Stephan E. - Vom geistigen Paradies zur geistigen Freiheit

Mein Name ist Stephan E. Wolf. Ich bin in einem kleinen Ort nahe Dresden geboren und im Südwesten Deutschlands aufgewachsen. Als ich 16 Jahre alt war, ließen sich meine Eltern als Zeugen Jehovas taufen.

Eine Entscheidung, die sich nachhaltig auf das gesamte Familienleben auswirken sollte, in dem fortan nur noch der Besuch von Zusammenkünften und das Predigen der "guten Botschaft" im Mittelpunkt stand. Auch meine Schwester und ich schlossen uns dieser Religionsgemeinschaft an, die für sich in Anspruch nimmt, im Besitz der "Wahrheit" zu sein und Gottes sichtbare Organisation auf Erden zu verkörpern. In meinem Fall dauerte das Leben "in der Wahrheit" 25 Jahre, bis ich mich am Neujahrstag 1993 endgültig dazu entschloss, einen dicken Schlussstrich unter diesen Abschnitt meines Lebens zu ziehen. Meine Geschichte gehört bestimmt nicht zu den dramatischen Erlebnissen. Aber sie weist eine Reihe von Merkmalen auf, die typisch für das Leben der Menschen hinter den Mauern des Wachtturms sind. Menschen, denen gegenüber ich keinen Hass empfinde, denn schließlich sind sie genauso Opfer eines rücksichtslosen Systems, wie ich es einmal war.

Erster Besuch im Königreichssaal

Es war an irgend einem Samstag im Jahre 1967. Meine Eltern hatten mich zum ersten Mal zu einer Versammlung der Zeugen Jehovas mitgenommen. Ort der Veranstaltung war ein eher nüchtern ausgestatteter Saal in der Pforzheimer Weiherbergstraße. Dort hatten sich um die hundert Menschen eingefunden, um einem offensichtlich nicht alltäglichen Ereignis beizuwohnen.

"Wir haben heute den Kreisdiener zu Besuch," erklärte uns ein unscheinbar aussehender Mann mittleren Alters und versuchte, die Bedeutung dieses Abends klar zu machen: "Vor allem erwarten wir einige wichtige neue Erkenntnisse über das Jahr 1975." Meine Eltern hatten schon seit geraumer Zeit mit den Zeugen Jehovas Kontakt und wussten daher, was es mit dieser Jahreszahl auf sich hatte. Ich sollte es im Laufe einer etwa einstündigen "Dienstansprache" erfahren.

Es war ein Vortrag, in dem viel von der "Zeit des Endes" die Rede war und eine für mich schwer nachvollziehbare "Chronologie" aufgeschlüsselt wurde, nach der "dieses System der Dinge" nur noch 7 Jahre bestehen und dann in Harmageddon, der großen Schlacht Gottes, vernichtet würde. Außerdem wurde immer wieder betont, dass nur diejenigen erwarten konnten, unter der danach anbrechenden Tausendjahrherrschaft Christi zu leben, die "kein Teil dieser Welt" seien und die noch verbleibende Zeit für vermehrten Predigtdienst nutzen.

"Die biblische Chronologie weist eindeutig auf das Jahr 1975 hin und wer nicht an 1975 glaubt, glaubt nicht an die Bibel," war eine Kernaussage, an die ich mich noch heute wörtlich erinnern kann.

Mein erster Besuch in einem Königreichssaal der Zeugen Jehovas hatte mich also mit Menschen in Verbindung gebracht, die davon überzeugt waren, ganz besondere Erkenntnisse zu besitzen und den Lauf der Geschichte genau voraussehen zu können.

Zwar hielt sich mein Interesse an Religion in Grenzen, aber die Bestimmtheit, mit der die Zeugen Jehovas davon sprachen "in der Wahrheit" zu sein, gingen auch an mir nicht ganz spurlos an mir vorüber. Genauso, wie mich die Selbstverständlichkeit nachdenklich machte, mit der sie alle anderen abschätzig als "Weltmenschen" bezeichneten, die schon in naher Zukunft vernichtet würden.

"Theokratisches" Familienleben

Es dauerte nur wenige Monate, bis meine Eltern "die Wahrheit voll erkannt hatten", wie sie es nannten, sich taufen ließen und nach und nach ihr gesamtes Leben nach den "Empfehlungen" der Wachtturm-Gesellschaft ausrichteten. Die im vierzehntägigen Wechsel erscheinenden Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet wurden zur Pflichtlektüre, die "Wahrheit" zum alles beherrschenden Gesprächsthema. Die Regale füllten sich mit Büchern in knallbunten Umschlägen und vielversprechenden Titeln wie "Die Wahrheit wird euch frei machen" oder "Babylon die Große ist gefallen".

Gleich morgens beim Frühstück wurde der "Tagestext" gelesen, der dann unmittelbar nach dem Abendessen noch einmal in aller Ausführlichkeit im Familienkreis "betrachtet" wurde. Ergänzt durch ein Bibelleseprogramm nach Vorgabe der Wachtturm-Gesellschaft. Dazu gab es einmal die Woche ein "Familienstudium", das meist dazu diente, meine Schwester und mich auf die Gefahren "weltlichen" Denkens hinzuweisen. Dienstags ging es ins "Versammlungsbuchstudium", freitags zur "Predigtdienstschule" und "Dienstversammlung" und am Sonntag Nachmittag zum öffentlichen Vortrag mit "Wachtturm-Studium". Dazwischen war Predigen "von Haus zu Haus" angesagt, denn schließlich wollte man als "theokratisch vorbildliche" Familie die für jeden "Verkündiger" empfohlene Zahl von 12 Stunden auf den monatlichen "Felddienst-Bericht" schreiben.

Ich habe später einmal nachgerechnet und kam auf rund drei Stunden pro Tag, die ein Zeuge Jehovas durchschnittlich für "theokratische Interessen" aufwendet. Eine Zahl, die deutlich macht, wie weit diese Religion in sein Leben eindringt und wie vollständig sie seine Zeit aufsaugt.

Hatten wir als Familie früher gemeinsame Wochenendausflüge unternommen, so galt es jetzt als "geistige Unreife", für solche "fleischlichen Vergnügungen" die sonntägliche Versammlung zu versäumen. Das wichtigste Ereignis im Sommer hieß nicht etwa Urlaub, sondern Wachtturm-Kongress. Während Schulkameraden und später Kollegen von ihren Ferienerlebnissen in Italien, Spanien und anderswo berichteten, konnte ich nur sagen, ich sei vier Tage in Nürnberg gewesen. Oder in Freiburg. Oder in Karlsruhe. Als ich meine erste richtige Urlaubsreise machte, war ich bereits 22 Jahre alt.

Mit Familienfeiern verhielt es sich ähnlich. Geburtstage galten plötzlich als "heidnischer Brauch" und waren folglich für "wahre Christen" tabu. Genauso wie Ostern, Weihnachten und Sylvester. Und weil es die Feste nicht mehr gab, fielen natürlich auch die Geschenke weg, auf die man sich früher immer gefreut hatte.

Neue Freunde, erste Liebe

Wie bereits gesagt, stand Religion nicht gerade im Mittelpunkt meines Interesses. Mein Einstieg bei den Zeugen Jehovas war daher auch weniger eine Frage der religiösen Überzeugung, sondern vielmehr das Ergebnis einer Reihe von Zufällen.

Der erste hieß E. und war der unangefochtene Primus in meiner Klasse an der Realschule. Ich traf ihn auf einem Kreiskongress, wo er sich zu meiner großen Überraschung als Zeuge Jehovas entpuppte. Wir wurden sofort dicke Freunde. Zwar war es E. als einem Zeugen Jehovas verboten, "weltliche" Freunde zu haben, aber da ich ein "Interessierter" war, der sogar schon Kreiskongresse besuchte, hatte seine Mutter nichts dagegen.

Der zweite Zufall hieß I. und war das erste Mädchen, das an meiner damals noch ausgesprochen schüchternen Person Interesse zeigte. Die ersten zaghaften Berührungen fanden während des Filmes "Gott kann nicht lügen" statt, den die Wachtturm-Gesellschaft damals überall in Deutschland vorführte. Sie bewirkten, dass ich begann, regelmäßig die Versammlungen zu besuchen, nur um sie zu sehen.

Ich war damals noch viel zu schüchtern und unbeholfen, um ein Mädchen zu beeindrucken, und so dauerte es auch nur wenige Wochen, bis sich die erste große Liebe in den ersten großen Liebeskummer verwandelt hatte. Doch in der Zwischenzeit hatte ich noch eine ganze Reihe anderer junger Zeugen Jehovas kennen gelernt, in deren Gesellschaft ich mich ausgesprochen wohl fühlte. Mit ihnen verbrachte ich nicht nur nahezu meine gesamte Freizeit. Sie nahmen mich auch in den Predigtdienst mit und bewirkten damit, dass ich es im Herbst 1968 als etwas ganz Selbstverständliches ansah, mich als Zeuge Jehovas taufen zu lassen.

Nürnberg 1969

1969 organisierte die Wachtturm-Gesellschaft eine Reihe internationaler Kongresse. Es wären vermutlich die letzten Kongresse dieser Art vor dem "Ende dieses Systems der Dinge", hieß es. Schließlich wurde für 1975 das Harmageddon erwartet und vorher musste noch die "große Drangsal" kommen, aus der ausschließlich die lebend hervorgehen würden, die "in der Wahrheit" sind. Die Zeugen Jehovas machten sich also darauf gefasst, schon bald überall auf der Welt bitterer Verfolgung ausgesetzt zu werden. Es schien somit nur logisch zu sein, dass es auch mit den großen Kongressen bald vorbei sein würde.

Das "internationale" an diesen Kongressen war, dass die Wachtturm-Gesellschaft zahlreiche Pauschalreisen veranstaltete und besonders die Zeugen Jehovas in den westlichen Ländern einlud, die Kongresse in anderen Ländern zu besuchen. So reisten beispielsweise 1969 viele deutschen Zeugen nach New York, während auf dem deutschen Kongress in Nürnberg Hunderte von Delegierten aus Amerika auftauchten.

Eine dieser Delegierten hatte ich mir ausgeguckt. Es war am Ende eines speziellen Programms für die ausländischen Besucher, das in englischer Sprache abgehalten wurde. Sie war dunkelhäutig und daher problemlos als Ausländer auszumachen. Ich überwand meine Scheu, nahm mein ganzes Schulenglisch zusammen und sprach sie an. Mein Mut und meine Sprachkenntnisse reichten zwar nur für eine bruchstückhafte Unterhaltung von wenigen Minuten, aber als wir auseinander gingen hatte ich ihre Adresse und sie die meine.

