Vjekoslav Marinic - wählte den Freitod

Ich wurde am 5.9.1972 in Slavonski Brod (heutiges Kroatien) geboren. Mein Vater, Blazan, wuchs in den schweren Nachkriegsjahren in einer Großfamilie auf und wollte Priester werden.

Tatsächlich war er über ein Jahr in einem katholischen Kloster. Meine Mutter, Marica, war eine von vier Kindern und liebte meinen Vater nicht. Doch als ich unterwegs war, mussten sie heiraten. Meine Mutter war nach meiner Geburt von ihren natürlichen Gefühlen so sehr abgeschnitten, dass sie mich einfach weggab, um meinem Vater in das reiche Deutschland zu folgen. Ich wuchs also bei meiner Großmutter auf. Das sollte eine schöne Zeit werden.

Ich erinnere mich noch, wie meine Tante mich im Garten schaukelte und mir das Lied von der „Svetiljka“ vorsang. Ich spielte gerne in Großvaters Schuppen mit seinem Werkzeug und den süßen kleinen Küken, den Hühnern im Hof oder beobachtete die Schweine im Stall. Wie toll war es im Sommer unter dem Weinstock zu sitzen und überdimensionale Wassermelonen zu verspeisen! An unser Grundstück grenzte die Dorfschule und ich wollte in den Pausen unbedingt zur Schule, um mit den Kindern zu spielen. Dort lernte ich zum ersten Mal meine Fäuste zu benutzen, wenn ich mit anderen Jungen Auseinandersetzungen hatte. Ich hatte im Dorf auch einen guten Freund in meinem Alter, der Sidonije hieß. Leider wurde er während des Kroatien-Krieges von einem Heckenschützen erschossen.

Ich war ein Wirbelwind und schwer zu bändigen. Meine Oma hatte mit mir ganz schön zu kämpfen. Amüsiert denke ich da an ihren Garten, wie ich lustvoll auf ihre hübschen Blumen pinkelte und eine nach der anderen einging. Als sie das bei ihrer täglichen Gartenroutine bemerkte, schrie sie jeweils laut auf, rief verzweifelt meinen Namen, nannte mich eine Ausgeburt der Hölle und fluchte Gott und die Welt. Dann rannte sie schimpfend auf den Hof, um mich zu erwischen. Doch sie schnappte mich nie, weil ich zu Fuß schneller war als sie. Ich hatte einen Mordsspaß dabei, sie zu hänseln: „Oma, krieg’ mich doch, du kriegst mich nie, du lahme Ente!“ Doch sie liebte mich und ließ mich gewähren. Intuitiv wusste sie, dass es nur zu meinem Besten war, die Entwicklung meiner Persönlichkeit und Lebendigkeit nicht brutal nieder zu stampfen.

Mein Glück bei meinen Großeltern währte nur kurze Zeit. Das Jahr 1975 wurde von der Wachtturm-Organisation als Weltuntergangsjahr propagiert; meine Eltern wurden so innerhalb von drei Monaten Zeugen Jehovas. Geplagt von ihrem schlechten Gewissen, holten sie mich nach Deutschland. Selbstverständlich war Ihnen meine ungezähmte Wildheit und Freiheit ein Dorn im Auge. Es galt nach guter Zeugen Jehovas Manier meinen Willen zu brechen und meine Persönlichkeit unterwürfig und gehorsam zu gestalten. Ihrer Meinung nach waren kostbare Jahre verloren. Sie mussten die von ihnen so gesehene teuflisch-rebellische Haltung aus mir austreiben, wollten sie der Wachtturm-Ideologie entsprechen.

