| Kritische Anmerkungen zur Chronologie |
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| Geschrieben von: anonym |
| Montag, den 17. April 2006 um 14:57 Uhr |
Fragen und Anmerkungen zur „Chronologie des Alten Testaments“ der Wachtturm-Gesellschaft1. Methodische Überlegungen zum Aufbau einer Chronologie des ATIn der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelte Erzbischof Usher eine „Biblische Chronologie“ (Annales Vetresis et Novi Testamenti), in der er in oft genialer Weise viele biblische Aussagen zu einem chronologischen System vereinigte. Diese Chronologie Ushers, nach der Adam im Jahre 4004 v.u.Z. erschaffen wurde, wurde in die Authorized Version übernommen und ist bis heute in einigen amerikanischen Bibeln zu finden. Mit einigen Modifikationen bildet sie auch den Rahmen für die in dem Buch „Einsichten in die Heilige Schrift“ unter dem Stichwort „Chronologie“ erläuterte Chronologie des AT. Diesem Ansatz einer rein „Biblischen Chronologie“ stellen sich jedoch aus heutiger Sicht vier prinzipielle Einwände entgegen:
Diese methodischen Überlegungen machen deutlich, dass es nicht genügt, die Geschichte Israels von derjenigen seiner Nachbarvölker losgelöst zu betrachten. Aus diesen Grund versucht die moderne Forschung seit etwa 150 Jahren, Daten, die sie in der Bibel findet, mit solchen aus archäologischen und literarischen Quellen des Alten Orients bzw. Ägyptens in Beziehung zu setzten, um so absolute Daten über die Geschichte der Hebräer und ihrer Nachbarn zu erlangen. Man vgl. zu diesem Punkt die Darstellungen zur Chronologie des AT in den Standardwerken[5]. Dieser historisch-kritische Ansatz wird allerdings im „Einsichten-Buch“[6] grundsätzlich aus den beiden folgenden Gründen abgelehnt:
Wie die folgenden Überlegungen zeigen, sind diese beiden Hauptargumente jedoch nicht stichhaltig: 1.) Es ist heute unbestritten, dass die alten Quellen Fehler und Ungenauigkeiten enthalten. Das bedeutet allerdings nicht - wie im „Einsichten-Buch“ suggeriert wird -, dass man aus der Gesamtheit aller verfügbaren Daten kein tragfähiges chronologisches Gerüst erarbeiten kann[7]. Allein die Tatsache, dass man bei den antiken Schriftstellern Ungenauigkeiten nachweisen kann, zeigt doch, dass die Daten im Detail durch eine enorme Vielzahl von zeitgenössischen literarischen und archäologischen Quellen[8] sowie durch astronomische und archäometrische Daten[9], wie z.B. dendrochronologisch korrigierte C14-Daten, ergänzt und verbessert werden können. Bei allen so erarbeiteten Daten muß allerdings immer eine Fehlerspanne berücksichtigt werden, die um so größer ist, je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht. Folgende Fehlerspannen sind für wichtige Ereignisse der ägyptischen und mesopotamischen Geschichte realistisch[10]: 3000 - 2000 v.u.Z.: bis zu zwei Jahrhunderten Die Tragfähigkeit des geschilderten Ansatzes wurde kürzlich eindrucksvoll anhand von 39 Proben aus dem Alten Ägypten bestätigt, deren Alter (3000 - 500 v.u.Z.) unabhängig sowohl historisch-archäologisch als auch archäometrisch (dendrochronologisch korrigierte C14-Daten) bestimmt wurde. Bei nur zwei der insgesamt 39 untersuchten Proben wurde keine Überlappung der ermittelten Zeitbereiche gefunden. Das entspricht genau den Erwartungen bei der angenommenen Vertrauensgrenze von 95% für die C14-Zeitbereiche[12]. 