Es war übrigens auf diesem Kongress, bei dem 130.000 Zeugen Jehovas zusammen gekommen waren, dass sich bei mir die ersten unguten Gefühle gegenüber der "Wahrheit" einstellten. So störte ich mich zum Beispiel an dem ausgeprägt autoritären Tonfall, in dem die meisten Vorträge gehalten wurden. Und ich erinnere mich heute noch eine Demonstration auf der Bühne, bei der ein Vater seinen Sohn fragte: "Warum trägst du einen Bart?" um ihn wenig später aufgebracht anzuschreien: "Das ist der Geist der Rebellion dieser Welt..."

Ich fragte mich schon damals, was wohl rebellisch daran sein sollte, wenn ein Mann einen Bart trägt. Und ich wunderte mich zunehmend, weshalb bei den Zeugen Jehovas die "geistige Reife" eines Christen an einer möglichst konservativen Kleidung gemessen wurde. Es gab damals endlose und sinnlose Diskussionen darüber, ob ein "wahrer Christ" (also ein Zeuge Jehovas) eine Krawatte mit Blümchenmuster tragen sollte, ob seine Hosen dem neuesten modischen Schnitt entsprechen durften und ob ein blaues Hemd nicht schon das erste Anzeichen einer "weltlichen Einstellung" war.

Es war damals die Zeit der Beatles, der Rolling Stones, die Zeit von Oswald Kolle, Jasmin und der Hippies. Die jungen Männer trugen lange Haare und knallenge Hosen mit weiten Aufschlägen. Die Mädchen provozierten die Erwachsenenwelt mit den ersten Miniröcken. Und im amerikanischen Woodstock ging ein gigantisches Open-Air-Festival über die Bühne, das einer ganzen Generation ihren Namen geben sollte.

Für die Zeugen Jehovas war es die "Zeit des Endes", was man schließlich an diesen "Zeichen der Zeit" eindeutig erkennen konnte...

Unnötige Ausbildung

"Das Jahr 1970 wird in die Geschichte der Zeugen Jehovas eingehen als das Jahr der Pioniere!" So tönte Kreisdiener Kurzhals auf einem Kreiskongress vor einer Gruppe junger Zeugen Jehovas. Man hatte sie extra zusammen gerufen, um ihnen nochmals "die Dringlichkeit der Zeit" deutlich zu machen und ihnen den Gedanken nahe zu legen, umgehend Ausbildung oder Beruf an den Nagel zu hängen und die wenigen Jahre bis 1975 als "Vollzeitdiener für Jehova" zu verbringen.

Damals gab es bei jedem Kreiskongress einen "Pioniertisch", der von einem begeisterten Vorzeige-Vollzeitprediger geleitet wurde und dazu diente, den jungen Zeugen Jehovas einzureden, dass der Pionierdienst, das heißt ein Leben als Vollzeitprediger, der einzige "Beruf" ist, der für einen "wahren Christen" in Frage kommt. Eine Werbekampagne, die sich in Verbindung mit dem für 1975 erwarteten Ende als außergewöhnlich erfolgreich erwies. In den Pforzheimer Versammlungen brach geradezu eine Euphorie aus, die dazu führte, dass zahlreiche junge Leute ihre Ausbildung abbrachen oder sich direkt nach der Schule zum "Pionierdienst" meldeten und sich ihren Lebensunterhalt mit irgend einem Hilfsarbeiter-Job verdienten.

Eine Entwicklung, die auch an mir nicht spurlos vorüber ging. Schließlich will man als junger Mensch nicht gerne außen vor stehen und identifiziert sich in einem hohen Maße mit den Idealen der Gruppe, zu der man sich zählt. Und so wollte auch ich direkt nach der Mittleren Reife Pionier werden. Schließlich wurde mir dieses Lebensziel auf jedem Kongress eingeredet und auch meine Freunde sahen darin die einzig richtige Entscheidung.

Erstaunlicherweise verhielten sich jedoch meine Eltern in dieser Beziehung absolut unnachgiebig und widersprachen sogar den "Empfehlungen" der Wachtturm-Gesellschaft. Sie verlangten, dass ich erst eine ordentliche Ausbildung machte, um anschließend über die Frage Pionierdienst nachzudenken. Ein Verhalten, für das ich Ihnen noch heute zu Dank verpflichtet bin.

Doch für welchen Beruf entscheidet man sich als Zeuge Jehovas? Wenn schon nicht Vollzeitprediger, dann wollte ich wenigstens etwas lernen, was meinen Interessen entsprach. Dabei schwebte mir eine Ausbildung in Richtung Journalismus vor. Schließlich war ich während meiner Zeit an der Konrad-Adenauer Realschule in Pforzheim Gründer und Herausgeber der dortigen Schülerzeitung gewesen und hatte daher eine gewisse Affinität zu diesem Fach. Alternativ konnte ich mir auch einen Berufsweg in der Werbung vorstellen. Vielleicht als Texter oder Grafiker.

Doch die "reifen Brüder" in der Versammlung rieten mir dringend davon ab, eine Laufbahn "bei der Zeitung" einzuschlagen. Schließlich sei die Presse doch das Sprachrohr Satans und eng mit den Machenschaften dieser Welt verbunden. Und mit Werbung sollte sich ein zur Ehrlichkeit verpflichteter Zeuge Jehovas erst recht nicht befassen. Denn schließlich wisse ja jeder, dass in der Werbung nur gelogen wurde.

Gewappnet mit derartigen "fachmännischen" Ratschlägen ergriff ich schließlich das Nächstbeste - eine Ausbildung zum Industriekaufmann in der Firma, in der mein Vater als Ingenieur tätig war. Das war übrigens ein Beruf, den ich nie ausgeübt habe. Genauso, wie aus mir nie ein Vollzeitprediger wurde.

"Andere Mentalität" unerwünscht

Mein wichtigstes Mitbringsel vom internationalen Kongress der Zeugen Jehovas in Nürnberg 1969 war ein Zettel mit der Adresse einer gewissen V. aus Brooklyn, New York. Dorthin schrieb ich kurz nach meiner Rückkehr einen ersten Brief - in einem vermutlich fürchterlichen Englisch. Er führte zu einem lebhaften Schriftwechsel und schließlich zur Vereinbarung, sich im kommenden Sommer erneut zu treffen.

Einer meiner Freunde aus der Versammlung hatte ebenfalls mit einer Zeugin aus New York Kontakt aufgenommen und so lag der Gedanke nahe, dass uns beide im kommenden Sommer besuchen sollten. Wir trafen uns darauf häufig und schmiedeten Pläne für die nahe und ferne Zukunft. Schließlich waren wir Zeugen Jehovas und als solche traf man sich nur mit einem Mädchen, wenn man auch ernste Heiratsabsichten hatte.

Aus heutiger Sicht war ich damals geradezu unendlich naiv. Glaubte ich doch vorbehaltlos den Reden und Artikeln der Wachtturm-Gesellschaft, in denen von einem "neuen System" die Rede war, einer Welt, in der alle Menschen gleich sein würden. Und in denen behauptet wurde, als Vorstufe zu diesem unmittelbar bevorstehenden irdischen Paradies existiere unter den Zeugen Jehovas bereits ein "geistiges Paradies", in dem all diese Grundsätze jetzt schon verwirklicht seien. Dies wurde immer wieder durch Berichte über Nordamerika und Südafrika untermauert, in denen auf die großartige Einheit zwischen Menschen aller Rassen und Hautfarben in den Versammlungen und auf Kongressen hingewiesen wurde.

Doch die Realität sah und sieht ganz anders aus. Das weiß ich heute und das wurde mir zum ersten Mal vor Augen geführt, als ich mich voller Begeisterung an meine Eltern wandte, um ihnen vom bevorstehenden Besuch meiner Brieffreundin zu erzählen.

Bisher hatten sie mehr oder weniger wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass ihr Sohn einen anhaltenden Schriftwechsel mit einer jungen Zeugin auf der anderen Seite des Atlantiks führte. Doch jetzt, als ihnen klar wurde, dass aus dieser harmlosen Brieffreundschaft eine reale Beziehung zu werden drohte, schlug ihr Wohlwollen in strikte Ablehnung um. Dieses Mädchen hätte schließlich eine "völlig andere Mentalität" und ich sollte daher besser die Finger von ihr lassen. Das war zumindest die offizielle Begründung, doch ich durchschaute schnell, dass meine Eltern in Wahrheit Probleme damit hatten, eine Frau mit dunkler Hautfarbe zur Schwiegertochter zu bekommen.

Weil sie es nicht schafften, ihrem starrsinnigen Sohn "diese Unvernunft" auszureden, wandten sie sich an den Kreisdiener, der gerade in der Nachbarversammlung zu Besuch war. Der kam auch prompt und setzte seine gesamte Rhetorik ein, um mich kraft seines Amtes von meinem Interesse an V. abzubringen. Als ob ihm das etwas anginge.

Seine religiöse Argumentation lief darauf hinaus, dass ein "reifer Christ" in dieser Zeit des Endes all seine Kraft für die Verkündigung der guten Botschaft einsetzen solle. Heiraten könne ich später immer noch. Schließlich sei das Ende dieses Systems der Dinge nur noch fünf Jahre entfernt. Seine dümmste Begründung war jedoch der Hinweis, dass schwarze Frauen "bekanntlich viel schneller altern" und er mir schon aus diesem Grund dringend raten würde, mir eine hübsche Schwester aus der näheren Umgebung zu suchen.

Leider ist dieser ignorante Mensch mittlerweile verstorben. Sonst könnte er sich vom Gegenteil seiner skurrilen Behauptung überzeugen.

Erste Zeichen von Widerstand

Junge Menschen neigen oft zu Idealismus und bei mir war er wohl besonders ausgeprägt. Zumindest bewirkte er, dass ich mich über das strikte Verbot meiner Eltern hinwegsetzte, weiterhin mit "diesem Weibstück" Kontakt zu pflegen. Und er führte dazu, dass ich sämtliche Ratschläge ausschlug, mit denen mir angeblich "reife Christen" weismachen wollten, dass es zwar im allgemeinen bei den Zeugen Jehovas keine Rassenvorurteile gibt, in meinem besonderen Fall aber gute Gründe dafür sprachen, sich die Sache nochmals zu überlegen.

Und so kam es zu dem geplanten Besuch von V., mit der ich mich allerdings nur in aller Heimlichkeit treffen konnte und die ich bei dieser Gelegenheit als liebenswerte Person kennen lernte. Es folgte ein intensiver Austausch von Briefen und Tonkassetten, wobei ich eigens ein Postfach einrichten musste, um diese verbotene Kommunikation vor meinen Eltern geheim zu halten.