Das Ehepaar, das mit meinen Eltern die Wachtturmschriften studierte, Zdenka und Dario Serazin, waren Sonderpioniere, wie Sondervollzeitverkündiger genannt wurden. In ihrem Fanatismus erwarteten sie Harmagedon, das Jüngste Gericht, tatsächlich im Jahre 1975. Später bekamen sie Kinder, die sie als Hindernis für ihren Gottesdienst betrachteten. Einen der Söhne, Daniel, behandelte die Mutter besonders schlecht und nannte ihn, seiner Lebendigkeit und Quirligkeit wegen, „Teufel“. Daniel, in der erfahrenen Ablehnung seiner Person, ist heute ein Krimineller und war schon wiederholt im Gefängnis u.a. wegen Banküberfalls. Die Ehe von Dario und Zdenka scheiterte. So viel zum Thema Wirksamkeit der Wachtturmlehre.

Mein Vater war als Kellner berufstätig und meine Mutter war zu Hause, das heißt eigentlich nicht, denn sie verbrachte ihre ganze Freizeit im Predigtdienst, wie Wachtturm-Anhänger ihren Missionsdienst nennen. Meine Mutter zerrte mich tagaus, tagein von früh bis spät von Haus zu Haus. Was bedeutete das für ein kleines Kind wie mich? Meine Bedürfnisse wurden verleugnet und ich wurde völlig überfordert: ständige Gehirnwäsche durch unverständliche Wachtturmdoktrin, der Zwang erwachsen, geistig und ernst sein zu müssen, den ganzen Tag ruhig sitzen, keine Ruhepausen, kein Spielen, keine Gemeinschaft mit Kindern.

Die psychische Überforderung, Nichtbeachtung von Bedürfnissen und ein maßlos übertriebener Ernst im Leben wurden ein unauslöschlicher Teil von mir.

Dazu kam ein Wochenplan, der in Begleitung meiner Eltern mit Bravour absolviert werden musste und mich hoffnungslos überlastete: Eine wöchentliche Inquisition, getarnt als „Familienstudium“, fünf Stunden Indoktrination an drei Abenden in der Versammlung (Wachtturm-Gemeinde) mit mehrstündigen Anfahrtswegen und Aufenthalten vor und nach der Zusammenkunft, persönliches Studium der Wachtturmliteratur und Bibellesen, Rückbesuche und Heimstudien bei Wachtturminteressenten und geistige Gemeinschaft mit anderen Anhängern.

Fazit für mein späteres Leben: Permanente Selbstüberlastung durch wahnhaften Perfektionismus und religiöser Fanatismus.

Die wöchentlichen Zusammenkünfte waren eine Qual. Doch jeglicher Widerstand war zwecklos. Ich musste still sitzen, hatte meine eigene Wachtturmliteratur, durfte mich mit nichts anderem beschäftigen, sondern musste einem langweiligen Stoff lauschen, der auch noch trocken und ohne Begeisterung vermittelt wurde. Wenn ich unartig war, wurden meine Eltern sofort von den Ordnern ermahnt. Meistens reagierte meine Mutter eh gleich und schleppte mich auf die Toilette, um mich zu „züchtigen“: Das bedeutete in der Praxis Drohungen, Ohrfeigen oder Hintern versohlen. Bezeichnend ist die bissige Anekdote, in der ein kleiner Junge von seiner Mutter auf das WC gebracht wird und während seines Gangs durch den Versammlungssaal zur Belustigung der Anwesenden laut aufschreit: „ Jehova, hilf mir!“

Auch hier war die Folge für mein Leben: Unnatürliches, altersunangemessenes Verhalten, aufgesetzter, zwanghafter Gottesdienst, fortgesetzte Selbstbestrafung.

Es versteht sich von selbst, dass Spielen vor und nach der Zusammenkunft verboten war, obwohl die Treffen die einzige Gelegenheit waren, mit anderen Kindern zusammen zu kommen. Es waren überall Wächter, wie z.B. eine Erika Krzelj, bereit uns körperlich zu züchtigen, wenn wir uns nicht „dem heiligem Haus Jehovas entsprechend“ benahmen. Ein Lichtblick war da ein lieber Bruder (Mitgläubiger) Milivoje, der uns Kinder liebte und an uns Süßigkeiten und Bonbons verteilte. Doch die Freude war auch hier von kurzer Dauer, da es ihm öffentlich verboten wurde.

Heute fühle ich mich schlecht und schuldig bei allem, was Freude bereitet.

