWÜ in allen anderen Bibelübersetzungen mit „in“ oder „durch“ wiedergegeben wird. Aber auch die übrigen Passagen, in denen es bei der vorgezogenen Wiedergabe „in Verbindung mit“ nicht um Christus geht, wird diese sprachwissenschaftlich nicht zu rechtfertigende Übersetzungsvariante praktiziert. Meine Nachforschungen haben ergeben, dass in keinem theologischen Nachschlagewerk oder Wörterbuch[6] eine alternative Übersetzung wie „in Verbindung mit“ oder „in Gemeinschaft mit“ vorgeschlagen wird, solange sich diese Präposition auf Christus bezieht. Die Wörterbücher legen ein einstimmiges Zeugnis darüber ab, dass „in Christus“ (èn) die richtige Wiedergabe ist. Mit Verweis auf Php 1:1,14; 4:7; 2Ko 5:17 heißt es im exegetischen Wörterbuch beispielsweise: „Noch stärker betont [Paulus] das Sein ‚in Christus’ oder ‚im Herrn’“.[7]

Es gibt jedoch weitere Belege, die zeigen, dass Jesus Christus bei Zeugen Jehovas nur eine Nebenrolle spielt. Kehren wir noch einmal zu Epheser 3:11 zurück. Dort heißt es:

[...], gemäß dem ewigen Vorsatz, den er in Verbindung mit dem Christus, mit Jesus, unserem Herrn, gefaßt hat, [...]

Auch dieser Text weicht erheblich vom griechischen Original ab. Nicht nur, dass „in Verbindung mit“ wieder einmal nicht der griechischen Präposition èn entspricht. Hinzu kommt noch, dass Gott seinen Vorsatz in Christus lediglich „gefaßt“ hat. Tatsächlich wurde der Vorsatz Gottes jedoch bereits „ausgeführt“. Dies wird wieder im griechischen „Urtext“ belegt:

[...], gemäß dem Vorsatz der Ewigkeiten, den er ausgeführt hat in Christus Jesus, unserem Herrn, [...] - KIT

In der Endfassung der Luther-Bibel (1972) heißt es dementsprechend:

Diesen ewigen Vorsatz hat Gott ausgeführt in Christus Jesus, unserm Herrn.

In der früheren Luther-Ausgabe von 1913 heißt es sogar:

[...], nach dem Vorsatz von der Welt her, welche er bewiesen hat in Christo Jesu, unserm Herrn, [...].

Man beachte daher, dass es in der NWÜ heißt, Gottes Vorsatz sei „gefaßt“, nicht jedoch „ausgeführt“ worden! „Ausgeführt“ wurde also durch „gefaßt“ ersetzt. Das korrekte Verständnis ergibt sich daher erst aus dem griechischen Original oder anderen Übersetzungen, wo unmissverständlich geschrieben steht, dass der Vorsatz bereits vollständig ausgeführt worden ist – und zwar in Christus. Der Plan Gottes war somit in Christus völlig abgeschlossen. Folgt man allerdings der Wiedergabe in der NWÜ, muss der Leser schließen, dass sich der Vorsatz auch auf künftige Ereignisse bezieht. Für Zeugen Jehovas hängt daher der Plan Gottes auch unmittelbar mit der Geschichte der Wachtturm-Organisation zusammen. Dieses Vorhaben sollte also nicht nur in Christus allein seine Erfüllung finden. Mit einer solchen Umdeutung wird ein falsches Verständnis des Textes vermittelt. Die zentrale Rolle Jesu Christi, die im Neuen Testament beabsichtigt ist, wird dadurch auf bedauerliche Weise heruntergespielt und Jesu Exklusivität als Mittler beraubt. Aber im „Urtext“ bzw. in der korrekten Fassung anderer Bibelübersetzungen zeigt der Text, dass Jesus selbst die Person ist, durch die der Plan Gottes bereits erfüllt wurde. Um welchen Plan ging es dabei? In dem Werk The Interpreter’s One-Volume Commentary on the Bible wird dies anschaulich verdeutlicht:

Der Verweis auf Epheser 2:18 im Zitat bestätigt, dass der Vorsatz Gottes bereits damals durch Christus seine Erfüllung fand, indem er Juden und Heiden („Nationen“, NWÜ) untereinander mit Gott versöhnte. Schon damals waren die ‚Nationen’ „durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe [Gottes] gekommen“ (V 13). Es war damals, als Jesus „durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft“ zwischen Juden und Heiden niedergerissen hatte (V 14). Schon damals hob Jesus „das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei [Juden und die ‚anderen Schafe’] in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen“ (V 15). Es war im 1. Jahrhundert, als er „die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib [versöhnte]. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet“ (V 16). Seitdem haben „beide in dem einen Geist Zugang zum Vater“ (V 18). Das war der Vorsatz Gottes, den er in Christus ausgeführt hatte: Die Versöhnung sowohl der Juden als auch der Heiden mit Gott. Es handelte sich nicht um einen Plan, der vor allem noch in der Zukunft lag. Vor diesem Hintergrund wird auch die Umformulierung in der NWÜ klar. Der Plan Gottes schloss gemäß der Ansicht der Wachtturm-Gesellschaft beispielsweise auch ein, dass die Heiden oder „Nationen“, die nicht aus jener Hürde stammten (Joh 10:16), erst 1935 „erkannt“ werden sollten, wie es die Wachtturm-Organisation lehrt:
Wen kennzeichnet jener „Mann“ an der Stirn? „Andere Schafe“, Personen, die die Hoffnung haben, ewig auf einer paradiesischen Erde zu leben (Johannes 10:16; Psalm 37:29). Im Jahr 1935 wurde erkannt, daß die seinerzeit erwähnte Gruppe, bestehend aus „anderen Schafen“, nichts anderes ist als die „große Volksmenge ... aus allen Nationen“, die der Apostel Johannes in einer Vision sah (Offenbarung 7:9-14). Von 1935 bis jetzt ist der Einsammlung der großen Volksmenge große Aufmerksamkeit geschenkt worden.[9]

Das ist also einer der Gründe für die abweichende Wiedergabe in Eph 3:11! Der Vorsatz Gottes sollte sich auch in ferner Zukunft, also 1935, als die „anderen Schafe“, die „große Volksmenge“, „erkannt“ wurden, erfüllen. Zwar wird in der Wachtturm-Literatur gelegentlich erwähnt, dass Gottes Vorhaben auch schon damals eine teilweise Erfüllung fand, z.B. durch die Bildung von Christenversammlungen oder die Gründung des „geistigen Israels“ im Jahr 33 u.Z. Es musste sich aber auch auf die Zukunft beziehen, weil die Organisation sich ebenfalls als Teil der Erfüllung dieses Plans betrachtet. So gehört z.B. selbst die Annahme des Namens „Jehovas Zeugen“ im Jahr 1931 dazu.[10] Und das Entstehen einer irdischen Organisation Gottes war ebenfalls ein Bestandteil davon. Gott „musste“ daher gemäß Eph 3:11 lt. der Wiedergabe der NWÜ einen „ewigen Vorsatz“ ‚in Verbindung mit Christus’ fassen, um diesen durch die künftige Organisation vollständig zu erfüllen.