Einige Monate später traf ich mich noch ein weiteres Mal mit ihr. Ein Besuch, von dem nur wenige enge Vertraute wussten, der aber schon nach wenigen Tagen aufflog, weil sich offensichtlich einer von ihnen dazu "verpflichtet" sah, die Sache meinen Eltern zu melden. Die Folge war ein radikaler Bruch mit meinem Elternhaus, der viele Jahre andauern sollte.

In jeder Zeit veränderte sich auch zunehmend meine Einstellung zu der Gemeinschaft, die ich bisher uneingeschränkt als "die Wahrheit" angesehen hatte. Ich störte mich immer mehr an dem ausgeprägt autoritären Habitus, den die offiziellen Vertreter der Wachtturm-Gesellschaft an den Tag legten. Deren Auftreten schien einfach nicht zu dem Klima brüderlicher Liebe zu passen, die eigentlich kennzeichnend für die "wahre Religion" sein sollte. Doch hatte nicht Jesus gesagt, seine Jünger erkenne man daran, dass sie Liebe untereinander hätten?

Genau diese Liebe war jedoch alles andere als typisch für die Zeugen Jehovas. Zwar gab man sich nach außen betont freundlich und zuvorkommend. Doch in Wirklichkeit war jeder nur mit sich selbst beschäftigt und hatte damit zu kämpfen, das von ihm verlangte Pensum an Predigtdienst-Stunden zu schaffen und sich auf die zahlreichen Versammlungen vorzubereiten. Ein junger Zeuge, der an Tuberkulose erkrankt war und monatelang in der Klinik lag, bekam in dieser Zeit gerade ein einziges Mal Besuch von seinen "geistigen Hirten". Und die waren nur gekommen, um ihn zu sagen, dass man ihn als "untätigen Verkündiger" einstufen müsse, wenn er länger als drei Monate keinen Felddienstbericht abgebe.

Eben dieser Felddienstbericht war es, der bei den Zeugen Jehovas zu einem wahren Fetisch erhoben wird. In den 60er und 70er Jahren hing in jeder Versammlung direkt neben der Bühne eine große Tafel, in die jeden Monat die berichteten Predigtdienststunden und die dabei abgesetzten Bücher und Zeitschriften eingetragen wurden. Auch beim halbjährlichen Kontrollbesuch des Kreisdieners ging es in erster Linie darum, auf das unmittelbar bevorstehende Ende dieses Systems hinzuweisen und die Brüder zu vermehrtem Predigen anzuhalten. Eine Praxis, an der sich bis heute nichts geändert hat.

Hochzeit mit Hindernissen

Ich hatte mich trotz aller "guten Ratschläge" für V. entschieden und dabei den Bruch mit meinem Elternhaus hingenommen. Gleich nach Abschluss meiner Ausbildung nahm ich mir ein möbliertes Zimmer und war fortan mit einem noch recht bescheidenen Einkommen ganz auf mich allein gestellt. Damals war man erst mit 21 Jahren volljährig und so musste ich noch einige Monate ausharren, bevor an eine Heirat zu denken war. Und heiraten wollte ich unbedingt und so schnell wie möglich, denn ich merkte schnell, dass ein Leben als Single für mich auf Dauer unerträglich sein würde. Außerdem sehnte ich mich nach einem Menschen an meiner Seite, der mir die Wärme und Zugehörigkeit geben würde, die ich in meinem von den Regeln der Wachtturm-Gesellschaft beherrschten Elternhaus so sehr vermisst hatte.

Am 9. Juli 1972, nur wenige Tage nach meinem 21. Geburtstag, war es schließlich so weit. Es gab eine Hochzeit, die anders war als andere. Anders als die meiner Freunde. Und völlig anders als geplant.

Natürlich wollten wir nicht nur standesamtlich heiraten, sondern planten eine Hochzeit mit allem Drum und Dran. Und dazu gehört bei den Zeugen Jehovas eine Hochzeitsansprache im Königreichssaal. Ein "Vorrecht", das man uns jedoch strikt verweigerte. Mit der offiziellen Begründung, es könne ein negativer Eindruck von "Jehovas Organisation" entstehen, wenn im Königreichssaal eine Hochzeit stattfände, bei der die Eltern des Brautpaares nicht anwesend seien. Und dass meine Eltern diese Hochzeit boykottieren würden, stand von Anfang an fest.

Und so entschieden wir uns, zu einer völlig unkonventionellen Hochzeit abseits der üblichen Rituale und Verpflichtungen. Unser erstes gemeinsames Auto, ein zitronengelber Citroen 2CV, wurde zur blumengeschmückten Hochzeitskutsche. Zwei Freunde spielten die Trauzeugen und die Hochzeitsfeier war eine rauschende Fete im Grünen, zu der sämtliche jungen Leute der Pforzheimer Versammlungen eingeladen worden waren.

Die führenden Zeugen Jehovas der Versammlung Pforzheim Süd aber waren zu Menschen geworden, mit denen mich nichts mehr verband.

Arroganz auf Wachtturm-Art

Der nächste Schock kam in Form eines Schreibens vom Zweigbüro der Wachtturm-Gesellschaft in Wiesbaden (heute Selters/Taunus). Da meine Frau natürlich anfangs kein deutsch sprach, hatte ich um die Adresse der nächstgelegenen englisch sprechenden Versammlung gebeten. Statt der gewünschten Auskunft erhielt ich jedoch einen Brief, dessen arroganter Tonfall mich damals zutiefst schockierte. Ich solle mich gefälligst an die "theokratische Ordnung" halten, hieß es da in herablassenden Worten, und weiterhin in der für meinen Wohnort zuständigen Versammlung "dienen". Die englischen Versammlungen benötigen meine Unterstützung nicht, denn dort wären vor allem Brüder eingesetzt, die sich auf den Missionsdienst im Ausland vorbereiten würden.

Mir war natürlich damals noch nicht bewusst, dass diese Arroganz ein ganz wesentliches Merkmal ist, das die Wachtturm-Gesellschaft auszeichnet. Der gemeine Zeuge Jehovas wird als völlig unbedeutendes Rädchen angesehen, das keine Wünsche und Meinungen zu äußern hat, sondern sich ohne Murren nach den Weisungen von oben drehen soll. Deshalb ist es auch nicht erwünscht, dass sich einzelne Zeugen mit irgendwelchen Fragen oder Problemen an das jeweilige Zweigbüro oder gar an die Weltzentrale in Brooklyn, New York, wenden. Vielmehr wird der gemeine Zeuge angehalten, die berüchtigte "theokratische Ordnung" einzuhalten und sich den weisen Rat der örtlichen Ältesten einzuholen.

Eigentlich schäme ich mich heute dafür, dass mir während all der 25 Jahre bei den Zeugen Jehovas nie aufgefallen ist, dass diese angeblich "theokratische" Organisation in Wirklichkeit nichts anderes ist, als eine ganz gewöhnliche Diktatur, die nur Anordnungen kennt, die von oben nach unten durchgereicht werden und auf eine Kommunikation in umgekehrter Reihenfolge absolut keinen Wert legt. Das ist auch der Grund, weshalb alle Versammlungen bei den Zeugen Jehovas nach einem von oben verordneten und genau vorgegebenen Programmschema verlaufen, während für Anregungen, Kritik, Diskussionen und Meinungsäußerungen schlicht und einfach kein Raum vorgesehen ist.

Selbst die zahlreichen Vorträge in den Versammlungen und auf Kongressen beruhen auf einem genauen Manuskript aus der Wachtturm-Zentrale, das vom jeweiligen Redner nur vorgetragen wird. Man fragt sich, weshalb sich Millionen von Zeugen Jehovas derart entmündigen lassen und trotzdem das Gefühl haben, in der "Freiheit der Söhne Gottes" (so das Motto eines Kongresses aus den achtziger Jahren) zu leben.

Irgendwann Ende der 70er Jahre erhielt auch ich das "Vorrecht", einen öffentlichen Vortrag zu halten. Ich hielt mich jedoch nicht für einen besonders guten Redner und nahm mir daher die Freiheit, nicht einfach das vorgegebene Manuskript nachzubeten, sondern den Vortrag in Form einer audiovisuellen Präsentation mit zwei Dia-Projektoren zu halten. Das Ergebnis: Die einfachen Zeugen waren begeistert, einmal wieder etwas anderes als einen der zahlreichen langweiligen Vorträge zu erleben. Die Wachtturm-Oberen jedoch hielten diese Darstellungsform für unpassend und rügten mich dafür, dass ich mich nicht eng an die Vorgaben des "treuen und verständigen Sklaven" gehalten hatte. Der Vortrag wurde trotz seines erheblichen Vorbereitungsaufwandes nur zweimal gehalten.

Ich habe übrigens damals auf das arrogante Schreiben der Wachtturm-Gesellschaft reagiert und meine Verwunderung über diese Umgangsform unter Christen zum Ausdruck gebracht. Ich erhielt daraufhin eine Antwort, in der mir mit knappen Worten Adresse und Versammlungszeiten der Versammlung Stuttgart Englisch mitgeteilt wurden. Ein Wort der Entschuldigung hielt man nicht für nötig.

Wachsende Konflikte

Die folgenden Jahre verliefen recht unspektakulär. Das mit großen Erwartungen verknüpfte Jahr 1975 verging wie jedes andere Jahr, ohne dass es zur großen "Schlacht von Harmageddon" gekommen war. Im Frühjahr zog Wachtturm-Cheftheologe Fred Franz noch von Kongress zu Kongress und versprach, dass es spätestens im Herbst des Jahres zum großen Clash kommen würde. Wenige Monate später besaß er die Frechheit, zu behaupten, viele Zeugen Jehovas hätten falsche Erwartungen gehegt und dabei die Worte Jesu vergessen, nach denen "Zeit und Stunde" niemand wisse, außer Jehova selbst.

Das alles bekam ich jedoch erst viel später mit. Damals ärgerte ich mich nur darüber, dass man sich nie dafür entschuldigt hatte, Millionen von Menschen in eine falsche Erwartungshaltung versetzt zu haben. Und dass man besonders junge Leute ganz gezielt zu falschen Entscheidungen hinsichtlich Berufsausbildung und Lebensplanung verführt hatte, die nachteilig auf ihre gesamte Zukunft auswirken würden.

Dass ich mich nicht damals schon von den Zeugen Jehovas zurückzog, lag zum großen Teil an meiner Frau, die zu allem, was die "Wahrheit" anging eine völlig andere Einstellung entwickelte als ich. Während mich der begrenzte Horizont und die naive Denke der meisten Zeugen zunehmend nervte, schien sie sich in der überschaubaren Welt zwischen Versammlung und Predigtdienst so richtig wohl zu fühlen. Und während mich jede Stunde "von Haus zu Haus" immer mehr Überwindung kostete, hatte sie größte Freude daran, mit den in Karlsruhe stationierten Amerikanern in ihrer Muttersprache ins Gespräch zu kommen.