Es hieß, es sei am Besten für mich, wenn ich so lange wie möglich von dem Einfluss der bösen, satanischen Welt getrennt bliebe. Deshalb war der Besuch eines Kindergartens eigentlich tabu. Welch eine Freude war es, als ich trotzdem in den Hort gehen durfte. Vorher wurde mir aber eingebläut: Ich dürfe an keinerlei Festen wie Geburtstag, Weihnachten, Karneval u.a. teilnehmen, keine Freunde vom anderen Geschlecht haben und prügeln dürfe ich mich auch nicht. All das sei von Satan, dem Teufel und seinen Dämonen und Jehova (Wachtturm-Gott) tötet alle, die seine Gesetze übertreten. Ich war also gewarnt.

Nun, ich war noch frisch aus Kroatien und verstand die deutsche Sprache nicht. So erkämpfte ich mir meine Vorrangstellung unter den Kindern. Das hatte ich noch nicht kapiert, dass das vom Teufel sei, sollte es aber schnell! Als meine Eltern durch die Betreuerinnen von meinem Verhalten erfuhren, schrieen sie mich an, was für eine Schande ich auf sie und Jehova gebracht hätte und ich musste meine Hose herunter lassen und bekam Hiebe mit der von meiner Mutter mit gehässiger Freude „elektrische Rute“ genannten Plastikummantelung einer Kunstblume! Sie hinterließ keine blauen Flecken, brannte aber entsetzlich auf dem Hintern. Ich weinte fürchterlich, doch für Barmherzigkeit war kein Platz, schließlich ging es ja um eine Sache Gottes. Ab da bekam ich vor ihm eine Riesenangst, weil er mich vernichten wollte, wenn ich unartig wäre.

Die Lebensangst und ein unglückliches Gefühl begleiten mich heute unverkennbar bei allen Dingen, die anderen Menschen Spaß bereiten. An Gott und Menschen ist nichts liebevolles, sondern nur brutaler Bestrafungszwang zu entdecken.

Anfänglich versteckte ich mich bei Feierlichkeiten im Kindergarten unter den Tischen, später wurde ich in andere Räume gebracht. So wurde ich schon früh in eine Außenseiterrolle gedrängt, ich kam mir isoliert und einsam vor. Ich beneidete die anderen um ihren Spaß bei den Festen und ihre Geschenke, und hatte deshalb starke Schuldgefühle, weil ich begehrte, was böse war. Nachts im Bett betete ich meines schlechten Gewissens wegen verzweifelt zu Gott um Vergebung und bat ihn, mich nicht zu töten...

Als Folge davon bin heute ich ein ausgegliederter, unsozialer Einzelgänger, der sich nicht liebenswert fühlt, voller Schuldgefühle und Lebensangst.

Ich bekam Albträume von meinem Tod in Harmagedon. Dazu kamen die nachts um mich fliegenden grauen, kreischenden Dämonen mit ihren langen Fratzen, die mir Todesangst einflößten. Mit Herzrasen und angsterfüllt lief ich zu meinen Eltern.

„Hilfe, die Dämonen quälen mich, ich habe Angst!“

„So ein Blödsinn, Jehovas Diener sind vor Dämonen geschützt! Gehe in dein Bett zurück!“

„Kann ich bei Euch schlafen, ich habe so große Angst?“

Widerwillig ließen sie mich zu sich ins Bett. Ich schlief ein. In der Nacht muss ich vor lauter Angst ins Bett uriniert haben. Anstatt dies als ein Zeichen einer seelischen Störung zu erkennen, wurden meine Eltern böse und empört, so dass ich nur noch drei bis vier Mal bei ihnen schlafen konnte; jedes Mal machte ich in die Hose und bekam immer mehr Ärger, so dass mir ein für alle Mal verboten wurde nachts zu ihnen zu kommen. Jetzt blieb ich mit meinen Ängsten und Albträumen allein.