2.) Für die Erarbeitung eines allgemein akzeptablen chronologischen Systems muß das gesamte verfügbare Quellenmaterial zugrundegelegt werden und nicht nur das AT. Der Historiker der Geschichte Israels befindet sich dabei in keiner anderen Lage als der Historiker der Geschichte jedes beliebigen anderen Volkes. Geschichte kann nicht aufgrund qualitativ verschiedenen Quellenmaterials geschrieben werden: profanes Material auf der einen Seite, das der kritischen Beurteilung durch den Historiker unterliegt, und sakrales Material auf der anderen Seite, das dieser Beurteilung durch religiöse oder theologische Vor-Entscheidungen entzogen ist[13]. Die Kanonizität des AT, sein Charakter als Heilige Schrift, kann bei historischen Betrachtungen nicht a priori postuliert werden - insbesondere dann nicht, wenn die historische Glaubwürdigkeit des AT und die genaue Erfüllung seiner Prophezeiungen bewiesen werden soll (Zirkelschluß!). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es für den Aufbau einer von weltanschaulichen Vor-Entscheidungen unabhängigen Chronologie des AT unabdingbar ist, alle verfügbaren archäologischen, literarischen und astronomischen Daten heranzuziehen und kritisch zu würdigen. 2. Datum der Sintflut und des Turmbaus zu BabelGeht man von der „Biblischen Chronologie“ aus, so hat die globale Flut Noahs etwa um 2370 stattgefunden; der Turmbau zu Babel und die dadurch bedingte Zerstreuung der Menschheit erfolgte in den Tagen Henochs, d.h. zwischen 2269 und 2030[14]. Die folgenden historischen und archäologischen Gründe erweisen dies jedoch als unmöglich:
Diese Argumente verdeutlichen, dass die von Jehovas Zeugen als historisch betrachtete Flut – wenn überhaupt – zumindest wesentlich früher stattgefunden haben muß, als es aufgrund der „Biblischen Chronologie“ zu vermuten ist. Dies geben selbst die führenden „wissenschaftlichen Kreationisten“ Whitcomb und Morris zu[20], die ansonsten ebenfalls von der Historizität einer globalen Sintflut ausgehen. 3. Chronologie der Könige von Israel und JudaDie Königsbücher und das chronistische Geschichtswerk bieten eine Fülle chronologischer Details. So wird nicht nur festgehalten, wie lange jeder König in Israel bzw. in Juda regiert hat, sondern die jeweiligen Regierungszeiten werden auch auf die des gleichzeitig regierenden Herrschers im Bruderstaat bezogen (synchronistische Geschichte). Von besonderer Bedeutung sind darüber hinaus chronologische Hinweise, die profangeschichtlich datierbar sind. Die wichtigsten dieser Synchronismen sind[21]:
Die im „Einsichten-Buch“[22] entwickelte Chronologie der Könige Israels und Judas stimmt mit keinem diese Synchronismen überein. Die Abweichungen steigern sich von 20 (Datum der Zerstörung Jerusalems) auf etwa 70 Jahre (Reichsteilung). Das hat im wesentlichen zwei Ursachen:
Gegen diese Vorgehensweise erheben sich folgende Einwände:
Die methodischen Grundsätze, die bei der Rekonstruktion eines chronologischen Systems zu beachten sind, wurden von Jepsen in seiner klassischen Arbeit[26] klar formuliert. Er betont mit Recht, dass alle Rekonstruktionen der letzten Sicherheit ermangeln, da die israelitisch-judäischen Königsreihen in sich weder eindeutig noch konsistent sind[27]. Was man jedoch erreichen kann ist ein System, das möglichst der biblischen Tradition gerecht wird und mit den genannten Synchronismen mit der assyrischen, babylonischen und ägyptischen Geschichte übereinstimmt. Zwei Systeme, die diese Bedingungen im Gegensatz zu der im „Einsichten-Buch“ vertretenen Chronologie erfüllen, wurden unabhängig voneinander von Begrich/Jepsen und Thiele erarbeitet[28]. Sie erweisen die biblische Tradition als in hohem Maße zuverlässig und weichen nicht mehr als höchstens fünf Jahre voneinander ab[29]. Die wenigen im Bibeltext[30] erkannten Fehler lassen sich leicht als Missverständnisse - bedingt durch Mitregentschaften - erklären. 4. Die Regierungszeit Artaxerxes IFür den Regierungsantritt Artaxerxes I wird in der weltlichen Geschichte einstimmig das Jahr 465/64 angegeben[31]. Sein 20. Jahr, das als Beginn der in Dan 9:24-27 erwähnten 70 Jahrwochen angesehen wird, ist somit das Jahr 445/44 und nicht das Jahr 455, wie im Einsichten-Buch angegeben. Um das Jahr 575/74 als Antrittsjahr zu stützen, werden im Einsichten-Buch verschiedene Argumente angeführt. Die angeführten Hinweise aus der persischen und babylonischen Geschichte lassen sich allerdings mit beiden Daten in Einklang bringen. Eine Entscheidung kann letztlich nur über die Synchronismen zwischen der persischen und der griechischen Geschichte getroffen werden. So berichtet der griechische Historiker Thukydides (ca. 460 bis 400), dass der attische Staatsmann Themistokles nach Persien ins Exil kam, als Artaxerxes I gerade König geworden war. Nun wurde Themistokles aber erst 471 auf Drängen des spartafreundlichen Strategen Kimon ostrakisiert[32] (nachdem er 476 noch auf den Olympischen Spielen von allen Griechen hymnisch gefeiert wurde[33]). Nach seiner Verbannung hat sich der Athener zunächst in Argos aufgehalten, von wo aus er die Peloponnesos bereiste. Als ihm bekannt geworden war, dass sowohl Athen als auch Sparta ihn nach dem Tod des Pausanius (ca. 469) wegen Hochverrats festnehmen lassen wollten, floh er nach Korkyra und von dort nach Epirus an den Hof des Königs der Molosser Ademetos. Da er sich auch dort auf die Dauer nicht sicher fühlte, ging er nach Makedonien und von dort zu Schiff nach Kleinasien, nach Ephesus. Von Ephesus floh er dann letztendlich nach Susa zu Artaxerxes I, der ihm die Herrschaft über Magnesia, Lampsakes und einige weitere Städte übertrug. Themistokles kann also auf keinen Fall bereits im Jahr 473 in Susa bei Artaxerxes I vorstellig geworden sein, wie es im „Einsichten“-Buch[34] behauptet wird. Die erläuterten Ereignisse und Daten bestätigen vielmehr das Jahr 465/464 als das Antrittsjahr des Artaxerxes. Das Jahr 475/474 lässt sich nur verteidigen, wenn man die gesamte Griechische Geschichte um 10 Jahre verschiebt. 5. LiteraturverzeichnisLexika und ReihenAOR: Die Altorientalischen Reiche I-III, hrsg. von Cassin E, Bottero
J, Vercoutter J, Frankfurt 1965-67 (Fischer Weltgeschichte, Bände
2-4) Mit Verfassernamen zitierte WerkeBengtson H, Griechische Geschichte, München 7/1986 (abgek. Bengtson,
Geschichte) Fußnoten[1] Vgl. die Zusammenstellung und die Diskussion bei Westermann, Genesis, z.