Für mich wurde Religion immer mehr zu einer unbefriedigenden Sache, die auf grundsätzliche Fragen meidst nur unbefriedigende Antworten bot. Für meine Frau war sie selbstverständlicher Bestandteil ihres Weltbildes. Ich war der Meinung, unsere beiden Kinder hatten mit 5 Stunden Versammlungsbesuch pro Woche schon mehr als genug Religionsunterricht. Sie beklagte sich darüber, dass ich kein regelmäßiges "Familien-Bibelstudium" mit ihnen durchführen würde. Ich hatte aufgrund meiner zunehmend kritischen Haltung immer mehr Probleme mit den Ältesten der Versammlung. Sie war davon überzeugt, ich würde mich nicht genug für die Wahrheit einsetzen und hätte daher nicht Jehovas Segen. Ich hielt das Studium eines Artikels im Wachtturm für unnötig, wenn der selbe Artikel während des Wachtturm-Studiums sowieso Zeile für Zeile vorgelesen wurde, um dann in Form von vorgedruckten Antworten auf vorgedruckte Fragen "studiert" zu werden. Sie meinte, ich würde die Wahrheit nicht ernst genug nehmen.

Die Folge waren unzählige kleinere Reibereien, die allesamt nichts mit unserer Beziehung zu tun hatten, sondern mit dem alles umfassenden Einfluss, den die Wachtturm-Gesellschaft über unser Familienleben zu gewinnen versuchte. Einen Einfluss, gegen den ich äußerst allergisch war. Erinnerte er mich doch nur allzu zu sehr an mein Elternhaus, dessen Tagesablauf seit der Taufe meiner Eltern immer mehr von den Regeln des Wachtturms bestimmt worden war, bis schließlich jedes Familienleben erloschen und jede natürliche Zuneigung zwischen Familienmitgliedern abgestorben war.

Schwester Emanze

Obwohl meine Frau der "Wahrheit" wesentlich näher stand als ich, galt sie in der Versammlung durchaus nicht als vorbildliche Glaubensschwester. Im Gegenteil, sie war allgemein dafür bekannt, dass sie kein Blatt vor den Mund nahm und die Dinge gern beim Namen nannte. Eine Eigenschaft, die natürlich von den Möchtegern-Patriarchen, die in den meisten Zeugen-Jehovas-Versammlungen den Ton angeben, nicht geschätzt wurde und ihr daher schon bald das Etikett "Schwester Emanze" einbrachte.

Als Mann einer Frau, die sich das Recht herausnahm, eine eigene Meinung zu besitzen und diese auch noch zu äußern, genoss ich natürlich nicht den besten Ruf in der Versammlung. Eine Situation, die mich aber nicht besonders berührte, denn ich wusste ja, mit welch einfältigen Gemütern ich es zu tun hatte. Ein besonders typisches Exemplar unter ihnen nahm mich sogar eines Tages zur Seite, um mir klar zu machen, wie ich mit so einem aufmüpfigen Weib umzugehen hätte. Ich solle ihr gelegentlich ordentlich den Arsch versohlen, meinte er, und war fest davon überzeugt, mir einen "biblischen Rat" erteilt zu haben.

Womit meine "christlichen Brüder" Probleme hatten, war die Tatsache, dass die Beziehung zwischen Wolf und Wölfin offensichtlich nicht in die üblichen Denkschubladen passte. Unsere ersten gemeinsamen Schritte hatten über einen recht steinigen Weg geführt, wobei es vor allem die angeblich "reifen Brüder" unter den Zeugen Jehovas waren, die uns diese Steine in den Weg gelegt hatten. Die Folge davon war ein ganz spezielles Bewusstsein der Gemeinsamkeit zwischen V. und mir, in dem das bei den Zeugen Jehovas noch immer übliche Rollenverständnis vom Mann als Haupt und der Frau als seiner untergeordneten Dienerin schlicht und einfach keinen Platz hatte.

Welchen Stellenwert die Frau bei den Zeugen Jehovas hat, ist schon allein daran zu erkennen, dass jede Versammlung mit den Worten "Liebre Brüder..." begonnen wird. Man beruft sich dabei auf das Neue Testament und übernimmt völlig unreflektiert die frauenfeindlichen Gesellschaftsnormen aus dem ersten Jahrhundert. Nur wenn es um besonders niedere Arbeiten geht, wie das Reinigen des Königreichssaals oder der Toiletten, werden plötzlich gezielt die "lieben Schwestern" angesprochen.

Als der Kongresssaal in Kaiserslautern seinen Dienst aufnahm, erhielt ich ein Schreiben, in dem man mir kurz und bündig mitteilte, ich wäre als Verantwortlicher für den Tischdienst ernannt worden. Ich ärgerte mich zwar, dass mich niemand gefragt hatte, ob ich dazu überhaupt bereit sei, meldete mich aber brav beim nächsten Kongress beim Leiter der Cafeteria. Dieser klärte mich dann auf, dass ich als Mann selbstverständlich nicht selbst an den Tischen bedienen müsse: "Dafür sind die Schwestern da. Du hast lediglich die Aufsicht über sie und musst dafür sorgen, dass alles klappt."

Genauso verhielt es sich auch mit der Reinigung der Toiletten. Die unangenehme Arbeit machten ausschließlich Frauen, während der Leiter der Abteilung selbstverständlich ein Mann war.

Vorrechte und theokratische Karriere

Ich führte meine Aufsichtsfunktion übrigens nur ein einziges Mal durch. Der nächste Kongress fiel genau in unseren Urlaub (den ich deswegen nicht verschieben wollte) und ich nutzte die Gelegenheit, um mich von diesem "Vorrecht" für alle Zukunft zu verabschieden. Eine Einstellung, die eigentlich untypisch für einen Zeugen Jehovas ist, der es normalerweise geradezu für undenkbar hält, ein "Vorrecht" auszuschlagen, das ihm vom "treuen und verständigen Sklaven" angetragen wird.

Doch zu dem, was bei den Zeugen Jehovas gerne als "Vorrecht" bezeichnet wird, hatte ich eigentlich immer schon ein zwiespältiges Verhältnis. Vor allem, weil dieser Begriff dazu benutzt wurde und wird, um eigentlich lästige Aufgaben attraktiver erscheinen zu lassen, oder um völlig banale Tätigkeiten mit dem Nimbus des Besonderen zu versehen.

So hatte zum Beispiel der einfache Zeuge Jehovas das "Vorrecht", seine Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit sich dort Woche für Woche ein Dutzend seiner "Brüder" zum Versammlungs-Buchstudium treffen können (eine auf die Dauer eher lästige Verpflichtung, auf die in Wirklichkeit keiner scharf war). Auch wurden Dinge, wie das Vorlesen des Wachtturm-Artikels oder das Halten des Mikrofons beim Wachtturm-Studium als "Vorrecht" gehandelt (und von Einigen sogar als erstrebenswerte Aufgabe angesehen).

Das seltsamste Vorrecht war jedoch das des "Dienstamtsgehilfen". Es war mit der Aufgabe verbunden, die Literatur zu verkaufen (was heute gegen eine gewünschte Spende geschieht) und diese einmal im Monat abzurechnen. Oder er war dazu da, die Kartei mit den "Gebieten" zu verwalten, die den einzelnen Zeugen zum Predigen zugeteilt wurden. Alles recht zeitraubende Aufgaben, die jedoch zu großer Bedeutung hochstilisiert wurden, denn "Dienstamtsgehilfe" zu sein galt als Vorstufe zum wirklich angestrebten "Vorrecht" eines Ältesten.

Meine theokratische Karriere blieb allerdings schon auf dieser Ebene stecken. Hatte ich mich doch erdreistet, das Abrechnungssystem mit der Wachtturm-Gesellschaft zu kritisieren und obendrein noch Vorschläge für eine effektivere Handhabung dieser Aufgabe zu machen. Ein Ansinnen, das mir den Vorwurf einbrachte, ich würde "dem treuen und verständigen Sklaven vorauseilen", somit "die theokratische Ordnung missachten" und "keine Wertschätzung für mein Dienstvorrecht" haben. Und das, ohne dass sich irgend jemand auch nur eine Sekunde lang mit meinen Vorschlägen beschäftigt hatte.

Schon damals wurde mir allmählich klar, dass diese Organisation nicht an engagierten, intelligenten, kreativen Menschen interessiert war, sondern lediglich an gehorsamen Mitläufern ohne Rückgrat und eigene Fähigkeiten, die blindlings genau das taten, was ihnen vom "Kanal Gottes" vorgeschrieben wurde. Eine Tatsache, die den meist recht niedrigen Bildungsstand der angeblichen geistigen Führer unter den Zeugen Jehovas erklärt. Denn dabei handelt es sich zumeist um Menschen, die es zwar im Leben zu nichts gebracht hatten, sich dafür aber in der Versammlung umso wichtiger nahmen und sich auf den Titel "Ältester" fürchterlich viel einbildeten, ohne auch nur annähernd die Fähigkeiten zu besitzen, die ihnen der Wachtturm immer wieder zuschrieb.

Die Ältesten wurden zwar immer wieder zur sogenannten "Königreichsdienstschule" geschickt. Doch was ihnen dort beigebracht wurde, musste sich auf einen geradezu lächerlich niedrigem Niveau bewegen. Ein Ältester verriet mir einmal, man hätte zwei ganze Tage lang nichts anderes getan, als die Benutzung des Literaturindex der Wachtturm-Gesellschaft zu üben. Dazu wurde ihnen erklärt, die Ältesten sollten nicht ständig wegen jeder Kleinigkeit nach Selters schreiben (von wo sie doch nichts anderes erfuhren als eh schon im Wachtturm stand), sondern anhand der richtigen Stichwörter selbst die passenden Wachtturm-Artikel zu finden. Eine Aufgabe, mit der aber offensichtlich die meisten bereits überfordert waren.

Vollbart mit Folgen

Am Anfang des Prozesses, der letztendlich zu meinem Ausstieg bei den Zeugen Jehovas führte, stand ein Urlaub auf Dominica, der meiner Überzeugung nach schönsten Antilleninsel, die für meine Frau Heimat und für mich Inbegriff des Paradieses war. Dort griff ich eines Morgens zum Rasierapparat, schaltete ihn ein und schickte ihn mit einem kleinen, dunklen Qualmwölkchen ins Nirvana. Wir hatten zuvor Verwandte in New York besucht und ich hatte schlicht und einfach vergessen, die Spannung von 110 wieder auf 220 Volt umzustellen. Ein Missgeschick, das weitreichende Folgen haben sollte.

Ich entschloss mich nämlich, der Natur ihren Lauf und mein Gesichtshaar sprießen zu lassen. Mit einem Ergebnis, das allgemeinen Zuspruch fand. Auch V. meinte, mit Bart sähe ich entschieden besser aus - und machte sich damit zur Komplizin einer Entscheidung, die man einem Zeugen Jehovas nicht so einfach durchgehen lässt.