Ein ähnliches Beispiel dafür, dass nach Ansicht der Zeugen Jehovas der Glaube gestützt allein auf Christus nicht ausreicht, liefert die Umdeutung von 2Ti 3:15. Dort heißt es gemäß der NWÜ:

...die heiligen Schriften gekannt hast, die dich weise zu machen vermögen zur Rettung durch den Glauben in Verbindung mit Christus Jesus. [Unterstreichung von mir]

Im Griechischen heißt es jedoch (wortwörtlich):

... die heiligen Schriften du kennst, die könnenden dich weise machen zur Rettung durch den Glauben an Christus Jesus.[11] [Unterstreichung von mir]

Die Präposition „an“, die eine Beziehung zu Christus ausdrückt, wurde durch „in Verbindung mit“ ersetzt. „In Verbindung mit“ soll jedoch andeuten, dass der Glaube an Christus allein nicht genügt. Hier drängt sich unweigerlich die Frage auf: Glauben „in Verbindung mit Christus“ - aber an was? Die Intention einer solchen Übersetzung liegt darin, dass der Glaube von Zeugen Jehovas nur in Verbindung mit Jesus Christus“ vollzogen werden soll, er darf sich jedoch nicht auf ihn gründen, weil dafür keine Organisation erforderlich wäre. Es versteht sich daher von selbst, dass es notwendig war, die entsprechenden Bibelstellen umzuformulieren, um sie der eigenen Ideologie einer neuzeitlichen, irdischen Organisation Gottes passend zu machen. Die alleinige, vollwertige Mittlerrolle Jesu wird somit nicht anerkannt. Kurz: Die Wachtturm-Organisation betrachtet sich als unverzichtbaren Mittler zwischen Menschen und Christus. Wer sich dieser Organisation nicht anschließt, wird das Christsein abgesprochen.

Dieser Exkurs sollte genügen, um das Motiv aufzuzeigen, dass hinter der Abhandlung im obigen Wachtturm steckt. Mit diesem Hintergrundwissen und dem nun besseren Verständnis können wir den Artikel, der nichts anderes bewirken soll, als abermals die Göttlichkeit Jesu abzuwerten, analysieren.

Zunächst einmal muss bedauerlicherweise erneut festgestellt werden, dass die Gelehrten und Theologen, die der Wachtturm als vermeintliche Stütze für ihre Ansicht zitiert[12], für uns von keinem wert sind, da gemäß den Gepflogenheiten der Wachtturm-Literatur wieder einmal keine Quellenangaben gemacht wurden. Es wurden zwar die Namen der Theologen genannt. Die Zitate sind aber dennoch nicht überprüfbar und daher auch nicht verwertbar, weil nicht feststellbar ist, ob sie aus dem Zusammenhang gerissen wurden – wie dies schon öfter geschehen ist. Auf diese sind wir aber auch nicht angewiesen, wie sich gleich zeigen wird.

Jesus oder Gott, der „Wahrhaftige“?

Gehen wir zu Beginn direkt auf das Demonstrativpronomen „dies“ in 1Jo 5:20 ein. Dieses hinweisendes Fürwort (gr. hoútos) „benennt das, was der Redende oder Schreibende unmittelbar vor sich sieht“[13] Das Fürwort ekeínos dagegen, das z.B. in Matthäus 24:48 mit „jener“ übersetzt wurde, verweist immer auf das weiter entfernt liegende Subjekt[14], so z.B. auf den „Sklaven“ in Vers 45. Er wird hier als „treu und verständig“ beschrieben. Gemäß Vers 48 kann er jedoch auch „übelgesinnt“ werden, wenn ihm die Ankunft des Herrn zu lange dauern sollte. „[Es weist] entweder auf entferntere Personen oder Sachen hin oder es benennt Personen und Sachen, von denen im [Zusammenhang] der Aussage vorher bereits die Rede war.“[15]

Im Wachtturm wird auf der S. 30 nun folgendes erklärt:

Das mit „dies“ oder „dieser“ wiedergegebene Wort hoútos bezieht sich häufig nicht auf das unmittelbar vorangegangene Subjekt im Satz.