St. ReaktionenIn der Antwort der Wachturm-Gesellschaft vom 17. November 1992 heißt es: Uns fällt auf, dass Du Dir bei der Behandlung des Themas eine Sicht der Dinge zu eigen gemacht hast, die vom „treuen und verständigen Sklaven“ aus guten Gründen nicht geteilt wird (Matthäus 24:45). Das Zweigbüro möchte aus verschiedenen Gründen nicht mit Dir über die Chronologie in eine zeitraubende Korrespondenz eintreten. Wir denken, dass die Abhandlungen im Einsichten-Buch, Band 1, Seite 476 ff., und in anderen Veröffentlichungen der Gesellschaft zu diesem Thema ausreichend sind, um unsere Chronologie zu verstehen. Sie gründen sich keineswegs auf Theorien Ushers oder anderer, sondern ausschließlich auf das vorhandene Zeugnis des inspirierten Wortes Gottes. Mit dieser lapidaren Erklärung war für die Gesellschaft das Thema abgehandelt! Mit keinem Wort wurde auf meine Fragen und Bemerkungen zu der im „Einsichten“-Buch vertretenen Chronologie eingegangen, noch wurden die „guten Gründe“ genannt, die den „treuen und verständigen Sklaven“ veranlassen, eine Chronologie zu vertreten, die mit den historischen Daten nicht in Einklang zu bringen ist, noch wurde ausgeführt, wie eine Chronologie „ausschließlich(!) auf das vorhandene Zeugnis des inspirierten Wortes Gottes“ gegründet sein kann. Kommt man so der Aufforderung aus 1. Pet 3:15 nach, wo wir lesen „seid stets bereit zu einer Verteidigung vor jedermann, der von euch einen Grund für die Hoffnung verlangt“? Für mich war und ist diese Antwort ein Offenbarungseid, der mich (einem Zeugen Jehovas in der vierten Generation) veranlasste, die Gesellschaft nach einigen weiteren Diskussion mit den Ältesten der Ortsversammlung 1995 endgültig zu verlassen. Warum die Stellungnahme der Gesellschaft auf meine Anfrage so unerwartet harsch und dogmatisch ausfiel, wurde mir erst im Frühling des Jahres 1997 klar, als ich das Buch „Der Gewissenskonflikt“ von Raymond Franz, einem ehemaligen Mitglied der leitenden Körperschaft, gelesen hatte. Er schreibt über seine Arbeit am Hilfe- (heute Einsichten-) Buch: Als mir das Stichwort „Chronologie“ zugewiesen wurde, ergaben sich schwierige Fragen... Wir fanden absolut nichts, was das Jahr 607 v.u.Z. bestätigt hätte. Alle Historiker verwiesen auf ein Datum 20 Jahre später. Erst durch meine Arbeit an dem Stichwort „Archäologie“ für das Hilfe-Buch wurde mir bewusst, dass man auf dem Gebiet von Mesopotamien Zehntausende von Keilschriften aus gebranntem Ton gefunden hatte, die alle aus dem alten Babylon stammten. Alle diese Tafeln gaben keinen Hinweis darauf, dass das Neubabylonische Reich lange genug dauerte, um mit unserem Datum 607 v.u.Z. für die Zerstörung Jerusalems zusammenzupassen. Alles deutete auf eine um 20 Jahre kürzere Zeitspanne hin. Mir war zwar nicht ganz wohl dabei, doch ich wollte einfach glauben, dass unsere Chronologie trotz der gegenteiligen Beweislage richtig war. Darum haben wir auch beim Schreiben des Hilfe-Buches viel Zeit und Raum darauf verwandt, die Glaubwürdigkeit der archäologischen und geschichtlichen Beweise herabzusetzen, die unser Jahr 607 v.u.Z. als fehlerhaft erwiesen und unseren Berechnungen einen anderen Ausgangs- oder Endpunkt gegeben hätten. Das Jahr 1914 wäre nicht zu halten gewesen. Charles Ploeger und ich fuhren nach Providence (Rhode Island) an die Brown University, um mit Prof. Abraham Sachs, einem Spezialisten für Keilschrifttexte aus dem Altertum, zu sprechen. Wir wollten herausfinden, ob es irgend etwas gibt, das auf einen Mangel oder eine Schwäche bei den astronomischen Angaben in vielen dieser Texte schließen ließ, die unser Datum 607 v.u.Z. als unrichtig auswiesen. Am Schluss war klar, dass es buchstäblich eines Komplotts der Schreiber des Altertums bedürft hätte, die Angaben zu fälschen, wenn unsere Zahl stimmen sollte. Und wieder versuchte ich wie ein Anwalt, der sich unwiderlegbaren Beweisen gegenübersieht, die Zeugen der alten Zeit (das Beweismaterial zum neubabylonischen Reich) in ein schlechtes Licht zu rücken oder anzuzweifeln. Die Argumente, die ich vortrug, waren nicht erschwindelt, doch ich bin mir dessen bewusst, dass hinter ihnen die Absicht stand, eine Jahreszahl zu belegen, für die es keinerlei Stütze in der Geschichte gab.