Während einer weiteren schlimmen Nacht machte ich einen Versuch, zu meinen Eltern zu gehen. Doch ich hatte große Angst, mir ihren Zorn zu zuziehen. Ich hielt die Türklinke etwa eine halbe Stunde lang gedrückt, doch traute mich nicht hinein. Herzrasen! Angst! Irgendwie erwachte meine Mutter und verjagte mich in mein Zimmer. Verzweifelt klammerte ich mich an meinen Teddybären. Meine vielen Gebete schienen meine Angst und mein Sünderbewusstsein nur zu verstärken: Jehova bestrafte mich für meine Schlechtigkeit, indem er mir seinen Schutz versagte und mich den Dämonen überließ.

Angst, Sünderbewusstsein und Mangel an Vertrauen wurden Teil von mir.

Fernsehen war ein Werkzeug Satans. Selbst harmlose Filme wie „Pipi Langstrumpf“ waren verboten wegen ihres unchristlichen Inhalts. Bei Fußballübertragungen durfte ich mich für keinen Verein begeistern, denn der Sport sei zersetzt von teuflischem Geist des Wetteifers. Sportvereine waren tabu, da man dort der vergifteten Atmosphäre der Welt ausgeliefert sei. Beim Spiel auf dem Hof mit den anderen Kindern aus der Straße war ich Außenseiter. Ich durfte z.B. „Räuber und Gendarm“ nicht mitspielen, weil es an Gewalttat und Krieg erinnert. In Konfrontationen war ich derjenige, der Prügel bekam; ich hatte zu Hause lernen müssen, alles ohne Gegenwehr über mich ergehen zu lassen. Alles was Spaß machte, war verboten.

Derzeit muss ich immer einstecken, schön brav und unterwürfig sein. Sport und Ehrgeiz sind nicht spirituell genug.

Es gab da in unserer Versammlung eine Familie namens Topal mit drei Kindern: Goran, der älteste war zwei Jahre älter als ich, Sascha war ein Jahr jünger und Tanja zwei Jahre jünger. Wir waren gute Freunde und, so selten sich auch die Gelegenheit ergab, spielten wir gerne zusammen. Doch Vasa der Vater war brutal im Umgang mit seinen Kindern, besonders mit Goran. Für jede kleine Verfehlung, für jedes minimale nicht den Anforderungen Vasas genügen wurde Goran schwer bestraft. Er wurde ständig geschlagen. Ich habe noch lebhaft Gorans Gesicht vor mir, wie er mit verbissenen Lippen die Schläge seines Vaters über sich ergehen ließ und mit aller Kraft gegen die Tränen und Schmerzausrufe ankämpfte. Aus seinen Augen quoll Verbitterung und Hass. Jeder Hieb lief wie ein kalter Schauer über meinen Rücken und ein quälendes Ohnmachtgefühl überflutete mich. Niemand von den mächtigen Erwachsenen zeigte sich solidarisch mit uns Kindern. Die Liebe Christi wurde gepredigt, aber in deren Namen Hass und Aggressionen an uns Kindern ausgelebt und noch als Liebestat erklärt.

Das war der Beginn meiner schizophrenen Persönlichkeitsspaltung. Zwei einander widersprüchliche Strömungen spalteten mich: Ich musste das mein Empfinden von erlebtem Hass gewaltsam unterdrücken und verleugnen, aber unter Zwang als erfahrene Liebe erklären.

Goran Topal ist heute ein Obdachloser.

Eine weitere Folge einer lieblosen, lebensverachtenden Behandlung durch Zeugen Jehovas, resultierte im Fall des ältesten Bruders von Judith Wolschner damit, dass auch er heute ein heimloser Stadtstreicher ist.

Die Mädchen in meiner Nachbarschaft, im Hort und in der Schule waren alle sehr schön, ich mochte sie sehr und fühlte mich zu ihnen hingezogen. Doch ich musste meine Gefühle niederhalten. Ich durfte mit ihnen nicht sprechen und nicht spielen, sonst würden mich meine Eltern bestrafen und Jehova mich an seinem Gerichtstag umbringen. Mit einem noch gesunden Teil verstand ich nicht, was daran sündhaft sein sollte. Aber die Angst vor der Vernichtung durch Gott und die Gewalt, mit der meine Eltern mich maßregelten, ließen deren unmenschliche Gesetze in mir auch ohne deren persönliche Anwesenheit voll wirken.