Um diese Aussage zu stützen, werden Bibelstellen wie 1Jo 2:22; 2Jo 7; Joh 1:40, 41; Apg 4:10, 11 angeführt. Diese sind jedoch nur von etymologischem Wert, weil damit noch nicht bewiesen ist, was Johannes in 1Jo 5:20 mit „dieser“ im Sinn hatte. Selbst in dem Wachtturm-Artikel wird zugegeben, dass es auch darauf ankommt, „was in den Gedanken des Verfassers am nächstliegenden war“ (S. 31). Dieser Meinung schließen wir uns gerne an. Die Frage ist nur: Schließen wir aus dem Kontext, was der Gedanke des Verfassers war oder schließen wir aus unserem Wunschdenken auf die Gedanken des Schreibers?

Es trifft zwar zu, dass sich dieses Wort nicht immer auf das unmittelbar vorangegangene Subjekt bezieht, wie man z. B. auch an 1Jo 2:22, das der Wachtturm als eines der Beispiele genannt hat, erkennen kann. Das Griechisch-Deutsche Wörterbuch zum Neuen Testament von Walter Bauer spricht dabei von einem „Bezug auf ein entfernteres Subjekt, das aber dann nur im Satze ferner steht, sich jedoch auf den der Vorstellung näheren Begriff bezieht“. Als Beispiel wird hier - wie ähnlich auch im Wachtturm geschehen - Apg 4:11; 7:19 und 2Jo 7 angeführt.[16] Was der Artikel nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass es auch andere Bibelstellen gibt, bei denen sich das Demonstrativpronomen sehr wohl auch auf das unmittelbar vorhergehende Subjekt bezieht. Im gleichen Wörterbuch wird tatsächlich darauf hingewiesen und dabei auf die Schriftstellen Lk 1:32; Joh 1:2; 6:71; 2Ti 3:6, 8[17] aufmerksam gemacht.

Die angeführten Schriftstellen im Artikel beweisen somit nicht unbedingt, dass das Demonstrativpronomen auch in 1Jo 5:20 genauso zu betrachten ist. Grammatisch ist aber beides möglich, also der Bezug auf Gott oder Jesus. Gerade das macht den Sachverhalt aber so kompliziert. Es mutet auf den ersten Blick jedoch an, als würde der „wahre Gott“ in Vers 20f besser auf Gott passen, wenn man Joh 17:3 berücksichtigt, wo von dem „allein wahren Gott“ die Rede ist. Hierauf macht der Wachtturm schon im ersten Absatz aufmerksam. So betrachtet, entsteht allerdings eine Tautologie[18], die keinen Sinn macht, weil der Begriff „Wahrhaftiger“ in den Sätzen „d“ und „f“:d ..den Wahrhaftigen zu erkennen. f Und wir sind in Gemeinschaft mit dem Wahrhaftigen...“ unnötig wiederholt wird. Daher wäre der Bezug auf Jesus ungezwungener. In Joh 1:1 wird Jesus ebenfalls als „Gott“ bezeichnet. Selbst in der eigenen NWÜ wird z.B. in Joh 1:18 die Göttlichkeit Jesu anerkannt:

Kein Mensch hat GOTT jemals gesehen; der einziggezeugte [„eingeborene“, Luther] Gott, der am Busen[platz] beim Vater ist, der hat über ihn Aufschluß gegeben.

Auch Joh 20:28 belegt, dass es durchaus kein Problem ist, das Gottesprädikat auch auf Christus anzuwenden, wenn Thomas Jesus bekannte: „Mein Herr und mein Gott“ (NWÜ). Im Herders Theologischen Kommentar zum Neuen Testament wird daher folgender Schluss gezogen:

Man sollte darum nicht mehr [...] bezweifeln, daß das folgende oútos [„dieser], wie es auch das Nächstliegende ist [vgl. 1Jo 5:6 mit Vers 5], auf [Jesus Christus] zu beziehen ist. Wenn man auf [„Wahrhaftiger“] zurückgreift – sprachlich ist das möglich (vgl 2Jo 7) -, so kommt man nur mit Mühe an einer Tautologie vorbei. Man müßte dann den Gedankenfortschritt in der Aussage finden, daß dieser „Wahrhaftige“ (Gott) ewiges Leben ist. Aber diese Aussage wird sonst gerade nicht von Gott, sondern von Jesus Christus gemacht [vgl. 1Jo 1:2; Joh 11:25; 14:6].[19]