[1] So also sehen die „guten Gründe“ des „treuen und verständigen Sklaven“ aus, auf die sich die in der Wachtturm-Literatur vertretene Chronologie stützt. Mit dem Wissen um diese „guten Gründe“ wäre ich auch nicht in der Lage und willens „über die Chronologie in eine zeitraubende Korrespondenz“ einzutreten. Zumindest das hat die Gesellschaft aus dem „Fall Carl Olof Jonsson“ gelernt, von dem ich leider auch erst im September 1997 erfahren habe. Dieser schwedische Älteste war nach mehrjährigen intensiven Nachforschungen zu dem Ergebnis gekommen, dass es für die Behauptung der Gesellschaft, Jerusalem sei im Jahr 607 v.u.Z. von Nebukadnezar erobert worden, keine Beweise gibt, sondern dass vielmehr alle verfügbaren historischen, archäologischen und astronomischen Fakten für das Jahr 587 v.u.Z. sprechen. Nachdem er im Jahr 1972 eine umfangreiche Abhandlung zu dem Thema „Die Zeiten der Nationen“[2] an die „Leitende Körperschaft“ mit der Bitte geschickt hatte, die dargelegten Argumente zu überprüfen, ergab sich ein längerer Briefwechsel zwischen der Schreibabteilung der Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn und ihm. Da die Gesellschaft die von C.O.Jonsson vorgetragenen Argumente nicht widerlegen konnte, brach sie die Korrespondenz mit Schreiben vom 15. Mai 1980 ab, in dem es auszugsweise heißt: Deine Forschung hat Dich zu dem Schluss verleitet, dass in der Chronologie, wie sie in den Veröffentlichungen der Gesellschaft steht, gewisse Änderungen vorgenommen werden sollten. Du bist davon sehr überzeugt, aber wir müssen Dich zur Vorsicht ermahnen, da das für Dich zu einer Schlinge werden kann, wenn man nicht große Vorsicht an den Tag legt. Wir sind sicher, dass Du verstehst, dass es nicht angebracht wäre, wenn Du anfängst, Deine Ansichten und Schlüsse zur Chronologie weiterzusagen, die sich von denen der Gesellschaft unterscheiden, und so unter den Brüdern ernste Zweifel weckst und Probleme schaffst. Kannst Du auf Jehova warten? Wir laden Dich dazu ein. Er wird nicht zulassen, dass solche ernsten Fragen offen bleiben. Vielleicht ist es nötig, an der Chronologie einige Veränderungen vorzunehmen, aber es wäre unangebracht, solche Änderungen vorzunehmen, ohne alle diesbezüglichen Informationen zu erwägen und im Lichte der Bibel sorgfältig und gebetsvoll abzuwägen. Bis jetzt können wir nicht erkennen, dass die Beweise so stark sind, dass, wie Du vorschlägst, eine wichtige Änderung vorgenommen werden sollte. Es sind eindeutige Fragen erhoben worden. Es besteht Grund für ein weiteres und genaues Studium des Themas. Das tun wir. Inzwischen empfehlen wir Dir, Vertrauen zu Jehova und der Organisation zu haben, die er offenbar benutzt. Versuche nicht, es zu untergraben oder bei Brüdern und Schwestern Zweifel zu säen, indem Du die Chronologie für sie zu einer Riesensache machst.