Damals war ich in der Versammlung sehr aktiv, hatte, wie bereits gesagt, den Status eines "Dienstamtgehilfen" und hielt regelmäßig Ansprachen in der "Theokratischen Schule". Ein "Vorrecht", das mir half, durch erhöhte Aktivität die ansonsten eher langweiligen Versammlungen einigermaßen zu ertragen. Bis zu dem Augenblick, als ich das erste Mal mit neuer Frisur samt gepflegtem Vollbart die Bühne betrat.

Dazu muss man wissen, dass es bei den Zeugen Jehovas zu den ungeschriebenen Gesetzen gehört, dass ein Mann keinen Bart zu tragen hat. Ein dezenter Oberlippenbart wird gerade noch toleriert, aber ein Vollbart disqualifiziert einen männlichen Zeugen automatisch von jeglicher "theokratischen" Karriere. In meinem Fall bestand die Reaktion darin, dass mein Name ohne jegliche Vorwarnung von der Liste der Redner gestrichen wurde.

Da ich nicht bereit war, diese Vorgehensweise ohne weiteres zu akzeptieren, kam es zu einer ausgedehnten Auseinandersetzung zwischen den Ältesten der Versammlung Karlsruhe Englisch und mir. Zu den besonders "intelligenten" Argumenten zählten dabei Aussagen wie: "Wir können es nicht verantworten, dass du mit Bart auf der Bühne stehst, um aus dem Wachtturm vorzulesen." Oder: "Wir predigen vor allem Amerikanern und die könnten dich leicht mit einem Terroristen verwechseln." Oder: "Ein Bartträger lenkt zu viel Aufmerksamkeit auf sein Äußeres und gibt sich damit nicht als wahrer Christ zu erkennen." Oder auch: "Mit Bart denken die Leute sofort, du bist ein Hippie und kein Zeuge Jehovas."

Argumente, die so haltlos und lächerlich sind, dass man sich fragt, was für einen geistigen Horizont Menschen haben, die in aller Ernsthaftigkeit einen solchen Blödsinn absondern. Und doch macht auch heute noch jeder Zeuge Jehovas, der sich die Freiheit nimmt, einen Bart zu tragen, genau die selben Erfahrungen.

Der Höhepunkt meiner Bart-Affäre war eine Sitzung zwischen mir und sämtlichen Ältesten der Versammlung, in der volle vier Stunden lang über das Thema Bart debattiert wurde. Ich halte es für sinnlos, hier Einzelheiten dieses Gesprächs wiederzugeben. Enthüllend ist jedoch, dass am Ende nur ein einziges Argument übrig blieb: Ein Zeuge Jehovas sollte keinen Bart tragen, weil sich die Wachtturm-Gesellschaft dagegen ausspricht. Er würde damit einen Beweis der Loyalität gegenüber dem "treuen und verständigen Sklaven" erbringen.

Entsprechend den Anweisungen der Wachtturm-Gesellschaft wurde über das Gespräch ein Protokoll angefertigt, das vermutlich heute noch in irgendeinem Aktenordner in Selters schlummert. Darin war allerdings von meinem Bart keine Rede. Statt dessen steht darin zu lesen (wie mir später der Kreisdiener anvertraute) man hätte sich "über die geistige Einstellung von Bruder Wolf" unterhalten.

Zu den Anweisungen der Wachtturm-Gesellschaft gehört auch, dass man den einzelnen Zeugen nie darüber informiert, welche Aufzeichnungen über ihn gemacht und an die Wachtturm-Zentrale weiter geleitet werden. Und so erfuhr auch ich nichts über die Existenz von Gesprächsprotokollen und den Inhalt von Schreiben über mich an die Wachtturm-Gesellschaft. Ein Aspekt, den sich jeder Zeuge Jehovas bewusst sein sollte, der sich mit den Ältesten seiner Versammlung auf ein "Gespräch" hinter verschlossenen Türen einlässt.

Bedeutungslosigkeit des Einzelnen

Bei der erwähnten Sitzung ging es im Grunde genommen gar nicht um die Frage Bart oder nicht Bart. Wie mir später unter vier Augen anvertraut wurde, war das Ganze nämlich nur dazu inszeniert worden, um mich in ein Gespräch zu verwickeln, bei dem ich möglichst viel über meine Ansichten und Einstellungen preisgeben würde. Und bei dem ich die eine oder andere Äußerung machen würde, die man später gegen mich verwenden konnte. Einem Wunsch, dem ich damals in meiner Naivität nur allzu bereitwillig entsprach.

Dazu muss man wissen, dass ein totalitäres System wie die Zeugen Jehovas nur bestehen kann, wenn es sich absolut intolerant gegenüber allen Anzeichen von Kritik, Widerstand oder Aufbegehren verhält. Wer in einem solchen System etwas werden will, muss sich vor allem durch eine Bereitschaft zu blindem Gehorsam auszeichnen. Er muss die sich ständig ändernden "Erkenntnisse" von einem Dutzend alter Männer in Brooklyn, die sich mit dem Titel "treuer und verständiger Sklave" schmücken, als unumstößliche "Wahrheit" akzeptieren. Und er muss bereit sein, alles als den direkten Willen Gottes zu betrachten, was mit zahlreichen Bibelstellen garniert auf Wachtturm-Briefpapier daher kommt.

In diesem System ist das Schicksal des Einzelnen absolut unbedeutend. Entscheidend ist allein seine Bereitschaft, die angeblich "theokratische" Ordnung aus Brooklyn zu akzeptieren und sich willig als unbedeutendes kleines Rädchen im Getriebe einer Organisation zu drehen. Einer Organisation, die zwar absolute Loyalität fordert, dabei aber selbst auf geradezu auffallende Weise anonym und unnahbar bleibt.

Täglich gehen in den zahlreichen Zweigbüros der Wachtturm-Gesellschaft Tausende von Briefen aus den Reihen der eigenen Mitglieder ein. Darunter zahlreiche Schreiben, in denen verunsicherte Gläubige geistigen Rat suchen. Vor allem aber Schreiben, in denen es um Machtmissbrauch, Willkür und Ungerechtigkeiten innerhalb der Versammlungen geht. Die meisten davon werden nie beantwortet. Und wenn, dann zumeist mit leeren Phrasen aus standardisierten Textbausteinen, unter denen man vergebens die Unterschrift eines Verfassers sucht.

Bemerkenswert ist, dass die Wachtturm-Gesellschaft mit ihren Mitgliedern ausschließlich in anonymer Form kommuniziert. Der gemeine Zeuge Jehovas erfährt dadurch nie, mit wem er es zu tun hat und wird daher im Falle einer Auseinandersetzung auch nie einen Schuldigen beim Namen nennen können. Ein äußerst bedenkliches Vorgehen, das aber offensichtlich keinen Zeugen Jehovas zu stören scheint.

Schlechtes Familienoberhaupt

Auch ich habe zahlreiche Briefe an das deutsche Zweigbüro der Wachtturm-Gesellschaft in Selters geschrieben. Stets bestand man dort darauf, dass ich auch den Ältesten - und damit den Verursachern des Problems - eine Kopie zukommen ließ. Nicht ein einziges Mal wurde ich jedoch über den Schriftwechsel informiert, der hinter meinem Rücken zwischen den Ältesten und dem Zweigbüro stattfand.

Ein Auslöser für meine Beschwerden war ein Zettel, der mit eines Abends von einem der Ältesten übergeben wurde. Darauf stand in dürren Stichworten, ich sei von meinem Vorrecht als Dienstamtsgehilfe enthoben worden. Die nicht näher erläuterte Begründung lautete:

  • sehr kritische Einstellung
  • mangelnde Zusammenarbeit mit den Ältesten
  • kein Vorbild für die Versammlung
  • unzureichendes Verhalten als Familienoberhaupt

In einem von mir geforderten Gespräch zur Konkretisierung dieser Vorwürfe wurde ich vor allem mit Aussagen konfrontiert, die ich während der vierständigen Debatte zum Thema Bart gemacht hatte. Man machte mir klar, dass es in "Jehovas Organisation" keinen Platz für Menschen gäbe, die nicht in absoluter Loyalität hinter den Weisungen des "treuen und verständigen Sklaven" stünden.

Am interessantesten war jedoch der letztgenannte Punkt. Er bezog sich auf die Tatsache, dass meine Frau jedes Jahr mit den Kindern nach Amerika fahren würde, um dort mehrere Wochen im Kreis der Verwandtschaft zu verbringen. Ich könne während dieser Zeit nicht meine Pflichten als "Haupt meiner Frau" wahrnehmen, wurde mir zum Vorwurf gemacht. Schließlich wisse ich ja nicht, was meine Frau "dort drüben alles treibt", ob sie regelmäßig in die Versammlung gehe und mit wem sie Umgang hätte. Außerdem hätte ich auch keinen Einfluss auf die Erziehung der Kinder. Dazu käme, dass ich mich durch die wochenlange Trennung sowohl mich selbst als auch meine Frau "der Gefahr der Hurerei" aussetzen würde.

Heute ärgere ich mich darüber, dass ich damals über diesen Schwachsinn sogar noch diskutiert habe, anstatt seine Urheber einfach auszulachen.

Eine verschwiegene Organisation

Rückblickend kann ich eindeutig sagen, dass sich hinter der liebevoll freundlichen Fassade der Wachtturm-Gesellschaft in Wirklichkeit eine durch und durch diktatorisch geführte Organisation verbirgt, die sich durch eindeutig mafiose Strukturen auszeichnet und wie ein Geheimdienst organisiert ist.

Das vorrangigste Merkmal dieser Organisation heißt Verschwiegenheit. Der Einzelne weiß immer nur so viel, wie er wissen muss, um ausreichend motiviert zu sein und im Sinne der Wachtturm-Gesellschaft zu funktionieren. Es hat mich immer wieder gewundert, welchen absoluten Gehorsam die Wachtturm-Gesellschaft von jedem einzelnen Zeugen Jehovas fordert und wie wenig der Einzelne eigentlich von ihr weiß.

Zwar kann beispielsweise die Europa-Zentrale der Wachtturm-Gesellschaft in Selters/Taunus von jedem Zeugen Jehovas besichtigt werden, doch was er dabei zu sehen bekommt, ist lediglich eine ganz gewöhnliche Druckerei und die Illusion einer glücklichen Bruderschaft, die einträchtig in Frieden miteinander lebt und arbeitet. Er wird nichts über die Arbeitsbedingungen erfahren, die an übelsten Frühkapitalismus erinnern. Man wird ihm nicht sagen, dass die hier arbeitenden männlichen und weiblichen "Brüder" ohne Arbeitsvertrag, Rentenversicherung, Krankenversicherung, Kündigungsschutz und den übrigen Rechten arbeiten, die für jeden Industriearbeiter in der bösen Welt Satans zur Selbstverständlichkeit gehören. Vor allem aber wird man ihn nicht darüber informieren, wie der weltweite Wachtturm-Konzern eigentlich organisiert ist und aus welcher Vielzahl von Firmen, Vereinen und Holding-Gesellschaften er besteht.

