Wie erhalten Jehovas Zeugen die Einheit, mit der sie sich so brüsten? Drucken E-Mail
Geschrieben von: infolink   
Mittwoch, den 29. September 2004 um 20:38 Uhr

Jeder Zeuge Jehovas wird uns sagen, er gehöre einer "geeinten internationalen Bruderschaft" an - aber man frage sie einmal, woher sie das wissen: Die einfache Antwort ist, daß man es ihnen in ihrer gesamten Literatur mantrahaft wiederholt sagt. Dieser Glaube an eine Einheit wird gefestigt durch Propaganda, ist wichtiger als jede tatsächliche Erfahrung und wird bestärkt durch selektive Erinnerung an entsprechende Taten und dadurch, daß die negativen Erfahrungen vergessen oder nicht einmal als solche erkannt werden, indem man in ein Meer von Tausenden von Gesichtern blickt und sie alle für untereinander eins hält. Die meisten von uns kennen (hoffentlich) Geschichten aus ihrem Leben, wo Freunde oder Fremde uns gegenüber gastfreundlich oder zuvorkommend waren; einem Nichtzeugen erscheinen sie als allgemeinmenschliche Anständigkeit, für den Zeugen ist die Erfahrung der vielen anständigen, freundlichen Menschen in seiner Kirche ein Beweis der einzigartigen brüderlichen Liebe. Seine reservierte Haltung gegenüber Weltmenschen (das ist ein üblicher ZJ-Ausdruck) trägt mit dazu bei, daß solche Erfahrungen mit der Welt außerhalb seiner Bruderschaft minimiert werden.

Beispielsweise wird der internationale Kongreß in Berlin im Jahre 1990 als großer Triumph der Einheit gepriesen - nicht erwähnt werden die Entschuldigungen der Kirchenführer aus der WTG-Weltzentrale gegenüber den polnischen Teilnehmern für die kalte Schulter, die ihnen die deutschen "Brüder" zeigten - nur das Bild für die Öffentlichkeit ist wichtig. Man greift wie immer zu Zuckerbrot und Peitsche: ewiges Leben im Paradies und die toten Angehörigen kommen zurück, wenn man bei der Stange bleibt; jederzeit ewiger Tod, wenn Harmagedon zuschlägt und man nicht dazugehört, selbst wenn man Mutter Teresa wäre. Diese elitäre Art der Errettung hat ihren Rückhalt in starken negativen Feldzügen; jede Diskussion unter Zeugen wird sehr schnell auf das Niveau von Hetzreden gegen andere Kirchen herabgehen (lange Zeit war die römisch-katholische Kirche das Hauptziel), angeführt werden der angebliche "Abfall" vom Glauben, massenhafte Pädophilie unter Priestern, Hexenverbrennungen, das Verwickeltsein in Kriege usw. Man greift nicht nur zu diesen Mitteln, um Menschen für "den einen wahren Glauben" zu gewinnen, sondern auch, um sie darin zu halten - "aber wohin sollen wir sonst gehen", wird ein ZJ wahrscheinlich fragen, wenn er etwas Nachteiliges an der WTG entdeckt. Wie bei jeder anderen Produktwerbung, die das Konkurrenzprodukt niedermacht, ist es besser, vorsichtig zu sein, ob man zu solchen Mitteln greifen muß.

Ein weiterer Grund für die offensichtliche Einheit liegt in der an Slogans, an ZJ-eigenem Jargon und an Bildern orientierten Natur der Mehrzahl der Literatur und der Predigten - alles wird mit Illustrationen erklärt, und nur wenige studieren und erforschen die Lehre begrifflich. So kann man behaupten, man sei eins, aber es ist eine Einheit von Wirrköpfen - alle stimmen mit den vagen Vorstellungen und Eindrücken der Zeichner vom Paradies überein, aber die einfachen, wenigergebildeten ZJ glauben nur, daß sie ewig leben werden und daß die Oma auferstehen wird. Die Intelligenteren werden mit ihren Problemen alleingelassen, da das WTG-Konzpet von Studium bedeutet, in einem WTG-Buch nachzuschlagen, was gesagt wird - eine einfache Gedächtnisübung - und auch, weil die WTG-Lehren zu so vielen allgemein akzeptierten wissenschaftlichen, historischen und religiösen Lehren im Widerspruch stehen und seit langem die Tendenz besteht, künstlich biblische Prophetie in unwichtige Ereignisse der WT-Geschichte einzupassen - solche Leute gebrauchen ihre Intelligenz entweder, um sich selbst mit kasuistischen Argumenten zu täuschen oder Dinge, die ihnen unangenehm sind, auszuklammern.