Es ist sicher nicht verwunderlich, dass ich heute zu Frauen kein Beziehung habe; ein wichtiger Faktor der Lebensfreude wurde mir brutal geraubt.

Als ich fünf Jahre alt war, wurde meine Schwester Tabita geboren. Sie erhielt natürlich einen bibeltreuen Namen.

Ich denke mit Grauen zurück an eine Gelegenheit, bei der meine Schwester vielleicht zwei oder drei Jahre alt war. Sie konnte nicht einmal richtig sprechen, da war es ihr am Ende einer Sündenbefragungsstunde (so empfand ich jeweils die Stimmung unserer Bibelbetrachtungen) in den Sinn gekommen, beim Schlussgebet auf das obligatorische ‚Amen’ zu verzichten. Als meine Eltern sie ermahnten jetzt ‚amen’ zu sagen, antwortete sie: „Will nicht amen!“ Das war für meine Eltern eine willkommene Gelegenheit, gerechtfertigt im Namen Jehovas ihrer aufgestauten Wut und sadistischen Gier freien Lauf zu lassen und solange auf meine Schwester buchstäblich einzuschlagen, bis sie nach ungefähr einer Dreiviertelstunde den Willen eines weinenden, mittlerweile apathischen und erschöpften kleinen Mädchens gebrochen hatten und sie ‚Amen’ sagte. Ich lief ohnmächtig und voll des Schmerzes ständig zwischen Wohn- und Kinderzimmer hin und her, gelähmt und unfähig etwas zu tun.

Wieder ergab sich eine schizoide, spaltende Wirkung auf mein Leben: Erlebte Grausamkeit und Gewalt muss gefühlsmäßig als erfahrene Liebe erklärt werden, die Seele voller Kummer.

Bei einer Gelegenheit badete ich mich in der Wanne, während meine Mutter meine Schwester pflegte. In der Entspannung im heißen Wasser wurde ich sexuell erregt. Entrüstet schrie mich meine Mutter an, ob ich denn nicht wüsste, dass die perversen Menschen in Sodom und Gomorrha von Jehova mit Feuer vom Himmel vernichtet wurden! Ich bekam große Angst. Wieder war ich schlecht, ein Sünder. Am Abend betete ich inbrünstig um Vergebung für meine schlechten Neigungen. Ich wusste: Solche Gefühle dürfen nicht sein, sonst tötet mich Gott in Harmagedon.

Auf diese Weise wurde ich ein verklemmter, sexualfeindlicher Mensch. Was anderen Menschen natürlich Lust bereitet, verschafft mir Höllenqualen, Schamgefühle, Angst, Schuldbewusstsein.

Durch die ständige Beschäftigung mit dem Begriff Sünde ist die Sexualität in Wirklichkeit Hauptthema bei den Zeugen Jehovas. Es vergeht keine Zusammenkunft, bei der nicht gegen die geschlechtliche Unmoral gewettert wird.