Zwar gibt es seit einigen Jahren eine eigene Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit, mit der die Wachturm-Gesellschaft nach Kräften versucht, die Zeugen Jehovas als völlig harmlose Religionsgemeinschaft zu präsentieren, in der alle glücklich sind und jeder nur das tut, was seinem persönlichen Gewissen entspricht. Doch nach innen herrscht eine Geheimniskrämerei, die eigentlich misstrauisch machen müsste.

Niemand weiß, wohin Spenden und Vermögensüberschreibungen verschwinden, die Jahr für Jahr mehrstellige Millionenbeträge ausmachen. Niemand hat je einen Rechnungsbericht, eine Bilanz, eine Vermögensübersicht gesehen. Kaum ein Zeuge Jehovas ist darüber informiert, auf welchen Wegen der gewaltige Immobilienbesitz finanziert wird und wem die zigtausend Königreichssäle eigentlich gehören. Und nur wenige haben sich je die Frage gestellt, wer eigentlich die Autoren der ständigen Flut an Wachtturm-Schriften sind und wie in "Jehovas Organisation" Entscheidungen getroffen werden.

Doch man muss gar nicht bis in die Höhen der Wachtturm-Hierarchie vordringen, um auf unzählige offene Fragen zu stoßen. Schon auf Versammlungsebene laufen Dinge ab, die eigentlich nachdenklich stimmen sollten.

Hinter verschlossenen Türen

Ich legte bei der Wachtturm-Gesellschaft Einspruch gegen meine Amtsenthebung ein. Nicht weil mir an der Hilfstätigkeit eines Dienstamtsgehilfen besonders viel lag, sondern weil ich mich über die selbstherrliche Art und Weise ärgerte, in der sich hier eine Handvoll ungebildeter Kleingeister als Richter aufgespielt und über mich geurteilt hatten. Und weil ich die Begründungen für konstruiert und unzureichend hielt.

Doch ich sollte erfahren, dass es absolut nichts bringt, sich gegen die "theokratische Ordnung" aufzulehnen. Auch wenn es gute Gründe gibt, eine völlig unqualifizierte Entscheidung anzuzweifeln.

Das Schreiben der Wachtturm-Gesellschaft kam prompt. Man teilte mir mit knappen Worten mit, dass sich ein zweites Komitee mit meinem Fall befassen würde. Doch was sich dann abspielte, spottete jedem gesunden Rechtsempfinden und sollte sich als eine Erfahrung erweisen, die mein noch bestehendes Vertrauen zu "Jehovas Organisation" endgültig beseitigen würde.

Es kam zu einer Komiteesitzung, die von vier Ältesten aus einer Nachbarversammlung geleitet wurde. Dabei erhielten zunächst einmal diejenigen, die mich als Dienstamtsgehilfen los werden wollten, ausgiebig Gelegenheit, ihre Begründung für diese Entscheidung vorzutragen. Das heißt, volle drei Stunden lang taten sieben Männer nichts anderes, als sämtliche gängigen Wachtturm-Klischees vorzutragen, die irgendwie geeignet waren, mich in den Augen meiner "Richter" zu diskreditieren. Danach hatte ich einige Minuten Zeit, um zu diesen Vorwürfen Stellung zu nehmen.

Im Mittelpunkt des darauf folgenden Dialogs stand ganz offensichtlich die Frage, ob ich wohl "die Wahrheit verlassen" würde, wenn ich kein Dienstamtsgehilfe mehr wäre. Ich verneinte dies, ohne mir bewusst zu sein, dass ich damit den "Richterspruch" selbst getroffen hatte. Die Entscheidung, mich meines Amtes zu entheben, wurde kurzerhand bestätigt, man wünschte mir "Jehovas Segen" und die Verhandlung war beendet.

Später ließ mich einer der beteiligten Ältesten unter vorgehaltener Hand wissen, dass es bei solchen Berufungsverhandlungen eigentlich immer darum ging, das Urteil der Ältesten zu bestätigen, "damit sie ihre Autorität in der Versammlung nicht verlieren". Es geht eben nicht um Recht und Gerechtigkeit, oder gar um irgendwelche christliche Grundsätze, sondern einzig und allein um die Aufrechterhaltung der Autorität des Wachtturm-Systems. Eine Tatsache, der sich jeder Zeuge Jehovas bewusst sein sollte.

Ausstieg auf Raten

Kein Dienstamtsgehilfe mehr zu sein war an sich nicht weiter tragisch. Weit schwerwiegender war die Konsequenz, dass jetzt auch mit der aktiven Beteiligung an den Versammlungen Schluss war. Hatte ich bisher noch ein, wenn auch weitgehend von der Wachtturm-Gesellschaft bestimmtes, Wort mitreden können, so saß ich jetzt nur noch fünf Stunden pro Woche da und musste die geistigen Ergüsse anderer über mich ergehen lassen. Eine Passivität, die bei mir zunehmend Langeweile auslöste, denn was in den Versammlungen der Zeugen Jehovas dargeboten wird, ist schließlich nicht mehr als eine unendliche Kette von Wiederholungen. Es geht immer um die selben Themen, die selben Argumente, die selbe Selbstbeweihräucherung und die selbe Aufforderung, in dieser "Zeit des Endes" noch mehr zu predigen, um "in Jehovas Augen für würdig befunden zu werden".

Zwar besuchte ich, schon um den Familienfrieden zu erhalten, weiterhin regelmäßig die Versammlungen. Doch die immer gleichen langweiligen Vorträge kamen mir immer unerträglicher vor. Zumal sie meist von Rednern vorgetragen wurden, deren Intellekt sich am unteren Rande der Skala bewegte, während ihre rhetorischen Fähigkeiten auf die tumbe Wiederholung von Wachtturm-Argumenten beschränkt waren. Eine Situation, die dazu führte, dass sich bei mir während der zweistündigen sonntagmorgendlichen Versammlung regelmäßig Kopfschmerzen einstellten, während ich während der Versammlung am Freitagabend ständig gegen den Schlaf kämpfte.

Doch die eingeschränkte geistige Aktivität hatte auch etwas Positives. Sie gab mir mehr Zeit zum Nachdenken. Zeit, um Dinge in Frage zu stellen. Zeit, um eigene Gedanken zu entwickeln und eigene Entscheidungen zu treffen.

Zum Beispiel die Entscheidung, meinen Predigtdienst künftig nicht mehr zu berichten. Schließlich steht in der Bibel nichts geschrieben, was diese "theokratische Vorkehrung" rechtfertigen würde. Außerdem war mir zunehmend bewusst geworden, dass der Zweck dieses Berichtswesens in erster Linie darin bestand, die Ältesten ständig über die Tätigkeit der einzelnen Zeugen Jehovas zu informieren, damit sie diejenigen zu mehr Dienst "ermuntern" konnten, die Zeichen nachlassenden Eifers zeigten.

Die Folge davon war, dass ein "Interessierter", mit dem ich damals die Bibel studierte, nicht zur Taufe zugelassen wurde. Schließlich passte es nicht ins Bild, dass ein Zeuge Jehovas Erfolg im Predigtdienst hatte, obwohl er ganz offensichtlich die "theokratischen" Regeln missachtete. Ein Kreisdiener bemerkte dazu: "Auf der ganzen Welt ist es so, dass nur der als Zeuge Jehovas gilt, der auch einen Bericht abgibt."

Mein nächster Schritt bestand darin, nicht mehr routinemäßig jede Versammlung zu besuchen, sondern meine Zeit bewusster einzusetzen. So tauchte ich zum Beispiel sonntags nur noch dann auf, wenn Vortrag und Vortragsredner einen interessanten Vormittag versprachen.

Als nächstes war das Versammlungsbuchstudium dran. Als der Wachtturm-Gesellschaft zunehmend die Themen ausgingen und daher ein und dasselbe Wachtturm-Buch zum zweiten Mal "studiert" werden sollte, entschloss ich mich, auch diesem Treffen fern zu bleiben. Gleichzeitig stellte ich auch meinen Predigtdienst ein, denn es wurde mir zunehmend bewusst, dass ich eigentlich guten Gewissens niemand einer Religion zuführen konnte, von der ich mich selbst schon so weit entfremdet hatte.

Veränderte Prioritäten

Ich sah mich damals zwar noch als Zeuge Jehovas, aber in meinen Gedanken gab es bereits eine deutliche Trennung zwischen religiöser Überzeugung hier und Wachtturm-Gesellschaft da. Zwar akzeptierte ich noch weitgehend die religiösen Lehren, auf die ich über zwei Jahrzehnte lang vertraut hatte. Doch es schien mir immer unwahrscheinlicher, dass ausgerechnet die Wachtturm-Gesellschaft "Jehovas Organisation" sein sollte. Einmal, weil die von ihr verkündete "Wahrheit" immer dann durch "neues Licht" ersetzt wurde, wenn sie sich wieder einmal als unzutreffend erwiesen hatte. Und zum anderen, weil das Verhalten ihrer Vertreter und die gesamte totalitäre Struktur irgendwie nicht zu dem Bild von der "wahren Christenversammlung" passen wollte, deren Mitglieder "Liebe untereinander" haben sollten.

Die Folge war, dass mein Interesse an Religion immer mehr in den Hintergrund trat, während ich mich zunehmend mit meinem Leben und meiner beruflichen Weiterentwicklung beschäftigte. Im Bewusstsein, dass dieses "System der Dinge" ja sowieso bald zu Ende gehen würde, hatte ich nämlich bisher reichlich wenig für meine persönliche Zukunft getan. Zwar hatte ich einen Beruf, der für mich mehr Berufung als Job war, doch meine Karriere steckte seit Jahren in der Sackgasse. Und der Lebensstil, den ich mir vorstellte, passte absolut nicht zu dem, was mir mein Einkommen erlaubte.

So entschloss ich mich, die Ausbildung nachzuholen, die ich vor Jahren versäumt hatte. Teils, weil ich sofort nach der Lehre geheiratet hatte und teils weil da irgendwo im Hinterkopf immer der Gedanke an das unmittelbar bevorstehende Ende dieses "Systems der Dinge" war.

