| Neue Kongresse - mit alten Programmen? |
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| Geschrieben von: E.F. |
| Mittwoch, den 19. Juli 2006 um 21:34 Uhr |
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In diesem Sommer fahren Jehovas Zeugen – wie jedes Jahr – mit großen Erwartungen zu ihren Bezirkskongressen. In Deutschland stehen die Kongresse noch bevor, aber in anderen Ländern haben sie teilweise bereits stattgefunden. Einer der Teilnehmer sagte: ‚Man hätte die Programmthemen aus den Programmen der siebziger Jahre abschreiben können!‘. Nun, nachdem ich einen Kongreß besucht habe, würde ich sogar die Themen mit solchen der fünfziger – aber auch späterer - Jahre vergleichen. Das Motto hieß: „Befreiung greifbar nahe“, übersetzt aus „Delivrance at hand“; bei den französischen Kongressen wurde daraus einfach „Befreiung nahe“ – „Délivrance est proche“ Als man einem französischen Teilnehmer erklärte, daß in deutsch noch das Wort „greifbar“ eingefügt sei (man kann natürlich „at hand“ so übersetzen), meinte er, die Deutschen würden doch immer übertreiben. Aber das nur als Randbemerkung. Am zweiten Tag des Kongresses wurde unter anderem ein Thema der Gesundheit gewidmet. Dagegen ist wirklich nichts zu sagen; aber der Schwerpunkt lag darauf, Diagnoseverfahren zu meiden und abzulehnen, die einen spiritistischen Hintergrund hätten. So weit, so gut. Aber diese Verfahren wurden nicht genannt, auch nicht beispielsweise. Das bedeutet aber, daß Spekulationen nicht nur angeheizt werden, es werden ihnen auch Tür und Tor geöffnet. Ich erinnere mich an 1961, als während der damaligen Kongresse aufgefordert wurde, Nahrungsmittel zu meiden, in denen Blutplasma verarbeitet würde. Auch da gab es keine konkreten Angaben, aber dann eine Unmenge von Gerüchten, Verdächtigungen und unbegründeten Behauptungen. Ich kann nur hoffen, daß mit diesem Vortrag über abzulehnende Diagnoseverfahren nicht eine ähnliche Welle ausgelöst wird. Ein Vortrag besprach den Geist, von dem man sich leiten lassen solle, ein anderer christliche Würde. Alles Themen, gegen die grundsätzlich nichts einzuwenden ist. Wenn aber ein Thema sich im wesentlichen mit der Frage der Kleidung der Glaubensschwestern beschäftigt mit dem deutlichen Ziel, Freude an modischer Kleidung und gefälligem Äußeren zumindest „in eine negative Ecke“ zu stellen, dann kann auch ich mich an eine Zeit erinnern, in der solche Auffassungen gang und gäbe waren. In der vorletzten Ansprache des Samstags wurden Jugendliche angesprochen. Das Ziel war, zum Vollzeitdienst anzuspornen. Das ist an sich legitim; aber muß man das tun, indem man den Besuch von Universitäten, aber auch das Streben nach gut bezahlten Arbeitsplätzen als eine falsche Einstellung darstellt? Ich drücke mich hier sehr zurückhaltend aus. Auch dieser Vortrag erinnerte mich sehr an die Jahre meiner eigenen Jugendzeit in der Organisation. Gleichzeitig hinderte jedoch die Aufforderung, bescheiden mit dem zufrieden zu sein, was man habe, nicht daran, auch daran zu erinnern, „Jehova mit seinen wertvollen Dingen zu ehren“, das heißt Geld zu spenden. Am Sonntag wurde am Vormittag intensiv darüber gesprochen, auf welche Autorität man hören solle. Ich denke nicht, daß hier auch nur ein Zeuge im Unklaren geblieben wäre, was und wer gemeint ist. An diesem Tag wurde dann schließlich noch eine Resolution vorgelesen und natürlich angenommen. Ich geben den Text hier wieder. Da es sich aber um eine Übersetzung aus dem Französischen handelt, wird die Übersetzung sicher vom Wortlaut der deutschen Resolutionen abweichen. Deshalb füge ich nach der Übersetzung noch den Französischen Originaltest bei, so daß, wer da möchte, sich selbst vergewissern kann, ob die deutsche Übersetzung inhaltlich zutreffend ist. ResolutionWir, Jehovas Zeugen, die in dieser Versammlung „Befreiung greifbar nah“ versammelt sind, nehmen folgende Resolution an:
Soweit die Resolution; hier nun der französische Text, von dem her sie übersetzt wurde. RésolutionNous, Témoins de Jéhovah, réunis à cette assemblée «La délivrance est proche» prenons la résolution que voici:
Die ersten vier Punkte der Resolution enthalten Allgemeinplätze; nicht daß sie falsch wären, aber solche Aussagen müssen sich im Alltagsleben eines Christen zeigen, nicht in Resolutionstexten, wenn sie bedeutungsvoll sein sollen. Zu Punkt 5: Es ist interessant, wie eine Organisation, die jahrelang darum kämpfte, in Berlin als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden – und die dies vermutlich auch für andere Bundesländer anstrebt – und die durch diesen Status vom Staat, von der Regierung Nutzen und Vorrechte haben will, hier offen ihren Gläubigen auferlegt, sich nicht an sozialen Aktivitäten oder an anderen Projekten zu beteiligen, die in irgendeiner Form eben diesem Staat oder seinen Bürgern von Nutzen sein könnten. Hier ist nicht die Rede von politischen Aktivitäten; diese erscheinen unter Punkt 6. Mit obiger Erklärung aber wurde eben diesem Staat, der so großzügig die Körperschaftsrechte verlieh, ein Tritt versetzt. Hier zeigt sich die echte Einstellung der Organisation. Auch diese Einstellung ist übrigens nicht neu. Es verwundert nur, wenn man hört, daß die gleiche Organisation zum Erlangen der Genehmigung für die Erweiterung ihrer Anlagen in Selters durchaus soziale Aktivitäten wie den Bau eines Schulgebäudes oder die Spende eines Wagens für die Feuerwehr unternommen haben soll. Falls dies zuträfe, könnte man nur sagen: quod licet Jovis, non licet bovis (Was der Herr darf, darf der kleine Untertan noch lange nicht). Zu Punkt 7: Natürlich gab es vor 50 Jahren noch kein Internet; damals wurde eben vor den Schriften religiöser Gegner gewarnt. Hier geht es nicht um Warnungen zum Schutz von Kindern und Jugendlicher; hier will man vermeiden, daß die Zeugen mit kritischem Gedankengut und mit Informationen in Berührung kommen oder ausgestattet werden, die sie dazu bringen könnten, ihre Organisation einmal nicht im Lichte des Sprachrohres Gottes, sondern realitätsbezogen zu sehen. Insgesamt gesehen: wer einen dieser Kongresse nicht besucht hat, der hat vielleicht versäumt, liebe Freunde wiederzusehen. Ansonsten: nichts Neues unter der Sonne. |