Das ist der Kerngedanke des letzten Satzes: „Dies ist der wahre Gott und ewiges Leben“. Nur Jesus hat immer beansprucht, das Leben zu sein. Der ganze Johannesbrief ist deshalb christologisch orientiert, was schon eingangs im Kapitel 1:1 festzustellen ist. Dort ist davon die Rede, dass das „ewige Leben, das beim Vater war“, uns offenbar gemacht wurde, eben durch Jesus Christus. Er wird dort ferner als „das Wort des Lebens“ bezeichnet. Das passt auch zu Joh 1:1, wo „am Anfang das Wort [war]“. In Vers 4 heißt es weiter, dass in ihm das Leben war, „und das Leben war das Licht der Menschen“ (NJB). Über dieses Licht sollte Johannes Zeugnis ablegen, „damit alle durch ihn zum Glauben kommen“ (NJB). Im obigen Kommentar heißt es daher weiter:

Und weil Jesus Christus der „wirkliche Gott“ ist, nicht fern und unerreichbar, sondern in Menschengestalt für den Glauben greifbar, darum ist er „ewiges Leben“.[20]

Im Kommentar wird sogar erläutert, dass selbst das Fehlen des Artikels vor dem Substantiv „Leben“ in 1Jo 5:20 den Bezug auf Jesus durch das Demonstrativpronomen „dieser“ begründet:

Das Fehlen des Artikels vor [Leben] weist darauf hin, daß dieses Wort als echtes, den Sinnzusammenhang erläuterndes Prädikat hinzugesetzt ist: Jesus Christus ist ewiges Leben für uns, die Glaubenden [vgl. 5:11f].[21]

Hier wird auf 1Jo 5:11f verwiesen, wo es heißt, dass Gott uns das ewige Leben gegeben hat, „und dieses Leben ist in seinem Sohn“ (NJB). Es besteht daher kein Anlass, den Satz: „Dies ist der wahre Gott und ewiges Leben“, auf Gott statt auf Christus zu beziehen, wenn doch ausschließlich von Jesus gesagt wird, dass er dass Leben ist. Im Johannesevangelium geht es um die Christusoffenbarung, nicht um eine Gottesoffenbarung. Für den Glaubenden ist daher Christus gleichzeitig auch der wahre Gott. Wenn in ihm das Leben ist, dann ist er auch der wahre Gott, denn in 1Jo 5:20 wird „Gott“ und „ewiges Leben“ in einem Atemzug erwähnt: „Dies ist der wahre Gott und ewiges Leben.“

Der Wachtturm hat einige Gelehrte und Theologen zitiert, die allerdings anderer Auffassung sind. Durch das Zitieren solcher Kapazitäten soll dem Artikel eine gewisse Gelehrsamkeit und Qualität verliehen werden. Es wird jedoch verschwiegen, dass es auch andere Gelehrte gibt, die den Standpunkt der Wachtturm-Gesellschaft und der zitierten Theologen nicht vertreten. Dass sich nicht alle Ausleger über diesen Punkt einig sind, ist jedoch nichts Neues. Das wird auch in den Kommentarwerken nicht verschwiegen. Das Vortragen von Aussagen Gelehrter beweist somit zunächst einmal überhaupt nichts. Auch das Zitieren von Bibelstellen, wo das Demonstrativpronomen auf gleiche Weise angewendet wird, wie in 1Jo 5:20, trägt nichts zur Wahrheitsfindung bei. Wie wir oben gesehen haben, zeigen auch andere Bibelstellen, die der Wachtturm nicht erwähnt, dass das Fürwort auch auf ein unmittelbar näherliegendes Subjekt bezogen werden kann. Es hat sich in dieser Abhandlung ferner herausgestellt, dass auch sprachwissenschaftliche Argumente allein nicht ausreichen, um festzustellen, was Johannes im umstrittenen Vers im Sinn hatte. Nur anhand des gesamten Johannesbriefes kann man die Absicht des Verfassers feststellen. Was wir herausgefunden haben, ist die Tatsache, dass es Johannes nur um Christus ging. Anhand obiger Kommentarwerke konnten wir die Bedeutung von 1Jo 5:20 wissenschaftlich herausarbeiten, und zwar ohne Scheinbeweise, ohne Unterdrückung von anderem Beweismaterial wie Standpunkte anderer Theologen und zusätzliche Schriftstellen. All diese gegensätzlichen Argumente wurden in dem Artikel nicht berücksichtigt.