"Er begann mit einem Delstop-Training. Er legte sich Behauptungen vor - "die Partei sagt, die Erde ist flach", "die Partei sagt, Eis ist schwerer als Wasser" - und übte sich darin, die widersprechenden Argumente entweder nicht zu sehen oder nicht zu begreifen. Das war nicht einfach. Es erforderte großes Argumentations- und Improvisationstalent ... Es verlangte auch eine gewisse Geistesakrobatik, die Fähigkeit, in einem Augenblick die raffinierteste Logik anzuwenden und im nächsten Moment die gröbsten logischen Schnitzer zu übersehen. Dummheit war dazu genauso notwendig wie Intelligenz und auch ebenso schwer zu erlangen."
George Orwell, 1984, Teil III, Kapitel IV, Ullstein, 1995, übersetzt von Michael Walter

Wer mit einem ZJ über die Lehre spricht, sollte daher nicht in den Fehler verfallen, anzunehmen, seine persönlichen Glaubensansichten seien mit denen identisch, die in der WT-Literatur vorgebracht werden. Die Unterschiede im Glauben und in der Praxis sind groß - aber alle sind der Meinung, daß sie einer Meinung seien, und darauf kommt es für den Anschein von Einheit an!

Der Soziologe James Beckford sagte nach einem langen Studium der ZJ in England und Schottlandin dem Buch The Trumpet of Prophecy:

Was an den ZJ soziologisch interessant ist, ist die Tatsache, daß sie psychologische Befriedigung daraus ziehen, daß sie ein kohärentes Muster in ihren Glaubensansichten wahrnehmen, wobei es auf möglichen inneren Unstimmigkeiten nicht ankommt, und daß sie, selbst wenn sie diese Unstimmigkeiten wahrnehmen, die persönliche Verantwortung für ihre eigenen Glaubensansichten in der sicheren Überzeugung von sich weisen können, daß irgend jemand irgendwo in der WTG in der Lage sein müsse, das Problem zu lösen. Bei dieser Argumentation wird gewöhnlich unterstellt, daß die Glaubensansichten nicht diese weite Popularität erlangt hätten, wenn die wahrgenommenen Unstimmigkeiten tatsächlich beständen.
Seite 120 [Hervorhebung im Original]

Diese Spaltung zwischen den eigenen Glaubensansichten und denen der Organisation wird durch die inhärente Dualität der Botschaft erleichtert - die Literatur und die Ansprachen, die auf die ZJ selbst abzielen, verdammen oft wie mit Feuer und Schwefel andere Kirchen (speziell die römisch-katholische) und andere Teile der Welt Satans - Big Business und weltliche Regierungen -, doch die Botschaft an den Türen (und fürs UseNet) mildert oft diesen Teil der Botschaft ab (und leugnet ihn oft gar), und eine Fassade der Toleranz (sogar des Gutheißens) anderer Kirchen und Institutionen wird zur Schau gestellt (Internet-ZJ sind ipso facto liberal - sie beachten nicht mütterlichen Rat und machen bei Netkonferenzen mit, sie verteidigen die WTG, indem sie ihre eigene untypische Verhaltensweise bezüglich der Blutfrage, akademischer Ausbildung, des Umgangs usw. als Beispiel heranziehen). Ein Zeuge mag sich der gemeinsamen Attacke gegen diese Gruppen anschließen, doch oft, wenn er sich einzelnen aus diesen Gruppen gegenübersieht, leitet ihn seine eigene, bessere Natur, offizielles Gruppendenken zu vergessen und das letzte Urteil Gott zu überlassen.

Der Schlüssel dazu ist der Unterschied zwischen dem, was jemand selbst glaubt und dem was er glaubt, daß ein anderer glaubt - das letztere, quasi Glauben aus zweiter Hand, ist in einer Großgruppe weitaus wichtiger. Übersies nehmen solche Glaubensansichten oft eine führende Rolle bei der scharfen Abgrenzung zwischen der Sekte und der Außenwelt ein - wie in den unklaren Lehren, die Trotzkisten von Leninisten trennen. Kurz gesagt, viele Leute haben weit voneinander abweichende Ansichten, doch alle stimmen in den Schlagworten miteinander überein und erhalten damit die Gruppenidentität. Dieselbe Methode benutzen beispielsweise die (US-Parteien) Republikaner oder die Demokraten, die auf ihren eigenen Kongressen in weiser Voraussicht Trennendes meiden und sich bei Sprechblasen, Chorälen, Friede, Freude, Eierkuchen, Plattitüden und Stickern aufhalten, mit denen jeder übereinstimmen kann. Heißeswird in öffentlichen wie in privaten ZJ-Zirkeln selten diskutiert, und jeder Anfrage bei der Brooklyner Zentrale wird von einer Handvoll von Ältesten an der Tür begegnet - sie haben zwar keine Antworten, aber eine Menge Fragen über die Loyalität des Briefeschreibers. Mach kein Aufsehen - die Schlüssel-Überlebenstaktik der früheren Sowjetbürger - ist die Parole. Einig zu scheinen ist einfacher, wenn Meinungsvielfalt unmöglich ist.