Drei Jahre lang war mein Leben von einem anstrengenden Abendstudium geprägt. Ich kam zu neuen Erkenntnissen, lernte interessante Menschen kennen und fühlte mich in der geistigen Enge der "wahren Christenversammlung" immer mehr als Fremdkörper. Mit der Folge, dass sich meine Versammlungsbesuche auf einmal pro Woche beschränkten und auch das nur, um die immer deutlicher werdende geistige Entfremdung entgegen zu wirken, die sich zwischen V. und mir aufbaute.

In jeder Zeit gewöhnte ich es mir auch an, zur Versammlung und zu Kongressen immer ein gutes Buch mitzunehmen, mit dem ich meinen Kopf beschäftigen konnte, während ich die immer gleichen Sprüche von der Bühne her nur noch im Unterbewusstsein wahr nahm. Auf diese Weise nutzte ich die zwei Stunden mit dem Titel "Theokratische Schule" und "Predigtdienst-Versammlung" dazu, um mich auf Klausuren vorzubereiten oder das Handbuch zu irgend einer neuen Software zu studieren.

Wenn die Psyche Alarm schreit

Ich habe es schon erwähnt, immer wenn ich einen Sonntagvormittag in der Versammlung zugebracht hatte, stellten sich bei mir heftige Kopfschmerzen ein, die meist den ganzen Tag andauerten. Eine Situation, die ich zunächst auf die außerordentlich schlechte Luft im Königreichssaal zurückführte. Dazu muss man wissen, dass sich die Versammlung Karlsruhe Englisch in einem fensterlosen Raum traf, dessen Lüftungsanlage jedoch nicht eingeschaltet wurde, um die Nachbarn nicht zu belästigen. Ich war schlicht und einfach überzeugt, der daraus resultierende mangelnde Sauerstoff sei der Grund für meine Kopfschmerzen. Doch ich sollte eine andere Erfahrung machen.

Während meines Abendstudiums ergab sich nämlich des öfteren die Notwendigkeit, den Sonntagvormittag zum Studium zu benutzen, statt die Zeit bei irgend einem langweiligen Vortrag zu verbringen. Doch trotz Studiums und der damit verbundenen geistigen Anstrengung blieben die Kopfschmerzen regelmäßig aus. Sobald jedoch der Sonntag mit Vortrag und Wachtturm-Studium begann, waren sie wieder da. Eine Situation, die mir klar machte, dass es sich bei meinen Kopfschmerzen eindeutig um ein Stresssymptom handelt. Das hatte nichts mit schlechter Luft zu tun, sondern war die Reaktion meines Körpers auf die psychische Belastung, die jeder Versammlungsbesuch für mich darstellte.

In diesem Zusammenhang wurde mir auch bewusst, dass ich nicht der einzige Zeuge Jehovas war, der mit psychosomatischen Reaktionen zu kämpfen hatte. Im Gegenteil, unmittelbar in der selben Versammlung gab es gleich mehrere Beispiele für Menschen, die in ständiger ärztlicher Behandlung waren, ohne dass die Ursache ihrer Probleme erkannt und behandelt werden konnten.

Ganz typisch war Neurodermitis, eine Krankheit, die sich immer wieder als physische Reaktion des Körpers auf unerkannte psychische Probleme erweist. Allein in der Versammlung Karlsruhe Englisch gab es zwei junge Mädchen mit diesem Problem. In beiden Fällen bemühten sich die Ärzte vergebens. Und beide Mädchen wuchsen in einem Elternhaus auf, in dem die Regeln der Wachtturm-Gesellschaft besonders streng angewandt wurden.

In einem Fall war das Problem offensichtlich die dominante Persönlichkeit der Mutter. Als diese an Krebs starb, war schlagartig auch Schluss mit dem Neurodermitis-Problem der Tochter. Das Mädchen war offensichtlich von dem psychischen Druck befreit, der auf ihr gelastet hatte, und blühte sichtlich auf. Beim zweiten Fall handelte es sich um die Tochter des Ältesten, der mir damals allen Ernstes geraten hatte, meine Frau übers Knie zu legen. Er war allgemein als der Patriarch bekannt, der zu Hause den Tyrannen spielte und von Frau und Tochter gleichermaßen gefürchtet wurde. Leider konnte sich das Mädchen bisher nicht von seinem Elternhaus lösen und muss daher noch immer mit schweren körperlichen Gebrechen leben.

Zweifel und Erkenntnisse

Meine betont distanzierte Haltung gegenüber der Wachtturm-Gesellschaft beruhte zwar auf einer Reihe negativer Erfahrungen, trotzdem zögerte ich noch, mich voll und ganz von diesem diktatorischen System abzuwenden. Zu tief saßen die Denkmuster, die ich mir im Laufe von zwei Jahrzehnten angeeignet hatte. Zu eng waren Familienleben und religiöse Dogmen miteinander verwoben, um einfach einen Schlussstrich ziehen zu können. Was mir fehlte, waren vor allem konkrete Informationen über diese Organisation, die sich als Gottes Stellvertreter auf Erden ausgab, aber beim näheren Hinsehen immer wieder Misstrauen bei mir auslöste.

So schrieb ich zum Beispiel einmal nach Brooklyn, um mich über diese ständige Hetze gegen jede Form höherer Bildung zu äußern, die auf jedem Kongress zu hören war. Eine Antwort erhielt ich nicht. Dafür wurde ich eines Tages von einem Ältesten angesprochen, der sich mit mir über meine "kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft" unterhalten wollte. Ein anderes Mal fragte ich in Selters nach einer Bilanz, aus der hervorging, wie es mit Einnahmen und Ausgaben der Wachtturm-Gesellschaft aussieht. Auch diese Auskunft blieb man mir schuldig. Statt dessen versuchte wenig später ein Ältester, mich nach meiner "Einstellung gegenüber dem treuen und verständigen Sklaven" auszufragen.

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass die Mitglieder einer Religionsgemeinschaft, die immerhin in einem erheblichen Umfang zu den finanziellen Mitteln ihrer Organisation beitragen, darüber Bescheid wissen, was mit ihren Spendengeldern passiert. Das geistige Klima bei den Zeugen Jehovas sorgt jedoch dafür dass sich kaum jemand traut, eine derart nahe liegende Frage zu stellen.

Dazu kommt, dass die meisten Zeugen ein nahezu grenzenloses Vertrauen in ihre Organisation haben. Schließlich ist man "in der Wahrheit", während all die anderen noch "in der Welt" sind. Und Teil dieser Wahrheit ist auch "die Gesellschaft", wie die Zeugen Jehovas die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft nennen. Schließlich ist sie in ihren Augen nichts Geringeres als "Jehovas Organisation" und ihre geistigen Führer gelten als der "treue und verständige Sklave", der Gottes Dienern die "geistige Speise zur rechten Zeit" gibt.

Die Zeugen Jehovas sind daher felsenfest davon überzeugt, dass Ihre "Gesellschaft" etwas ganz Besonderes ist und ihre Religion mit allem was dazu gehört, einmalig auf der Welt ist. Auch ich dachte damals so. Bis ich eines Tages eines Besseren belehrt wurde.

Der Auslöser war ein Buch, das ich irgendwann in einem Buchladen mitgenommen hatte. Es handelte von einer jungen Frau, die über ihre Zeit als Mormonin schrieb und dabei interessante Einblicke in eine Religion gewährte, die etwa zur selben Zeit wie die Zeugen Jehovas gegründet wurde aber heute mehr als doppelt so viele Mitglieder hat. Was mich daran erstaunte, waren die Parallelen zwischen den Mormonen und der Organisation, die ich bisher als absolut einmalig angesehen hatte. Ich erkannte, dass beide Organisationen exakt die selbe Struktur aufwiesen. Man musste nur ein paar Begriffe austauschen und hatte eine zutreffende Beschreibung der Zeugen Jehovas.

Später kam ich mit einem Kollegen ins Gespräch, der Mitglied der Neuapostolischen Kirche war und erkannte schnell, dass auch diese Religion auf den selben Strukturen beruhte, wie die Zeugen Jehovas. Ich las Bücher über Sekten und zu meinem großen Erstaunen ergab sich immer wieder das selbe Bild. Immer handelte es sich um eine Gruppe, die von sich behauptete, von Gott ganz besonders auserwählt zu sein. Immer stand der unmittelbar bevorstehende Gerichtstag Gottes im Mittelpunkt. Immer waren es nur die Mitglieder der Gruppe, die dieses Ende der Welt überleben würden. Immer ging es um die Anwerbung von Mitgliedern. Immer gab es unzählige Regeln, deren Beachtung Voraussetzung für die bevorstehende Errettung war. Und immer wurden die Mitglieder möglichst rund um die Uhr beschäftigt, damit sie ja keine Zeit für andere "weltliche" Dinge hatten. Und immer ging es um viel Geld, dessen Verwendung im Dunkeln lag.

Mit anderen Worten, die Zeugen Jehovas waren nichts Einmaliges, sondern schlicht und einfach eine der zahlreichen üblen Sekten dieser Welt.

Ein Karton voll Bücher

Mein Durst nach Wissen und noch mehr Informationen war geweckt. Beim Online-Dienst Compuserve (damals gab es das Internet in seiner heutigen Form noch nicht) stieß ich auf ein Diskussionsforum mit der Bezeichnung "Religion". Ich setzte eine Nachricht ab, in der ich mich als jemand ausgab, der an den Zeugen Jehovas interessiert war und Bücher über diese Organisation suchte. Es meldeten sich zahlreiche Zeugen, die mir ein Heimbibelstudium andienen wollten. Doch es meldeten sich auch Aussteiger, die mich vor dieser Organisation warnten. Und ich erhielt unter anderem die Adresse von Free Minds in den USA, wo ich eine ganze Reihe von Büchern über die Zeugen Jehovas bestellen könne.

Ein Fax genügte und ich erhielt umgehend eine ganze Liste mit Büchern und Broschüren (thank you, Randy Watters). Ich kreuzte so ziemlich alles an, was mir interessant erschien, abonnierte umgehend das Free Minds Journal und wenige Tage später stand UPS mit einem riesigen Karton voller Bücher vor der Tür.

Die folgenden Wochen verbrachte ich mit Lesen. Ray Franz, James Penton, Steven Hassan, Robert Finnerty, David Reed - die ganze Standardliteratur fand innerhalb kürzester Zeit den Weg in meine Gehirnwindungen. Ich las nahezu pausenlos und bis spät in die Nacht, hatte fast immer ein Buch in der Tasche und nahm sogar zu den wenigen Versammlungsbesuchen, zu denen mich mich V. noch überreden konnte, Literatur von "Abtrünnigen" mit. Dass dies ein "Vergehen" war, für das man ausgeschlossen werden konnte, war mir zu diesem Zeitpunkt schon längst egal. Denn eigentlich hatte ich mit den Zeugen Jehovas abgeschlossen.

Man schrieb das Jahr 1992. Ich hatte die Wahrheit hinter der "Wahrheit" entdeckt.