Gleichzeitig konnte man sicherlich noch deutlicher erkennen, dass Zeugen Jehovas mit der Göttlichkeit Jesu Christi ein großes Problem haben und seine volle Göttlichkeit einfach nicht anerkennen wollen. Das haben wir auch dadurch herausgefunden, indem wir Passagen der NWÜ sowohl mit dem griechischen „Urtext“ als auch mit der NJB oder Luther verglichen haben. Es ist bedauernswert, dass aus tendenziösen Absichten zahlreiche Übersetzungen in der NWÜ vom Original erheblich abweichen und uns dadurch ein falsches Bild über Gottes Vorhaben und seinen Sohn Jesus Christus vermitteln. Leider gibt es noch zahlreiche weitere Bibelstellen, deren Übersetzungen einer ideologischen Zensur zum Opfer gefallen sind. Darauf einzugehen würde jedoch unseren Rahmen sprengen.

Frank Bruder alias „THEOLOGE FRANK“


[1] Im folgenden Text durch „NJB“ abgekürzt.
[2] Im folgenden Text durch „NWÜ“ abgekürzt.
[3] Übersetzt vom Englischen ins Deutsche aus The Kingdom Interlinear Translation of the Greek Scriptures (Hrsg. 1985 von der Watchtower Bible and Tract Society. Im folgenden Text: „KIT“).
[4] Endfassung in der NJB. Unterstreichung von mir.
[5] Endfassung in der NWÜ. Unterstreichung von mir.
[6] Siehe unter anderem Walter Bauer, Griechisch-Deutsches Wörterbuch zum Neuen Testament; Gerhard Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament; Horst Balz/Gerhard Schneider, Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament.
[7] Bd. 1, S.1094-1095. Unterstreichung von mir.
[8] Hrsg. von Charles M. Laymon, Abingdon Press Nashville 1971 S. 841. Übersetzung von mir.
[9] Der Wachtturm, 1. Januar 2000, S. 12, Abs. 3. Unterstreichung von mir.
[10] Siehe das Buch Gottes „ewiger Vorsatz“ jetzt zum Wohl des Menschen glorreich verwirklicht.
[11] The Kingdom Interlinear Translation of the Greek Scriptures.
[12] Z.B. Brooke F. Westcott, Erich Haupt sowie ein Zitat aus einer grammatischen Analyse zum griechischen Neuen Testament, das vom päpstlichen Bibelinstitut in Rom herausgegeben wurde (S.30).
[13] Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Kohlhammer Verlag 1992, Bd. 2, S. 1243.
[14] Ebd.
[15] Ebd., Bd. 1, S. 995.
[16] S.1182.
[17] Ebd.
[18] Tautologie = Fügung, die einen Sachverhalt doppelt wiedergibt.
[19] Band 13, S. 291. Siehe auch Gerhard Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. 9, S. 566, Anmerkung 491.
[20] Ebd.
[21] Ebd.

 

Ich bin hier:

Startseite Zeugen Jehovas Lehren Jesus oder Gott (Jehova)? - Kommentar zu 1. Johannes 5:20f im WACHTTURM 15.10.2004, S.30,31