Ein weiteres Problem von mir bis ins Schulalter war, dass ich den Stuhlgang als unangenehm empfand und nicht auf die Toilette wollte. Als Folge waren meine Unterhosen des öfteren fleckig. Die moderne Seelenforschung weiß, dass ich bereits psychisch stark geschädigt war. Doch meine Eltern gingen von einer rebellischen Bösartigkeit aus. Sie schlugen mich deswegen genussvoll, schrieen mich an und drohten auf meine Kleidung die Aufschrift „Hosenscheißer“ anzubringen, so dass ich vor allen Menschen gedemütigt und beschämt wäre! Solche Torturen konnten ganze Stunden dauern. Ich weinte bitterlich vor körperlicher und seelischer Qual. Selbst das Weinen wurde mir verboten und mit weiteren Schlägen bestraft. Sie hatten kein Gefühl für mich. Ich war in Körper, Geist, Seele und Willen gebrochen. Mein sich Widersetzen und meine Wut wurden mit noch mehr Prügel im Namen Jehovas geahndet. Im alten Israel seien widerspenstige und ungehorsame Kinder zu Tode gesteinigt worden; sie drohten mir mit ihrem und Gottes Zorn! Sie würden mir meine Bosheit schon austreiben. Ich empfand tiefes Misstrauen und Angst gegenüber Eltern und Gott. Wegen dieser Empfindungen wiederum wurde ich überwältigt von Schuldgefühlen, denn ich war doch gemäß der Bibel verpflichtet, meine Eltern und Gott zu lieben. Sie waren doch so gut zu mir und ich sollte dankbar sein; wenn ich sie nicht lieben konnte, war ich ein schlechter Mensch und zur Vernichtung bestimmt.

Erfahrungen dieser Art kann ich nur als Kindesmissbrauch und psychische Vergewaltigung deklarieren. Als Folge bin ich heute seelisch behindert. Ich kann meine wahren Gefühle weder erkennen noch äußern. Das behindert jede Beziehung und lässt mich kühl, distanziert ja sogar arrogant und überheblich wirken. Täglich Schuld zu empfinden, wo andere Menschen kreativ sind und Spaß haben, ist kaum zu ertragen. Ich bin ein gebrochener, völlig erschöpfter Mensch. Ich kann im Leben nicht für mich einstehen, nicht für mich kämpfen, wo eine gesunde Widerstandskraft angebracht wäre. Meinen Mitmenschen, ja sogar Gott gegenüber kann ich nur mit Angst und Misstrauen begegnen. Um diesen inneren Konflikten aus dem Weg zu gehen spalte ich mich von meinen Gefühlen ab, unterdrücke sie, nehme sie nicht wahr und vertraue ihnen nicht, bin schizophren.

Wie war es denn in der Schule? Da ich gute Noten hatte, war ich abgesondert und einsam. Ständig wurde ich wegen meiner Glaubensverbote verspottet; deswegen hasste ich sie. Weil ich in mir Sehnsucht nach all den verbotenen Feierlichkeiten und Tätigkeiten verspürte, hatte ich Schuldgefühle und Angst, von Jehova als Sünder getötet zu werden. Die ständigen Albträume und inneren Auseinandersetzungen raubten mir den Schlaf. Da war niemand, dem ich mich anvertrauen konnte. Auch nur andeutungsweise irgendwelche Dinge zur Sprache zu bringen, versetzte meine Eltern in lüsterne Moralstimmung; es folgten geile Ermahnungen, Drohungen und Zurechtweisungen anhand der Bibel und der Wachtturmschriften, nicht selten Schläge.

Kolossale Hindernisse bereitete mir mein junges und aufbäumendes Liebesleben. Mir wurde vermittelt, an Mädchen zu denken sei eine sehr große Sünde. In der ersten Klasse verliebte ich mich in eine wunderschöne Spanierin, Elisabeth. Ich schmolz dahin, wenn ich sie sah. Sie hatte wunderschöne braune Augen, schulterlanges schwarzes Haar und war ein richtiger Kumpel. Doch meine an sich lieben und zarten Gefühle der Zuneigung und Sympathie wurden als fleischlich, weltlich, unangemessen und nicht geistig bewertet. Ich wurde aufgewühlt von Schuld-, Scham- und Sünderbewusstsein. Bestrafung und Tod würden sicher folgen. Mir blieb nichts anderes übrig, als diese menschlichsten und schönsten aller Empfindungen so lange zu geißeln, bis ich ihnen gegenüber völlig erkaltete.

Ich kann mich heute für Mädchen nicht begeistern, wirke gleichgültig, kühl und künstlich.