Es folgten heftige Diskussionen mit anderen Aussteigern, sowie naiven bis fanatischen Zeugen Jehovas im Religions-Forum von Compuserve.

Im Sommer 1992 besuchte ich zum letzten Mal einen Kongress der Zeugen Jehovas in London. Doch ich brachte es nicht mehr fertig, mir stundenlang die penetranten Aufforderungen zu mehr Dienst anzuhören, die ständige Polemik gegen höhere Bildung, die schwärmerischen Anpreisungen es Pionierdienstes, die dogmatischen Bibelvorträge und die permanenten Aufforderungen, sich bis an die Grenze der Belastbarkeit in den Predigtdienst zu stürzen. Zwei Tage verbrachte ich mit dem Bummel durch die Buchläden Londons und tauchte nur auf dem Kongress auf, um Frau und Kinder abzuholen. Nur wenige Stunden saß ich auf dem unbequemen Plastiksitz des Rugby Union Stadium und versuchte, mir die Zeit mit Lesen abzukürzen.

Auf dem Heimweg fragte ich V., was wir wohl verpasst hätten, wenn wir diesen Kongress nicht besucht hätten. Uns fiel beiden nichts ein, was wir nicht schon tausend Mal gehört hatten und ich beschloss insgeheim, dass dies mein allerletzter Kongress war.

An Sylvester des selben Jahres ließ ich V. wissen, dass ich ab dem kommenden Jahr keinen Fuß mehr in eine Versammlung setzen würde.

Das Kapitel Zeugen Jehovas war abgeschlossen.

InfoLink

Bis dahin hatten meine einzigen Kontakte mit anderen Aussteigern in der virtuellen Welt des Diskussionsforums bei Compuserve stattgefunden. Erst aufgrund eines Artikels von mir, der im amerikanischen Free Minds Journal erschien, meldeten sich einige ex-Zeugen in Deutschland, die offensichtlich ebenfalls dieses Magazin für Zeugen-Jehovas-Aussteiger abonniert hatten. Es kam zu stundenlangen Telefongesprächen und zu weiteren Kontakten mit der deutschen Aussteiger-Szene.

Am Ende hatte ich eine stattliche Adressenliste, auf der die unterschiedlichsten Charaktere vertreten waren. Sie umfasste die gesamte Palette vom erklärten Atheisten bis zum religiösen Fanatiker. Ich lernte ex-Zeugen kennen die die "Wahrheit" verlassen hatten, um mit noch größerer Verbissenheit ihre eigene, selbst gestrickte "Wahrheit" zu vertreten. Ich erfuhr von Gruppen, die nach wie vor an alten Wachtturm-Ritualen festhielten und sich Jahr für Jahr zum Kongress trafen. Ich machte die Erfahrung, dass es unter den Zeugen-Jehovas-Aussteigern unzählige Menschen gab, die psychisch schwer angeschlagen waren. Und ich erkannte, dass es in Deutschland vermutlich noch Tausende anderer Aussteiger geben musste, die es sehr schätzen würden, mit anderen Aussteigern ins Gespräch zu kommen.

Ich war Spezialist für Marketing-Kommunikation, hatte mich in der Zwischenzeit selbständig gemacht und arbeitete recht erfolgreich als Werbetexter, Fachübersetzer und Autor. Ich entschloss mich, mein Fachwissen dazu einzusetzen, um die Lücke auszufüllen, die es in Deutschland offensichtlich gab. Ich wollte ein Dach bilden, um die zahlreichen Zeugen-Jehovas-Aussteiger zusammen zu führen. Ich wollte dafür sorgen, dass auch in Deutschland so etwas wie eine Aussteiger-Szene entstand. Ich wollte eine Anlaufstelle für die über 3.000 Menschen schaffen, die allein in Deutschland jedes Jahr bei den Zeugen Jehovas aussteigen. Ich wollte die bestehenden Splittergruppen und aktiven Einzelkämpfer miteinander vernetzen.

Die Lösung hieß InfoLink - eine zunächst recht primitiv gemachte Informationsschrift, die ganz einfach auf dem Kopiergerät entstand und zunächst an rund 200 Adressen verschickt wurde.

Die Resonanz war ermutigend. Innerhalb eines Jahres stieg die Auflage auf rund 1.000 Exemplare. Und damit auf ein Niveau, das mich vor ernsthafte Schwierigkeiten stellte. Denn ein Informationsdienst mit dieser Auflage verursachte mit jeder Ausgabe Kosten von über 1.000 Mark. Kosten, die letztendlich an mir hängen blieben und die ich auf die Dauer nicht tragen wollte.

Die Lösung kam in Form des Internet. Damals wussten nur Wenige, was eine eMail ist, was unter dem World Wide Web zu verstehen war und was es mit dem Usenet auf sich hatte. Aber ich war mir sicher, dass wir uns am Anfang der Entwicklung befanden, die schon innerhalb weniger Jahre die Kommunikation der Menschen grundlegend verändern würde. Und mir war klar, dass das Internet eine ideale Plattform bot, um mit minimalem Kostenaufwand eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Also entschloss ich mich, mein Wissen zu nutzen und in Deutschland der Erste zu sein, der dieses Medium zur Aufklärung über die Wachtturm-Gesellschaft nutzte.

InfoLink wurde zur Internet-Dokumentation des Netzwerks ehemaliger Zeugen Jehovas in Deutschland, einem informellen Verbund zahlreicher Sektenaufklärer, der mittlerweile schon recht konkrete Formen angenommen hat. Heute ist InfoLink die umfassendste Dokumentation im Internet über den Themenbereich Wachtturm-Gesellschaft und Zeugen Jehovas in deutscher Sprache. Und ich bin längst nicht mehr der Einzige, der dieses Projekt am Leben erhält.

Für Sekten wie die Zeugen Jehovas stellt das Internet eine ernst zu nehmende Gefahr dar. Konnten sie bisher ihren Gläubigen eine weltweite christliche Einheit vorgaukeln und gleichzeitig in jedem Land das tun, was für ihre eigentlichen Ziele opportun war, so geht das heute nicht mehr so einfach. Denn in einer Welt der internationalen Vernetzung lässt es sich eben nicht mehr verheimlichen, wenn die Wachtturm-Gesellschaft eine Vereinbarung mit der bulgarischen Regierung trifft und dabei still und heimlich ihr offizielles Bluttransfusions-Verbot aushebelt. Auch kommt es schnell ans Tageslicht, wenn sich Wachtturm-Offizielle auf Konferenzen mit Vertretern von "Babylon der Großen" (der nach ihrer Lehre falschen Religion) zum Erfahrungsaustausch treffen. Genauso, wie der gemeine Zeuge Jehovas in Lappland problemlos seinen Horizont erweitern kann und in Diskussionsforen erfährt, was der Kreisdiener in Texas von sich gegeben hat.

Kontakte mit Ehemaligen

Als ich das erste Mal davon erfuhr, dass es da eine Gruppe ehemaliger Zeugen Jehovas gibt, die sich einmal im Jahr irgendwo im Schwarzwald trifft, war ich gleich Feuer und Flamme. Ich meldete mich spontan zum nächsten Treffen an und tauchte einige Wochen später in einem Hotel auf, in dem ich auf mehrere Männer und Frauen stieß, die sich dort alljährlich zum Gedankenaustausch trafen.

Zwar konnte ich mit den für meine Begriffe etwas seltsamen religiösen Überzeugungen dieser Leute nicht viel anfangen. Aber ich fand einige durchaus angenehme Menschen, mit denen ich zum Teil heute noch Kontakt habe. Und ich war zu der Erkenntnis gekommen, dass das Thema Religion für mich eigentlich keine Bedeutung mehr hatte.

Das nächste Treffen mit Aussteigern führte mich zum "Bruderdienst", einer Gruppe um den schon vor Jahrzehnten bei den Zeugen Jehovas ausgestiegenen Hans-Jürgen Twisselmann, der unter dem Titel Brücke zum Menschen eine regelmäßig erscheinende Informationsschrift herausgab. Beim Bruderdienst traf ich auf eine Gruppe von Menschenunterschiedlichen Alters, die unterschiedliche Erfahrungen mit der "Wahrheit" hatten und sich durch ausgeprägte Toleranz auszeichneten.

Als Nächstes machte ich einen Versuch, den ich jedem Aussteiger empfehlen kann, der Kontakte zu Gleichgesinnten sucht und sich dabei auf keine Selbsthilfegruppe in seiner Region stützen kann. Ich schaltete eine kostenlose Kleinanzeige im Sperrmüll, einem lokalen Anzeigenblatt, die innerhalb weniger Tage zu mehreren interessanten Telefongesprächen und zwei persönlichen Treffen mit anderen ex-Zeugen führte.

Hilfe zur Selbsthilfe

Es hat wenig Sinn, über die Vergangenheit zu lamentieren und den vielen Jahren nachzutrauen, die man als Zeuge Jehovas "verloren" hat. Zwar ist die Erkenntnis schmerzhaft, jahrzehntelang den Interessen einer Sekte gedient zu haben, während viele Lebenschancen ungenutzt verstrichen sind. Meiner Überzeugung nach besteht jedoch die beste Vergangenheitsbewältigung darin, die eigenen Erfahrungen zum Nutzen anderer einzusetzen und damit zumindest einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass Sekten wie die Zeugen Jehovas zunehmend auf eine informierte Öffentlichkeit treffen, die nicht mehr so leicht auf ihre Heilsbotschaften hereinfällt.

Ich sehe darin zumindest mein persönliches soziales Engagement, für das ich einen bestimmten Teil meiner zeitlichen und finanziellen Ressourcen aufbringe. Wo sich andere beispielsweise im Bereich der Politik, der Kultur oder im Naturschutz engagieren, kläre ich über Sekten auf und versuche einen Blick hinter die Mauern des Wachtturms zu vermitteln. Zum Beispiel durch Vorträge, Kontakte zu den Medien und die Mitarbeit in der Selbsthilfegruppe AUS/STIEG. Und natürlich durch meine Arbeit als Webmaster von InfoLink, bei der ich heute von zahlreichen Mitstreitern unterstützt werde (denen ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen möchte).

Ich möchte aber jedem Aussteiger den Rat mit auf den Weg geben, sich selbst klar darüber zu werden, in welchem Umfang er sich in der Sektenaufklärung engagieren möchte. Ich habe nämlich schon zu viele Aussteiger erlebt, die sich in der ersten Hälfte ihres Lebens für die Wachtturm-Gesellschaft eingesetzt haben, um sich dann in der zweiten Hälfte im Kampf gegen sie aufzureiben.

Viel sinnvoller scheint es mir da zu sein, eigene Lebensziele zu definieren und die verbleibenden Lebensjahre gezielt für deren Verwirklichung zu nutzen.