Eine Folge davon ist das Mißverständnis, das aufkommt, wenn ein Nichtzeuge sich durch das Lehrgebäude hindurchgelesen hat und zu dem Schluß gelangt ist, wer all dies glaube, müsse völlig bescheuert sein (ja ja, daß Gott die Alliierten benutze und ihnen den Sieg verlieh, um die Zeugen aus der Hand der Nazis zu erretten, ist etwas, das ich nicht glaube), und dann trifft er einen Zeugen, der sich selbst nicht für verrückt hält und der die Position nicht verstehen kann, in die ihn der Nichtzeuge setzt - denn ganz offen, die meisten sind nicht verrückt und glauben nicht (oder euphemistisch: "verstehen nicht, das ist schwere geistigeSpeise") 90% des Stoffes in z.B. dem Offenbarungs-Buch; wenn es durchstudiert ist, finden sie sich damit ab, vergessen es schnell und hoffen, man könne es ignorieren. Es gibt ein paar, die möchten gerne jede Nuance der Auslegung (dieser Woche) kennenlernen, und sie können sich in lange und fruchtlose Debatten darüber ergehen, aber die meisten glauben einfach ein paar positive Lehren (man wird auferweckt, es wird ein Paradies geben) und ein paar negative (kein Weihnachten, kein Blut, Katholiken sind böse, kein außerehelicher Sex). Typisch ist ein älterer ZJ (der zum Bezirksaufseher aufgestiegen ist, was grob mit einem Erzbischof verglichen werden kann), der behauptete, er glaube 97% der Lehre, aber bei näherer Befragung zugab, er glaube an einen unaussprechlichen persönlichen Geist - so etwas wie die unsterbliche Seele - und er glaube nicht, daß es in der Auferstehung keine Ehen mehr gebe.

Das Cedar Point-Syndrom: Eine zweifelnde Haltung bezüglich der Erfüllung gewisser Prophezeiungen. Mehrere Parallelprophezeiungen mit Bezug auf Ereignisse im 20. Jahrhundert finden ihre Erfüllung in einer bemerkenswerten Reihe von Kongressen der Wachtturm-Gesellschaft in den 1920er Jahren und ihren Auswirkungen. Für einige Personen, die nicht fest in den fundamentalen Lehren stehen und deren Weg unstet ist, hat es sich als schwierig erwiesen, einige der vom "treuen und verständigen Sklaven" aufgetischten Erklärungen zu schlucken. (Jak. 1:5-8; 2. Petr. 3:16) Ein Stadtaufseher prägte den Neologismus Cedar Point-Syndrom, und dieses Symptom geistigen Nichtverdauens zu beschreiben.

Man möge also nicht den Fehler machen, anzunehmen, weil die Lehre exzentrisch ist, seien es die Anhänger auch - die Mehrzahl sind recht gewöhnliche Personen, die der Außenwelt so "normal" wie möglich erscheinen wollen. Im Grunde genommen ist der Unterschied zwischen ihnen und anderen religiösen oder politischen Gruppen rhetorischer Art - die Einfachen (Mehrheit) wehren die merkwürdige Lehre als zu tief für sie ab, und die Intellektuellen setzen sich wohlwollend der Schwäche der alten Männer aus, die die gesamte Weltgeschichte und die Bibel um sich selbst herum auslegen. Die meisten verschwenden keinen Gedanken an undurchschaubaren Stoff in der Bibel als den, daß er ihre Gruppe von anderen unterscheidet - man darf vermuten, wenn Arius den Athanasius alle Jahre lang geschlagen hätte, so wären die ZJ wohl die standhaftesten Verfechter der Trinitätslehre und würden die anderen, die glaubten, Jesus sei nur der Sohn Gottes, mit Beweistexten aus der Bibel "erschlagen", weil sie nicht die Göttlichkeit Jesu anerkannten. Wenn man versucht, mit ZJ zu argumentieren, dann ist es das Beste, man bleibt strikt bei den Grundlehren, statt über Dinge zu streiten, die der Zeuge entweder eh nicht glaubt oder um die er sich keine besonderen Gedanken macht oder die schon in der nächsten Wachtturm-Ausgabe anders lauten könnten.

 

Ich bin hier:

Startseite Frage/Antwort Andere Fragen Wie erhalten Jehovas Zeugen die Einheit, mit der sie sich so brüsten?