Dann kam Birte in der fünften Klasse. Sie hatte schöne blaue Augen, einen liebevollen Blick, braune Haare zu Zöpfen gewickelt. Sie hatte eine Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Verspieltheit an sich, die ich bewunderte. Sie war klug, sprachgewandt und hatte gute Noten. Wennich sie sah, floss ich dahin, bekam weiche Knie und Herzklopfen. Sie zeichnete ihre Liebesbriefchen mit meinem Nachnamen. Wir verliebten uns ineinander; ich empfand Liebe für sie. Wir fuhren einen Teil unseres Heimweges gemeinsam. Sie kam aus reichem Hause, ihr Vater war Manager. In den Schulstunden konnte ich mich kaum konzentrieren, ich dachte nur an sie. Das ging drei bis vier Wochen so. Ich stand unter entsetzlicher, unerträglicher Spannung. Doch auch diesmal holte mich Jehova ein. Die Stimme sprach zu mir: ‚Du Sünder, schäme dich. Satan hat Dich verführt. Du wirst in Harmagedon sterben. Du hast Schande auf deine Eltern und die wahren Christen gebracht.’ Mittlerweile wirkte die Gefühlsunterdrückung in so einer Eigendynamik, dass ich Birte verletzte und ihr die kalte Schulter zeigte, von einem Tag auf den anderen. Ich litt sehr und wollte sterben. Gleichzeitig hatte ich Angst, von Gott mit dem Tod bestraft zu werden. Birte litt ebenfalls. Wenn sie mich ansah war ihr Blick nicht mehr fröhlich, sondern betrübt, verzweifelt und nach einer Antwort suchend; ihr liefen zwei Tränen über das Gesicht. Doch ich konnte mit ihr nicht über die Gründe sprechen.

Es ist eine Tragödie, dass die Gehirnwäsche so gut funktionierte; und ein Verbrechen, was mir angetan wurde.

Im Laufe meines Lebens habe ich die Gesetze meiner Eltern und der Zeugen Jehovas bis ins maximale Extrem perfektioniert. Ich wollte es besonders gut machen und ein hervorragender Gottesdiener sein. Als Folge der unerträglichen Spannung, unter die ich mich dann selbst setzte, ging es mit meiner Gesundheit bergab. Seit zwei Jahren leide ich an Panikanfällen, Schlaflosigkeit, Herzattacken. Eine Psychotherapie konnte mir nicht helfen.

Ich las mehrere Bücher von Ex-Zeugen Jehovas. Mein Glaube wurde zutiefst erschüttert, als ich die Machtstrukturen, Fehltritte und Manipulationen einer größenwahnsinnigen, fanatischen Organisation erkannte. Ich erklärte meinen Austritt.

Meine Albträume und Verfolgungen durch Dämonen verstärktensich aber. Da ich das selbsternannte Volk Gottes verlassen hatte, intensivierten sich meine Todesängste. Das Leben wurde unerträglich und Selbstmordgedanken quälten mich.

Schließlich landete ich mit einer Psychose des schizophrenen Formenkreises für 4 Monate in der Psychiatrischen Klinik. Das war, gelinde gesagt, die absolute Hölle: Realitätsverlust, Persönlichkeitsspaltung, völlige Erschöpfung, tiefste Verzweiflung, Todesangst, Verlust der Konzentration.

Jetzt nach meiner Entlassung bin ich nicht mehr arbeitsfähig. Ein Selbstmordversuch scheiterte. Eine unbekannte Todessehnsucht erfüllt mich, gegen die ich mich ganz stark zur Wehr setze. Wann habe ich endlich Frieden?

Vjekoslav Marinic wählte Freitod

Vjekoslav Marinic konnte mit seiner Situation nicht fertig werden. Er sah daher keinen anderen Ausweg, als den Freitod zu wählen. In einem Abschiedsbrief an infolink schrieb er:

Die Zeugen Jehovas haben mein Leben zerstört. Hiermit gebe ich meinen Freitod bekannt. Ich habe mich in der Nähe meiner Wohnung erhängt. Mein Leiden und meine Qualen waren zu groß. Ich konnte sie nicht mehr ertragen und war völlig verzweifelt und erschöpft. Ich musste diesen letzten Schritt tun, um endlich Frieden zu haben.