[3] Trotz der Ankündigung eines „weiteren und genauen Studiums des Themas“ war der „treue und verständige Sklave“ in den seither vergangenen 17 Jahren nicht in der Lage - oder besser gesagt nicht willens - die unleugbaren Fakten anzuerkennen und die Chronologie entsprechend zu ändern. Der Grund ist klar: Jede Änderung der Chronologie, die das Jahr 1914 betrifft, würde eine so umfassende Änderung des gesamten Lehrgebäudes erfordern, dass man vor einem solchen Schritt zurückschreckt. Darüber hinaus müsste sich der „treue und verständige Sklave“ in diesem Fall gemäß den im Wachtturm vom 1. April 1986 formulierten Regeln auch selbst exkommunizieren, denn auf Seite 31 dieser Ausgabe (Fragen von Lesern) heißt es: Eine anerkannte Mitverbundenheit mit Jehovas Zeugen erfordert, dass man die Gesamtheit der wahren Lehren der Bibel akzeptiert, einschließlich jener biblischen Glaubensinhalte, die nur Jehovas Zeugen lehren. Um welche Glaubensinhalte handelt es sich dabei? ... Dass es heute eine „treuen und verständigen Sklaven“ gibt, der über alle irdischen Interessen Jesu gesetzt ist und mit der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas verbunden ist (Matth. 24: 45-47). Dass das Jahr 1914 durch das Ende der Zeiten der Nationen und die Aufrichtung des Königreiches Gottes im Himmel sowie durch die Zeit für Christi vorhergesagte Gegenwart gekennzeichnet ist. Warten wir ab, was sich die Wachtturm-Gesellschaft einfallen lässt, um aus dieser selbstgestellten Falle wieder herauszukommen. Klar ist, dass das Dogma vom Jahr 1914 ohne die bis zum November 1995 vertretene und von den Zeugen jahrzehntelang von Haus-zu-Haus gepredigte Lehre, dass die Generation die das Jahr 1914 erlebt hat, auch das Ende erleben wird, völlig in der Luft hängt. In dem 1999 von der WT-Gesellschaft herausgegebenen Buch „Die Prophezeiungen Daniels - Achte darauf!“ wird in einem „Kasten“ auf S. 197 unter der Überschrift „Wann begann die Herrschaft des Artaxerxes?“ erneut das Jahr 475 v.u.Z. als Thronbesteigungsjahr des Artaxerxes I. und dementsprechend 474 v.u.Z. als sein erstes Regierungsjahr angegeben. Für diese - in der Forschung völlig singulären Daten - werden zwei Begründungen angeführt: Das erste Argument beruht auf der korrekten Angabe des griechischen Historikers Thukydides (ca. 460 bis 400 v.u.Z.), dass der Athener General Themistokles wohlwollend von Artaxerxes I. am persischen Hof aufgenommen wurde, nachdem dieser „erst kürzlich König geworden war“. Um die etablierte Datierung (465/464 v.u.Z.) zu defavorisieren wird dann allerdings argumentiert, dass „der griechische Historiker Diodor von Sizilien den Tod des Themistokles ins Jahr 471 v.u.Z. verlegt“. Für diese Angabe aus dem umfangreichen Werk Diodors, der im 1. Jh. v.u.Z. schrieb, wird jedoch weder die Fundstelle angegeben noch wird darauf hingewiesen, dass sie den detaillierten und wesentlich glaubwürdigen Angaben des Thukydides, eines Zeitgenosse Artaxerxes I., widerspricht (vgl. Punkt 4 meiner Abhandlung). Als zweite „Begründung“ wird auf den deutschen Gelehrten E. Hengstenberg verwiesen, der in seinem Werk „Christologie des Alten Testaments“ schrieb, dass „das 20. Jahr des Artaxerxes das Jahr 455 v. Chr. ist“. Auch an dieser Stelle fehlt die genaue Angabe der Literaturstelle – und das aus gutem Grund, denn das angeführte dreibändige Werk des ultrakonservativen Lutheraners Ernst Wilhelm Hengstenberg wurde zwischen 1829 und 1835 publiziert![4] Dieser unredliche Griff in die „Mottenkiste“ belegt wohl besser als alles andere, dass die Aussage „die Historiker sind sich nicht einig, in welchem Jahr der persische König Artaxerxes seine Herrschaft antrat“ die Situation völlig falsch beschreibt. Unter den Historiker und Alttestamentler der Gegenwart besteht absoluter Konsens, dass Artaxerxes I. im Jahr 464 v.u.Z. zur Herrschaft gelangte. Diese Meinung wird auch von konservativen Autoren geteilt[5]. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die beiden angeführten „Begründungen“ für die von der WT-Gesellschaft vertretene Chronologie nichtssagend sind und nur dazu dienen, den unkritischen Leser ganz bewusst zu täuschen. [1] Raymond Franz, Der Gewissenskonflikt, Claudius Verlag München 3/1996,
Seiten 32-33. |